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Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut (Autismus, ADHS)

Cover Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut. Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS. Berlin Verlag (Berlin) 2015. 207 Seiten. ISBN 978-3-8270-1278-4. 20,00 EUR.
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Thema

Manche Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter, dass sie Autisten sind. So erging es auch Denise Linke, bei der der Zufall zur Diagnose führte. Charmant und witzig erzählt sie von ihrem ungewöhnlichen Leben. Sie möchte mit dem Buch zeigen, was die Gesellschaft von Menschen, die anders sind, lernen kann. Ihre Haltung: Neurodiversität ist eine große Chance.

Autorin

Im Studium, Denise Linke lebt in einer WG, rät ihr einer ihrer Mitbewohner, der Asperger-Autist ist, sich auch testen zu lassen. Die Diagnose wird bestätigt, sie ist 22 Jahre alt, studiert in Berlin Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Im Jahr 2014 gründet sie als Herausgeberin die Zeitschrift N#mmer, ein Magazin von und für Autisten und Menschen mit ADHS. Mit ihrem Magazin möchte sie eine Stimme für diejenigen sein, denen man bisher nicht zutraute, eine zu haben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch im Hardcover gliedert sich in 25 Kapitel auf 207 Seiten. Die Kapitel sind nicht durchnummeriert. Ihre Titel sind so gewählt, dass der Inhalt deutlich wird. Die Reihenfolge der Kapitel spiegelt den Lebensweg der Autorin wider und die Themen geben Antworten auf oft gestellte Fragen.

  • Von Katzen und Menschen
  • Ein Baumhaus ohne Tür
  • Hell und laut
  • Punkte für Asperger
  • Ich bin nicht krank
  • Der Rosinentest
  • Ein Buch mit sieben Siegeln
  • Wie ein Reh im Scheinwerferlicht
  • Mobbing
  • Gelebte Inklusion
  • Keine Angst vor Veränderungen
  • Gut, und dir?
  • Also doch ADHS
  • Der schönste Junge der Welt
  • Autisten haben Sex
  • Auf dem Standesamt mit Barbara Streisand
  • Fragen stellen
  • Bürojobs, Cupcakes und ein verlegter Reisepass
  • Methylphenidat
  • April, April
  • Autismus als Metapher
  • Ihr könnt doch so gut mit Zahlen
  • Zehntausend Euro und ein eigenes Magazin
  • Piercings in Manhattan
  • Tischfußball in Duderstadt
  • Mein wunderbares Leben

Inhalt

Sehr persönlich hat die Autorin über ihr Leben geschrieben. Im Studium erfährt sie eher zufällig, dass sie Asperger-Autistin ist, drei Jahre später bekommt sie noch die Diagnose ADHS. Sie berichtet von ihrer Kindheit, in der sie gerne im Garten der Eltern gespielt hat, von ihren Reisen als Teenager nach Brasilien oder später nach New York. Sie beschreibt, dass sie in der Schule gemobbt wurde, berichtet über ihr Studium und wie sie auf die Idee kam, ein Magazin herauszugeben, dass sie N#immer nennt.

Da sie kein Geld hat startet sie eine crowdfunding – Aktion. Sie bekommt das Geld zusammen und kann anfangen. Über soziale Medien sucht sie Autoren und es dauert nicht lang bis die erste Ausgabe in Druck gehen kann.

N#mmer will Aufklärungsarbeit leisten, nicht nur für Menschen mit Autismus und ADHS, auch für sog. neurotypische Menschen, die Linke „Astronauten“ nennt. Ein Magazin wie N#mmer schafft Sichtbarkeit und Normalität. Nach Ansicht der Autorin waren Menschen mit Autismus „viel zu lange viel zu leise“ (S. 192)- das wird sie mit dem Magazin N#mmer nun ändern. Mittlerweile ist die dritte Ausgabe erschienen. Wer mehr Informationen sucht wird hier http://nummer-magazin.de/ fündig.

Diskussion

Das Buch liest sich wie ein Plausch im Café, bei der die Autorin ihre Geschichte erzählt. Es ist flüssig und mit Witz geschrieben.

Frau Linke ist vom Fach, hat als Journalistin viel Erfahrung mit dem Verfassen von Texten. Manche Menschen werfen Denise Linke vor, Etikettenschwindel zu betreiben. Es wird der Vorwurf formuliert, dass sie keine Autistin sei, da sie im Buch nicht die Probleme, die mit Autismus einhergehen, beschreibt. Diese Einschätzung teile ich nicht. Diese Biografie ist allerdings wirklich bemerkenswert, denn sie ist anders als andere Biografien von Menschen aus dem autistischen Spektrum, die ich bisher gelesen habe. In anderen Büchern wurde der Unterschied zwischen dem Erleben von Menschen mit Autismus sehr deutlich herausgearbeitet. Das ist in diesem Buch nicht der Fall. Der Autorin geht es um die Darstellung der Vielfalt des Menschseins und die Wahrnehmung der Chancen, die darin liegen.

Ohne erhobenen Zeigefinger beschreibt sie Szenen, die den Spiegel vorhalten. Ihr Bericht im Kapitel „Tischfußball in Duderstadt“ trifft den Punkt und den Leser mitten ins Herz. In diesem Kapitel berichtet sie von einem Sommercamp, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammen verbringen. Witzig ist die Tischfussballszene, in der ein Team mit blinden Spielern gegen ein Team mit Sehenden, denen die Augen verbunden wurden, spielt. Die blinden Spieler gewinnen.

Behinderung ist Normalität, wird als Teil des Menschen und nicht als Barriere wahrgenommen. Man unterstützt sich gegenseitig, wer Hilfe braucht bekommt sie. In einer Gruppe von verschiedenen Menschen gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven, die Welt wahrzunehmen. Auch dazu findet man ein Beispiel: die Autorin begleitet einen blinden Mann in die Stadt. Auf dem Weg erklärt sie ihm, was sie sieht. Dabei fällt ihm auf, dass diese Beschreibung ganz anders ist, als andere Sehende den Weg beschreiben würden. Frau Linke richtet ihren Fokus auf Details und nicht auf das Gesamtbild. Sie eröffnet ihm damit eine andere Sicht auf die Welt. Anschließend tauschen sie die Rollen und er beschreibt, wie er die Welt wahrnimmt und damit eröffnet sich ihr eine neue Welt, die voll intensiver Sinneswahrnehmungen an Geräuschen und Gerüchen ist.

Es ist dieser Blickwechsel, der das Buch so anders macht. Es geht Denise Linke nicht darum, die Welt in zwei Seiten zu teilen: hier die Autisten, dort die Neurotypischen. Ihr ist es ein Anliegen, die Vielfalt, die Neurodiversität herauszuarbeiten und die Leserschaft erleben zu lassen, dass Vielfalt Bereicherung bedeutet.

Die Anwendung der UN Konvention führt unweigerlich zu einem Paradigmenwechsel, bei dem nicht mehr die Orientierung an einer vorgegebenen Norm der Königsweg ist. Dieses Schubladensortieren ist überholt. Am Ende des Buches wünscht man sich weniger Normalität für alle und mehr Akzeptanz für jeden Menschen, so wie es der Titel sagt: „Nicht normal, aber das richtig gut.“

Fazit

Manche Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter, dass sie Autisten sind. So erging es auch Denise Linke, bei der der Zufall zur Diagnose führte. Charmant und witzig erzählt sie von ihrem ungewöhnlichen Leben. Sie möchte mit dem Buch zeigen, was die Gesellschaft von Menschen, die anders sind, lernen kann. Ihre Haltung: Neurodiversität ist eine große Chance.

Mit diesem Buch wurde nicht nur eine interessante Biografie einer bemerkenswerten Frau vorgelegt. Nebenher bietet es die Möglichkeit etwas über neurologische Varianten des Menschen zu erfahren, die in dem Zeitalter vor der Inklusion noch als Behinderung oder Defizit wahrgenommen wurden, jetzt im Zeitalter der Inklusion Bereicherungen unserer Gesellschaft sind. Kein Mensch gleicht dem anderen, jeder Mensch besitzt Fähigkeiten – es gilt die Perspektive zu wechseln und vorhandenes bewusst wahrzunehmen. Fesselnd schreibt die Autorin über ihr „wunderbares Leben mit Autismus und ADHS“.

Nachdem ich das Buch zur Hand nahm, habe ich es an einem Stück durchgelesen. In einem zweiten Durchgang habe ich gezielt Themen ausgewählt und gelesen. Das gelingt sehr gut, da die Kapiteltitel so gewählt sind, dass man sich sicher orientieren und gezielt suchen kann. Wer auf der Suche nach einer anderen Art der Biografie ist sollte das Buch kaufen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 09.12.2015 zu: Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut. Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS. Berlin Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8270-1278-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19672.php, Datum des Zugriffs 28.06.2017.


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