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Hubertus Redlich, Lea Schäfer u.a. (Hrsg.): Veränderung und Beständigkeit in Zeiten der Inklusion

Cover Hubertus Redlich, Lea Schäfer, Grit Wachtel, Katja Zehbe, Vera Moser (Hrsg.): Veränderung und Beständigkeit in Zeiten der Inklusive. Perspektiven Sonderpädagogischer Professionalisierung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 290 Seiten. ISBN 978-3-7815-2055-4.
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Thema

Inklusion und die Auswirkungen der UN-Behindertenrechtskonvention beschäftigen insbesondere die Sonderpädagogik nach wie vor stark. Hierzu ist eine enorme Fülle von Arbeiten unterschiedlichster Herkunft, Intention und auch Qualität erschienen – und der Prozess setzt sich fort. Nachdem die Konvention nun schon etliche Jahre in Kraft ist, sie entsprechend lange intensiv, kontrovers und auch stark emotionalisiert diskutiert wird und erhebliche Veränderungsprozesse ausgelöst hat, können im Prozess auch Bestandsaufnahmen versucht werden. Vieles spricht dabei für eine – aus Sicht des Verfassers dieser Rezension – dringend notwendige Versachlichung der Debatte – vieles stimmt aber in dieser Hinsicht auch nach wie vor skeptisch.

Herausgeber

Das fünfköpfige Herausgeberteam ist im Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin tätig.

Entstehungshintergrund

Der vorgelegte Band basiert auf Beiträgen zur Jahrestagung 2014 der Sektion Sonderpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften, die an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt wurde. Diese bezog sich auf die Perspektiven sonderpädagogischer Professionalisierung, welche speziell im Hinblick auf das Inkrafttreten und die Auswirkungen der UN-Behindertenrechtskonvention beleuchtet wurden – bei Betrachtung von Veränderungen, aber auch Beständigkeiten zum einen im Schulsystem, zum anderen in außerschulischen Feldern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst etwa 280 Seiten. In einer recht knappen, dreiseitigen Einleitung wird der Rahmen abgesteckt und ein Überblick zum Buch gegeben. Dieses ist dann in drei Hauptkapitel untergliedert, denen jeweils eine größere Fülle von einzelnen Beiträgen zugeordnet wird. Nachfolgend bietet diese Rezension hierzu einen Überblick, bei Verzicht auf die Nennung der insgesamt 39 beitragenden Autorinnen und Autoren (ein Autorenverzeichnis ist dem Buch angefügt, auf der Verlagsseite ist das vollständige Inhaltsverzeichnis einsehbar):

Sonderpädagogische Professionalität: Strukturanalysen und empirische Befunde im Kontext von Inklusion

  • Sonderpädagogische und inklusionspädagogische Professionalität – ein kritischer Vergleich
  • Professionsforschung in inklusiven Settings – Einblicke in die Studie KosH
  • Professionalisierung von Lehrpersonen und Fachpersonen Sonderpädagogik für den Einsatz von Assistenzpersonal in inklusiven Schulmodellen
  • „Ich sag jetzt mal die ‚normal beschulten‘ Kinder“. Über den Anspruch und die Wirklichkeit einer diskriminierungsfreien Sprache
  • Bewährung und Autonomie in einer professionalisierten (Beziehungs-) Praxis und ihre (institutionellen) Bedingungen
  • Das Arbeitsbündnis als Element sonderpädagogischer Professionalität
  • Respekterleben bei Menschen mit und ohne Behinderung
  • „Herausforderung Inklusion“. Professionalität als Herausforderung für die Inklusion?

Sonder- und inklusionspädagogische Professionalisierung im Rahmen der Lehrer*innenbildung

  • Herausforderungen einer inklusionsorientierten Erneuerung der deutschen Lehrer*innenbildung
  • Professionstheoretische Hinweise für eine inklusionsorientierte Lehrer*innenausbildung im sonderpädagogischen Lehramt
  • Die*der Sonderschullehrer*in: Berufsbild im Wandel
  • Praktika in einer inklusionsorientierten Lehrer*innenbildung – welcher Mehrwert entsteht durch schulische Praktika?
  • Validität von Messungen zur Einstellung gegenüber dem gemeinsamen Unterricht von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf
  • Einstellungen von Grundschullehrkräften zum inklusiven Lernen in Abhängigkeit von dem Umfang an Erfahrungen aus dem Unterricht mit Kindern mit unterschiedlichen Förderbedarfen
  • Einstellungen und Kompetenzen von Lehramtsstudent*innen und Lehrer*innen zur Umsetzung inklusiver Bildung
  • Wunschvorstellungen von Studierenden der Sonderpädagogik hinsichtlich der künftigen Berufstätigkeit. Eine Pilot-Studie

Unterrichtsentwicklung und Didaktik für heterogene Lerngruppen

  • Empirische Forschung zu inklusivem Unterricht – Perspektiven auf Didaktik
  • Deutungsmuster von Lehrkräften in Bezug auf die handlungsleitenden Prinzipien eines entwicklungsförderlichen Unterrichts – Ergebnisse von Gruppendiskussionen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements
  • Adressierung von Hilfsbedürftigkeit in inklusiven jahrgangsübergreifenden Lerngruppen aus Perspektive der praxeologischen Unterrichtsforschung
  • Das Fähigkeitsselbstkonzept von Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung bei inklusiver und separater Beschulung – Konzeption einer quantitativen Erhebung
  • Professionalisierung für den Unterricht mit heterogenen Lerngruppen in den Sekundarstufen – Herausforderungen für Sonderpädagog*innen und Regelschullehrkräfte
  • Teilhabe an Bildung von Anfang an – die Entwicklung mathematischer Grundvorstellungen in inklusiven Lernsettings in Kindertagesstätten und Grundschulen

Diskussion

Das Buch repräsentiert Für und Wider eines Tagungsbandes: Auf der einen Seite steht eine enorme Heterogenität der Themen – und wie so oft ist festzustellen, dass die Orientierung sehr unterschiedlich eng auf das Tagungsmotto und damit den Fokus des Bandes hin ausgerichtet ist. Dies ist kaum den Herausgebern anzulasten. – Auf der anderen Seite bietet sich dem Leser eine große Fülle von inhaltlichen Aspekten. Diese umgreift konzeptionelle Beiträge, Forschungsüberblicke, die Darstellung neuer Projekte in ihrer Anlage sowie interessante Ergebnisse aus empirischen Untersuchungen. Damit bietet das Buch auch viele Anregungen in Breite wie Tiefe. – Die Qualität der Beiträge ist sehr unterschiedlich, wie dies auch für Tagungsbände typisch ist.

Das Buch ist sehr gut redigiert; hier kann sowohl den Herausgebern als auch dem Klinkhardt-Verlag ein großes Lob ausgesprochen werden. Gerade bei so vielen Beiträgen unterschiedlicher Herkunft ist es nicht einfach, formal einen Band „aus einem Guss“ herzustellen. Dies reicht bis in die Literaturangaben hinein, und das durchaus anspruchsvolle Unternehmen ist hier ohne Zweifel gelungen.

Wenn sich Sonderpädagogik gleichsam auf schulische wie nichtschulische Felder richtet und dies auch Programm der Tagung und des Buches sein sollte, so fällt auf, dass der Schwerpunkt der Beiträge denn doch im Bereich Schule und Unterricht liegt. Dies ist nicht den Herausgebern anzulasten; es markiert die aktuelle Situation der sonderpädagogischen Diskussion und macht zweierlei deutlich: Es gibt eine intensive Auseinandersetzung zu Schule und Inklusion, einschließlich einer Fülle spannender Befunde und Diskussionsstränge – und es gibt ein erkennbares Defizit, die Diskussion um Inklusion, wie sie aus der Sonderpädagogik kommt, stärker auch für nichtschulische Felder zu öffnen.

Man mag darüber streiten, wie viele Bücher mit dem Fokus Inklusion (noch) auf den Markt gebracht werden sollten. Aber hier geht es insbesondere um eine Bestandsaufnahme im Fluss einer zentralen Diskussion einschließlich all ihrer Auswirkungen auf Praxis wie Wissenschaft. Weniger ertragreich sind Beiträge, die lediglich die Anlage noch durchzuführender Projekte darstellen – sehr ertragreich hingegen die Darstellung spannender Befunde in verschiedenen Aufsätzen. Dazu bietet das Buch eine Fülle von Informationen und Überlegungen. Allerdings lässt zumindest den Verfasser dieser Rezension der verschiedentlich vertretene (oder auch einfach nur verwendete) Begriff der „Inklusionspädagogik“ etwas rätselnd zurück – dahingehend, was dies nun sein solle, und ob es dann, wenn schon „Inklusionspädagogik“, eine „Exklusionspädagogik“ gebe und geben dürfe. Immerhin weisen beispielsweise Luhmann oder Stichweh darauf hin, dass in einer komplexen Gesellschaft das eine kaum ohne das andere zu haben ist. Und zweierlei fällt noch auf: Erstens gibt es bisweilen, was sonderpädagogische Forschung anbelangt, den empirischen Trend des l´Art pour l´Art, bei dem sich der Leser fragt, was hier noch Sonderpädagogik sei. – Und zweitens fällt auf, dass die Auseinandersetzung mit Einstellungen zu Inklusion einen starken Schwerpunkt markiert, so dass man in Überlegungen dahingehend kommt, ob Einstellungen denn alles an Wichtigem im Hinblick auf das Gelingen von Inklusion ausmachen oder nicht eher trivial einfacher zu untersuchen sind als andere relevante Aspekte.

Die Sprache des Bandes ist streng gegendert. Dies ist zum einen ein wichtiges Anliegen, wirft jedoch Fragen hinsichtlich einer pragmatischen Realisierung auf. Aber in Beiträgen des Bandes wird die (sonder-, inklusions) pädagogische Sprache selbst durchleuchtet. So stößt der Leser, wenn er sich denn durch eine Fülle von * gekämpft hat, auf Erstaunliches: Möglich ist immer noch ein Mehr an Gendergerechtigkeit („Die*der Sonderschullehrer*in …“), und der geneigte Leser erfährt (was der Rezensent schon weiß, aber sich offen gestanden immer wieder grübelnd erschließen muss), dass political correctness auch die Kernbegrifflichkeit der Sonderpädagogik umgreift: „Im Index für Inklusion wird ein Beispiel für einen Perspektivenwechsel aus England vorgestellt, bei dem die zuvor als Sonderpädagog*innen bezeichneten Lehrer*innen nun verbreitet als Koordinator*innen für Lernunterstützung benannt werden“. Aber, so fragt sich der Leser hier zu recht, mag nicht „Lernunterstützung“ letztlich mindestens ebenso diskriminierend wirken und wie könnte nun dieser Begriff wiederum in einer weiteren Schleife des Fortschritts ausgetauscht werden. Es wird, so kann sich der Leser beruhigt sagen, von irgendjemandem schon so vertreten werden.

Fazit

Dieser Tagungsband richtet sich vor allen Dingen an die sonderpädagogische Fachszene, auf Basis der Thematik Inklusion allerdings auch darüber hinaus an die gesamte Pädagogik. Er spricht insbesondere diejenigen an, die mit der aktuellen sonderpädagogischen Diskussion bzw. den pädagogischen Auseinandersetzungen vertraut sind und bietet hierzu ein breites Spektrum an Themen, Ansätzen, Gedanken und Forschungsbefunden. Jenseits der für einen Tagungsband typischen Heterogenität von Themen, aber auch von Qualität kann das Buch hierzu interessante Anregungen liefern, die im Hinblick auf die Thematik den aktuellen Diskussionsstand mit vielen Facetten widerspiegeln. Damit empfiehlt sich der Band als bunter Themenstrauß auch für Sonderpädagogen in der Praxis, die an die aktuellen Diskussionen (mit all ihren Tiefen und Untiefen) angebunden sein möchten – sowie auch Pädagogen in Wissenschaft wie Praxis, die sich für die breite Erörterung um Inklusion interessieren.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 25.11.2016 zu: Hubertus Redlich, Lea Schäfer, Grit Wachtel, Katja Zehbe, Vera Moser (Hrsg.): Veränderung und Beständigkeit in Zeiten der Inklusive. Perspektiven Sonderpädagogischer Professionalisierung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2055-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19645.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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