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Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. […] Schulung in der SS 1933 - 1945

Rezensiert von Ronny Noak, 18.01.2016

Cover Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. […] Schulung in der SS 1933 - 1945 ISBN 978-3-506-76644-1

Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die weltanschauliche Schulung in der SS 1933 - 1945. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2014. 707 Seiten. ISBN 978-3-506-76644-1. 78,00 EUR.
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Thema

Für den Nationalsozialismus (NS) galt, dass die „Heranbildung eines der Partei in bedingungslosem Gehorsam und fanatischer Treue ergebenen Führerkorps der Hauptzweck ihrer Erziehungsarbeit sein müsse.“ [1] Die Schutzstaffel (SS) als die „Elite und Avantgarde der nationalsozialistischen Bewegung“ (S. 9) müsste daher eine besonders weitgehende und intensive Schulung in weltanschaulichen Fragen erfahren haben. Dennoch war dieses Thema in der Forschung bisher kaum vertreten. Hans-Christian Harten legt mit seiner Untersuchung nun erstmals eine umfassende Monografie im Schnittpunkt zwischen Geschichts- und Erziehungswissenschaften zur ideologischen Ausbildung in der SS vor.

Autor

Hans-Christian Harten ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Potsdam. Er forschte und publizierte bereits zu den Themen der Rassenhygiene als Erziehungsideologie im Nationalsozialismus und der nationalsozialistischen Rassen- und Erziehungspolitik in Polen zwischen 1939 und 1945.

Entstehungshintergrund

Die hier besprochene Arbeit zeigt die ersten Ergebnisse einer über viele Jahre hinweg entstandenen Untersuchung der weltanschaulichen Schulung im NS-Regime. Sie befasst sich zunächst mit der SS, bevor eine weitere Publikation zur Unterrichtung in den Institutionen der Polizei erscheinen soll (S. 10).

Aufbau

Hartens Werk zur weltanschaulichen Schulung in der SS ist in fünf Teile gegliedert. Der erste und umfassendste Teil widmet sich überwiegend chronologisch dem Aufbau und der Entwicklung der weltanschaulichen Schulung in der SS. Darauf aufbauend betrachtet Kapitel II die praktische Schulungsarbeit in den Verbänden und Schulen der Waffen-SS. Kapitel III beinhaltet daran anknüpfend die weltanschauliche Schulung im „Grossgermanischen Reich“.

Von diesen Betrachtungen der praktischen Schulung abgrenzbar sind Kapitel IV und V. Hier wird zunächst das Schulungsmaterial, das den Lehrern in der SS als Handreichung diente, betrachtet (Kap. IV) bevor die Untersuchung mit einer sozialisationsgeschichtlichen Analyse der Lehrer der SS und ihrer pädagogischen Methoden (Kap. V) abschließt.

Inhalt

Im Zentrum der Untersuchung stehen die Inhalte, Institutionen und die Lehrer der weltanschaulichen Schulung innerhalb der SS. Die herausgestellten Ziele sind dabei weitreichend und gehen von der Vermittlung der Aufgaben der SS, der Ausbildung einer Elite, die unter anderem durch eine vertiefte weltanschauliche Schulung auch diesen Avantgarde-Anspruch legitimieren wollte, der Durchsetzung und Erläuterung der Rassenhygiene der Nationalsozialisten bis zur Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft in den Jahren des Krieges. Auch wenn Harten sich vorwiegend auf die Schulung theoretischen Wissens fokussiert, so befasst sich die Untersuchung daneben mit der Frage von vermittelter Theorie und der praktischen Ausübung des Gelernten. Die praktische Bedeutung der weltanschaulichen Schulung lag dabei darin, dass die Schulung „den legitimatorischen Rahmen, der das Überschreiten zivilisatorischer Grenzen erleichterte“ (S. 10) lieferte, ohne direkt auf das verbrecherische Handeln der SS vorzubereiten.

Hartens Werk beginnt mit der Darlegung einer exemplarischen Biographie. Anhand dieser werden erste wiederkehrende Elemente und Faktoren der weltanschaulichen Schulung der SS genannt. Diese Methodik der Darlegung struktureller Prozesse anhand exemplarischer Lebensläufe zieht sich auch anschließend durch den Band. Daran anknüpfend erfolgt mit der Betrachtung der Bauernschulungsbewegung die Untersuchung der für Harten identifizierten Ursprünge der SS-Schulung. Hier macht Harten vor allem den Einfluss von Richard Walter Darré stark. Das Rasse- und Siedlungshauptamt (RuS-HA) unter der Leitung Darrés war das Fundament, auf dem die SS-Schulung aufbauen sollte. Neben dem wachsenden Ausbau dieser Institution offenbart sich, wie stark persönliche Verbindungen anfänglich Einfluss auf die Besetzung verschiedener Stellen hatten.

Den inhaltlichen Schwerpunkt der anfänglichen Erziehungsarbeit bildete zunächst die Unterrichtung in rassehygienischen Fragen bei gleichzeitiger Ausbildung geeigneter Redner. In der Folge erscheint der Ausbau der Schulungsarbeit recht impulsiv voranzugehen und sich vor allem auf die Initiative einzelner Protagonisten zu begründen. Dass die teilweise vorhandene Aufgabenteilung und Unklarheit über Kompetenzen zwischen verschiedenen Ämtern auch einen „praktischen Effizienzverlust“ (S. 121) zur Folge hatte, verhinderte jedoch nicht die Ausweitung der Schulungsarbeit. In den folgenden Jahren vor Kriegsbeginn kam es zu einer Vielzahl an Umstrukturierungen und Neubesetzungen innerhalb des Schulungsapparates der SS. Harten gelingt es, diese chronologisch zu erfassen und sich verändernde Hierarchien aufzuzeigen. Dass „das Schulungswesen der SS (…) weder staatlicher noch parteiamtlicher Kontrolle“ (S. 9) unterlag, zeigt sich bereits früh sehr deutlich, da Konflikte mit diesen Institutionen in keiner Weise eine Bedeutung bei Ämterbesetzungen oder Umstrukturierungen hatten.

Ein starker Einschnitt und ein Neuaufbau des Schulungswesens erfolgte im August 1938 mit der Verlagerung des Schulungsamtes aus dem RuS-HA in das SS-Hauptamt. Gleichzeitig bedeute dies den Abschied Darrés aus prominenter Position. Zum Gründungszeitpunkt wies das „Amt für alle Fragen zur Weltanschaulichen Schulung der Gesamt-SS zum SS-Hauptamt“ bereits 31 hauptamtliche Mitarbeiter und 430 Schulungsleiter auf. (S. 76) Aus Binnenperspektive verstand sich das Amt nun nach der anfänglichen Unterrichtung der Themen Rassenlehre und NS-Weltanschauung vor allem als Lehramt für „die Einstellung des Nationalsozialismus zu allen Dingen des politischen Lebens“ (S. 77). Dem Reichsführer der SS Heinrich Himmler gelang es damit kontinuierlich die Zuständigkeit der SS auch in diesen Fragen zu regeln und hierdurch den Führungsanspruch innerhalb der NS-Bewegung zu legitimieren.

Mit Beispielen aus der Schulungspraxis kann Harten im Folgenden belegen, dass vor allem die Methodik der Schulung ein Hindernis bei der Unterrichtung der SS-Männer darstellte. Mangelnde Lehrpraxis, die zu einem reinen Vorlesen des Stoffes führte sowie die regional sehr unterschiedliche Anzahl abgehaltener Schulungskurse lassen Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der geplanten Schulungsarbeit nur in begrenztem Maße zu. Sie legen jedoch nahe, dass es eine beachtliche Differenz zwischen angestrebter und tatsächlicher Schulungsarbeit gab. Die durch Harten an dieser Stelle vermehrte Darlegung von Stundenplänen in den Ausbildungseinrichtungen ermöglicht immer wieder einen schnellen Überblick über die vermittelten Thematiken.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 rückte die Schulungsarbeit in der SS schließlich in allen Teilen des Reiches quantitativ in den Hintergrund, da nun die Ausübung des Wehrsports in Vorbereitung auf den Krieg einen größeren Platz in der Ausbildung einnahm. Die Folge: „Mit Beginn des Krieges kam die Schulungsarbeit in der SS jedoch zunächst zum Erliegen“ (S. 117). Dennoch sollten neben der Schulung in den Einheiten weiterhin durch Führerausbildung neue Lehrkräfte aus der Reihe der SS-Mitglieder hervorgebracht werden.

Erst in der Folgezeit kam es wieder zu einer Ausweitung des Bildungswesens mit dem Ziel des „politische[n] Soldat[en]“ (S. 126). Wiederum eine personelle Änderung – Gottlob Berger übernahm 1942 vorübergehend die Position als Chef des Schulungsamtes von Joachim Cäsar – erweiterte den Anspruch an den Unterricht in der SS, da nun der „weltanschaulichen Schulungsarbeit eine Schlüsselrolle in der Kriegführung“ (S. 129) zugemessen wurde. Verbunden war dadurch ein Anstieg an Erziehungswissenschaftlern und Pädagogen in den wichtigen Stellen des SS-Schulungsamtes (S. 131), was letztendlich auch den Mangel an ausgebildetem Schulungspersonal beheben sollte. Die Schulungsarbeit nahm in den folgenden Jahren und vor allem mit der sich abzeichnenden Niederlage des NS im Krieg weiter zu, sodass schließlich noch im letzten Kriegsjahr galt, dass die Ausweitung der ideologischen Schulung „notfalls zu erzwingen“ (S. 146) sei, um bei den Kriegskämpfern die Kampfbereitschaft aufrecht zu erhalten.

Mit der Betrachtung der Mannschaftshäuser und des Eignungsprüferwesens endet schließlich das erste Kapitel und es folgt ein genauerer Blick auf die Schulung in den Verbänden der SS. Vor allem die Totenkopfverbände und die Waffen-SS erfahren hier eine detaillierte Betrachtung. Anhand einer Vielzahl von Gruppierungen, darunter die Leibstandarte Adolf-Hitler, die Truppen im Konzentrationslager Auschwitz und die Junkerschulen der SS in Tölz oder Klagenfurt, zeigt Harten die konkrete Schulung in der SS auf. Die Auswahl der Verbände erfolgte dabei unter anderem aufgrund der Quellengrundlage, die sowohl zeitlich als auch lokal sehr unterschiedlich ausfiel. Eine Aufzählung der untersuchten Verbände ist an dieser Stelle aus Platzgründen kaum möglich, es sei jedoch darauf hingewiesen, dass das Schulungswesen der einzelnen Verbände in Aufbau und Unterrichtung sehr heterogen erscheint und verallgemeinernde Aussagen über die Verbände schwerlich zu treffen sind. Deutlich tritt allerdings hervor, welche Hindernisse bei der Durchsetzung der weltanschaulichen Schulung gegenüber der militärischen Ausbildung in Vorbereitung auf den Krieg bestanden. Befunde aus dem ersten ersten Kapitel zur wechselhaften Bedeutung der Weltanschauungsschulung werden an dieser Stelle damit erneut spezifiziert.

War Hartens Betrachtungsraum bis zu dieser Stelle vor allem auf das Gebiet des Deutschen Reiches begrenzt, so widmet er sich im folgenden der Schulungsarbeit außerhalb dieser Region, in dem er die Ausbildungsstellen der „Germanischen Leitstelle“ für „germanische Freiwillige“ aus den im Zuge des Weltkriegs eroberten Gebieten sowie die SS-Ausbildungslager in Belgien und den Niederlanden seiner Untersuchung zuführt. Zweck der germanischen Leitstellen war es, die potentiellen Mitglieder der Waffen-SS vor ihrer Aufnahme in der Weltanschauung des NS zu unterrichten. Hier sollte offenbar die Erziehung „aufgeholt“ werden, die im Kern des Reiches durch Hitlerjugend und weitere Institutionen des NS-Regimes bereits seit Jahren existierte. Der Erfolg dieses Vorhabens, so zeigt die Untersuchung am Beispiel der SS-Schule Sennheim, war jedoch begrenzt: „Nur wenige der Studenten (…) ließen sich für die SS gewinnen“ (S. 373). Hier zeigt sich damit erneut die Differenz zwischen Anspruch und Umsetzung der Schulungsarbeit.

Es folgt das Kapitel zum Schulungsmaterial. Dieses untersucht die Schulungstexte, die der Arbeit der Lehrer zu Grunde lagen. Die periodisch herausgegebenen Leithefte, sowie Stoffsammlungen, Broschüren und Bücher die Anwendung bei der Schulungsarbeit der SS fanden, werden in diesem Kapitel anhand verschiedener Topoi (unter anderem Grundlagen der NS-Weltanschauung, Deutsche Geschichte und „Gegenerkunde“) klassifiziert. Zweck des Materials sollte es sein, eine „wirksame Waffe im Weltanschauungskrieg“(S. 131) zu schaffen. Harten ordnet die Texte ein, gibt ihren Inhalt, ihre Verwendung und so auch ihre Bedeutung für die Schulungsarbeit wieder. Die Texte schwanken im Laufe ihrer Entstehungen immer wieder zwischen weltanschaulicher Schulung in teilweise erzählerischer Form und einem „von Himmler monierte[n] >>Intellektualismus<<“ (S. 80), der formelles Wissen und Weltanschauung übermitteln sollte.

Der Großteil der Schriften widmete sich der Weltanschauung des NS und der „Gegnerkunde“, wesentlich seltener wurde der institutionelle Aufbau der eigenen Bewegung thematisiert. Dass die Geschichte einen wesentlichen Anteil der Darstellung in den Schulungstexten einnahm, erklärt sich in Anbetracht der Tatsache, dass es darum ging „überzeugend darzulegen, dass die deutsche Geschichte seit den Zeiten der Germanen aufs Dritte Reich zulief.“ (S. 452) Überraschend selten wird der Krieg thematisiert. Hervorzuheben sei noch de Bedeutung des Antisemitismus in den Schulungstexten, in denen schlussendlich das Ziel verfolgt wurde, das „internationale Judentum“ als allgegenwärtige Bedrohung darzustellen. (S. 459) Verwiesen sei auch auf den dem Kapitel mitgelieferten Anhang, der noch einmal alphabetisch die untersuchten Schriften wiedergibt und ihren Inhalt nach Strukturdaten zusammenfasst. Damit werden die Schulungshefte nicht zuletzt für eine Verwendung in weiteren Forschungsarbeiten systematisch auffindbar gemacht.

Im fünften und abschließenden Kapitel verarbeitet der Autor die Daten zu 3.139 Personen, vorwiegend aus den Quellen des Berlin Document Center. Vor allem die Mitarbeiter des RuS-HA bzw. SS-HA und die Schulungsleiter der SS und Waffen-SS stellen die Datengrundlage dar. Untersucht werden deren Lebensläufe bezüglich Alter, Bildung, beruflicher Laufbahn und dem Eintrittsdatum in die NSDAP. Dabei fällt auf, dass sich im Laufe der Zeit immer mehr Lehrer und Erzieher im Schulungswesen der SS fanden, bevor sich durch den Kriegsausbruch die Zusammensetzung der Schulungsleiter erneut änderte. Anschließend stellt Harten anhand von Einzelbeispielen gewisse „Prototypen“ für in der Schulungsarbeit aktive Personen dar. Hier nennt er den radikalisierten Studenten oder den „politischen Soldaten“, der bereits vor dem SS-Eintritt in (para-)militärischen Verbänden aktiv war, als typischen Protagonisten im Schulungswesen. Ebenso widmet Harten sich in einem Unterkapitel speziell den Studierenden der Universität Jena, von denen 70 nach oder während des Studiums in der Schulungsarbeit der SS tätig waren, was Jena zu einem Zentrum der Lehrerausbildung für die SS machte. Geschlossen wird der Band mit einer erziehungswissenschaftlichen Thematik, indem der Autor die Pädagogik untersucht und zu dem Schluss kommt, dass man in der SS „für moderne Unterrichtsmethoden aufgeschlossen“ (S. 571) war. Dies bedeutet, dass der Unterricht nicht nur in der Wiedergabe von Wissen bestand, sondern dazu ausbildete, das eigene Weltbild an jeder Stelle verteidigen zu können.

Diskussion

Das Werk von Hans-Christian Harten überzeugt durch seine Detailliertheit bei gleichzeitiger umfassender Betrachtung verschiedener Institutionen und Personen. Es gelingt dem Autor mit Hilfe der Vielzahl der untersuchten Biografien strukturelle Veränderungen ebenso aufzuzeigen, wie die individuelle Einflussnahme auf Entwicklungen oder externe Geschehnisse, auf die es zu reagieren galt. Sowohl die zeitlich als auch räumlich breite Ausdehnung des Untersuchungsgegenstandes ermöglicht einen umfassenden Einblick in die Schulungsarbeit der SS. Verwiesen sei darauf, dass die Darstellung der Zuständigkeiten trotz der häufigen Wechsel in den Institutionen immer ersichtlich bleibt. Nicht zuletzt die Details aus den einzelnen SS-Verbänden vermitteln ein differenziertes Bild. Der Vergleich von theoretischer Implikation mit der praktischen Ausführung der Schulungsarbeit ist durch das häufige Gegenüberstellen beider Aspekte ebenso gelungen wie die Untersuchung der Frage, welchen Stellenwert die Schulungsarbeit im Gefüge der SS und des gesamten NS-Staates einnahm. Dies wird in „Himmlers Lehrer“ ebenso auf Mikro- wie auf Makroebene beleuchtet.

Der Einschub biografischer Details der Lehrer und Funktionäre an den Schulungseinrichtungen mag den Lesefluss teilweise erschweren, gleichzeitig vermehrt es jedoch den Erkenntnisgewinn, da viele Zusammenhänge und Verläufe somit anhand individueller Laufbahnen unter Berücksichtigung individueller Entscheidungsmöglichkeiten fassbar und anschaulich werden. Dies gilt für die Besetzung von Ämtern ebenso wie für die inhaltliche Ausrichtung der Schulungsarbeit.

Es lässt sich wohl darüber streiten, ob die Bauernschulungsbewegung der wesentliche Grundstein der SS-Schulung gewesen ist. Sicherlich fand hier bereits eine umfassende Schulung unter rassehygienischen Aspekten statt. Dass die Sturmabteilung (SA) mit der Reichsführerschule in München seit 1931 allerdings ebenfalls eine weltanschauliche Schulungsinstitution besaß, in der sogar Adolf Hitler in den Weltanschauungsfragen unterrichtete und in der zumal auch SS-Männer ausgebildet wurden, bleibt bei Harten leider unerwähnt. Hier scheint ebenfalls ein Beginn der weltanschaulichen Schulung, und dies bereits vor der Machtergreifung 1933, zu liegen.

Hartens These, die Schulung habe „während des Krieges eine Klammer, die die verschiedenen auseinanderdriftenden Teile in einer immer unübersichtlicher und heterogener werdenden Gesamt-SS zusammenhielt“ (S. 9) gebildet, wird bestätigt. Die Schulung der SS, so legt die Arbeit nahe, war nahezu allumfassend, sodass anscheinend jedes Mitglied der SS in Regelmäßigkeit mit der Weltanschauung der SS und des Nationalsozialismus in Kontakt kommen musste. Harten kann darstellen, dass auch aus der Sicht der Funktionsträger des NS die weltanschauliche Schulung insbesondere unter der Last des Krieges einen Bedeutungszuwachs erfuhr. Ob die Unterstützung zum „Totalen Krieg“ ohne die weltanschauliche Ausbildung geringer ausgefallen wäre bleibt zwar Spekulation, mit den Informationen aus Hartens Betrachtung kann diese Annahme jedoch stark gemacht werden.

Fazit

Für alle Interessierten, die sich mit der weltanschaulichen Schulung im Nationalsozialismus, die schließlich nicht nur in der SS stattfand, auseinandersetzen wollen, ist dieses Buch eine Empfehlung. Sein Einblick in die Inhalte und den Aufbau der SS-Weltanschauungssschulung gibt, gepaart mit sozialisationsgeschichtlicher Analyse einer ausgewählten Führungsebene, über die umfassende Arbeit des NS-Regimes auf diesem Gebiet weitreichende Auskunft. Die Monographie kann darüber hinaus zur Erklärung der Radikalität und Stabilität des „Dritten Reiches“ neue Erkenntnisse beitragen und vermittelt daher einen detaillierten Einblick in Funktionsweise und Selbstverständnis des Nationalsozialismus.


[1] Dietrich Orlow, Die AdolfHitlerSchulen. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, H. 3, Jg. 13 (1965), S. 272-284, hier S. 272.

Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 14 Rezensionen von Ronny Noak.

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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 18.01.2016 zu: Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die weltanschauliche Schulung in der SS 1933 - 1945. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2014. ISBN 978-3-506-76644-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19630.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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