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Dietmar Heisler: Berufsideal und moderner Arbeitsmarkt

Cover Dietmar Heisler: Berufsideal und moderner Arbeitsmarkt. Die Modernisierung des Arbeitsmarktes und ihre Konsequenzen für die berufsförmige Erwerbstätigkeit. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 415 Seiten. ISBN 978-3-7639-5551-0. 39,00 EUR.
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Thema

Dietmar Heisler zeigt am Beispiel der Körperpflegeberufe Friseur/-in und Kosmetiker/-in, dass Gesellschaft, Beruf und Berufsbildung in einer Wechselbeziehung zueinander stehen. Beide Berufe sind derzeit davon gekennzeichnet, dass sie in der Presse als Negativbeispiele für prekäre Arbeitsbedingungen herangezogenen werden, gleichzeitig erfreuen sie sich aber nach wie vor einer besonderen Beliebtheit bei jungen Erwachsenen, die sich prozentual relativ häufig für einen dieser Berufe entscheiden. Und wiederum berufspolitisch ist festzustellen, dass beide in einem Konkurrenzkampf stehen und – gerade die Vertreter des Friseurhandwerks gegenüber den Kosmetikerinnen und Kosmetikern – sich ihre einmal erarbeitete Vormachtstellung zu sichern suchen.

Anliegen der Arbeit ist es, die Körperpflegeberufe Friseur/-in und Kosmetiker/-in hinsichtlich ihrer Besonderheiten zu untersuchen. Hierfür werden die Entstehungsgeschichte beider Berufe, das aktuelle Prestige und die Bedingungen und Hintergründe für die Verschiebungen von einem Männerberuf zu einem Frauenberuf im Laufe der Jahrhunderte dargestellt. In weiteren Kapiteln stehen jeweils die Berufs- und Studienwahl, die Berufsausbildung sowie die Beschäftigungssituation in beiden Berufen im Fokus.

Autor

Prof. Dr. Dietmar Heisler ist Professor für Pädagogik für berufliche Schulen und Weiterbildung am Institut für interdisziplinäres Lernen an der HAW Landshut.

Entstehungshintergrund

Bei der hier rezensierten Arbeit handelt es sich um die Habilitationsschrift des Autors, die an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt im Jahr 2014 genehmigt wurde.

Aufbau

Die Monografie besteht aus zehn Kapiteln, zzgl. Literaturverzeichnis und Anlagen mit Archivmaterial, Hintergründen zu einem sozio-ökonomischen Panel, Interviews und Fragebögen. Die Arbeit erstreckt sich auf insgesamt 451 Seiten.

Inhalt

Im ersten Kapitel, der „Einleitung: Berufswissenschaftliche Forschung im Berufsfeld ‚Körperpflege‘“, legt der Autor den Stand der berufswissenschaftlichen Forschung im Berufsfeld Körperpflege dar. Hierfür geht er auf das Berufsprinzip ein: Die Ausbildung für einen Beruf dient immer individuellen Entwicklungsinteressen und bereit gleichzeitig auf eine – auch gesellschaftlich notwendige – Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt vor. Er thematisiert die Diskurse zur Veränderung des Begriffsgehalts Beruf, Berufsbildung und Berufsbiografie zunächst im Allgemeinen, anschließend speziell auf das Berufsfeld Körperpflege bezogen.

Im zweiten Kapitel, überschrieben mit „Das ‚Berufsproblem‘ in der berufswissenschaftlichen Forschung“, nimmt der Autor die Gedanken der Einleitung auf und zeigt jetzt die Entwicklung der Bedeutung des Begriffs Beruf vom jüdisch und christlich geprägtem Verständnis der Berufung hin zur Differenzierung in den „inneren Beruf“ und den „äußeren Beruf“. Mit Zunahme der gesellschaftlichen Bedeutung des Berufs wird sich mit dem Begriff auch sozialwissenschaftlich, später auch bildungstheoretisch auseinandergesetzt. Unter letztgenannter Perspektive geht Heisler auf die pädagogisch relevanten Epochen ein. Weitere Schwerpunkte dieses Kapitels sind die Modernisierung des Arbeitsmarktes und soziale Ungleichheit.

Im dritten Kapitel „Zur Entstehung der Körperpflegeberufe Friseur/-in und Kosmetiker/-in“ wird die zeithistorische Perspektive beibehalten, nun aber die Entwicklung der beiden Berufe ab dem Altertum und der Antike, über das Mittelalter, die Zeit des Barock und Rokoko sowie der Neuzeit bis in die Gegenwart nachgezeichnet.

Nachdem das dritte Kapitel einen zeitlich Abriss darstellt, wird im vierten Kapitel sehr ausführlich die „(a)ktuelle Konstitution der Körperpflege als Berufsfeld und Wirtschaftssektor“ in den Blick genommen. Heute ließe sich der Bereich, so Heisler, in fünf große Sektoren untergliedern (Wellness- und Fitness-Sektor, Körperpflege- und Kosmetikindustrie, der Einzelhandel, die ästhetische Medizin, das Körperpflegehandwerk). Nach Vorstellung der einzelnen Sektoren thematisiert Heisler die besondere Schwierigkeit, Körperpflegeberufe – im System aller Berufe – zu kategorisieren: So zählt der Beruf Friseur/-in zum zulassungspflichtigen Handwerk und ist in der Anlage A der Handwerksordnung (HwO) zu finden. Der Beruf Kosmetiker/-in ist hingegen ein handwerksähnlicher Beruf und wird in der Anlage B2 der HwO geregelt. Personen, die dem Friseurhandwerk angehören, werden bestimmte Privilegien eingeräumt, die Kosmetikerinnen und Kosmetikern als Angehörige eines handwerksähnlichen Berufs nicht zustehen, z.B. einheitliches Berufsbild, geregelte Berufsausbildung, Meisterausbildung, Regelungen zur Eröffnung eines Geschäfts, Regelungen zur Aufnahme eines Studiums. Diese Bedingungen sind dann auch mitverantwortlich dafür, dass die Friseure über einen starken Berufsverband verfügen.

Der Beruf Friseur/-in war historisch betrachtet zunächst nur Männern vorbehalten. Wie es zur „Verweiblichung der Berufe Friseur/-in und Kosmetiker/-in“ kam, legt das fünfte Kapitel offen.

Im sechsten Kapitel steht die „Berufsausbildung in der Körperpflege“ im Mittelpunkt. Was im vierten Kapitel nur angerissen wurde, wird jetzt sehr ausführlich dargelegt. Hierfür wird u.a. das sozio-demografische Panel (SOEP) hinsichtlich der Ausbildungszahlen (inkl. Vertragslösezahlen), Beschäftigtenzahlen und die – im Vergleich mit dem Beruf Friseur/-in – schwierige Ausbildungssituation für den Beruf Kosmetiker/-in herangezogen. Weiterhin werden auf die Meisterausbildung und das Studium in der Körperpflege eingegangen und ausgelotet, in welchem Verhältnis zeitliche Bildungsinvestitionen und beruflicher Erfolg zueinander stehen.

Das siebte Kapitel zur „Modernisierung der Berufe und ihrer Ausbildungsinhalte im Spiegel von Fachbüchern“ enthält eine auf den Inhalt bezogene Lehrbuchanalyse von zehn Fachkundebüchern. Der Autor zeigt, wie sich im Zuge der Modernisierung nicht nur Ausbildungsstrukturen und Ausbildungsbedingungen, sondern auch Ausbildungsinhalte ändern. „So hat die Analyse der Fachkundebücher zwar weniger Antworten als erhofft auf methodisch-didaktische Fragestellungen gegeben, sie hat aber viele interessante Eindrücke über den Zusammenhang von Berufsgenese, der Veränderung von Berufsstruktur und der damit einhergehenden Veränderung der Strukturen des Berufswissens vermittelt.“ (S. 285)

Das achte Kapitel setzt sich empirisch mit der „Berufs- und Studienwahl ‚Körperpflege‘“ auseinander. Nach einem Exkurs zu Berufswahltheorien werden das methodische Design einer empirischen Studie, die auf quantitative und qualitative Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung zurückgriff, vorgestellt. Im Ergebnis zeigt sich, dass es sich oftmals bei der Wahl eines Körperpflegeberufs um einen Wunschberuf handelt. Bestehende Belastungen dieser Berufe werden durch Betonung der Vorzüge relativiert. So zeigt die Untersuchung, „dass es offenbar eine deutliche Diskrepanz gibt zwischen der Einschätzung von beruflichen und sozialen Risiken sowie Belastungsfaktoren durch Außenstehende, z.B. der Eltern, und der Einschätzung dieser Belastungsfaktoren durch die befragten jungen Frauen, die sich für diese Berufe entschieden haben.“ (S. 363)

Die „Beschäftigungssituation in den Berufen Friseur/-in und Kosmetiker/-in“ steht im neunten Kapitel im Mittelpunkt. Beleuchtet werden beide Berufe hinsichtlich Arbeitslosigkeit, Einkommenssituation und „modernen“ Formen der Beschäftigung, wie bspw. Teilzeitmodelle. Nach der Darstellung, welchen berufsspezifischen Belastungen und gesundheitlichen Risiken die Berufstätigen in den Körperpflegeberufen ausgesetzt sind, wird eine qualitative Studie zu den Lebenslagen von Friseuren und Friseurinnen sowie von Kosmetikern und Kosmetikerinnen vorgestellt. Hierfür wurden Interviews mit Auszubildenden, Personen, die seit langem den Beruf ausüben, sowie Lehrerinnen und Ausbilderinnen und Berufsaussteigerinnen geführt.

Das zehnte Kapitel fasst die Ergebnisse des Buches zusammen und stellt hierbei noch einmal heraus, dass beide Körperpflegeberufe hohe soziale Risiken für die Berufsinhaber bergen (vgl. S. 403), es dennoch aber Faktoren gibt, „die diese Berufe auch sehr attraktiv und interessant machten“ (S. 403). „Das Körperpflegehandwerk und auch der Beruf bewegen sich (…) zwischen Innovation und Konservierung tradierter Strukturen.“ (S. 407)

Diskussion und Fazit

Die Studie zum Berufsideal, zu Ausbildungsstrukturen und zur Etablierung der Körperpflegeberufe auf dem modernen Arbeitsmarkt ist umfassend recherchiert (das Literaturverzeichnis erstreckt sich über 31 Seiten), sehr detailreich und zugleich für die Leserschaft in angenehmer Weise geschrieben.

Der Studie ist beim Blick ins Inhaltsverzeichnis nicht anzumerken, dass sie gleich mehrere vom Autor vorgenommene Untersuchungen enthält. Weisen als Qualifikationsarbeiten vorgelegte Monografien i.d.R. bereits in der Gliederung auf eine Differenzierung zwischen theoretischem Rahmen, methodisch/methodologischer Grundlegung und Analyse des zugrunde gelegten Datenmaterials hin, umgeht die vorliegende Arbeit die ausführliche Darstellung methodischer Zusammenhänge. Wer also nicht nur an den reinen Informationen zur Genese der Körperpflegeberufe, ihrer äußeren Abgrenzung zu anderen Berufen und einer inneren Differenzierung, sondern auch an der Entstehung des Buches interessiert ist, wer also nachvollziehen möchte, wie es zu den Forschungsergebnissen kam, sieht sich mit einigen Fragen konfrontiert, die durch die relativ geringen methodischen Hinweise aufgeworfen werden. Eine Frage ist z.B. die, warum „(d)ie Ergebnisse der Interviewbefragung (…) in die Auswertung und Interpretation der quantitativen Befragung ein(fließen)“ (S. 304), warum hingegen nicht erst die qualitative Studie durchgeführt worden ist, um dann die Ergebnisse bereits bei der Fragebogenkonstruktion zu berücksichtigt. Eine andere Frage ist, warum derart viel qualitatives Material erhoben wurde, dem Leser dann aber doch kaum kontrastive Vergleiche und die damit verbundenen Ergebnisse aufgezeigt werden. Für den wissenschaftlichen Diskurs um eine Evidenzbasierung, aber auch für die in der Berufsausbildung zunehmend geforderte Wissenschaftsorientierung wäre eine detaillierte Darstellung des methodischen Vorgehens gewinnbringend gewesen.

Trotz dieser methodischen Fragen, die am Ende offen bleiben: Das Buch ist sehr informativ und lesenswert, gut recherchiert und gerade für die Körperpflegeberufe ein wichtiges Buch. Es ist in besonderer Weise für Lehramtsstudierende und Lehrkräfte der beruflichen Fachrichtung Gesundheit und Körperpflege interessant. Aber auch Pädagogen in der Beratung von Schülerinnen und Schülern zur Berufsorientierung und Berufswahl bietet die thematische Zusammenstellung weiterführende Informationen, die in den Beratungsprozess einfließen und so an die potentiell nächste Generation in den Körperpflegeberufen weitergegeben werden können.


Rezensentin
Jun.-Prof. Astrid Seltrecht
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften, Institut I, Fachdiziplin Berufs- und Betriebspädagogik. Schwerpunkte: Fachdidaktik Gesundheit und Pflege, Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Erziehungswissenschaft, Hochschuldidaktik
Homepage www.ibbp.ovgu.de/Institut/Fachdidaktik+Gesundheits_ ...
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Zitiervorschlag
Astrid Seltrecht. Rezension vom 10.05.2016 zu: Dietmar Heisler: Berufsideal und moderner Arbeitsmarkt. Die Modernisierung des Arbeitsmarktes und ihre Konsequenzen für die berufsförmige Erwerbstätigkeit. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-7639-5551-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19669.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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