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Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichen­therapie (SJT) […]

Rezensiert von Prof. Dr. Carl Heese, 22.10.2015

Cover Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichen­therapie (SJT) […] ISBN 978-3-7386-1473-2

Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichentherapie (SJT) bei internalisierenden Störungen und Schulverweigerung. Eine Evaluationsstudie. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-7386-1473-2. 39,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Unter den verhaltenstherapeutischen Schulen in Deutschland ist die Kognitive Verhaltenstherapie in der Formulierung von Harlich Stavemann aktuell wahrscheinlich am bekanntesten. Zu deren Erfolg haben sicher die Griffigkeit der ABC-Verhaltensanalyse und die marktorientierte Veröffentlichungspolitik beigetragen.

Daneben existiert unter anderem aber auch die systematische Ausformulierung der Verhaltenstherapie durch Serge Sulz, der seit über drei Jahrzehnten in München ausbildet und forscht. Seine Fassung einer modernen Verhaltenstherapie lief zunächst unter dem Begriff der Strategischen Kurzzeittherapie (SKT) und wurde dann zur Strategisch-Behavioralen Therapie (SBT) umbenannt. Gegenüber dem Ansatz Stavemanns vermeidet der von Sulz die kognitivistische Engführung. Sein Ansatz ist durchweg auch bedürfnis- und emotionstheoretisch sowie entwicklungstheoretisch untermauert und versteht sich als integrative Therapie im Sinne von Klaus Grawe. Die SBT wurde in zahlreichen Büchern und Aufsätzen vorgestellt; viele dieser Publikationen verweigerten sich jedoch ein wenig dem etablierten Therapiebuch-Markt der einschlägigen Verlage. Erst in jüngster Zeit erschien eine Darstellung des Ansatzes von Gernot Hauke bei Springer (Strategisch Behaviorale Therapie – SBT: Emotionale Überlebensstrategien – Werte – Embodiment, 2012).

Zu den Vorzügen der SBT zählt auch von Beginn an die Ergänzung durch spezifische Diagnostik- und Arbeitsmaterialien wie dem Verhaltensdiagnostiksystem (Sulz, Serge. VDS Verhaltensdiagnostik-Materialmappe. München: CIP-Medien 2009). Dieses kam inzwischen auch bei mehreren Wirksamkeitsuntersuchungen zum Einsatz und so auch in der Studie für das vorliegende Buch, mit dem Florian Sedlacek für die Therapieindikation ‚Jugendliche mit internalisierenden Störungen und Schulverweigerung‘ eine Adaption des SBT-Ansatzes mit einem kleinen, aber feinen Design empirisch überprüft hat.

Das Buch ist das Ergebnis eines Promotionsprojektes.

Aufbau

Der Band ist in zwei Teilen aufgebaut.

Zum ersten Teil

Die erste Hälfte ist den allgemeineren Zusammenhängen der Thematik gewidmet. Hier werden entwicklungspsychologische, psychotherapeutische und gesundheitspädagogische Theoriekomplexe dargelegt, die für das Verständnis von Jugendlichen mit Ängsten und Depressionen von Bedeutung sind.

Den Kern dieses Abschnittes bildet aber die konzise Darstellung des SBT-Ansatzes. Dazu werden die zentralen Konstrukte der ‚Überlebensregel‘ und der ‚Reaktionskette‘ vorgestellt.

  1. Erstere ist ein individuell erlerntes psychoregulatives Schema, das dem Einzelnen einen möglichst konfliktfreien Umgang mit seinen zentralen Bedürfnissen und Ängsten ermöglicht, das aber auch die Grenze seiner Anpassungsfähigkeit markiert.
  2. Das zweite Theorem, die Reaktionskette, meint den in der Mikroverhaltensanalyse aufweisbaren Ablauf, der von einer primären Emotion und einem primären Handlungsimpuls ausgeht und dann über die Antizipation der Folgen dieses Impulses und der Mobilisierung einer gegensteuernden Emotion mit einer Vermeidung der primären Bewältigungsreaktion zu einem resultierenden Handlungsimpuls führt.

Die Bearbeitung dieser beiden Konstrukte stellt den Kern des psychotherapeutischen Vorgehens dar. Weiterhin ist für die SBT die Einbettung dieser verhaltenstheoretischen Konzepte in eine Entwicklungsperspektive charakteristisch. Mit ihr wird die Therapie entwicklungspsychologisch modifiziert. Dazu greift der Ansatz auf die klinische Entwicklungstheorie von Robert Kegan (Die Entwicklungsstufen des Selbst. Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben. Stuttgart: Klett-Cotta, 6. Aufl. 1994) zurück. Der Darstellung seiner kognitiv-affektiven Entwicklungstheorie ist ein ganzer Abschnitt gewidmet.

Die weiteren Ausführungen zum Therapieansatz gehen dann auf die Therapieplanung und den Therapieprozess mit Jugendlichen allgemein ein und schildern dann detailliert die Strategische Jugendlichentherapie im teilstationären Setting. Weil aber die Psychotherapie nur einen Ausschnitt im Leben der Jugendlichen erreichen kann, behandelt der Autor auch die Verknüpfung der Psychotherapie mit pädagogischen und sozialarbeiterischen Kontexten.

Zum zweiten Teil

Die zweite Hälfte des Buches bildet dann der wissenschaftliche Bericht über eine Evaluationsstudie zu diesem Therapieansatz. In technischen Begriffen wurde ein quasiexperimentelles Design mit einer Eigenkontrollgruppe bei einer maximal 6-monatigen Wartezeit durchgeführt. Studienteilnehmer waren 14- bis 18-jährige Jugendliche in einer psychiatrischen Ambulanz, die wegen Ängsten und Depressionen nicht in der Lage waren, die Schule zu besuchen und dabei eine deutliche Schulunlust entwickelt hatten. Sie wurden teilstationär an fünf Tagen in der Woche behandelt. An die Behandlung schloss sich nach sechs Monaten eine Katamnese an. Die Fragestellung bezog sich überwiegend auf die Wirksamkeit des Ansatzes. Dazu wurde eine Reihe von Standardfragebögen sowie auch Fragebögen aus dem Verhaltensdiagnostiksystem wiederholt vorgegeben. Untersucht wurde nicht nur die statistische Wirksamkeit sondern auch die klinische Relevanz der erzielten Veränderungen.

Im Ergebnis zeigte sich eine sehr gute Entwicklung bei der erreichten Symptomreduktion, der Verbesserung der Lebensqualität und mehreren Aspekten des Selbstkonzepts. Die Zufriedenheit mit der Behandlung war bei Jugendlichen und ihren Eltern zu über 90 % gut oder sehr gut. Schließlich gingen zum Zeitpunkt der Katamnese zwei Drittel der Jugendlichen weiter regelmäßig zur Schule.

Diskussion

Das Buch befasst sich mit einer zeitgemäßen Psychotherapie für Jugendliche mit eher leisen Störungen, die aber persönlich und sozial folgenschwer sind. Es zeigt sehr anschaulich, wie bei ihnen in einer differenzierten Weise eine intensive Psychotherapie durchgeführt werden kann und es weist auf mehreren Ebenen die Wirksamkeit des vorgestellten Ansatzes nach.

Für das tiefere Verständnis der Problematik der betroffenen Jugendlichen wird durch die gründlichen, aber nicht ausufernden Kapitel zur Entwicklungstheorie und Psychotherapietheorie gesorgt. Die Darstellung geht auch einzeln auf die Bausteine der Therapie ein und macht die Detailarbeit in der Einzel- und der Gruppentherapie, im Elterntraining und in der alltagsorientierten Milieutherapie durchsichtig. Sie wird plastisch durch die mehrfach aufgenommenen Fallbeispiele, wie das des 17-jährigen Christoph, der in die 11. Klasse eines Gymnasiums geht, aber meist an etwa zwei Tagen pro Woche fehlt und an einer mittelschweren depressiven Episode leidet.

Das Buch lässt sich als Einführung in das vorgestellte Therapiekonzept für Jugendliche lesen, es stellt aber kein Manual dar. Gleichwohl werden sämtliche relevante Therapiematerialien darin nachgewiesen und lassen sich leicht auffinden. Neben der spezifischen Jugendlichentherapie führt das Buch aber auch allgemein in den Ansatz der Strategisch-Behavioralen Psychotherapie in einer knappen und anschaulichen Weise ein.

Die SBT stellt eine störungsunspezifische Therapie dar, für die mittlerweile eine Reihe von Wirksamkeitsuntersuchungen für verschiedene Indikationen durchgeführt wurde. Hier knüpft das vorliegende Buch an und offeriert weitere überzeugende Wirksamkeitsbelege. Es zeigt dabei auf exemplarisch Weise, wie mit einem noch überschaubaren Aufwand ein individuenbezogenes Programm in einem naturalistischen Umfeld professionell evaluiert werden kann. Der Leser mit Evaluationsinteressen kann hier eine Vielzahl praktischer Einzelheiten lernen, wie etwa die Konstruktion einer Eigenkontrollgruppe, die Auswahl und den Einsatz geeigneter Instrumente, um Verlauf und Ergebnis in mehreren Perspektiven abzubilden, oder auch eine Auswertungstechnik, die sowohl auf statistische Signifikanz als auch auf klinische Wirksamkeit zielt.

Von den vielen Ergebnissen sei nur auf eines hingewiesen, das für die Soziale Arbeit von Bedeutung ist: Klienten, bei denen die Empfehlung zu einer Fortführung der Betreuung, zum Beispiel mit einer Familienhilfe nicht umgesetzt wurde, schnitten beim längerfristigen Therapieerfolg deutlich schlechter ab. Hier wird die Notwendigkeit eines professionsübergreifenden Zusammenwirkens einmal empirisch belegt und nicht nur programmatisch gefordert.

Fazit

Das Buch berichtet wissenschaftlich anspruchsvoll, aber auch anschaulich und gut verständlich aus der Werkstatt der Psychotherapieforschung. Es schildert die Konzeption eines integrativen und hochaktuellen Ansatzes der Jugendlichentherapie und bietet darüber hinaus eine Einführung in den Strategisch-Behavioralen Ansatz allgemein. Schließlich kann es auch als Anleitung zu einer praxisnahen, aber professionellen Wirkungsforschung für individuenzentrierte Interventionsansätze mit großem Gewinn gelesen werden.

Rezension von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 27 Rezensionen von Carl Heese.

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Zitiervorschlag
Carl Heese. Rezension vom 22.10.2015 zu: Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichentherapie (SJT) bei internalisierenden Störungen und Schulverweigerung. Eine Evaluationsstudie. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. ISBN 978-3-7386-1473-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19655.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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