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Michael Schmieder, Uschi Entenmann: Dement, aber nicht bescheuert

Cover Michael Schmieder, Uschi Entenmann: Dement, aber nicht bescheuert. Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken. Ullstein Buchverlage GmbH (Berlin) 2015. 222 Seiten. ISBN 978-3-550-08102-6. 19,99 EUR.
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Thema

Die Pflege und Betreuung Demenzkranker im mittelschweren Stadium hat sich in den letzten Jahrzehnten zur Hauptaufgabe der Pflegeheime entwickelt. In dieser Zeit sind viele Konzepte und Versorgungsstrategien propagiert und teils auch erprobt worden mit oft fehlenden Wirksamkeitsnachweisen wie zum Beispiel das Kleingruppenmodell (6 – 10 Bewohner pro Wohnbereich) oder das Konzept „Hausgemeinschaft“ (Wohnbereich mit Selbstversorgungsanspruch u. a. bei der Mahlzeitenzubereitung). Diese Versuche verweisen auf den Sachverhalt, dass viele Mitarbeiter und Verantwortliche mit den bestehenden Gegebenheiten in den Heimen nicht zufrieden sind und sich somit auf die Suche nach neuen Versorgungsformen und Milieustrukturen innerhalb und außerhalb des Heimbereiches machen. In diesem Kontext passt die vorliegende Veröffentlichung eines Heimleiters, der durch die Einrichtung einer so genannten „Pflegeoase“ (Mehrbettzimmer für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium mit einer zusätzlichen speziellen Beleuchtung: „Sternenhimmel“ aus hunderten winziger Lämpchen und „eine(r) Lichtanlage, die den Raum in wechselnde Farben taucht und immer wieder neu erscheinen lässt.“ (Seite 107)) in seinem Pflegeheim bundesweit bekannt wurde.

Autor und Autorin

Michael Schmieder ist gelernter Krankenpfleger, der seit 30 Jahren das Pflegeheim „Sonnweid“ in Wetzikon nahe Zürich in der Schweiz leitet.

Uschi Entenmann ist Autorin bei Zeitenspiegel Reportagen in Weinstadt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in elf Abschnitte untergliedert.

Im Abschnitt „Abschied und Ankunft“ (Seite 11 – 33) wird anhand von konkreten Falldarstellungen aus dem Heim „Sonnweid“ auf die Erleichterungen verwiesen, die Angehörige nach dem Einzug des demenzkranken Familienmitgliedes erfahren.

Der Abschnitt „Ein Anfang mit Hindernissen“ (Seite 34 – 49) beinhaltet die Entwicklung der Einrichtung „Sonnweid“ von einer bloßen Verwahranstalt mit teils sehr rigiden Pflegemethoden (Wecken und Waschen ab 4:30 Uhr u. a.) hin zu einem Heim für Demenzkranke.

Im Abschnitt „Zusammen ist man weniger allein“ (Seite 50 – 70) wird knapp der Alltag in den Wohngruppen für Demenzkranke mit maximal 8 Bewohnern in individuell möblierten meist Zweibettzimmern („Demenz-WG“) beschrieben. Ausführlich wird dabei mittels konkreter Beispiele auf den Umgang mit den sexuellen Bedürfnissen einiger Bewohner eingegangen.

Abschnitt „Eine Heimat für Struwwelpeter“ (Seite 71 – 95) besteht aus der Darstellung einiger Wissensstände über die Alzheimer-Demenz, wobei der Autor auch die historischen Aspekte wie die Erstbezeichnung Demenz durch Philipp Pinel im Jahr 1797 und die Zustände im Wiener „Tollhaus“ (u. a. Fesselung mit Eisenketten) von 1839 verweist. Anschließend wird auf die Entdeckung der hirnpathologischen Veränderungen (Herdeinlagerungen und aufgeknäuelte Fibrillen) bei der Patientin Auguste Deter durch Alois Alzheimer zu Beginn des 20. Jahrhundert hingewiesen. Es folgen Ausführungen über die Forschungsergebnisse der Neuropathologen Heiko und Eva Braak (die Braak-Stadien) und die Resultate der Nonnenstudie aus Kentucky von David Snowden. Des Weiteren wird über weitere Formen der Demenz (u. a. sekundäre, vaskuläre Demenzen und die Frontallappendemenz) und den recht spekulativen Gedanken des Gerontopsychiaters Jan Wojnar, Demenz als „Abschied von der Zivilisation“ und somit als Rückkehr in die Vorzeit der Jäger und Sammler aufzufassen (Seite 95), referiert.

Im Abschnitt „Bloß kein Einzelzimmer!“ (Seite 96 – 122) wird überwiegend über das Entstehen und die Auseinandersetzung mit dem Konzept der so genannte „Pflegeoase“ eingegangen. Besonders das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) kritisierte dieses Mehrbettzimmer als eine Rückentwicklung hin zu den Krankensälen der Vorkriegszeit. Diese Kontroverse wurde im Laufe der Jahre sachlicher. Mittlerweile soll es in Deutschland ca. 40 so genannte „Pflegeoasen“ geben.

Der Abschnitt „Heiliger Alois, hilf!“ (Seite 123 – 137) besteht aus einem fiktiven Brief an Alois Alzheimer, in dem Schmieder sich meist spöttisch-süffisant über verschiedene Umgangsformen und Milieuelemente im Bereich Demenzpflege und Demenzbetreuung auslässt: so z. B. das so genannte „Lügen“, ergotherapeutische Maßnahmen wie Stempeldrucken, Medien für Demenzkranke nach dem Modell „simulierte Präsenz“, die allseits bekannte Robbe „Paro“ (als Stofftier verkleideter Miniroboter mit erweitertem Verhaltensrepertoire), fiktive Zugabteile und „Bushaltestellen“ in Wohnbereichen zur Ablenkung und Beruhigung und so genannte „Demenzdörfer“ (pavillonartig gestaltete Pflegeheime mit eingefriedetem weitläufigen Außenflächen). In diesem Zusammenhang macht der Autor den äußerst makabren Vorschlag, man möge dann doch konsequenterweise auch „aufblasbare Schützengräben“ mit akustischer Untermalung („Heulen der Stalinorgeln und das Schreien der Sterbenden“) oder die „Berliner Mauer“ zum Aufblasen nebst Stasispitzeln und Reden von Ulbricht und Honecker anbieten (Seite 136).

Im Abschnitt „Gleichklang auf Augenhöhe“ (Seite 138 – 160) wird ausführlich über die Anwendung der Kommunikationsstrategie „Validation“ nach Naomi Feil im Pflegeheim „Sonnweid“ teils anhand von kurzen Fallbeispielen berichtet.

Der Abschnitt „Eine Frage der Moral“ (Seite 161 – 182) beinhaltet überwiegend anhand konkreter Falldarstellungen u. a. Hinweise auf die Richtlinien des Hauses für die palliative Begleitung in der Sterbephase, die Bedeutung der mit ins Heim gebrachten Haustiere für die Bewohner, Lösungsstrategien bei ständigen Konflikten zwischen Bewohnern eines Doppelzimmers (u. a. Verlegung in ein anderes Zimmer), der Umgang mit der „Beißwut“ eines männlichen Bewohners bei Pflegehandlungen (begrenzte Fixierung und Sedierung) und Lösungsansätze bei massiven Schluckstörungen.

Im Abschnitt „Das kleinere Übel“ (Seite 183 – 191) werden Überlegungen über das Empfinden des Ekels u. a. bei Gerüchen und Körperausscheidungen im Alltag des Heimlebens und unbewusste Anpassungsleistungen angestellt.

Der Abschnitt „Ohne Liebe läuft gar nichts“ (Seite 192 – 209) widmet sich weiteren Aspekten des Heimlebens: der große Gartenbereich und das Nutzungsverhalten durch die Bewohner, das Angebot Akkordeonmusik und Gesang mitsamt einer Polonaise durch das Haus, der Einsatz eines „Demenzclowns“ und die Zubereitung einer Mahlzeit am Bett einer Bewohnerin mittels eines Campingkochers.

Im abschließenden Abschnitt „Das menschliche Maß“ (Seite 210 – 220) kritisiert der Autor den Wandel des Pflegesektors hin zu einem regelrechten Pflegemarkt, in dem das Kapital in Gestalt von Banken, Fonds, Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften den Takt in Richtung Renditeoptimierung angibt. Parallel hierzu sind trotz Expansion der Heimplätze ca. 50.000 Vollzeitstellen in der Pflege abgebaut worden, so dass von einem Pflegenotstand gesprochen werden könnte. In diesem Zusammenhang schlägt Schmieder die Einführung eines Sozialen Jahres als Pflichtdienst für Männer und Frauen bis zum Alter von 27 Jahren vor.

Diskussion

Die Publikation kann aus zwei Blickwinkeln mit konträrer Bewertung betrachtet und interpretiert werden:

Aus subjektiver Sicht als Ausführungen eines Heimleiters mit seiner eigenen persönlichen Sichtweise besitzt der Inhalt des Buches einen relativ hohen Unterhaltungswert, denn der Autor lässt einen immensen Schatz an Erlebnissen, Episoden und Anekdoten aus immerhin 30 Jahren Heimleben Revue passieren. Sehr lebendig sind die Schilderungen einzelner Fallgeschichten mitsamt den Umgangsweisen und Lösungsansätzen. In Ansätzen wird das weite Spektrum an Krankheitssymptomen der Demenz mittels konkreter Einzelfällen anschaulich dargestellt. Man erhält in Ansätzen einen Einblick in die Lebenswelt Demenzkranker mit ihren krankheitsbedingten Eigentümlichkeiten. Zugleich besitzen die Texte viel Autobiographisches, denn der Leser wird fast ausschließlich nur mit den Einschätzungen, Empfindungen und Erfahrungen des Autors konfrontiert, der mit unverhohlenem Stolz seine Leistung präsentiert, aus einer heruntergekommenen „Verwahranstalt“ eine landesweit bekannte Pflegeeinrichtung geformt zu haben.

Aus objektiver oder fachlicher Sicht hingegen vermag die Arbeit nicht zu überzeugen, denn diesbezüglich sind die Inhalte bezogen auf die Pflege und Betreuung Demenzkranker im mittelschweren und schweren Stadium (Reisbergskala Stufe 5 und 6) in vieler Hinsicht unzureichend. Der Rezensent erklärt sich diesen Sachverhalt u. a. mit einer fehlenden mehrjährigen Erfahrung in der Demenzpflege seitens des Autors. In folgenden Ausführungen werden die fachlichen Unzulänglichkeiten eklatant:

  • Der Autor negiert die Bedeutung der Biografie als Erklärungsrahmen für viele Verhaltensweisen, wenn er z. B. feststellt: „Demente Menschen leben ausschließlich in der Gegenwart.“ (Seite 120). Physikalisch ist er natürlich im Recht. Doch psychisch in ihrem Welterleben wähnen sich die Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium aufgrund des noch recht intakten Langzeitgedächtnisses (u. a. episodisches oder biografisches Gedächtnis) überwiegend in längst vergangenen Zeiten. Dieser Sachverhalt einer krankhaften Vermengung der Zeitebenen erklärt die meisten Realitätsverluste (u. a. Desorientierungsphänomene). Schmieder führt u. a. selbst eine Falldarstellung aus seiner Einrichtung an, wo erst durch den Rückgriff auf die Lebensgeschichte die Verweigerung der Nahrungseinnahme behoben werden konnte. Es fehlte das Gebet vor der Mahlzeit als Auslösereiz (Seite 117).
  • Schmieder weist an mehreren Stellen auf das „Lügen-Verbot“ (Seite 31) in seiner Einrichtung hin. Er weiß scheinbar nicht, dass es sich hierbei um intuitive Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien handelt, die laut einer Erhebung von ca. 95 Prozent der Pflegenden im Umgang mit Demenzkranken wirksam praktiziert werden. Skurril wird das „Lügen-Dogma“ durch den Tatbestand, dass der Autor selbst eine so genannte „Lügengeschichte“ aus seinem Haus als erfolgreiche Beeinflussungsstrategie anführt: eine Mitarbeiterin täuscht Interesse an den Bauplänen eines Demenzkranken vor, um ihn so aus dem Garten ins Haus zur Mahlzeiteneinnahme locken zu können (Seite 195).
  • Es fehlen konkrete Informationen über die Arbeitsorganisation, den Personalbesatz, die Tagesstrukturierung und auch die Kosten, um sich aus fachlicher Sicht ein Bild über das Geschehen in diesem Heim machen zu können. Ohne diese objektiven Fakten lässt sich die Vielzahl an Fallgeschichten, Episoden und Eindrücken nicht eindeutig einordnen und interpretieren. Man erfährt nur beiläufig, dass das Heim „Sonnweid“ mit 150 Plätzen über kein Pflegekonzept verfügt (Seite 122).

Fazit

Wie bereits weiter oben angeführt besitzt das Buch Unterhaltungswert. Es lässt sich leicht lesen und erlaubt einen kleinen Einblick in die Lebenswelt Demenzkranker im Heim. Fachlich hingegen enthält das Buch keine neuen Impulse und Perspektiven für die Demenzpflege in den stationären Einrichtungen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 13.01.2016 zu: Michael Schmieder, Uschi Entenmann: Dement, aber nicht bescheuert. Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken. Ullstein Buchverlage GmbH (Berlin) 2015. ISBN 978-3-550-08102-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19647.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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