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Clemens Bergner: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen

Cover Clemens Bergner: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen. Nur ein kleiner Schnitt? Betroffene packen aus über Schmerzen - Verlust - Scham. tredition GmbH (Hamburg) 2015. 324 Seiten. ISBN 978-3-7323-4012-5. 17,90 EUR.
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Thema

Ein vierjähriger muslimischer Junge wird im November 2010 in die Notaufnahme der Kölner Universitätsklinik eingeliefert. Nach einer rituellen Beschneidung stellten sich starke Blutungen ein. Die daraufhin durchgeführten Ermittlungen der Justiz führen durch das Landgericht Köln zu einer Anklage, Verurteilung und zugleich einem Freispruch für den behandelnden Arzt. Dieser Fall ist der Ausgangspunkt einer der heftigsten politischen Kontroversen der vergangenen Jahre (Elternrecht auf religiöse Kindererziehung vs. Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung) und endet mit einer Neufassung des § 1631d BGB durch den Gesetzgeber, der fortan die Beschneidung bei Jungen in Deutschland – im Gegensatz zu Mädchen (StGB 226a) – erlaubt. Mit dieser rechtlichen Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts wird Jungen ihre Schutzwürdigkeit vor nicht-medizinisch begründeten genitalen Eingriffen abgesprochen. Aufschlussreich ist, dass nach dem Gerichtsurteil ein öffentlicher, ideologisch aufgeheizter Schlagabtausch stattfand und bei dem überstürzten Gesetzgebungsverfahren die Betroffenen außen vor blieben. Nicht mit ihnen, sondern über sie wurde gestritten, präziser wäre wohl: sie dienten als Objekt der Erregung auf der Grundlage nicht näher überprüfter und hinterfragter Vorannahmen.

Autor/Herausgeber

Bis auf wenige Betroffene, die bereit waren, unter vollem Namen aufzutreten, bestanden fast alle interviewten Personen auf ein selbstgewähltes Pseudonym. Auch der als Herausgeber fungierende Autor des Buches – Clemens Bergner - tritt ebenfalls nicht mit seinem wirklichen Namen auf, da er sich schützen wollte.

Entstehungshintergrund

In der Hochzeit des öffentlichen Streites um die Beschneidung von Jungen (Mitte 2012) häufen sich in einer neu eingerichteten Internetplattform www.beschneidungsforum.de innerhalb kürzester Zeit zahlreiche traurige und ergreifende Berichte betroffener Männer über ihre Leidensgeschichte. Bis dahin lagen keine öffentlichen Äußerungen von Betroffenen vor. Die Entscheidung des den Band herausgebenden Autors seine eigene Beschneidungsgeschichte aufzuarbeiten, gibt den Ausschlag für die Entscheidung zu der Publikation. Zusätzlich findet er 76 weitere Menschen, die schwerpunktmäßig aus Deutschland und Österreich, aber auch aus Großbritannien, Australien, Israel sowie den USA kommen und deren Aussagen zu der verleugneten anderen Seite der Vorhautbeschneidung er zusammentrug.

Aufbau und Inhalte

  1. Meine eigene Geschichte
  2. Über Entstehung, Absicht und Hintergründe dieses Buches
  3. Berichte betroffener Männer
    1. Warum eigentlich? – Gründe für die Vorhautbeschneidung
    2. Kurz und schmerzlos? – Wie Jungen ihre Beschneidung erleben
    3. Körperliche Veränderungen – Nichts ist mehr, wie es sein sollte
    4. Schäden, die in die Tiefe gehen – Psychische Auswirkungen
    5. Entspannt bis zerstört – Das Verhältnis zu den Eltern
    6. Alles ganz harmlos? - Sexuelle Auswirkungen
    7. Restoring – Die Wiederherstellung der Vorhaut?
    8. Sprachlos – Vom Problem, sich mitzuteilen
    9. Es ist traummatisierend – Wie betroffene Männer die öffentliche Debatte über Jungenbeschneidung erleben
  4. Indirekt Betroffene berichten

    1. Eher würde ich allein bleiben – Die Geschichte der Luisa G.
    2. Es ist nicht mehr so einfach… – Wie Partner die Unterschiede sehen
    3. Wundsein und Schmerzen – Auswirkungen auf die Partner
    4. Geruchsneutral, trocken und sauber – Chirurgisch präzise Hygiene
    5. Wie Männer empfinden – Aus Sicht der Partner
    6. Schuldgefühle – Liegt es an mir?
    7. Fatale Einschränkungen – Das Problem mit Kondomen
    8. Verletzte Seelen – Die Psyche der Partner
    9. Restoring – Wie es von den Partnern erlebt wird
    10. Konflikte und Belastungen – Von der Angst, darüber zu sprechen
    11. Nichts ist so schlimm wie das Bedauern – Eltern äußern sich
    12. Angst, Komplikationen und Betrug – Ein Gespräch mit einer Krankenschwester

Mutig beginnt das Buch mit der eigenen Geschichte des Autors. Er hält seinen persönlichen „Weg der Erkenntnis“ für bemerkens- und erzählenswert: „Es ist der Weg eines Mannes, der seine eigene Beschneidung zunächst noch als etwas Normales und Positives betrachtet, hin zu einem aufgeklärten und zutiefst überzeugten Kritiker dieses Eingriffs.“ (S. 65)

Im zweiten Teil lässt der Autor betroffene Männer berichten über die Begründungen für die an ihnen vorgenommene Vorhautbeschneidung, wie sie diese erleben, welche psychischen und sexuellen Auswirkungen diese hat und welche Möglichkeiten der Wiederherstellung der Vorhaut es gibt. Dabei wird auch auf die traumatisierende Wirkung der öffentlichen Debatte über Jungenbeschneidung eingegangen.

Im dritten Teil berichten indirekt Betroffene, wie PartnerInnen, Eltern und eine Krankenschwester.

Das Buch schließt ab mit einem Nachwort von Mario Lichtenheldt: Man tut Kindern nicht weh! und weiterführenden Informationen und nützlichen Adressen.

Diskussion

Als symbolischer Akt wird qua Beschneidung die patriarchale Hierarchie gegenüber Frauen aber auch Männern hergestellt. Das System gewaltlegitimierende Männlichkeit stellt sich über die Zufügung von Schmerzen und das Aushalten von Ohnmacht und Ausgeliefertsein her. Wer das aushält, gilt als auf dem Weg zum „richtigen“ Mann (Schmerzsensibilisierung). Warum ist die Beschneidung von Jungen (im Gegensatz zur weiblichen Beschneidung) bislang insbesondere hinsichtlich der Folgen für die Betroffenen nicht erforscht? Warum kümmert sich die soziale Arbeit bislang nicht darum? Gilt in einer patriarchal orientierten Gesellschaft das Leid von Männern als dysfunktional? Erhält die männliche Verletzbarkeit erst dann eine Chance, wenn die Betroffenen in ihrer Not grenzübergriffig oder gewalttätig werden?

Fazit

Die Veröffentlichung beabsichtigt, dazu beizutragen, der Verharmlosung massenhaften Leids betroffener Männer ein Ende zu setzen. Als kleine Jungen waren sie – ohne ihre Zustimmung – einer nicht-medizinisch induzierten Beschneidung ausgesetzt. Damit wird ein anderer Fokus gesetzt, als die Männer, die von den Auswirkungen der Beschneidung (Penishygiene und Sexualleben) begeistert sind. „Ja, es gibt sie: Männer, die ihre Beschneidung als traumatisch empfinden, die von Schmerzen, Narben und Verwachsungen an ihrem operierten Penis berichten, von schweren Gefühlseinbußen und psychischen Problemen. … [Diese] unangenehme, schmerzhafte, brutale, scham- und problembehaftete Seite der Zirkumzision und ihrer Folgen“ (S. 72) werden in dem Buch anhand von Aussagen von 76 Betroffenen und ihren Angehörigen über die Begründungen der durchgeführten Genitalverstümmelungen, welche psychischen und sexuellen Auswirkungen durch sie eingetreten sind und welche Möglichkeiten der Wiederherstellung der Vorhaut es gibt.

Manches davon geht ziemlich unter die Haut. Eine wichtige, längst überfällige und sehr berührende Veröffentlichung!


Rezensent
Hans-Joachim Lenz
Sozialwissenschaftler, Geschlechterforscher, Dozent,
Homepage www.geschlechterforschung.net
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Lenz. Rezension vom 08.02.2016 zu: Clemens Bergner: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen. Nur ein kleiner Schnitt? Betroffene packen aus über Schmerzen - Verlust - Scham. tredition GmbH (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-7323-4012-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19688.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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