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Ahmad Mansour: Generation Allah

Cover Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 272 Seiten. ISBN 978-3-10-002446-6. 19,99 EUR.
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Autor

Ahmad Mansour ist arabischer Israeli, der 1976 in Tira geboren wurde und aufgewachsen ist, im Spannungsfeld des Nahostkonfliktes. Er studierte nach dem Abitur in Tel Aviv Psychologie. Seit 2004 lebt er in Berlin und arbeitet als Diplom-Psychologe in Projekten gegen Extremismus, u.a. bei HEROES und bei HAYAT. Außerdem führt er Schulungen für Lehrer, Sozialarbeiter und Polizei durch. 2014 erhielt er den Moses-Mendelssohn-Preis für seine Arbeit zur Förderung der Toleranz. (Vgl. Buchumschlag). Dieses Jahr wird er den Carl-von-Ossietzky-Preis erhalten.

Thema und Entstehungshintergrund

Das Thema Gewalt, bezugnehmend auf die Religion, ist uns allen durch den selbst ernannten „Islamischen Staat“ sehr präsent. Auch Nachrichten über Männer und Frauen, die in Europa geboren und hier sozialisiert wurden und in den Dschihad ziehen, erreichen uns.

Als Motivation zu diesem Buch gibt der Autor zwei zentrale Beobachtungen an. Einerseits sieht er in Gesprächen mit Jugendlichen, Familien, Lehrern und Sozialarbeitern die Situation des Fortschreitens einer Islamisierung in unserer Gesellschaft. Immer mehr muslimische Jugendliche rücken von Werten unserer demokratischen Gesellschaft ab und sind gefährdet. Die Religion wird zunehmend zu einer „identitätsstiftenden Größe“. Andererseits erlebt Ahmad Mansour, dass dieses Phänomen von der Politik und der Gesellschaft auf breiter Ebene heruntergespielt und verdrängt wird.

Der Autor möchte mit seinem Buch einen Beitrag zu dieser Debatte leisten.

Aufbau

Das Buch ist in vier Kapitel mit Unterkapiteln und einen Nachtrag gegliedert. Der Einfachheit halber beschränke ich mich bei der Vorstellung der wichtigsten Inhalte, im Gegensatz zu dem Autor, nur auf die männliche Schreibweise.

Zu Kapitel 1

Das erste Kapitel „Generation Allah“ beginnt mit drei Kurzbiographien, auf die der Autor später noch mehrfach zurück kommt. Es geht um Jugendliche aus Deutschland, die hier sozialisiert wurden, die irgendwann begonnen haben, die westlichen Werte Stück für Stück abzulehnen, beziehungsweise später Vollverschleierung zu tragen oder nach Syrien auszuwandern.

Anschließend wird auf die Arbeit des Autors mit seinen Workshops eingegangen. Als Beispiel dient ein Jugendzentrum, dessen Besucher fast ausschließlich muslimischen Hintergrund haben, darunter auch viele Mädchen. Die Sozialarbeiterin hatte auffällige Entwicklungen beobachtet. So häuften sich offen antisemitische Äußerungen, Jugendliche hatten die Nachricht von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen beklatscht und, wo bisher guter Umgang zwischen Jungen und Mädchen herrschte, weigerten sich inzwischen einige Jungen mit den Mädchen zusammen Videos zu sehen oder Musik zu hören. „Bedecke dich Schwester, bevor du auf ewig zur Nahrung für das Höllenfeuer wirst“ und ähnliche Mahnungen waren zu hören. Andere sympathisierten mit den Salafisten und schauten begeistert Videos deutscher Islamisten aus Syrien und dem Irak auf ihren Smartphones an. Dieses Beispiel steht für viele Nachrichten, die den Autor erreichen. Es gibt auch Einrichtungen, die ähnliche Entwicklungen nicht wahrnehmen, oder die sie wahrnehmen, aber nicht handeln, aus Angst um den Ruf der Einrichtung oder aus Überforderung. Und es gibt Jugendamtsmitarbeiter, die das Schlagen von Kindern in muslimischen Familien mit dem Argument, dass das eben in diesen Fällen mit zur Tradition gehöre, durchgehen lassen, wobei das Recht auf gewaltfreie Erziehung für alle Kinder hier im Land gilt.

In den Workshops von Mansour wird versucht, die Neugier der Jugendlichen zu wecken. Er beruft sich dabei auf die Methode der „Mäeutik“ der alten Griechen. Die Workshopleiter stellen Fragen, hinterfragen, verunsichern und fordern auf diese Weise die Jugendlichen zum Nachdenken und argumentieren auf, in einer offenen und angstfreien Atmosphäre, in der sich Vertrauen aufbauen kann.

Häufig haben die Jugendlichen, die Vieles auf die Religion beziehen und damit begründen, kaum Wissen über die Religion. Der Islam, oder Moslem zu sein, hat jedoch für diese Jugendlichen, die sich oft nicht richtig als Teil der Gesellschaft fühlen, etwas „Identitätsstiftendes“.

Diese breite Masse ist nicht radikal, aber hier fällt die Propaganda der Radikalen auf fruchtbaren Boden. Viele dieser Jugendlichen haben zum Teil ideologische Inhalte und Werte oder Teilideologien in ihre Identität übernommen, die ein Grundstein für das Denken legen und sehr leicht in Islamismus umschlagen können. Mit all denen, die für Geschlechtertrennung und gegen die Gleichberechtigung sind, an Verschwörungstheorien glauben, die antisemitische Einstellungen haben, die Zweifel und Hinterfragen des Glaubens ablehnen, die an einen Gott glauben, der Ungläubige mit der Hölle bestraft, muss sich die Gesellschaft beschäftigen, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich zum Islamismus bekennen.

Mansour sieht eine wesentliche Gefahr des Radikalislams nicht in den Unterschieden zu einem moderaten Islamverständnis, sondern in den Gemeinsamkeiten. So gibt es auch moderate Imame die die Opferrolle der Muslime und bestimmte Feindbilder pflegen, die die reine Lehre, das blinde Befolgen der Gebote und Tabus predigen. Zeitgemäße Auslegungen des Korans dürfen oft nicht gelesen oder diskutiert werden. Viele muslimische Familien sind patriarchalisch geprägt und die Erziehung basiert auf striktem Gehorsam, verbaler und körperlichen Gewalt und der Unterdrückung und Tabuisierung von Sexualität. Diese einschüchternde Erziehung in Familie und religiösem Umfeld steht der Entwicklung eines starken Charakters und Selbstwertgefühles entgegen. Die Radikalen nutzen dies.

Der Autor plädiert für gesamtgesellschaftliche Präventionskonzepte, die langfristig funktionieren, vereinzelte Projekte und Initiativen reichen nicht aus. Das gängige Islamverständnis soll da reformiert werden, wo es Anknüpfungspunkte für den Islamismus bietet. Auch ein erweiterter Gewaltbegriff ist für ihn ein Thema. Gewalt beginnt nicht erst bei physischer Gewalt. Auch Polygamie ist eine Form von Gewalt, auch Kindern mit der Hölle zu drohen und Frauen zu verurteilen, weil sie kein Kopftuch tragen, und Andersgläubige als „Ungläubige“ zu bezeichnen. Schule ist der Ort, wo in diese Aufklärung stattfinden kann und muss. Aber die Schulen, die Lehrer und Lehrpläne sind darauf nicht genügend vorbereitet. Auch die Politik ist gefordert, Dinge deutlich zu benennen. Zum Beispiel, dass nicht „der“ Islam zu Deutschland gehört, sondern der Islam, der mit den Werten der Demokratie vereinbar ist, nicht der politische, der ideologische Islam.

Anschließend berichtet der Autor über seine eigene Kindheit in dem Dorf Tira, von ihn prägenden Erlebnissen, wie er Islamist wurde und wie er wieder davon loskam. Er erlebte Ähnliches, wie er es auch von Jugendlichen heute in Deutschland hört. Anfangs sprach der Imam noch von poetischen Suren und der arabischen Grammatik, später wurde immer mehr von den Sünden gesprochen, den Frauen und dem Alkohol. Christen, Juden, Amerikaner, Europäer, Demokraten u. a. wurden zu Feinden erklärt, auf die die Hölle wartet. Durch den Wegzug aus diesem Umfeld und den neuen Erfahrungen in Tel Aviv mit Juden und Christen, die ihn zum Nachdenken brachten, schaffte er die Abkehr von den Moslembrüdern. All seine alten Freunde aus Tira kehrten sich dann von ihm ab.

Der ständigen Bedrohung durch Attentate im Alltagsleben in Tel Aviv wollte sich Mansour nicht länger aussetzen und ging nach Berlin.

Hier kam er auch zu dem Projekt „HEROES“, einem Projekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund, das sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzt. (Vgl. S. 7-77).

Zu Kapitel 2

Das zweite Kapitel „Radikale Verführung“ leitet der Autor am Beispiel eines Falles über seine Arbeit bei „HAYAT“, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung, ein. Eine Mutter bat um Hilfe. Ihr Sohn hatte sich verändert, ging immer öfter zur Moschee, zog sich von der Familie zurück. Er beschimpfte diese als schlechte Muslime, die nicht richtig halal essen, nicht genug beten. Er wollte die Mädchen kontrollieren und bestimmen, was im Haus passiert. Mit der Zeit hatte die Familie Angst vor ihm und um ihn. Den kleinen Brüdern zeigte er Videos mit Krieg, Zerstörung und grausame Verbrechen. Er hatte auch angekündigt, dass er für lange Zeit verreisen werde. Die Geschichten bei der Beratungsstelle ähneln sich häufig. Religiöse und traditionelle Familien erkennen die Wandlung oft zu spät, da der Übergang von traditioneller Gläubigkeit zum Radikalismus fließend sein kann.

Mansour und seine Kollegen bemerken in ihrer täglichen Arbeit mit Jugendlichen seit Jahren einen deutlichen Wertewandel und da, wo der Wandel schon seit einiger Zeit im Gang ist, wird er nun offen eingeräumt und eine Verachtung für Demokratie, die Verfassung und die „Gottlosen“ wird immer offener geäußert. Bei den Workshops bei „HEROES“ waren Jungs in Gesprächen bis vor einigen Jahren noch der Meinung, dass kein Sex vor der Ehe nur für die Mädchen eine Wichtigkeit darstelle. Inzwischen erklären zunehmend Jungen, dass das auch für sie von großer Bedeutung sei. Sie begründen dies mit dem Koran. Auch argumentieren Jugendliche generell viel häufiger als früher mit der Religion, dem Islam.

Zur Ursachenerklärung der Radikalisierung bei Jugendlichen gibt es in unsere Gesellschaft mehrere Thesen. Verbreitet ist die These, dass es sich „nur um eine vorrübergehende Jugendkultur“ handelt, die wieder verschwindet. Die zweite verbreitete Variante an Erklärungen sieht den Islamismus als Folge einer Erfahrung von Diskriminierung und Rassismus, die diese Jugendlichen erlebt haben. Diese monokausalen Erklärungsansätze sind für den Autor nicht ausreichend. Diskriminierung haben selbstverständlich viele der betroffenen Jugendlichen erlebt, aber als alleiniger Auslöser für die Radikalisierung reicht sie nicht aus. Unter denen, die zum „Islamischen Staat“ ziehen, um zu morden, gibt es auch Ärzte, Ingenieure, Studenten und gut ausgebildete Handwerker aus Orient und Oxident. Sie lassen sich nicht in die Rubrik „diskriminierte Loser“ oder „Lifestyle-Dschihadisten“ einordnen.

Die Zunahme der Bedeutung von Religion hat nach dem Autor auch mit der Globalisierung der Welt zu tun. Klassische Strategien der Orientierung sind bedroht, tradierte Werte schwinden.

Ein unterstützender Faktor für eine Radikalisierung stellen auch die Hetzsender dar, die per Satellitenschüsseln in die Wohnzimmer und Jugendzimmer strahlen. Es ist ein multikausales Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zur Radikalisierung führen. Hier führt der Autor u. a. auch noch die psychische Verfassung eines Jugendlichen und Faktoren wie fehlendes Urvertrauen, Schamgefühl, das Über-Ich und die Bedeutung der Vaterrolle, an.

Was trägt zur Attraktivität des Islamismus für Jugendliche bei? Hier benennt Mansour den „Exklusivitätsanspruch“, der oft keinen Raum mehr für Toleranz lässt. Auch die „Ungleichheit“ ist anziehend. „Ich bin besser, weil ich bete“. Jugendliche, die sich bisher ausgeschlossen fühlten, können sich hier erhaben fühlen. Dazu werden tausende Clips auf den Handys von Jugendlichen geschaut, die Muslime als Opfer zeigen, die vom Westen unterdrückt werden. Andere Videos verbreiten die Verschwörungstheorien, zum Beispiel die alte antisemitische These, dass die Juden die Weltwirtschaft beherrschen und die Medienkonzerne steuern. Salafisten haben eine Antwort. „Wehrt euch, kämpft, mordet“.

Zu der „Verantwortung der Muslime“ zählt Mansour das Anerkennen der Rolle, die das Mainstream-Islamverständnis für den Radikalismus, spielt. Es bietet, teils ungewollt und unwissentlich, eine Basis. Er kritisiert nicht die Religion an sich, nicht die Gläubigen, die den Glauben als Privatsache sehen, wie etwa seine Mutter und viele andere. Tradierte Inhalte, ein veraltetes Islamverständnis, das mit der Gegenwart nicht vereinbar ist, das ist es, worüber Muslime offen reden müssen. Der verbreitete Buchstabenglaube in Elternhäusern und im Koranunterricht, das Nichts-hinterfragen-dürfen ist ein guter Anknüpfungspunkt für die Salafisten, eine gute Basis. Für eine große Zahl muslimischer Jugendliche ist der gesamte Lebensbereich von Sexualität, Eros und Liebe mit Tabus, Ängsten und Straferwartung belegt.

„Der Antisemitismus ist im islamistischen, aber leider auch im Milieu des islamischen Mainstreams tief verwurzelt“ (S. 140). Mansour begegnet ihm täglich in islamischen Kontexten. Er ist unter den Jugendlichen, in deren Familien, auf Schulhöfen, in Klassenzimmern, in Predigten in Moscheen, auf Facebook-Seiten, in Chatrooms, Internetforen und auf arabischen, iranischen und türkischen Satellitensendern anzutreffen. Von Politikern und den muslimischen Communities wird dies heruntergespielt oder weggeredet. Antisemitismus ist wohl ein Herkunft übergreifendes Phänomen, aber diesem speziellen Bereich, bei muslimischen Jugendlichen, wird bildungspolitisch und in der Praxis noch nicht begegnet. Der Autor sieht in der neoosmanischen Außenpolitik der Erdoganregierung und in der zunehmenden Hinwendung zu arabischen Staaten eine Ursache, dass immer mehr Türken und Araber Israel verstärkt als oberstes Feindbild darstellen. Auch ein islamistisch argumentierender Antisemitismus ist zu beobachten. Hier werden Juden als Feinde des Islam dargestellt.

Die Salafisten sprechen die Sprache der Jugendlichen der dritten Generation, nämlich Deutsch. In den Moscheen sprechen die Imame meist auf Arabisch oder Türkisch und sie haben wenig Ahnung von den Lebenswelten der Jugendlichen. Die Salafisten schon, und die gehen auch auf die Jugendlichen zu, dort wo sie sich aufhalten. Sie stellen Nähe und Bindung her und später vermitteln sie ihnen, dass sie ihnen etwas zutrauen, dass die Jugendlichen zu ihnen kommen sollen. Locken sie in die Moschee, zu Vorträgen.

Radikale Ideologien im Internet verstehen es auch genau da anzusetzen, wo Jugendliche empfänglich sind. Es wird mit der Suggestivkraft von Bildern, verbunden mit eindringlicher islamisch-spiritueller Musik, gearbeitet und Emotionen werden geweckt. Daneben gibt es Propagandafilme und Opfervideos, die Hass, Wut und den Reflex, dagegen etwas tun zu wollen, auslösen. Alles hochpsychologisch.

Pädagogen, Sozialarbeiter, Familien und soziales Umfeld müssen die Voraussetzungen schaffen, dass Kinder stabile Persönlichkeiten werden können, damit sie in Krisenzeiten stabil bleiben.

Der Autor beschreibt im Folgenden noch drei Fälle von Jugendlichen, die sich radikalisiert haben. (Vgl. S 79-188).

Zu Kapitel 3

Das dritte Kapitel „Prävention und Deradikalisierung – Jetzt!“ beginnt mit der Darstellung eines Workshops an einer Schule, von der kürzlich, ein Schüler nach Syrien in den Krieg gezogen ist. Signale wurden nicht bemerkt. Es gibt keinen Katalog zur Erkennung von Anzeichen. Aber es kann eine Sensibilität entwickelt werden, um verschiedene Kriterien wie z.B. Rhetorik und Verhalten, in Verbindung bringen zu können. Wenn zum Beispiel Schüler aus Familien mit Einwanderungsgeschichte darauf bestehen als „Ausländer“ bezeichnet zu werden, nicht als Deutsche, obwohl sie hier geboren wurden, wenn judenfeindliche Äußerungen laut werden, Druck in der Klasse auf Mädchen ohne Kopftuch aufgebaut wird, dann müssen die Alarmglocken läuten und es besteht Handlungsbedarf. Noch sind Lehrer und Sozialpädagogen kaum dafür aus und weitergebildet. Politiker wollen in der Regel die Problematik und deren Tragweite nicht öffentlich machen, weil sie die Ausgaben scheuen. Auch bei den freien Trägern, die bestimmte Projekte anbieten, wird nicht kontinuierlich von außen ermittelt, was wirklich gut funktioniert und was nichts bringt. Zudem existiert eine politische und institutionelle Klüngelwirtschaft bei der Vergabe von Projekten.

Die „transkulturelle Kompetenz“ muss in Schulen und Klassenzimmer einziehen und die Ihr-wir-Debatte als kontraproduktiv erkannt werden. Die Jugendlichen mit familiärer Einwanderungsgeschichte müssen in Schule und sonstiger Lebenswelt, von Nachbarn und Medien als Bürger Deutschlands gesehen und behandelt werden, damit sie auch für die Verfassung und die Werte unseres Landes gewonnen werden können. Dies ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Schule ist der Ort, wo damit begonnen werden muss. Solange, wie in Beispielen dargestellt, Lehrer noch von ihren „türkischen Schülern“ sprechen, wenn die Schüler hier geboren und aufgewachsen sind, und nicht mal die Mehrheit davon türkische familiäre Wurzeln hat, sondern libanesische, palästinensische, bosnische oder marokkanische; solange ein Lehrer in Berlin-Neukölln nicht weiß, wann das Opfer- oder Zuckerfest ist, wo der Anteil muslimischer Schüler bei 99% liegt, sind wir von transkultureller Kompetenz noch weit entfernt.

Nicht nur die Ausbildung von Lehrern muss den dargestellten Erfordernissen angepasst werden, auch die Lehrpläne mit Inhalten und Lernzielen. Die Jugendlichen holen sich ihre Informationen zu Krisengebiete häufig über das Internet und entsprechende ausländische Fernsehsender. Gerade in Bezug dazu, ist es wichtig, durch Lehrer, fundiertes, ideologiefreies Wissen zu vermitteln. Aber auch das setzt eine aktualisierte und umfassendere Ausbildung oder Fortbildungen der Lehrer voraus, aber auch die Zeit im Stundenplan.

Religionsunterricht an Schulen sollte nicht konfessionsorientiert ablaufen, sondern das Fach Religion sollte über alle Religionen informieren. Das Hamburger Modell wird hier als ein Beispiel angeführt.

Kritisches Denken kann auch über Schulunterricht gefördert werden. In England gehört Debattieren zum Schulstoff.

Da sich radikalislamistische Propaganda auf breiter Ebene im Internet präsentiert und eine so mächtige Wirkung auf Jugendliche hat, muss das Internet, neben der Schule, auch zur wichtigsten Plattform der Aufklärer werden. In diesem Rahmen müssen auch andere Vorbilder im Gegenzug zu den Dschihadisten auftreten. Gute Vorbilder brauchen wir in Schulen und im Alltag. Hier sollten es Jugendliche sein, die zu ihrer Religion stehen, aber trotzdem kritisch sind. Das Projekt HEROES leistet hierzu einen Beitrag.

Auch die Elternarbeit gehört zur präventiven Arbeit.

Eine offene Debatte ist nötig. Auch wenn es ohne Zweifel Islamfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung in Deutschland gibt und Muslime darunter leiden, darf das im Umkehrschluss nicht dazu führen, dass problematische Fakten unter den Tisch gekehrt werden.

Andererseits muss die demokratische Gesellschaft klarer und entschiedener ihre Wertevorstellung formulieren. An die Gesetze müssen sich alle halten, ohne Ausnahmen. Da geht es nicht, dass Jugendamtsmitarbeiter das Schlagen der Kinder in einer muslimischen Familie durchgehen lassen, mit dem Argument, dass das bei muslimischen Familien zur Tradition gehöre. (Vgl. S.189-256).

Zu Kapitel 4

Im vierten Kapitel „Wider den blinden Fleck in der Gesellschaft: Zehn konkrete Vorschläge“ legt Mansour u. a. zehn konkrete Vorschläge zum Umgang mit der Generation Allah vor. Ich möchte hier nur den ersten Punkt herausgreifen. Demnach sollte die Bundesrepublik Deutschland das Amt eines Bundesbeauftragten zur Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung einrichten und im Bundeskanzleramt ansiedeln. Hier sollte die Koordination aller mit der Problematik befassten Behörden und Institutionen stattfinden. Bundesweit und europaweit sollte ermittelt werden, welche wirksamen Konzepte und Projekte es gibt, welche sich am besten bewähren und welche sich von anderen Ländern auf die Bundesrepublik übertragen lassen. Parallel dazu sollte eine ideologiefreie Datenbasis zu islamischem Radikalismus, Antisemitismus, Fundamentalismus an Schulen und in Gemeinden erstellt werden. In jedem Bundesland sollte es vernetzte Vertreter geben. Bei den jährlichen Gipfeltreffen aller Beteiligter, wie Kanzleramt, Bildungsministerium, Sozialministerium, Innenministerium, BKA, und Experten, sollte Bilanz gezogen und eine aktuelle Planungen vorgenommen werden. (Vgl. S. 257-264).

Nach dem vierten Kapitel folgt noch ein Nachtrag über den Fall des Mädchens Helena, das christlich-orthodox aufgewachsen ist, zum Islam konvertiert ist, vollverschleiert lebt und plant, mit Mann und Kind nach Syrien zu gehen. (Vgl. S. 265-271).

Diskussion

Das vorliegende Buch entspringt nicht der Feder eines reinen Theoretikers. Ahmad Mansour verfügt einerseits über einen theoretischen Hintergrund, andererseits helfen ihm seine eigene Lebensgeschichte und die täglichen Erfahrungen in der praktischen Arbeit an der Basis, Entwicklungen sensibel wahrnehmen und deuten zu können. Zudem ist er selbst Moslem und wurde selbst radikalisiert. Für diesen Themenbereich sehr hilfreich.

Der zugrundeliegende Text ist vom Sprachlichen her verständlich geschrieben, verlangt dem Leser aber durch die vielen Fakten, Begriffe und Rückgriffe doch etwas ab. Das Buch ist eine gute Zusammenfassung und Bündelung einzelner Fakten und Erfahrungen und bietet viele Anregungen. Den Vorwurf, dass das Buch plakativ sei, dem man in Medien hin und wieder begegnet, möchte ich nicht gelten lassen. Der Autor stellt nicht den Anspruch, eine wissenschaftliche Studie vorgelegt zu haben. Mit Recht kritisiert er widersprüchliche, bzw. fehlende unabhängige Studien zu einzelnen Bereichen der Thematik. Ahmad Mansour berichtet vorwiegend von seinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen und denen, die auch Lehrer und Sozialarbeiter in ihrer täglichen Arbeit zunehmend machen. Er stellt Verbindungen her und Zusammenhänge dar; einige Faktoren werden psychologisch erklärt. Nichts anderes gibt er vor. Berichte über diese Erfahrungen von Lehrern und Sozialarbeitern kann man auch seit Jahren in Medien verfolgen.

Für die Zielgruppen Lehrer und Sozialarbeiter sind sehr viele Beispiele aus der Praxis mit Erklärungen im Text vorhanden, die zur Sensibilisierung und zu Handlungsunterstützung beitragen können. Wer allerdings Patentrezepte erwartet, wird enttäuscht werden. Eine Fortbildung ersetzt das Buch natürlich nicht.

Auch interessierte Eltern können von dem Text profitieren. Politiker, besonders Bildungspolitiker, Staatsanwälte und Richter können durch dieses Buch für die Verantwortung, die auch ihnen bei den vorliegenden Entwicklungen zukommt, sensibilisiert werden.

Der interessierte Leser kann in verschiedensten Medien zu fast allen dargestellten Themenbereichen vielfache Belege finden. Auch bei Untersuchungen und Zahlenmaterial finden sich, trotz unterschiedlicher Ergebnisse, viele Übereinstimmungen.

Ahmad Mansour und auch Lehrer und Sozialarbeiter beobachten bei muslimischen Jugendlichen eine Zunahme von offen antisemitischen Äußerungen, bewusstes Abheben von der Mehrheitsgesellschaft, fragwürdige Geschlechtsrollenzuweisungen, Zustimmung zu islamistischen Attentaten gegen Juden, Ablehnung von westlichen, freiheitlichen und demokratischen Werten und eine Zunahme der Bedeutung von Religion. Die Religion wird zu einer „identitätsstiftenden Größe“, obwohl die Jugendlichen von der Religion kaum Ahnung haben. Der Autor behauptet nicht, wie teilweise unterstellt, dass er eine ganze Generation als radikalisiert einstuft. Es geht ihm tendenziell um eine Generation, die einer starken Gefährdung ausgesetzt ist. Vielfach begegnet man in der Presse oder in TV-Berichten dieser Unterstellung gegenüber dem Autor, oder man begegnet Kleinrednern, die vielleicht nur so reden, weil sie in ihrem Umfeld und Arbeitsbereich nicht über diese täglichen Erfahrungen in der Praxis an der Basis verfügen.

In der TV-Sendung TTT (Titel-Thesen-Temperamente vom 1. November 2015) in Bezug auf Mansours Buch etwa meint der Migrationsforscher Professor Haci Halil Uslucan, dass man nicht von einer Generation Gefährdeter sprechen darf, es gäbe nur Einzelne. Er führt an, dass es ja auch viele aufstiegswillige junge Menschen gibt, die derselben Generation angehören. Allerdings bestätigt auch er eine Radikalisierung und sieht Handlungsbedarf, auch bei den muslimischen Gemeinden, Verbänden, Intellektuellen, der muslimischen Gesellschaft. Auch nach ihm muss die Frage gestellt werden, warum der Islam so leicht als „Legitimationsquelle“ herangezogen werden kann. Ich bin der Meinung, dass eine Auseinandersetzung auch in muslimischen Verbänden mit den in Mansours Buch dargestellten Fakten und Entwicklungen erforderlich und überfällig ist. Statt Muslime zu bekämpfen, wie Professor Khorchide (Professor für islamische Theologie, Universität Münster), die sich für eine Modernisierung der Religion einsetzen, sollten Muslimverbände mit ihnen in einen Dialog treten. Zur Mehrheitsgesellschaft meint Professor Khorchide, dass neben Mahnwachen und Demonstrationen gegen Pauschalisierung von Muslimen aber auch die Thematisierung erfolgen muss, mit welchen Argumenten die Erlaubnis begründet wird, um unschuldige Menschen zu töten und woher diese Argumente kommen. (Vgl. FAZ vom 15.01. 2015, Mouhanad Khorchide im Gespräch, „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“).

Ob der Titel des Buches „Generation Allah“ bewusst aufrütteln will oder doch etwas unglücklich gewählt ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbstverständlich weiß auch Ahmad Mansour, dass es innerhalb einer ganzen Generation verschiedene Facetten gibt, aber die geschilderten Entwicklungen gewinnen an Quantität und Qualität. Der Begriff „Generation Allah“ wird an verschiedenen Stellen im Buch benutzt bzw. erläutert, in meinen Augen auch nicht immer so, dass man das Gefühl hat, dass es deckungsgleich mit vorher Erwähntem ist. Ich hätte mir als Leser zu Beginn eine klare und ausführliche Definition gewünscht und daran direkt anschließend die Erläuterungen, eine etwas systematischere Darstellung. Aber das ist meine ganz persönliche „Lesart“. Nichts desto trotz kann man beim genauen Lesen des gesamten Buches wohl verstehen, dass der Autor nicht eine ganze Generation muslimischer Jugendlicher als radikalisiert einstufen möchte, die potentielle Attentäter sind und in den Krieg ziehen wollen. Er sieht vielmehr, dass es eben nicht nur um ein paar hundert junge Dschihadisten geht, wie vielfach in der Gesellschaft dargestellt, sondern, dass es um die breite Masse von vorwiegend muslimischen Jugendlichen geht, die der starken Gefährdung einer Radikalisierung ausgesetzt ist. Das ist die Gruppe, um die sich die Gesellschaft nach Ansicht des Autors primär kümmern muss, Die Radikalisierung passiert nicht nur auf einem Weg und nicht in kürzester Zeit. Das ist ein Prozess, an dem Imame, Hassprediger, Anwerber, wie im Text dargestellt, radikale Fernsehsender, das Internet u.a., wichtige Weichen stellen können. Wie anfällig ein Jugendlicher ist, hängt auch von der Stabilität seiner Persönlichkeit ab. Hier spielen das Elternhaus und die Erziehung eine große Rolle, besonders die Vaterrolle ist ein wichtiger Faktor. Dieser Zusammenhang ist auch aus der Arbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen bekannt. Aber auch das Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Mehrheitsgesellschaft ist von Bedeutung. Viele Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte fühlen sich als Bürger dieses Landes nicht voll akzeptiert, auch dies zeigt sich mal mehr, mal weniger in Zahlen, ist also eine Tatsache. Dieses Zugehörigkeitsgefühl wäre aber eine wichtige Voraussetzung, damit sich diese Menschen mit den Werten der Mehrheitsgesellschaft identifizieren und diese auch vertreten können. Hier ist die Mehrheitsgesellschaft gefragt und gefordert. Obwohl Deutschland die letzten Jahre mit den Bildungschancen aufgeholt hat, sind Kinder mit nicht deutschen Wurzeln immer noch besonders stark benachteiligt. Hier müssen wir als Mehrheitsgesellschaft unserer Aufgabe und Verpflichtung nachkommen. Keiner der erwähnten Faktoren für sich alleine wird wohl ausschlaggebend sein für eine Radikalisierung, aber es sind alles wichtige Mosaiksteine, die bei dieser gesamten Problematik zu berücksichtigen sind.

Der Sache nicht dienlich sind Beiträge und Kritiken, die die dargestellten Probleme Kleinreden oder Wegdiskutieren wollen, indem sie schnell das Thema auf die Diskriminierung von Muslimen in unserer Gesellschaft bringen oder auf nicht muslimische Menschen verweisen, die das eine oder andere Fehlverhalten auch an den Tag legen. Selbstverständlich gibt es Diskriminierung von Muslimen und der Antisemitismus ist leider auch immer noch in der Mehrheitsgesellschaft anzutreffen. In der interessanten Sendung „Ist der Islam gefährlich?“ (ZDF Login vom 28. August 2014) kann man sich veranschaulichen, was Mansour meint mit Kleinreden. Es waren Ahmad Mansour und Hamed Abdel-Samad (Publizist) Khola Maryam Hübsch (Freie Journalistin) und Ska Keller (Politikerin, Sprecherin der Grünen im Europaparlament) zu einer Diskussion geladen. Es ging auch um die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen. Diese Diskussion ist ein Paradebeispiel für Ablenkung, Verharmlosung und Kleinreden seitens der beiden Diskussionsteilnehmerinnen, teilweise mit brillanter Rhetorik.

Auch bei Islamverbänden wird nach Aussage des Autors beschwichtigt, kleingeredet und verleugnet. So zum Beispiel, dass es überhaupt einen Antisemitismus bei Muslimen gäbe, geschweige eine Zunahme desselben bei muslimischen Jugendlichen.

Meinen Beobachtungen nach ist auch die Mehrheitsgesellschaft eine relativ schlafende und schweigende Masse, wenn es um Themen wie islamischen Antisemitismus geht. Bassam Tibi stellte schon 2003 bei Zeit Online, in dem Artikel „Der importierte Hass“ die Fragen, warum sich die Deutschen nicht genauso über islamischen Antisemitismus wie über den neonazistischen empören und warum deutsche Islam-Experten, die ständig Verständnis für die islamische Kultur predigen, nicht auch von den Gefahren des Judenhasses reden, der nicht zuletzt in der „deutschen Islam-Diaspora“ allgegenwärtig ist.

Ahmad Mansour bemängelt, dass es zu wenig verlässliche, unabhängige Studien und Statistiken gibt. Bei meinen eigenen Recherchen, lange vor Mansours Buch, bin ich auf einige in Deutschland durchgeführte Umfragen und deren Ergebnisse gestoßen, die teilweise so unterschiedlich sind, dass man den Eindruck haben muss, dass da etwas nicht stimmen kann. Die großangelegte, 2008 in sechs europäischen Ländern durchgeführte SCIICS-Studie mit 9000 befragten Personen mit türkischem und marokkanischem Migrationshintergrund und einer Vergleichsgruppe aus der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft, erscheint mir noch am überzeugendsten zu sein. Ohne auf genaue Einzelergebnisse und Zahlen eingehen zu wollen, zeigt sich hier, dass religiöser Fundamentalismus in westeuropäischen muslimischen Gemeinschaften keinesfalls ein Randproblem ist. Eine offen antisemitische Einstellung gibt es wohl auch in den untersuchten Mehrheitsgesellschaften, ist aber unter bei in Europa lebenden Muslimen um ein Vielfaches höher. Dass ein überwiegender Teil der Meinung ist, dass es nur eine wahre Auslegung des Korans gibt und religiöse Regeln wichtiger als Gesetze sind, bestätigt die Einschätzungen Ahmad Mansours. (Vgl. WZB Mitteilungen, Heft 142, Dezember 2013 „ Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit Muslime und Christen im europäischen Vergleich“, S.21-25).

Mansour sagt zu recht, wenn Jugendliche unter uns leben, die die Werte unserer Demokratie ablehnen, die antisemitische Äußerungen machen, ihren Schwestern oder Klassenkameradinnen das Kopftuchtragen verordnen wollen, ihnen mit der Hölle drohen, dann dürfen wir das als Gesellschaft nicht hinnehmen.

Es gibt viele Gründe, warum solche Erscheinungen und Entwicklungen, wie geschildert, gerne unter den Teppich gekehrt und Kleingeredet werden. Da ist die Angst, als islamfeindlich abgestempelt zu werden, dass die eigene Institution ins schlechte Licht gerät, sich unbeliebt zu machen, als Politiker falsche Zustimmung von rechts oder Empörung von links zu bekommen. Jetzt ganz aktuell nach der Silvesternacht in Köln und einigen anderen Städten ist natürlich auch die Angst, dass in Deutschland die Rechten noch mehr Zulauf bekommen, Moscheen brennen, Flüchtlinge angegriffen werden, besonders stark. Diese Angst ist berechtigt, aber durch Verschweigen von Tatsachen und Zusammenhängen wird das Problem nicht kleiner.

Und der Autor hat auch dahingehend recht, wenn er schreibt, dass das Vorliegen von genauen, unabhängigen, großangelegten Analysen und Daten ein konsequentes Handeln unabdinglich machen würden. Dieses Handeln würde mehr Arbeit bedeuten und viel Geld kosten, das, wie der Autor richtig sagt, in kaputte Banken, aber nicht in diesem Maße in langfristig Prävention investiert wird. Bisher haben wir einen Flickenteppich von interkulturellen Projekten, mehr kurzfristigen Fortbildungen als nachhaltig angelegten. Die von ihm beschriebenen Praktiken der „Projektmafia“ kenne auch ich aus meiner früheren Arbeit. Zu wenig wirkliche Qualitätskontrolle von außen, ein „Blendwerk“ zwischen formal gut gestellten Anträgen, Konzepten und der Praxisrealität. Bei dem Thema Jugendgewalt konnte ich jahrelang ähnliche Mechanismen erleben, vom Kleinreden, Vertuschen und Beschönigen über die Tatsache, nur partiell reparieren und agieren zu wollen.

Meines Erachtens dürfen wohlmeinende Aufklärer, fernab der Rechten und Pegida, nicht weiter diffamiert werden. Politik und Fachstellen sollten liberale muslimische Stimmen fördern. Auch die Deutsche Islamkonferenz sollte sie nicht ausschließen (vgl. Die Politische Meinung, Bloß nicht kleinreden! Nr. 531, 2015, S. 29).

Ahmad Mansour ist authentisch, engagiert und mutig. Er benennt offen Fakten und Entwicklungen. Dabei schreckt er nicht davor zurück, auch Verantwortliche klar zu benennen und zu kritisieren, was ihm sicher viele Feinde bringen wird. Dafür hat er meinen Respekt.

Sein Buch sollte in andere Sprachen übersetzt werden, denn diese Problematik findet sich auch in nicht deutschsprachigen europäischen Ländern wieder. Sein gestelltes Ziel, eine Debatte anzuregen, hat er auf jeden Fall erreicht.

Ich würde mir noch wünschen, dass sich mehr aufgeklärte Muslime in dieser Thematik über gemeinsame Übereinstimmungen zueinanderfinden, auch wenn sie in bestimmten Punkten andere Positionen beziehen. So könnten sich Theoretiker und Praktiker gegenseitig auf breiter Basis befruchten und zu konstruktiven Lösungen kommen.

Fazit

Das vorliegende Buch basiert auf zwei Beobachtungen des Autors. Zum einen sieht er in seiner täglichen, praktischen Arbeit mit muslimischen Jugendlichen einen Wertewandel. Schulleiter, Lehrer und Sozialarbeiter berichten von der Zunahme offen antisemitischer Äußerungen, fragwürdiger Geschlechtsrollenzuweisungen und der Bedeutung der Religion als identitätsstiftende Größe.

Zum anderen beobachtet er auf breiter Ebene bei Politik und Gesellschaft eine Verharmlosung und Verdrängung dieser Erscheinungen.

Es geht Ahmad Mansour nicht in erster Linie um schon radikalisierte Jugendliche, die in den Dschihad gezogen sind oder zurückkehren, sondern tendenziell um eine Generation, die der starken Gefährdung einer Radikalisierung ausgesetzt ist und die schon einige der ideologischen Inhalte des Radikalismus in ihr Denken aufgenommen hat (vgl. S. 32, 88).

Er tritt für eine offene Debatte in der Mehrheitsgesellschaft, der Politik, der muslimischen Gesellschaft und für eine gemeinsame Debatte ein. Allerdings ist hier viel Fingerspitzengefühl erforderlich, wo aktuell nach der Silvesternacht und der Flüchtlingsdebatte auch wieder rechtes Gedankengut erstarkt. Trotzdem wird ein Todschweigen der beschriebenen Entwicklungen auch diese Problematik nicht lösen.

Nach Mansour kommt neben Deradikalisierungsprogrammen für eine kleinere Zielgruppe, die Hauptaufgabe der Prävention zu. Die Schule bietet sich als zentraler Ort zur Förderung einer demokratischen Sozialisation und der Vermittlung von Werten an, da der Schulbesuch in Deutschland mindestens zehn Jahre dauert. Aber auch ein Zugehörigkeitsgefühl kann und muss hier erfolgen.

Ich denke, dass auch in Anbetracht der zunehmend größer werdenden Zahl von Flüchtlingen ein Umdenken, wie von Mansour gefordert, erforderlich ist, um Flüchtlinge nicht einfach nur ins Land zu lassen, sondern ihnen auch die wirkliche Chance von Integration zu bieten. Dazu gehören nicht nur eine Willkommenskultur und Sprachkurse, auch das Vermitteln unserer Wertewelt muss mit bedacht werden.

Der Autor liefert viele Fakten und Anregungen. Das Buch ist sehr zu empfehlen für Lehrer, Sozialarbeiter, interessierte Eltern, Politiker, Staatsanwälte, Richter, für alle, die sich gebündelt und offen über diesen Themenbereich informieren wollen. Leider gibt es keinen Literaturanhang zur weiteren Vertiefung. Aber im Internet findet sich sehr viel Material, mit dem sich die Erfahrungen des Autors bestätigen und auch vertiefen lassen.


Rezensentin
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 04.02.2016 zu: Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-10-002446-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19662.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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