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Max Matter: Nirgendwo erwünscht. Zur Armutsmigration […]

Cover Max Matter: Nirgendwo erwünscht. Zur Armutsmigration aus Zentral- und Südosteuropa in die Länder der EU-15 unter besonderer Berücksichtigung von Angehörigen der Roma-Minderheiten. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 334 Seiten. ISBN 978-3-7344-0021-6. 39,80 EUR.

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Thema

Im Selbstverständnis der Europäischen Union haben die Freizügigkeit und der Minderheitenschutz einen hohen Rang. Daher muss die Lebenssituation von armen und benachteiligten Menschen verbessert werden, ob sie nun in Südosteuropa leben oder in die wohlhabenderen Länder migriert sind. Das gilt insbesondere auch für die Roma.

Autor

Max Matter ist emeritierter Professor für Volkskunde an der Universität Freiburg/Br. und Mitglied mehrerer Arbeitskreise und Fachverbände, die sich den Interessen von Minderheiten und Migrierenden widmen. Die vorliegende Studie wurde vom Rat für Migration angeregt und von der Freudenberg-Stiftung gefördert.

Aufbau

Die umfängliche Studie ist in in 16 Kapitel gegliedert, die sich auf drei Themen konzentrieren: die Lebenslage von Roma in Europa vor und nach 1989/1990, die Armutsmigration aus Südosteuropa und die Politik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten dazu.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis (ca. 170 Titel) und die Auflistung offizieller Dokumente (ca. 75) fundieren den Text.

Inhalt

Die Studie macht auf wichtige methodische, theoretische und (damit) auch politische Fragen aufmerksam. Es ist ja auch ein Widerspruch in sich, wenn vielfach, eigentlich gut gemeint, Roma mit der Begründung thematisiert werden, sie seien die größte Minderheit in der EU. Dabei werde, wie Matter herausarbeitet, noch dazu eine kulturelle Homogenität unterstellt, die so nicht existiert. Alle Zahlen beruhen auf Schätzungen, da ja – aus gutem Grund – ethnische Zugehörigkeit nicht bürokratisch erfasst werden kann und darf. Legitim wäre es, Angaben der Betroffenen selbst zu verwenden, die also ihre Verbände und Selbstorganisationen liefern – und eben solche gibt es so viele nicht, die auch repräsentativ wären. Matter übernimmt mit einigen Vorbehalten die Zahlen der Rroma Foundation, einer NGO mit Sitz in Zürich. Danach ist weltweit von 6,5 bis 11,2 Millionen Roma auszugehen. In Bulgarien, Ungarn, Makedonien, Rumänien und der Slowakei dürfte der Bevölkerungsanteil jeweils bei 8 bis 11 Prozent liegen, im Kosovo lag er vor dem Krieg bei 16 %.

Die Lebenslage vieler Roma in diesen Ländern, aber auch sonst in der EU, ist prekär. Dabei darf, so Matter, Armut nicht kulturalisiert werden. Nicht alle Roma sind arm, nicht alle Arme sind Roma. Die Armut unter Roma ist nicht ethnisch oder kulturell bedingt oder gar „angeboren“, aber die faktische Diskriminierung und Benachteiligung der Roma erklärt zu einem Teil auch die Misere, der Roma schwer entkommen.

Die rassistischen Stereotype gegenüber Roma sind bekannt und verbreitet. Matter liefert dazu Daten und Fakten, aber auch ein Fallbeispiel: Als bei einer Romne in Rumänien ein blondes, blauäugiges Mädchen gefunden wird, kann es nur „den Weißen geraubt“ sein (tatsächlich handelte es sich um die Tochter bulgarischer Roma, die von der rumänischen Familie, nicht ganz legal, adoptiert worden war). Die antiziganistische Tradition wird hier wie an vielen anderen Stellen wirksam, scheint jederzeit aktivierbar zu sein. Das zeigte sich auch in den Ruhrgebietsstädten, vor allem Duisburg und Dortmund, wo sich seit 2010 rumänische und bulgarische Staatsbürger, darunter viele Roma, ansiedelten. Dass sie zum Ärger der Nachbarn und sozusagen zum Beweis aller Vorwegurteile viel Müll und Lärm produzierten, musste bei der extremen Überbelegung der überteuerten Schlichtwohnungen nicht wundern. Tatsache ist freilich auch, dass etliche Haushalte ihren Lebensunterhalt mit „Hinterzimmerprostitution“, auf dem „Bauarbeiter-Strich“ und mit dem Kindergeld bestritten. Dies wiederum hängt damit zusammen, dass sich Personen aus den neuen EU-Mitgliedstaaten Bulgarien und Rumänien vor dem 1.1.2014 in Deutschland aufhalten, aber nicht beschäftigt werden durften.

Die EU-Kommission hat, wie Matter in vielen Details dokumentiert, im April 2011 einen Vorschlag unterbreitet, wie der Marginalisierung der Roma entgegenzuwirken sei: Die EU gibt so den Rahmen für „nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020“. Nach Billigung durch die Regierungschefs im Juni 2011 waren die Mitgliedsstaaten aufgefordert, geeignete Maßnahmen zu ergreifen und regelmäßig Bericht zu erstatten.

Matter stellt nun ausführlich dar, wie sich die Bundesregierung dieser Verpflichtung zunächst systematisch entzog, nämlich durch die Festlegung, die (geschätzt) 70.000 Sinti und Roma in Deutschland seien gut integriert. Sie hat sich dabei auf die historische Zugehörigkeit der Sinti, auf Roma unter den „Gastarbeitern“ (z.B. aus Jugoslawien) oder politischen Flüchtlingen (z,B aus Ungarn 1956) berufen, nicht aber auf Bürgerkriegsflüchtlinge aus den 1990er Jahren (z.B. aus dem Kosovo) oder Asylbewerber, aber auch nicht auf EU-Bürger nach den EU-Erweiterungen bezogen. Die EU hat im Mai 2012 diskret darauf hingewiesen, dass weitere 30- 40.000 Roma aus anderen EU-Staaten oder Drittstaaten in Deutschland lebten und nicht übersehen werden sollten.

Auf parlamentarische Anfragen der Opposition 2013 hin hat die Bundesregierung festgestellt, dass die Mobilität rumänischer und bulgarischer Staatsbürger nicht in erster Linie Armutsmigration sei, eher schon das Gegenteil davon. Jedenfalls sind unter den EU-Bürgern aus Rumänien und Bulgarien, die sich Ende 2013 in Deutschland aufhielten, etwas mehr als 400.000 Personen, mehr Akademiker und weniger Arbeitssuchende als im Durchschnitt.Selbst wenn dem nicht so wäre: Matter weist mit Recht daraufhin,dass Freizügigkeit innerhalb der EU nun mal nicht teilbar ist, also nicht nach Qualifikation oder Herkunft differenziert werden darf.

Der Autor schließt mit einer Reihe von Handlungsempfehlungen, u.a. an die Adresse der Sozialwissenschaften, die noch mehr jede Form der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus aufzeigen müssen.

Diskussion

Matter hat eine beachtenswerte Dokumentation vorgelegt, allerdings mit Redaktionsschluss im März 2014, vorgestellt und veröffentlicht im Dezember des gleichen Jahres. Damit sind Entwicklungen seit dem 1.1.2014, der vollständigen Freizügigkeit für rumänische und bulgarische Arbeitnehmer, nicht mehr erfasst. Relativ früh blendet er auch die prekäre Lage von Roma in und aus anderen Ländern aus: Kosovaren, die nach zwanzig Jahren Duldung abgeschoben werden, Asylbewerber aus Serbien oder Makedonien, denen die Anerkennung fast schon automatisch verweigert wird.

Die Situation in diesen Ländern, aber auch anderen, etwa in nicht EU-Mitgliedsländern wie Moldova oder Makedonien („Shutka“ in Skopje!) wird kaum analysiert. Man könnte sich auch noch mehr Material zum Antiziganismus (etwa Bezug zu Arbeiten von Wippermann) vorstellen, aber auch zu den Perspektiven der neuen Roma-Eliten (s. Tobias Marx: Zigeunerkulturen im Wandel).

Die zurückhaltende Strategie der Bundesregierung zur Integration der Roma wird von Matter ausführlich kritisiert, auch unter Verwendung eines sog. Ergänzungsberichtes, den Vertreter der Roma-Zivilgesellschaft vorgelegt haben; beteiligt waren auch eine BAG RAA und eine Madhouse gGmbH, über die man gerne mehr erfahren würde. Sie widersprechen dabei fast allen Aussagen der Bundesregierung und sehen große Benachteiligung aller Roma in Deutschland in den Bereichen von Bildung, Beschäftigung und Wohnung. Die Details hierzu wären doch besser explizit vorgestellt. Hier bewegt sich der Autor in Netzwerken, die nur Insider kennen; dem örtlichen Bundestagsabgeordneten wird freundlich gedankt.

Nicht so gelungen sind der (pessimistische) Titel und (komplizierte) Untertitel, mit denen die Studie verlegt wird. Es geht ja um die Lebenslagen aller Roma in Europa, ob sie nun zur Migration führen oder nicht. Roma-Communities entwickeln, wie doch immer wieder deutlich wird, eigene Kräfte und Perspektiven.

All dies ändert natürlich nichts an der herausragenden Qualität dieser Studie!

Fazit

Die vorliegende Studie dokumentiert solide die Lebenslage von Roma in der EU vor und nach den Revolutionen von 89/90 und stellt minutiös den Prozess vor, der zum „Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma“ führte. Sie zeigt auf, welche Wege die Armutsmigration im Zuge der EU-Osterweiterung bis zum 31.12.2014 nehmen konnte.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 02.11.2015 zu: Max Matter: Nirgendwo erwünscht. Zur Armutsmigration aus Zentral- und Südosteuropa in die Länder der EU-15 unter besonderer Berücksichtigung von Angehörigen der Roma-Minderheiten. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-7344-0021-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19632.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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