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Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.12.2015

Cover Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen ISBN 978-3-88680-940-0

Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. Siedler Verlag (München) 2014. 314 Seiten. ISBN 978-3-88680-940-0. 22,99 EUR.
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Einwanderungspolitik ist eine Mischung aus viel Emotion und wenig Wissen

Zwischen Ego- und Ethnozentrismus auf der einen Seite und dem Bewusstsein von der humanitären Verantwortung eines jeden Einzelnen für eine humane Ethik klaffen Lücken. Anstatt einer Annäherung an die Wertvorstellungen, wie sie in der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zum Ausdruck kommen, dass nämlich die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt ist, driften die ideologischen und weltanschaulichen Meinungen scheinbar immer weiter auseinander. Am deutlichsten zeigen sich die Diskrepanzen in den kontroversen Auseinandersetzungen über das Eigene und das Fremde, über Wir und die Anderen, über individuelle und globale Gerechtigkeit, wie sie bei den Migrations-, Wanderungs- und Fluchtbewegungen in der Welt zutage treten (Michael Richter, Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19248.php). Manchmal gelingt es, bei der Diskussion um Flüchtlinge und Asylberechtigung als Menschenrecht von den allzu einfachen, falschen und verführerischen Parolen wegzukommen (wie etwa: „Das Boot ist voll“, „Deutschland den Deutschen“ und anderen fremdenfeindlichen, rassistischen, rechtsradikalen und nationalistischen Argumentationen) und den Blick zu richten auf die jeweils individuellen Krisensituationen, die Menschen dazu veranlassen, ihre Heimat auf meist unsicheren und gefahrvollen Wegen zu verlassen, um anderswo ein menschenwürdiges Leben zu finden (Melanie Gärtner, Grenzen am Horizont. Drei Menschen. Drei Geschichten. Drei Wege nach Europa 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19770.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Im Drama „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer (1945) weist General Harras dem zu seiner Staffel gehörenden Fliegeroffizier Hartmann zurecht, weil er Kummer darüber äußerte, dass Fräulein von Mohrungen die Verlobung zu ihm „wegen einer Unklarheit in meinem Stammbaum“ gelöst habe. Harras konfrontiert ihn mit seiner aus dem Rheingebiet stammenden Familie: „Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein… der großen Völkermühle…“. Die Geschichte der Völker hat sich immer schon als Melting Pot dargestellt, und die ethnozentrierten Einstellungen sind ideologie- und menschengemacht. Der britische Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Centre for the Study of African Economics an der Universität Oxford, Paul Collier, setzt sich immer wieder mit dem globalen Konflikt- und Spannungsfeld zwischen Wohlstand und Ausplünderung auseinander (Paul Collier, Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13125.php).

Mit der 2013 in London in englischer Sprache erschienenen Analyse „Exodus. Immigration and Multiculturalism in the 21st Century“, in deutscher Sprache vom Siedler-Verlag 2014 mittlerweile in vierter Auflage vorgelegtem Buch „Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“, verknüpft der Autor vorab seine eigene und die seiner Familie betreffende Flüchtlings- und Fluchtgeschichte mit der Herausforderung, dass „die westlichen Gesellschaften sich auf eine postnationale Zukunft vorbereiten sollten“. Paul Collier nämlich ist der Enkel jenes Charles Collier, der als Karl Hellenschmidt sen.. vor den nationalsozialistischen und rassistischen Verfolgungen aus dem Ort Ernsbach, heute ein Stadtteil von Forchtenberg im Hohenlohekreis im nördlichen Baden-Württemberg, nach England fliehen konnte und sich in Bradford niederließ. Gleichzeitig setzt er sich kritisch mit der These von der Umwandlung einer nationalen hin zu einer postnationalen Identität auseinander. Er geht davon aus, „dass Migration in erster Linie kein ökonomisches Problem darstellt“; vielmehr ist er der Meinung, dass es sich um ein soziales Phänomen handelt, das nicht allein emotional und moralisch, aber auch nicht nur rational diskutiert werden sollte.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in fünf Teile.

  1. Im ersten Teil setzt er sich mit „Fragen und Prozessen“ im Migrationsdiskurs auseinander;
  2. im zweiten mit den Situationen, denen sich Migrantinnen und Migranten in den „Aufnahmegesellschaften“ gegenüber sehen: „Begrüßung oder Abwehr?“.
  3. Im dritten Kapitel diskutiert er die Erwartungshaltungen und Zielvorstellungen von Migranten: „Klagen oder Dankbarkeit?“.
  4. Im vierten Teil richtet er den Blick auf die „Zurückgebliebenen“, und
  5. im fünften Kapitel skizziert er „Eine neue Einwanderungspolitik“.

Bei der Analyse der Frage, weshalb in den Mehrheits- und Aufnahmegesellschaften die Abwehr gegen Einwanderung vorherrscht und eine realistische und intellektuelle Auseinandersetzung eher tabuisiert denn thematisiert wird, kommt Collier zu dem Ergebnis, „dass die Migration, wenn man nicht eingreift, zunehmen und damit wahrscheinlich übermäßig werden wird“. Er füttert allerdings diese Auffassung nicht mit den allseits bekannten Sprüchen und Kakophonien, wie sie etwa von Pegida-Anhängern und nationalistischen, rechtsradikalen Gruppen gebrüllt werden, sondern arbeitet heraus, dass „Migrationsbeschränkungen keine peinlichen Auswüchse von Nationalismus und Rassismus (sind), sondern in allen wohlhabenden Gesellschaften immer wichtiger werdende Werkzeuge der Sozialpolitik“ darstellen und deshalb einer ernsthaften Diskussion bedürfen. Die Frage nämlich, warum die Migration weltweit zunimmt, beantwortet der Autor mit einem „Arbeitsmodell“, mit dem er die Migrationsdymanik erklärt: Da ist zum einen die Einkommens- (und Existenz-) kluft zwischen armen und reichen Ländern, die sich im unterschiedlichen und ungerechten globalen Wachstum ausdrückt; zum zweiten ist es die Erkenntnis, dass Migration (allein) diese Kluft nicht verkleinern wird; und die dritte Annahme besteht darin, dass „die Auslandsgemeinden noch jahrzehntelang wachsen werden, da die Migration weitergeht“.

Sowohl historisch wie anthropologisch dürfte unumstritten sein, dass die Einwanderung von Minderheiten die Mehrheitsgesellschaften verändern; strittig hingegen sind die Einschätzungen und Erwartungshaltungen darüber, wie sich diese Veränderungen auf Mentalität, Politik, Kultur, Weltanschauung und Alltagsleben auswirken. Während die einen davon ausgehen, dass die Wandlungsprozesse als Bereicherung und Weiterentwicklung der Gesellschaft(en) positiv wirken, befürchten die anderen persönliche und kollektive Nachteile. Bei den Auseinandersetzungen um Migration müssen also die sozialen Folgen in den Blick genommen werden. Paul Collier gibt dabei seine Richtung vor: „Die Folgen der Migration (bilden) in etwa eine umgekehrte Kurve ( ), mit Gewinnen bei mäßiger Migration und Verlusten bei massiver Migration“. Er fordert „gegenseitige Rücksichtnahme und Gleichheit“, die sich als „kooperierende Leistungen“ darstellen und entweder in eine „politische Ökonomie der Panik“ mündet, wie er dies in seinem Modell – Angstphase, Panikphase, hässliche Phase und Absorptionsphase – aufzeigt, oder durch eine andere Politik neues, gemeinschaftliches und globalhumanes Denken ermöglicht.

Bevor es an die Beantwortung der Frage gehen kann, wie diese neue Politik aussehen könnte, ist erst einmal ein weiterer Blick auf die Motive, Mentalitäten, Mechanismen und Messages zu richten, die von Migrantinnen und Migranten ausgehen und sich in der Alternative „Klagen oder Dankbarkeit?“ ausdrücken. „Migranten sind sowohl die großen ökonomischen Gewinner als auch die großen ökonomischen Verlierer der Migration“. Dieses Sowohl-als auch klingt erst einmal wie eine achselzuckende, nichtssagende Feststellung; die Analyse jedoch der Gründe jedoch zeigt auf, wie sich in dieser positiven wie negativen Gemengelage die Gewichte verteilen: Die monetären, physischen und psychischen Investitionen, die Auswanderer leisten, um an einem anderen, fremden Ort bessere Lebensperspektiven zu finden, stellen sich erst einmal als Aktivposten dar; und zwar sowohl von Seiten der Migranten, als auch für die Zielgesellschaften. Ebenso erzeugen die Erwartungshaltungen, denen Migrantinnen und Migranten unterliegen, einen ungeheuren Druck, bei den Auswanderern selbst und deren Angerhörigen, wie auch bei den aufnehmenden Individuen und Gesellschaften.

Es sind nicht zuletzt die „Zurückgebliebenen“, die Familien der Migranten,,genau so wie die Regierungen aus den Fluchtländern. Vielfach wird im Diskurs der Migrations- und Einwanderungspolitik beklagt, dass die Auswanderung von Menschen aus ihren Heimatländern zu einem Brain Drain führt, weil es nicht selten die Aktiven und Mobilen sind, die das Land verlassen und dadurch ein Mangel an Innovation und Entwicklung entsteht. Andererseits aber werden Regime in ihrer Regierungsführung auch dadurch entlastet, dass sie Bewohner, die der möglicherweise autoritären, diktatorischen und undemokratischen Regierungspolitik kritisch gegenüber stehen, durch Flucht und Auswanderung los werden, was dazu führen kann, dass ihre Macht noch gestärkt wird. Beim so genannten Khartum-Prozess, bei dem die EU-Staaten mit afrikanischen, überwiegend korrupten und despotischen Regierungen Vereinbarungen treffen, wie die Fluchtbewegungen von Afrika in Richtung Europa eingedämmt werden können, wird seitens der afrikanischen Regierungsvertreter ins Feld geführt, dass die finanziellen Überweisungen von erfolgreichen MigrantInnen in Europa an ihre Familien als Stabilisierung und Entwicklungsmotiv den ehemaligen Heimatländern zugute kommen. Diese Effekte jedoch betrachtet der Autor nicht als Hauptargument in seinem Zweifel für oder gegen Aus-Einwanderung; vielmehr erkennt er „die wahrscheinlichste Rolle der internationalen Migration als Katalysator … eines Übertragungskanals von Ideen“ wirkt.

Mit diesen vielfältigen, ökonomischen, bevölkerungspolitischen und ethischen Argumentationen schließlich kommt der Autor im fünften Kapitel seiner Analyse zu den Gründen, weshalb eine neue Einwanderungspolitik notwendig ist. Dabei legt er so grundlegende Fragen auf die Waagschale, wie „Nationen und Nationalismus“, „Individuum oder Gemeinschaft“, „Identität und Universalismus“ und kommt zu dem geschnürten Maßnahmenpaket „aus Obergrenze, Auswahl, Integration und Legalisierung“. Damit macht er deutlich, dass „internationale Massenmigration ( ) eine Folge extremer globaler Ungleichheit (ist)“. Sie lokal und global aus der Welt zu schaffen, zumindest human abzumildern, muss Ziel einer nationalen und internationalen Flüchtlings-, Migrations- und Einwanderungspolitik sein. Dies kann möglich werden, wenn es gelingt, dass „die heutigen, einkommensstarken Länder … zu postnationalen, multiethnischen Gesellschaften werden“.

Fazit

Wie bereits in seinem Prolog angekündigt, legt Paul Collier mit seinem Buch „Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“ keine Rezepte über Tun und Unterlassen vor (vgl. dazu auch: Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18946.php); vielmehr löst er sein Versprechen ein, „eine stimmige Analyse der Ergebnisse eines breiten Spektrums sozialwissenschaftlicher und moralphilosophischer Forschungen“ vorzulegen. Darin stellt er nicht nur gängige, übliche und anerkannte, wissenschaftliche Konzepte und Theorien zur Diskussion und in Frage, sondern er zeigt auch mit dem persönlichen Blick auf die Migrationsgeschichte in seiner Familie die individuellen, kollektiven, historischen, ökonomischen, kulturellen, lokal- und globalgesellschaftspolitischen Dimensionen von Wanderungs- und Fluchtbewegungen auf – und er bietet damit eine ethische Position an, die es uns ermöglichen könnte, ein neues, individuelles und gesellschaftliches Bild von Einwanderung zu gewinnen und, das ist für mich eine der wesentlichen Erkenntnisse aus seinem Buch, „dass Migration in erster Linie kein ökonomisches Problem darstellt. Es ist ein soziales Phänomen“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.12.2015 zu: Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. Siedler Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-88680-940-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19667.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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