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Jeannine Wintzer (Hrsg.): Qualitative Methoden in der Sozialforschung

Cover Jeannine Wintzer (Hrsg.): Qualitative Methoden in der Sozialforschung. Springer (Wiesbaden) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-662-47495-2. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,50 sFr.
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Thema

Wie in der Publikation „Herausforderungen in der Qualitativen Sozialforschung“ von Jeannine Wintzer (Hrsg.) (2015) widmen sich auch in diesem Buch die studentischen AutorInnen den Methoden Qualitativer Sozialforschung. Es werden eine Vielzahl von Forschungsprojekten vorgestellt, wobei der besondere Schwerpunkt auf der Darstellung der konkreten empirisch-wissenschaftlichen Praxis und somit der Umsetzung qualitativer Forschungsmethoden und -ansätze liegt.

Herausgeberin

Dr. Jeannine Wintzer ist Dozentin für Qualitative Sozialforschung am Geografischen Institut der Universität Bern.

Entstehungshintergrund

In ihrer Funktion als Beratende bei studentischen Forschungsvorhaben fiel Jeannine Wintzer auf, dass es Schwierigkeiten und Barrieren in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Studierenden gibt und sich beispielsweise die Übertragung theoretischer Ausführungen in Fachbeiträgen auf das eigene Material oder das eigene Forschungsinteresse als herausfordernd darstellt. Aus diesem Grund liegt die Besonderheit der Herausgeberschaft im peer-to-peer Ansatz: Studierende, die erst kürzlich ihre Bachelor- und Masterarbeiten abgeschlossen haben, schreiben Beiträge für eine studentische Leserschaft und zeigen ihre forschungsspezifischen Überlegungen und Vorgehensweisen möglichst barrierearm auf.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Sektionen mit je drei bis fünf Beiträgen. Jeder Beitrag widmet sich einem Forschungsprojekt und erörtert beispielhaft eine bestimmte qualitative Methode, einen besonderen methodischen Aspekt von Forschung und/ oder einen spezifischen forschungspraktischen Ansatz.

Sektion 1: Erkenntnistheoretisches und Methodologisches zum Einstieg. Ansprüche an qualitative Forschungsprozesse. In den Beiträgen der ersten Sektion geht es um Ansprüche an Qualität und Güte Qualitativer Forschung: Jeannine Wintzer geht der Frage nach, was „gute“ Forschung ist, Alica Prinz erläutert exemplarisch an ihrem Forschungsprojekt den Ansatz Partizipativer Forschung und Kristian Gäckle verdeutlicht die Notwendigkeit (selbst-) reflektierten Vorgehens im Forschungsprozess am Beispiel interkultureller Forschung.

Sektion 2: Forschen mit Interesse am Einzelfall. (Biografische) Fallrekonstruktionen. In Sektion zwei werden aus verschiedenen Perspektiven Möglichkeiten der (biografischen) Fallrekonstruktion aufgezeigt: Stefanie Gandt erläutert ihr Vorgehen bei der Verwendung der qualitativen Methode des narrativen Interviews sowie die darauffolgende Narrationsanalyse und geht auf deren Vorteile und Herausforderungen ein. Melanie Rühmling wendet sich in einer Einzelfallstudie der Erfassung von Vorurteilen alleinerziehender Elternteile zu, Gesa Meier widmet sich in ihrem Beitrag den Vor- und Nachteilen der Tiefenhermeneutischen Kulturanalyse bei der Erhebung des psychischen Befindens von Müttern nach einer Frühgeburt.

Sektion 3: Forschen mit größter Offenheit. Grounded Theory basierte Verfahren. Diese Sektion steht ganz im Zeichen der Grounded Theory: Irene Thaters erläutert Formen der Modellentwicklung in der Grounded Theory am Forschungsthema Transidentitäten, Sven Wolter stellt seine methodischen Zugangswege vom theoretical sampling über das narrative Interview bis zum verwendeten Codierprozess vor und Daria Reinbold legt ihre Anwendung der Methoden des Experteninterviews und der Freien Interpretation am Beispiel der Forschungsarbeit zu Transidentitäten dar. Des Weiteren gehen Beate Kasper, Lisa Staiger und Maja Urbanczyk auf das methodische Vorgehen im Rahmen ihrer Studie zu Selbstvermessungspraktiken ein, indem sie den Prozess der Situationsanalyse beschreiben und Christina Reithmeier erörtert ihren Forschungsprozess bestehend aus Experteninterview, Qualitativer Inhaltsanalyse und Grounded Theory.

Sektion 4: Forschen mit Informationsinteresse. Inhaltsanalytische Verfahren. In Sektion vier geht es um die Umsetzung verschiedener inhaltsanalytischer Verfahren: Nora Rudersdorf führt durch ihr Forschungsvorhaben zur Erhebung des „sense of place“ mittels fotografiegestützter Leitfadeninterviews und Qualitativer Inhaltsanalyse, Tom Schwarzenberg erläutert den Prozess der Gruppendiskussion mit Jugendlichen und anschließender Qualitativer Inhaltsanalyse, Christiane Werner bezieht ethnografische Methoden wie die teilnehmende Beobachtung auf die Stadtforschung und erweitert diese durch die Methode der mental maps, Julia Schäfer veranschaulicht die Evaluationsanalyse eines von ihr moderierten Jugendprojekts durch teilnehmende Beobachtung sowie Leitfadeninterviews und Theresa Burkhardt geht anhand ihrer Forschungsarbeit zu den Schutzfaktoren der Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf das Problemzentrierte Interview und die Auswertung mit der Kernsatzmethode ein.

Sektion 5: Forschen mit Interesse am impliziten Sinn. Rekonstruktive Verfahren. Sektion fünf widmet sich rekonstruktiven Verfahren: Josephina Schmidt beschreibt ihr Forschungsvorgehen der Erhebung mittels teilnehmender Beobachtung, der Auswertung im Sinne der Objektiven Hermeneutik und der Absicherung durch kommunikative Validierung, Lisa Gießauf argumentiert für die Dokumentarische Methode in Verbindung mit dem Konzept der Intersektionalität nach Gruppendiskussionen unter feministischer Perspektive, Sabrina Hutner lässt die Lesenden ihre Methodenwahl im Rahmen eines queertheoretischen Anspruchs nachvollziehen und Corinna Labudde erläutert die Rekonstruktion der Konstruktion von Gruppenidentitäten durch ExpertInneninterviews unter besonderer Berücksichtigung der Sprache in der Analyse durch das integrative Basisverfahren. Abschließend wendet sich Samuel Posselt den sprachlichen Mitteln und Metaphern auf den Plakaten einer Protestbewegung in Brasilien zu und erklärt deren Analyse mittels rekonstruktiver Metaphernanalyse.

Sektion 6: Forschen mit Interesse am machtvollen sprachlichen Handeln. Diskursanalytische Verfahren. In Sektion sechs widmen sich die Beiträge verschiedenen Zugängen zu diskursanalytischen Verfahren: Matthias Frösch erläutert und begründet sein Vorgehen bei der Textanalyse von Berichten einer Schweizer Zeitung vom syrischen Bürgerkrieg 2011 bis 2014, Hannah Ambühl geht auf den relativ jungen Forschungszweig der Mediengeografie ein und beschreibt die Methode der Filmanalyse anhand ihres Forschungsprojekts, Judith Czakert untersucht mit der Diskursanalyse die Narration von Demenz in literarischen Texten und Natalie Rodax widmet sich in ihrem Beitrag der kritischen Diskursanalyse zur Erfassung der medialen Rezeption der Fremdenrechtsnovelle in Österreich 2011.

Sekton 7: Forschen mit mehr als einer Perspektive. Triangulation und Mixed Method Designs. In der abschließenden siebenten Sektion wird die Triangulation verschiedener Methoden innerhalb eines Forschungsprojekts beschrieben: Julia Reiner verbindet zur Untersuchung von Sexualität in Pflegeheimen das ExpertInneninterview mit einer quantitativen Fragebogenerhebung, Daniel L. Paierl und Patrick Hart beschreiben ihr aufeinander aufbauendes Forschungsvorgehen im Methodenmix von zwei Interviewblöcken und einer Fragebogenerhebung, Sarah Klewes verwendet das Mixed-Method-Design bei der Analyse von Artikeln auf Webseiten zum Themenkomplex Klimawandel und Anja Reichert erläutert die empirische Netzwerkanalyse durch einen Mix aus quantitativen und qualitativen Erhebungsanteilen mit Fragebögen und der Verwendung sogenannter socialmaps.

Diskussion und Fazit

Mit der Zusammenstellung der einzelnen Beiträge versammelt Jeannine Wintzer eine beeindruckende Fülle an methodischen Möglichkeiten und Verfahrensweisen im Rahmen Qualitativer Sozialforschung. Trotz der Vielzahl an Beiträgen gelingt der Herausgeberin mit deren Verteilung auf einzelne Sektionen eine übersichtliche und nachvollziehbare Gliederung der Publikation, die einen Einstieg für die Lesenden erleichtert.

Auch die Beiträge selbst sind inhaltslogisch und übersichtlich strukturiert: Jeder Beitrag beginnt mit einer Einführung in das Forschungsinteresse und in die jeweilige Themen- und Fragestellung, anschließend erfolgt die forschungstheoretische Einordnung des Forschungsvorhabens, gefolgt von der Begründung der Methodenwahl, der Beschreibung des Forschungsvorgehens und damit verbundener eventueller Herausforderungen und Besonderheiten sowie abschließenden Einblicken in die Ergebnisse der Studien. Die Beiträge beinhalten zudem erklärende Merkmale wie sogenannte Exkursboxen, in denen beispielsweise theoretische oder methodische Konzepte näher erläutert werden, oder auch Merksätze, Tipps, Hinweise und Checklisten für die Lesenden, die zum besseren Verständnis der dargestellten Forschungsprozesse beitragen und zur Übertragung auf das eigene Forschungsvorhaben anregen.

Zur Nachvollziehbarkeit trägt auch bei, dass die AutorInnen nicht nur in die Anwendung der Methoden einführen, sondern ebenso konkrete Planungs- und Entscheidungsprozesse im Rahmen ihrer Forschungsprojekte formulieren. Bei alle dem präsentiert sich der bei weitem überwiegende Teil der Beiträge sprachlich und inhaltlich auf hohem wissenschaftlichen Niveau, ohne jedoch die angesprochene Zielgruppe aus den Augen zu verlieren.

Mit diesem Zusammenspiel von methodologischen, methodischen sowie forschungspraktischen Überlegungen werden Jeannine Wintzer und die studentischen AutorInnen auch in dieser Herausgeberschaft dem Anspruch gerecht, einen tiefen Einblick in die Vielfalt methodischer Möglichkeiten und Anwendungsformen Qualitativer Sozialforschung zu geben und sie anschaulich und barrierearm von Studierenden an Studierende zu vermitteln.


Rezensentin
Mandy Hauser
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik/ Kompetenzbereich Geistige Entwicklung der Universität Leipzig
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Zitiervorschlag
Mandy Hauser. Rezension vom 23.03.2016 zu: Jeannine Wintzer (Hrsg.): Qualitative Methoden in der Sozialforschung. Springer (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-662-47495-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19692.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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