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Kate Cregan, Denise Cuthbert: Global Childhoods

Cover Kate Cregan, Denise Cuthbert: Global Childhoods. SAGE Publications, Ltd (London) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-1-4462-0900-4. 36,10 EUR.
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Thema

Die soziale Kindheitsforschung hat seit den 1980er Jahren den Blick dafür geschärft, dass Kindheit nicht ein natürlicher Zustand, sondern eine historisch entstandene und sich immer wieder verändernde soziokulturelle Konstruktion ist. Sie hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass das, was wir unter Kindheit verstehen, davon abhängt, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird und von welchen Interessen diese Perspektive geleitet wird. Die Vorstellungen von Kindheit sind auch immer von normativen Maßstäben beeinflusst, was Kindern zusteht und für sie gut ist – und dies unterscheidet sich zum Teil beträchtlich in verschiedenen Weltregionen und Kulturen.

Die heute dominierende und oft als universell propagierte Vorstellung von Kindheit ist mit der bürgerlichen Aufklärung in Europa entstanden. Sie besteht darin, Kindheit als eine Entwicklungsphase zu betrachten, die strikt von der Welt der Erwachsenen getrennt und als Schutz- und Schonraum konzipiert ist. Kindern wird ein gewisser Eigenraum zugestanden, in dem sie gleichsam auf Probe lernen sollen, ein „richtiger Erwachsener“ und ggf. auch Staatsbürger zu werden. Die darin eingeschriebenen Elemente von Eigenständigkeit und Partizipation bleiben in der Regel auf „Kinderangelegenheiten“ beschränkt und unterliegen der Kontrolle der Erwachsenen.

Angesichts der großen Unterschiede zwischen den Lebensumständen und dem Selbstverständnis von Kindern in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Regionen der Welt, stellt sich die Frage, ob von einer einzigen Kindheit oder ob eher von verschiedenen Kindheiten zu sprechen ist. Gelegentlich wird unter dem Eindruck wirtschaftlicher Globalisierungsprozesse und der Ausbreitung elektronischer Medien angenommen, es habe sich in jüngster Zeit eine Art globaler Kindheit herausgebildet. Zwar haben Kinder heute mehr als früher Möglichkeiten, Realitäten außerhalb ihres nahen Lebensumfeldes wahrzunehmen, aber die Rede von der globalen Kindheit verleitet leicht dazu, zu übersehen, dass sich in ihr vorwiegend das im Globalen Norden favorisierte Kindheitsbild spiegelt. Das Leben von Kindern bleibt von der Globalisierung nicht unberührt, aber sie führt beileibe nicht dazu, dass alle Kinder der Welt sich in derselben Lebenssituation befinden und dieselbe Kindheit hätten.

Die in Europa entstandene Vorstellung von Kindheit ist vielfach mit dem Anspruch verbunden, auch in anderen Teilen der Welt durchgesetzt zu werden. Der verbreitete Sprachgebrauch (z.B. von UNICEF), Kinder, deren Lebenssituation nicht dem europäischen Vorbild entspricht, als „Kinder ohne Kindheit“ zu bezeichnen, kann dazu führen, dass deren Leben nicht angemessen wahrgenommen oder sogar ignoriert und herabgewürdigt wird.

Die Autorinnen, Kate Cregan und Denise Cuthbert, sind Kindheitsforscherinnen an der RMIT University in Melbourne (Australien). Sie befassen sich in ihrem Buch mit dem, was ein Globalisierungsprojekt von Kindheit genannt werden könnte. Dabei gehen sie der Frage nach, wie das in Europa entstandene „westliche“ Kindheitskonzept in der Welt verbreitet wird und welche unvermeidlichen Fallstricke und Widersprüche damit verbunden sind. Da sie ihren Blick nicht auf das propagierte Ziel beschränken und dieses nicht unbesehen für bare Münze nehmen, sondern auch die tatsächlichen Lebensverhältnisse der Kinder in verschiedenen Teilen der Welt ins Auge fassen, kommen sie zu dem Ergebnis, nicht von einer einzigen, sondern von verschiedenen „globalen Kindheiten“ (siehe Buchtitel) zu sprechen. Beim Blick auf die verschiedenen Regionen der Erde unterscheiden sie zwischen dem „Globalen Norden“, von dem das Globalisierungsprojekt von Kindheit seinen Ausgang nimmt, und dem „Globalen Süden“, auf den sich das Projekt vornehmlich richtet und in dem darauf verschiedene Antworten gegeben werden. Die Unterscheidung ist nicht in einem geografischen, sondern in einem geopolitischen Sinn zu verstehen. Zum „Norden“ werden vornehmlich Europa, Nordamerika und Australien gerechnet, zum „Süden“ die sogenannten Entwicklungsländer in Afrika, Asien und Südamerika. Dazwischen ist eine wachsende Zahl von sogenannten Schwellenländern angesiedelt, z.B. Brasilien und China.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil, der aus den Kapiteln 1 bis 4 besteht, werden grundlegende Ideen und theoretische Ansätze der Kindheitsforschungvorgestellt und diskutiert.
  2. Im zweiten Teil, der aus den Kapiteln 5 bis 9 besteht, wird anhand von Fallstudien herausgearbeitet, welche Herausforderungen sich für eine kontextbezogene und kultursensible Kindheitsforschung ergeben.

In beiden Teilen stehen das „westliche“ Verständnis von Kindern und Kindheit und seine Ausbreitung in der Welt auf dem Prüfstand.

In Kapitel 1 („Knowing Children: Theory and Method in the Study of Childhood“) wird das im Globalen Norden verortete Verständnis von Kindern und Kindheit umrissen und als ein widersprüchliches Konstrukt identifiziert. Einerseits würden Kinder als „werdende Erwachsene“ und Kindheit als „Entwicklungsphase“ konzipiert (vornehmlich in Erziehung, Gesetzen und Medizin), andererseits als kompetente Akteure verstanden, die eng mit den je besonderen Lebensverhältnissen verknüpft seien und darin eine aktive Rolle spielen oder spielen sollen (vornehmlich in Soziologie, Anthropologie und Politikwissenschaft). Beide Varianten würden im Zuge der Globalisierungsprozesse zur vorherrschenden Denkweise über Kinder und Kindheit in der ganzen Welt, allerdings auch in verschiedenen Ländern und lokalen Praktiken mehr oder minder offen in Frage gestellt.

In Kapitel 2 („What is a Child?: Making Meaning of Children and Childhood“) wird unter Rückgriff auf historische Forschungen nachgezeichnet, unter welchen Voraussetzungen sich das heute dominante Verständnis von Kindern und Kindheit zwischen dem späten 17. und dem 20. Jahrhundert im westlichen Europa herausgebildet hat und über pädagogische Handlungsanleitungen und Institutionalisierungen popularisiert worden ist. Die Darstellung dient dazu, deutlich zu machen, in welche Fallstricke die Propagierung dieses Kindheitsverständnisses gerät, wenn die jeweils besonderen Lebensverhältnisse der Kinder nicht mit beachtet werden. Solche Fallstricke ergeben sich nach Ansicht der Autorinnen vor allem im Globalen Süden.

In Kapitel 3 („Global Childhoods: Children as Objects of National and Global Concern“) wird dargelegt, wie Kinder im 20. Jahrhundert, dem „Jahrhundert des Kindes“ (Ellen Key), zum Objekt nationalstaatlicher und internationaler Politik wurden. Dies drücke sich in einer Fülle von Gesetzen und internationalen Verträgen, in denen der Staat und die „internationale Gemeinschaft“ sich zum Sachwalter der kindlichen Entwicklung, Erziehung, Schutz und Versorgung gemacht haben. Trotz Fortschritten in den Lebensbedingungen von Kindern blieben Kinder und Kindheit Anlass für Sorge und Befürchtungen. Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert sei auch die Befürchtung gewachsen, dass die überkommenen Vorstellungen von Kindheit an ihr Ende („death of childhood“) gelangt seien und die Kinder vor einer ungewissen Zukunft stünden.

In Kapitel 4 („The Convention on the Rights of the Child and the Construction of the Normative Global Child“) wird die UN-Kinderrechtskonvention als Versuch diskutiert, auf globaler Ebene Normen für eine gute Kindheit festzuschreiben. Die Vorstellungen von Kindheit hätten sich von schutzbetonten zu partizipativen Konzepten verschoben, wobei die in Europa entstandenen Kindheitsmuster zum Vorbild gedient hätten. Die Debatten um die Kinderrechtskonvention zeigten, dass Spannungen zwischen ihrem universellen Anspruch und kultureller Diversität bestünden. Der normative Anspruch, ein „globales Kind“ zu konstruieren, müsse vor allem im Globalen Süden, in dem Grundfragen des Überlebens das Leben der Kinder bestimmen, erst noch beweisen, ob er angemessen und wirksam sei. Die Quintessenz des Kapitels, das den ersten Teil des Buches abschließt, kommt in folgendem Zitat zum Ausdruck: „The rights-based approach to children of the late twentieth century arose out of the earlier welfare or protection regimes. Each of these conceptual frameworks for the advancement of children reflect prevailing intellectual and political current of their times. There are signs that the dominance of rights-based thinking on children is now giving way to a more holistic consideration of child well-being as the basis of global policy and action. In the journey from the protection of children to the rights of children and now it seems the well-being of children, children nonetheless remain largely subject to policy and approaches to which they have little input. While they remain object of global concern and action, considerations of what a child is and how children´s interests are best advanced rarely actively include the voices and views of children themselves.“ (S. 73)

Das 5. Kapitel („The Habitus of Childhood: Home, School, Work“), mit dem die Fallstudien des zweiten Teils eingeleitet werden, befasst sich mit Familie, Schule und Arbeit als Orten, an denen sich während der Kindheit Identitäten oder – wie die Autorinnen unter Bezug auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu sagen – der Habitus herausbilden. Es wird gezeigt, dass ein Kindheitskonzept, das an den genannten Orten auf der Vorrangstellung von Erwachsenen aufbaut oder bestimmte Orte für Kinder ausschließt, in vielen Situationen – vor allem im Globalen Süden – zu einer noch stärkeren Marginalisierung und Benachteiligung der Kinder führen kann und eine Kategorie von Kindern entstehen lässt, die fehl am Platz scheinen (als „children out of place“ bezeichnet). Eines der untersuchten Beispiele sind die sog. child-headed households, die als Folge der AIDS-Pandemie oder von Kriegen vor allem im südlichen Afrika zu finden sind. Sie erweisen sich für Kinder, die ihre Familie verloren haben, als die bessere Alternative gegenüber der Verpflanzung der Kinder in eine besondere Institution oder Pflegefamilien. Ein anderes Beispiel sind arbeitende Kinder. Sie hätten trotz oft prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen eine im üblichen Kindheitsmuster nicht vorgesehene Selbstständigkeit erreicht, die durch ihre Verpflanzung an vermeintlich „kindgemäße“ Orte oder in eine hierarchisch bis autoritär strukturierte Schule verloren zu gehen drohe. Kindern, deren Habitus dem dominanten Kindheitsmuster nicht entspreche, würden auf diese Weise „verkindlicht“ („re-childed“). Die Autorinnen plädieren dafür, über das gewohnte Kindheitsmuster hinauszudenken und auch solche Orte für Kinder als legitim anzuerkennen, die darin nicht vorgesehen sind.

Kapitel 6 (Children and Disaster: ‘Child Soldiers‘ and Orphans) ist zwei weiteren „Kategorien“ von Kindern gewidmet, deren Leben als „unkindlich“ („unchildlike“) erscheint: „Kindersoldaten“ und „Waisen“. Die Autorinnen demonstrieren, dass die gelebte Realität der so etikettierten Kinder wesentlich komplexer ist, als die polarisierten Darstellungen in den Medien, aber auch offizielle Definitionen von UN-Institutionen wie UNICEF und kinderrechtsbasierte Hilfsprogramme nahelegen. Sie plädieren dafür, auf solche Kategorisierungen zu verzichten und Hilfskonzepte zu überdenken, die die Kinder nur als Opfer von Katastrophen wahrnehmen und sie zu „retten“ und „rehabilitieren“ beanspruchen. Sehr kritisch setzen sie sich auch mit der Adoption von vermeintlichen Waisen aus dem Süden in den Norden auseinander. Sie sei ein Geschäft geworden, das den Eindruck nahelege, dass vielfach nicht die „Waisen“ Adoption benötigen, sondern die Adoptionspraxis nach „Waisen“ verlangt und sie sogar als solche erfindet. Stattdessen sollten Unterstützungsformen gefunden werden, die den Lebenskontext der Kinder beachten, ihre eigenen Sichtweisen, Interessen und Handlungskompetenzen respektieren und gemeinsam mit den Kindern vor Ort nach Lösungen suchen.

In Kapitel 7 („The Child and the Nation: Case Studies in the Persecution and Forced Removal of Children by the State“) setzen sich die Autorinnen mit der nationalistischen Rhetorik auseinander, dass Kinder zentral für die Zukunft der Nation seien. Mit zahlreichen Beispielen aus dem Norden und dem Süden belegen sie, dass Kinder keineswegs in gleicher Weise durch den Staat geschätzt und geschützt, sondern vielfach diskriminiert, ausgegrenzt und misshandelt wurden und werden. Als Beispiele werden u.a. genannt: Indigene Kinder, die (z.B. in Australien oder Kanada) ihren Eltern weggenommen und forcierter Assimilierung unterworfen oder sterilisiert wurden. Oder Kinder, die bei der Gründung neuer Staaten (z.B. auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien) ihrer Staatsangehörigkeit beraubt und zu „Staatenlosen“ gemacht wurden. Oder die willkürliche Adoption von Kindern, deren Mütter und Väter politisch verfolgt, zum „Verschwinden“ gebracht und ermordet wurden (z.B. unter dem Militärregime in Argentinien). Ein weniger bekanntes Beispiel ist die Deportation von armen, elternlosen, ausgesetzten oder „auffällig“ gewordenen Kindern aus dem britischen „Mutterland“ in (ehemalige) Kolonien, wo sie als billige Arbeitskräfte schamlos ausgebeutet wurden; eine Praxis die in Großbritannien bis in die 1960er Jahre üblich war. Für die heutige Zeit ließe sich die von europäischen Staaten praktizierte Deportation von Flüchtlingskindern oder die willkürliche Behandlung palästinensischer Kinder durch die israelische Besatzung ergänzen. Die Autorinnen bezeichnen solche Praktiken als „politically motivated social engineering“, das einem Genozid, Ethnozid oder Ideozid („ideocide“), also einem rassistisch oder ideologisch motivierten Völkermord gleichkomme.

In Kapitel 8 („The Value of Children“) widmen sich die Autorinnen der komplexen Frage, welcher Wert Kindern beigemessen wird. Sie verstehen „Wert“ in verschiedener Weise, von der Funktionalität oder Nützlichkeit im ökonomischen Sinn, bis hin zur emotionalen, psychischen oder symbolischen Wertschätzung. Auf den ersten Blick scheint das dominierende „westliche“ Verständnis von Kindheit eine Bewertung von Kindern nicht einzuschließen, aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Kinder sehr wohl auch einer wirtschaftlichen Bewertung unterliegen, die in der Regel auf den Wert und den Vorteil, den Kinder für Erwachsene erbringen, bezogen ist. Dies wird z.B. offensichtlich, wenn Versicherungen abgeschlossen werden, eine Adoption geplant ist, oder wenn, wie es heute üblich ist, der Sinn schulischer Bildung darin gesehen wird, „Humankapital“ hervorzubringen. Unter Bezug auf die bahnbrechende Studie der US-amerikanischen Soziologin Viviana Zelizer „Pricing the Priceless Child: The Changing Social Value of Children“ (1985) machen die Autorinnen darauf aufmerksam, dass der Kindern beigemessene Wert sich im Laufe der Geschichte verändert hat und sich in verschiedenen Kulturen unterscheidet. Er gilt auch in derselben Gesellschaft nicht für alle Kinder in gleicher Weise, sondern wird oft davon abhängig gemacht, welches Geschlecht Kinder haben, aus welcher Klasse oder Ethnie sie stammen oder welchen staatsbürgerlichen Status sie haben. Die Autorinnen plädieren deshalb für eine „holistische“ Betrachtungsweise, in der die Frage des Werts von Kindern im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext reflektiert und mit der Frage verbunden wird, welche Interessen sich in der Bewertung von Kindern niederschlagen.

Im abschließenden 9. Kapitel („Future Children: Identity and Perfectibility“) richten die Autorinnen den Blick auf die Veränderungen, die sich heute in den Konzeptionen von Kindheit und dem Umgang mit Kindern oder der Nachwuchsplanung abzeichnen. Sie untersuchen die bisher schon erkennbaren Auswirkungen biomedizinischer Technologien, die es ermöglichen, bereits vor der Geburt das Geschlecht oder andere Eigenschaften des erwarteten Kindes zu erkennen oder sich ein Kind durch eine Samenspende oder mittels „Leihmüttern“ erzeugen zu lassen. Die Autorinnen machen auf die Folgen aufmerksam, die diese Praktiken für das Verständnis von Familie und Verwandtschaft und vor allem für die zukünftige Identität der auf diese Weise entstandenen Kinder haben kann. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die schwedische Frauen- und Kinderrechtsaktivistin Ellen Key in ihrem weltberühmten Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ (deutsche Neuausgabe: Weinheim 2000) ein Recht des Kindes proklamiert, seine Eltern zu wählen. Sie wollte mit diesem paradox erscheinenden Recht Kindern ein Leben in Armut und Krankheit ersparen. Unter dem Eindruck der damals verbreiteten Denkströmung der Eugenik verstand sie dieses Recht als Aufforderung an den Staat, die Erzeugung von Kindern nur Eltern zu gestatten, die „gesund“ sind und in verantwortlicher Weise für das Kind sorgen können. Ohne sich auf das historische Beispiel von Ellen Key zu beziehen, bringen auch die Autorinnen des hier vorgestellten Buches die Zukunft der Kinder mit den Rechten in Verbindung, „wählen“ und „wissen“ zu können. Sie verstehen diese Rechte aber nicht als eine Pflicht zur Kontrolle der Elternschaft, sondern als Recht der Kinder, in ihrem (späteren) Leben die Freiheit zu haben, über ihr Geschlecht (Gender) entscheiden zu können, und zu erfahren, wer ihre Erzeuger waren. Die Autorinnen betonen die Pflicht des Staates und der internationalen Gemeinschaft, die möglichen Folgen der neuen biomedizinischen Technologien zu bedenken und rechtliche Regelungen zu treffen, die Kinder davor bewahren, zum Spielball biotechnischer Willkür zu werden. Vor allem halten sie es für wichtig, dem Trend zum „Perfektionismus“ beim „biomedizinischen Management von Kindern“ Schranken zu setzen. Mit Blick auf den Medizintourismus, der sich z.B. die materielle Not indischer Frauen zunutze macht, die sich um des Überlebens willen als Leihmütter zur Verfügung stellen, plädieren sie dafür, die Rechte und Würde dieser Frauen ebenso zu wahren wie die der Kinder, die auf diese Weise zur Welt kommen.

Diskussion

Wer sich heute mit Kindern und Kindheit(en) in der Welt befasst, kommt an der UN-Kinderrechtskonvention nicht vorbei. Dieses 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen einmütig beschlossene und von fast allen Staaten (mit Ausnahme der USA und Südsudans) ratifizierte völkerrechtliche Übereinkommen ist nicht nur der Kulminationspunkt eines Prozesses, der mit der Erfindung der Menschenrechte in der europäischen Aufklärung begann. Es hat auch die seitdem weltweit geführten Debatten um das, was kindgemäß ist und Kindern zusteht, entscheidend geprägt. In diesen Debatten wird die Kinderrechtskonvention keineswegs einhellig begrüßt. Neben denen, die Kinderrechte überhaupt in Zweifel ziehen, weil Kinder keine zum rationalen Denken fähige Menschen seien, werden selbst von den Kinderrechtsbefürwortern mindestens zwei gegensätzliche Positionen vertreten. Während die einen die Kinderrechtskonvention als „Meilenstein“ (UNICEF) auf dem Weg zu einer besseren Kindheit betrachten und nur noch ihre mangelnde Umsetzung beklagen, sehen die anderen in ihr ein imperiales eurozentrisches Projekt, mit dem die „westlichen“ Vorstellungen von Kindheit ungeachtet kultureller Diversität „globalisiert“ und dem „Rest der Welt“ aufgedrängt werden.

Kate Cregan und Denise Cuthbert fordern mit ihrem Buch dazu heraus, über diese kontroversen Positionen hinauszugehen und zu einer differenzierteren Beurteilung zu gelangen. Sie lassen keinen Zweifel, dass das mit der Kinderrechtskonvention transportierte Kindheitsbild westlichen Ursprungs ist und mit dazu beiträgt, Kindheiten zu missachten und fehl zu deuten, die diesem Bild nicht entsprechen, aber sie erkennen auch an, dass die Konvention für die Nöte und Interessen von Kindern, die bislang wenig Beachtung fanden und auf die wenig Rücksicht genommen wurde, sensibilisiert hat. Vermutlich wären die von Staaten zu verantwortenden Verbrechen an Kindern, über die im Buch detailliert berichtet wird, durch das pure Vorhandensein der Konvention nicht verhindert worden, aber mit der Konvention ist ein rechtliches Instrument entstanden, das solche Verbrechen wirkungsvoller zu denunzieren und zu bekämpfen erlaubt.

Gewiss ist es nicht immer leicht, den roten Faden im Auge zu behalten, von dem sich die beiden Autorinnen leiten lassen. Es fehlt eine konzise Einleitung und ein resümierendes Schlusskapitel, wo die Quintessenzen des Buches hätten verdeutlicht werden können. Auch ist es mitunter verwirrend, wenn die Autorinnen Begriffe verwenden – wie „entwickelte“ oder „Entwicklungsländer“ oder „Modernisierung“ – die mit ihren Grundgedanken eigentlich nicht kompatibel sind und zumindest in ihrer Problematik hätten gekennzeichnet werden sollen. Aber wer sich die Mühe macht, das Buch aufmerksam zu lesen (die jedem Kapitel vorangestellten wesentlichen Thesen sind dabei hilfreich), kann durchaus erkennen, worum es den beiden Autorinnen vorwiegend geht. Mit der scheinbar paradoxen, als Buchtitel gewählten Formulierung „Globale Kindheiten“ bringen sie zum Ausdruck, dass das Leben von Kindern in verschiedenen Regionen und Kulturen der Welt nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet, aber auch nicht an dem westlichen Kindheitsbild als einzigem Maßstab gemessen und beurteilt werden kann. Wo dies geschieht, geraten Kindheiten im Globalen Süden in die Gefahr, durch den Globalen Norden auch noch nach dem Ende der Kolonialherrschaft weiterhin kolonisiert, ausgegrenzt und unterdrückt zu werden.

Der Maßstab für den weltweiten Umgang mit Kindern, für den die Autorinnen plädieren, gleicht demjenigen, den der polnisch-jüdische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak bereits vor nunmehr hundert Jahren aufgestellt hat: allen Kindern, ungeachtet ihres Alters, ihres Geschlechts, ihrer sozialen, kulturellen und regionalen Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer persönlichen Eigenheiten mit Respekt zu begegnen und ihre Menschenwürde zu achten. Dies heißt auch, für eine Welt einzutreten, die allen Kindern ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen und sich überall dort einzumischen und Gehör zu finden, wo ihre Gegenwart und Zukunft auf dem Spiel steht.

Dies hat, wie Kate Cregan und Denise Cuthbert in ihrem Buch unterstreichen, auch Konsequenzen für den Umgang mit der UN-Kinderrechtskonvention. Sie sollte nicht als eine Art Bibel betrachtet werden, die über jede Kritik erhaben ist und auf jede Frage in jedem Teil der Welt eine angemessene Antwort bereithält, sondern als ein in einer bestimmten historischen Situation entstandenes völkerrechtliches Dokument, das der ständigen Korrektur und Weiterentwicklung bedarf. Ein solches Verständnis von Kinderrechten geht auch über die verbreitete (und in der Konvention favorisierte) Auffassung hinaus, die staatlichen Autoritäten seien der Nabel der Welt. Solange die Welt nach Staaten geordnet ist, haben diese eine besondere Verantwortung für das Wohlbefinden der Kinder, die in ihrem Einflussbereich leben. Aber diese Verantwortung kommt erst zum Tragen, wenn es auch den Kindern selbst möglich ist, ihre Rechte zu gebrauchen und sie einzufordern, wo sie verletzt werden.

Fazit

Das Buch „Global Childhoods“ vermittelt einen konkreten Eindruck von den vielfältigen und widersprüchlichen Facetten der Globalisierung heutiger Kindheiten und zeigt Wege auf, wie mit den Kinderrechten in kontextbezogener und kultursensibler Weise umgegangen werden kann. In deutscher Sprache hat es bisher nicht seinesgleichen.

Summary

The book “Global Childhoods” by Kate Cregan and Denise Cuthbert provides a concrete impression of the diverse and disputed facets of the globalization process and its impacts on contemporary childhoods. The authors identify the UN Convention on the Rights of the Child as a Western-based controversially discussed driver of global norms for a “good childhood”, and highlight how children‘s rights can be dealt with in a critical, contextualized and culture-sensitive manner. There is no similar publication in German so far.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 06.01.2016 zu: Kate Cregan, Denise Cuthbert: Global Childhoods. SAGE Publications, Ltd (London) 2014. ISBN 978-1-4462-0900-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19675.php, Datum des Zugriffs 24.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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