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Matthias Nauerth: Verstehen in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Dieter Röh, 22.12.2015

Cover Matthias Nauerth: Verstehen in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-658-10074-2

Matthias Nauerth: Verstehen in der Sozialen Arbeit. Handlungstheoretische Beiträge zur Logik sozialer Diagnostik. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 153 Seiten. ISBN 978-3-658-10074-2. 24,99 EUR.
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Thema

Das vorliegende Grundlagenwerk ist in die jüngere Diskussion um die Sozialdiagnostik (Soziale Diagnostik) der letzten fünf bis zehn Jahre einzureihen und trägt insbesondere dem fortgeschrittenen Prozess der Weiterentwicklung dieser Methodik mit einem eigenständigen Beitrag insofern Rechnung, als hier eine eigenständige Handlungslogik der sozialen Diagnostik auf einer meta- und mesotheoretischen Ebene entfaltet wird.

Autor

Der Autor ist Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg und Koordinator des dortigen Masterstudiengangs „Soziale Arbeit - Planen und Leiten“.

Entstehungshintergrund

Sozialdiagnostik als Methode des Verstehens und Einordnens sozialer Phänomene und Daten trägt zur Professionalisierung Sozialer Arbeit bei, indem es die Grundlagen für eine auf dieser Basis erfolgende sozialprofessionelle Handlung liefert. Die seit ca. zehn Jahren währende Entwicklungsgeschichte im deutschsprachigen Raum mit diversen Tagungen und Publikationen hat zu einer Fortentwicklung und Konsolidierung des Wissensbestandes in historischer, methodologischer und instrumenteller Hinsicht geführt, zu der diese Publikation einen weiteren, beachtenswerten Beitrag leistet.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung, die die Intention und das Programm der Schrift verdeutlicht, entfaltet der Autor in fünf aufeinander aufbauenden Kapiteln seine Handlungstheorie des Fallverstehens und kommt in einem Resümee zu abschließenden, zusammenfassenden Bemerkungen.

Im Folgenden wird versucht, die wesentlichen Argumente und Modellannahmen entlang der Kapitelüberschriften zu skizzieren.

1. Einleitung: Daran, dass es keine Beschäftigung mehr mit dem Thema des Fallverstehens bzw. insbesondere der Sozialdiagnostik gibt, die ohne eine erkenntnis- und moraltheoretische Problematisierung etwaiger Gefahren für eine Expertokratie der Diagnostiker auskommt, kommt auch der Autor nicht vorbei. Das besondere und neue seiner Argumentation ist jedoch, dass er die üblicherweise angebrachte Kritik der Gefahr einer „expertokratisch-disziplinierenden Verengung“ (S. 4) positiv wendet und als handlungstheoretisches Konzept innerhalb und für die Verwirklichung eines emanzipatorischen Ansatzes entwickelt. Sozialdiagnostik kann so als Befreiung aus der unklaren, weil oft nicht expliziten Diagnostik und Handlungsplanung der Professionellen verstanden werden, da sie „handlungstheoretisch abgesicherter und konzeptionell, sowie methodisch, rechtfertigungsfähiger wird“ (S. 5)

2. Der Eigensinn Sozialer Arbeit: Mit dem Verständnis des besonderen Blickwinkels Sozialer Arbeit als Wissenschat argumentierend, beschreibt der Autor den Gegenstand (Materialobjekt) derselben, auf der Grundlage eines professionshistorischen und -theoretischen Rekurses, als „biopsychosoziale Bedingungen von Inklusions- und Exklusionsprozessen, sowie hiermit verbundenen Bewältigungs- und Unterstützungsmöglichkeiten“ und die daraus resultierende Funktion (Formalobjekt) als „multiperspektivische bzw. transdisziplinäre Entwicklung und Reflexion von Theorien und Wissensbeständen […]“ (S. 12 f.).

Multiperspektivität wird daher zum Proprium Sozialer Arbeit erkoren, was sich dann konsequenterweise auch im später entfalteten „erweitertem Mehr-Ebenen-Modell“ des Verstehens ausdrückt und mit Hilfe der Lebensweltorientierung um eine handlungstheoretische Perspektive ergänzt.

3. Die Notwendigkeit eigensinnigen Verstehens in der sozialen Arbeit: In diesem Kapitel versucht der Autor quasi einen Königsweg zu beschreiten, da das Fallverstehen auf der Basis der besonderen hermeneutischen Logik der Sozialen Arbeit als Eigensinnigkeit verstanden wird, aber vermittels einer handlungstheoretischen Konkretisierung methodisch handhabbar zu machen ist. Dazu wird Verstehen an die Bedingung der „Handlungsorientierung“ auf der Basis wissenschaftlicher Reflexion als solches geknüpft und mit wissenschaftlichem Wissen so kombiniert, dass der/die Professionelle entscheiden kann, was im speziellen Fall zu tun (Intervention) oder zu unterlasen (Nicht-Intervention) ist.

4. Verstehenszweifel: Der Selbstzweifel der Profession, im Sinne der sozialen Diagnostik professionell handeln zu können (und zu dürfen), wird in diesem Kapitel umgedeutet in eine Schwachstelle, die der Zweifel hinterlässt und die es nach Ansicht des Autors mit einem ethisch sensiblen, aber methodisch versiertem Konzept zu beheben gilt. Dies soll mit dem vorgeschlagenen Modell so vollzogen werden, dass der Eigensinn der Profession mit dem Eigensinn der Betroffenen sich eben gerade nicht in einem Herrschaftsverhältnis zu Ungunsten Letzterer wendet, sondern die Lebenswelt der AdressatInnen in einer Weise verstanden werden soll, die ihnen kein Label hinzufügt, sondern ihre Selbstbemächtigung und Emanzipation fördert.

5. Über den Verstehensgegenstand in der Sozialen Arbeit. Das erweiterte handlungstheoretische Mehr-Ebenen-Modell (eMEM): Die immer stärkere Verdichtung der bislang erörterten moral-, erkenntnis-. professions- und handlungstheoretischen Schwierigkeiten eines diagnostischen Fallverstehens kulminiert nun in der Beschreibung eines Handlungsmodells, das alle vorher genannten Schwachstellen und Kritikpunkte zu lösen verspricht. „Es modelliert und generalisiert den Gegenstandsbereich sozialpädagogischer Verstehensbemühungen (nämlich menschliches Handeln) […]“ und „kartografiert [mit diesem] Modell die unübersichtliche bio-psycho-soziale Landschaft menschlichen Handelns und schließt hierbei an Grundlagentheorien der Sozialwissenschaften allgemein und zentrale Begriffe der Sozialen Arbeit im Besonderen an.“ (S. 68)

Die Modellierung dieses Verstehens erfolgt sukzessive, ausgehend von einem Grundmodell menschlicher Handlung, über eine Rahmung und Kontextualisierung derselben durch körperlich-personale, strukturell-soziale (Lebenslage) und strukturell-kulturelle (Lebenswelt) Ebenen und schließlich durch den Situationsbezug als Verbindungsglied der verschiedenen Ebenen zu einem Modell der prozesshaften Verarbeitung eben dieser Einflüsse durch das handelnde Subjekt. Damit wird gleichzeitig, so der Autor, „eine Verständigung über die Dimensionen dessen, was beim Verstehen verstanden werden soll“ angeboten, die es ermöglichen soll, „Sicherheit für […] professionelles Hilfehandeln zu gewinnen“ (S. 108).

6. Der Verstehensvorgang in der Sozialen Arbeit: In diesem Kapitel wird das eben entfaltete Modell nun als gleichermaßen offen für „Rekonstruktion“ bzw. „Hermeneutik“ wie auch für „Klassifikation“ und „Deduktion“ dargestellt und begründet, warum es sich dabei stärker um Ergänzungen als um Gegensätze handelt.

7. Resümee: zur Logik sozialer Diagnostik: In dem abschließenden Kapitel fasst der Autor die bisherigen Argumentationen noch einmal zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der „Verzicht auf eine genauere Methodisierung sozialer Diagnostik […] [ein] […] Vermeidungshandeln [ist], dass – so die hier vertretene These – zum Problem mangelnder Professionalität führt und zur faktischen Übermacht der Professionellen gegenüber den Adressat_innen, […].“ (S. 138) Damit wird die Kritik an der sozialen Diagnostik als Herrschaftsinstrument zum Lob ihrer Herrlichkeit als Befreiungsinstrument!

Diskussion

Die vom Autor entfaltete Handlungstheorie sozialer Diagnostik biete eine neue, teils integrative, teils innovative Logik des Fallverstehens an. Integrativ deshalb, weil das übliche Schisma von rekonstruierendem und kategorialem Fallverstehen mit der Perspektiverweiterung ein „sowohl-als-auch“ überwunden und ihm mit der folgenden Definition begegnet wird: „Verstehen in der Sozialen Arbeit, das als „soziale Diagnostik“ zu professionellen Verfahren systematisiert wurde, muss also dem Anspruch genügen, entsprechend dem Selbstverständnis einer subjekt- und lebensweltorientierten Praxis, den Eigensinn der Perspektive ihrer beteiligten Adressatinnen mit dem wissenschaftsbegründeten Eigensinn der Professionellen zu verknüpfen, […].“

Die Handlungstheorie ist dem Spektrum solcher Konzepte sozialer Diagnostik zuzuordnen, die im Sinne einer allgemeinen Handlungstheorie das Gerüst für eine methodisch geleitete Professionalität bereitstellen. Zu nennen wären hier etwa die systemische Denkfigur (Kaspar Geiser: Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit. Freiburg, 2015) oder auch die multiperspektivische Fallarbeit (Burkhard Müller: Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg, 2012)

Die Mischung aus „Verstehenszweifel“ und dem Versuch, diesen in einem Modell eine Form und Methodik zu verleihen, macht die Besonderheit der Arbeit von Matthias Nauerth aus. Er könnte ein weiterer Beitrag zur „Versöhnung“ der oft gegensätzlich verstandenen Rekonstruktions- und Subsumtionslogik sein.

Auch ist der Einbezug der somatischen, körperlichen bzw. leiblichen Dimension des Menschen, in streng sozialwissenschaftlichen Konzepten oft vernachlässigt, hervorzuheben, der die hier vorgeschlagene Handlungstheorie anschlussfähig macht an benachbarte Diskurse, etwa der Integrierten Medizin oder auch der Leibphänomenologie.

Wer einen elaborierten Beitrag zur Begründung und Einordnung der Sozialdiagnostik im Rahmen der Professionalisierungsdebatte oder für die eigene Professionalisierung des Handelns sucht, ist mit dem Kauf bzw. der Lektüre des Werkes gut beraten und kommt voll auf seine Kosten. Wer nach Rezepten, Checklisten, Formularen oder anderen konkreten Anleitungen sucht, wird, wie immer in der Sozialen Arbeit, auf sich selbst und die praktischen Umsetzungsversuche zurückgeworfen und hinsichtlich des Versuchs der Technologisierung des eigenen Handelns auf die Komplexität desselben und des zu diagnostizierenden Bereichs eines Besseren belehrt.

Das einzige Manko der vorgelegten Theorie ist, dass der Autor das Schisma zwischen Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit zumindest auf begrifflicher Ebene nicht aufhebt, was zur weiteren Verwirrung beiträgt. Denn entweder gibt es weiterhin die sozialpädagogische Diagnostik resp. das sozialpädagogische Fallverstehen oder es gibt eine soziale Diagnostik bzw. eine Diagnostik (in) der Sozialen Arbeit. Beides zusammen zu würfeln und abwechselnd zu erwähnen mag der Verortung des Modells in der Lebensweltorientierung entsprechen, ist aber hinsichtlich der ansonsten integrativen Logik des Verstehensansatzes nicht überzeugend, zumal explizit auch auf sozialwissenschaftliche und nicht nur geisteswissenschaftliche Grundlagen Bezug genommen wird.

Fazit

Das Werk ist vor allem dem/der bereits informiertem Leser/in zu empfehlen, die die sonstige Literatur zur Sozialdiagnostik bzw. zumindest den Diskurs darum weitgehend kennt und sich eine neue Perspektive aneignen möchte. Studierende der Sozialen Arbeit und PraktikerInnen würden davon jedoch insofern auch profitieren können, als ihnen von dort aus das Verstehen des Verstehens (der Sozialdiagnostik) möglich wäre, z.B. über die heuristische Suche über das Literaturverzeichnis oder auch über die Nutzung des Modellverständnisses, dessen Anwendung wohl aber einiger Übung bedarf.

Rezension von
Prof. Dr. Dieter Röh
Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge; MPH
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales - Department Soziale Arbeit
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Es gibt 8 Rezensionen von Dieter Röh.

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Zitiervorschlag
Dieter Röh. Rezension vom 22.12.2015 zu: Matthias Nauerth: Verstehen in der Sozialen Arbeit. Handlungstheoretische Beiträge zur Logik sozialer Diagnostik. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-10074-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19657.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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