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Katharina Gröning, Brunhild Sander (Hrsg.): Familiensensibles Entlassungsmanagement

Cover Katharina Gröning, Brunhild Sander (Hrsg.): Familiensensibles Entlassungsmanagement. Festschrift zu zehn Jahren Modellprojekt "Familiale Pflege unter den Bedingungen der G-DRG". Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 350 Seiten. ISBN 978-3-86321-233-9. 39,90 EUR.
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Thema

In diesem Buch wird der Wechsel von vollstationärer Behandlung in die häusliche Versorgung bei Pflegebedürftigkeit thematisiert. Im Fokus steht somit ein Entlassungsmanagement unter besonderer Berücksichtigung familiärer Bedarfe. Dazu wird eine Bilanz nach zehn Jahren eines Modellprojektes an der Universität Bielefeld gezogen, an dem mehrere hundert Krankenhäuser und Pflegetrainerinnen bzw. -trainer beteiligt waren (9). 26 Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit unterschiedlichen Aspekten familiensensiblen Entlassungsmanagements und den Bedingungen nach Einführung der G-DRG.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

  1. Familiensensibles Entlassungsmanagement
  2. Geriatrie und Demenz im Krankenhaus
  3. Organisation und Schnittstellen
  4. Besondere Herausforderungen

Anfänglich beschreiben Gröning et al. (15) das Förderprogramm der gesetzlichen Krankenkassen AOK Rheinland/Hamburg und AOK NordWest und skizzieren mögliche neue Anforderungen in der Überleitung von Krankenhausversorgung in die häusliche Pflege. Neben der demografischen Altersentwicklung und Zunahme von dementiellen Erkrankungen sind gleichzeitig kürzere Verweildauern in Krankenhäusern entstanden. Allerdings sind bisher familiäre Aspekte in der Gesamtbehandlung noch zu wenig berücksichtigt (17). Das Förderprogramm wird im Folgenden konkretisiert.

Zu Teil 1

Im ersten Teil wird in fünf Beiträgen familiensensibles Entlassungsmanagement näher bestimmt.

So erfolgt über Ruth von Kamen eine Beschäftigung mit der „Perspektive von organisationalen Lern- und Bildungsprozessen“ (31). Schwerpunkt bildet die Definition von zentralen Begriffen und die Darstellung der historischen Entwicklung pflegerelevanter Themen im Kontext von Entlassungsmanagement. Dazu wird auch die Soziale Arbeit mit einem zentralen theoretischen Begründungszusammenhang benannt (36ff.). Die „Alltags- und Lebensweltorientierung“ nach Thiersch erscheint auch für den Diskurs zur Ausrichtung von Pflegeüberleitung sinnvoll zu sein (ebd.). Die Autorin pflegt dann noch organisationspädagogische Dimensionen ein und führt damit zur Frage, wie Versorgungslücken und Versorgungsbrüche aus dieser Perspektive vermieden werden können (44ff.).

Der zweite Beitrag thematisiert die Handlungsebene Pflegetraining. Dorothee Lebeda argumentiert, warum die aktive Begleitung von Familien und Betroffenen notwendig sei, um Lücken in der Überleitungsphase zu vermeiden (55). Neben der Darstellung der problematischen Krankenhausentlassung werden danach notwendige Kompetenzen bei pflegenden Angehörigen, die familiäre Pflege ermöglichen, näher beschrieben. Daraus resultieren dann Anforderungen und Rollen für Pflegetrainer, die in unterschiedlichen Phasen die Familien begleiten (62).

Stephan Seifert stellt eine Kurzstudie innerhalb des Modellprojektes mit Blick auf die Hilfsmittelversorgung in der Übergangssituation vor (70). Hier zeigt sich, dass in einem Drittel der Überleitungsfälle Probleme identifiziert werden konnten, die Einfluss auf die Versorgungsqualität nehmen können. Gleichzeitig wird darstellt, wie durch Einfluss professioneller Begleitung mögliche Versorgungsmissstände reduziert werden können.

Die Perspektive von Krankenhaussozialdiensten bei dem Thema familiale Pflege wird von Corinna Contenius und Susanne Beitmann eingenommen (83). Insbesondere die Lotsenfunktion der Sozialdienste wird durch Fallbeispiele gut nachvollziehbar erläutert.

Ein weiteres Praxisbeispiel wird von Thomas Kottowski und Susanne Natinger vorgestellt, das „Kompetenzzentrum für Angehörige“ in den Katholischen Kliniken Emscher-Lippe. Hier werden positiv konnotiert Ressourcen und Kompetenzen von Angehörigen zu weiteren Versorgung thematisiert.

Zu Teil 2

Teil 2 beginnt mit einem Aufsatz zur Palliativ Care Versorgung bei alten Menschen. Katharina Heimerl stellt Hospizarbeit und Palliativ Care in einen Zusammenhang mit dem Erreichen eines hohen Alters und skizziert die besonderen Versorgungsbedürfnisse bei dementieller Entwicklung (111ff.). Dabei definiert sie Demenz nicht als Krankheit, sondern als eine Begleiterscheinung hohen Alters.

Die Rolle von Angehörigen in der gerontologischen Pflege wird danach von Helen Güter behandelt (120). Der hohe Frauenanteil in der häuslichen Pflege wird hier klar benannt (121) und dann werden unterschiedliche Konzepte in der Angehörigenpflege vorgestellt, die differente theoretische Paradigmen beinhalten.

Petra Runge-Werner beschäftigt sich in ihrem Artikel mit der „praktischen Implementierung eines Versorgungskonzeptes“ bei Demenz in Universitätsklinikum Essen. Es werden konkrete Maßnahmen zur Besserung in der Gesamtbehandlung von Menschen mit Demenz vorgestellt.

Auch der nächste Beitrag von Michaela Friedhoff und Susanne Johannes fokussiert die krankenhausinterne Betreuung dieser Patientinnen- bzw. Patientengruppe.

Ahmad Bransi stellt dar, wie Akutkrankenhäuser aus der Erfahrungen geriatrischer Versorgung lernen können. Im Zentrum steht dabei die Erfahrung, dass vermehrte ganzheitliche Versorgung im Sinne eines biopsychosozialen Gesamtkontextes ein besseres Outcome verspricht (166).

In die gleiche Richtung argumentiert Adelheid von Spee aus pflegerischer Sicht und plädiert für eine stärkere Orientierung an der Lebensqualität und Autonomie auch in der Akutversorgung (177).

Zu Teil 3

Im dritten Teil stehen Organisationen und Schnittstellen im Vordergrund und Katharina Gröning zeigt Möglichkeiten auf, wie aus organisationsentwicklungsorientierter Perspektive Krankenhäuser Handlungsoptionen mit der „späten Familie“ entwickeln können (181). Besonders interessant ist dabei die Diskussion über veränderte Orientierung an wirtschaftlicher Wertschöpfung und die Folgen für bisherige „Handlungsmaßstäbe“ wie „Wohlfahrt“ und „Anerkennung“ (183). Insbesondere eine lebensweltorientierte Reflexion gerade bei Menschen, die alt, pflegebedürftig und oder Demenzerfahrungen haben, zeige, dass Organisationen wie Krankenhäuser hier einen Entwicklungsbedarf hätten.

Martina Klewitz thematisiert die Herausforderungen von EDV gestützter Dokumentation bei der Fragestellung familialer Pflege und Simone Rusch berichtet von ihren Erfahrungen als Pflegeberaterin in eine Klinik.

Zur Beratung als Interventionszugang nimmt Katharina Gröning im nächsten Kapitel Stellung. Anhand empirischer Befunde durch Gruppendiskussionen mit Pflegetrainerinnen und -trainern und den daraus entwickelten Themen wird deutlich, dass insbesondere (sozial-) pädagogische Beratungskompetenz in der Tätigkeit von Pflegetrainerinnen und -trainern bedeutsam ist (226ff.).

Zu Teil 4

Der vierte Teil beginnt mit der Beschäftigung mit einer weiteren wichtigen Perspektive. Hürrem Tezcan-Güntekin beschreibt die hohe Relevanz interkultureller Aspekte im Zusammenhang mit Demenz in der Versorgungslandschaft. Hier werden insbesondere die besonderen Anforderungen aufgrund sprachlicher und kultureller Voraussetzungen in der Demenzversorgung vorgestellt (233). Durch eine Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstands in den Bereichen Pflege und Therapie ergeben sich Handlungszugänge in die „heterogene Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund“ (246).

Wiederum Katharina Gröning beschäftigt sich mit familialer Pflege und den damit verbundenen Entwicklungsaufgaben. Dabei kritisiert sie die in fachlichen Diskursen überwiegende Diskreditierung häuslicher Krankenpflege (250) und plädiert für eine Sichtweise, dass die Pflege durch Familienangehörige „eine erwartbare Entwicklungsaufgabe im Lebenszyklus“ ist. Somit ist die Begleitung von Familien auch als Bildungsauftrag zu verstehen, um Entwicklung zu ermöglichen.

Carina Lagedroste und Yvette Yardley thematisieren in ihrem Beitrag den demografischen Wandel und den damit verbundenen Einfluss auf Hochschulen unter besonderem Blick auf die Situation von Studierenden. Im Sinne einer Mehrgenerationenperspektive werden studierende Angehörige mit ihren Anforderungen und Belastungen beschrieben (264).

Die psychiatrische Pflege mit ihren Herausforderungen „an den Schnittstellen zwischen Somatik und Psychiatrie“ ist Inhalt des Artikels von Sonja Bergenthal und Heike Friesel-Wark. Dazu stellen sie Möglichkeiten vor, vermehrt Körperlichkeit und somatische Aspekte in die Psychiatriepflege einzubinden, um Verbindung von Psyche und Körper deutlicher zu fokussieren (290).

„Die geschlechtertheoretische Perspektive auf Pflege“ erfolgt durch Sonja Bergenthal und Leona Weigel (292). Dazu werden aktuelle Daten aufbereitet, Frauen übernehmen überwiegend häusliche Pflegeaufgaben und über die Zugänge von Männern in die häusliche Pflege ist aus Forschungssicht wenig bekannt (295).

Gewalt in der familialen Pflege als Ausdruck von starker Überforderung der Angehörigen wird im folgenden Beitrag von Carina Lagedroste und Yvette Yardley behandelt. Auch hier werden Ergebnisse aus Interviews mit Pflegetrainerinnen und -trainern vorgestellt, die die dahinterstehenden Motive von Gewalt verdeutlichen (318).

Anne-Christin Kunstmann stellt im letzten Buchbeitrag die Frage nach dem zukünftigen Zusammenhalt der Generationen im Zusammenhang mit familialer Pflege. Diese Solidaritätsaspekte diskutiert sie anhand der bindungstheoretischen Annahmen nach Bowlby und Ainsworth. Wichtig sei es in der Begleitung und Beratung von pflegenden Angehörigen die unterschiedlichen Bindungsbedürfnisse zu erkennen und thematisieren (343).

Diskussion

Die Bilanzierung des Modellprojektes „Familiale Pflege unter den Bedingungen der G-DRG“ aus unterschiedlichen Perspektiven von beteiligten Personen und Professionen ist eine gute Möglichkeit, sich einen Überblick über familiensensibles Entlassungsmanagement zu holen. So sind diesem Sammelwerk einige Impulse und Erkenntnisse beschrieben, die nützlich zur Verbesserung der häuslichen Pflege durch Angehörige sind. Die Konstruktion von Pflegetrainerinnen und -trainern kann dabei eine wichtige Unterstützungskompetente sein. Von daher konnte das Modellprojekt einige erfolgreiche Zugänge kreieren. Die Problematik der G-DRG für eine angemessene Überleitung in die Häuslichkeit wird hingegen zu wenig thematisiert, obwohl gerade durch die verkürzten Verweildauern in Krankenhäusern Menschen in Versorgungsprobleme kommen können. Professionelle Pflege hat sich hier bisher hauptsächlich unkritisch in dieser Systemlogik der Krankenhäuser positioniert und weniger ihre fachlichen Potentiale hinsichtlich häuslicher Versorgung im Übergang entwickelt. Die Argumentation über lebensweltorientierte Zugänge zeigt auch, dass mit der häuslichen Pflege erhebliche Veränderungen für mehrere Generationen einer Familie verbunden sein können, die hauptsächlich Teilhabeaspekte für alle Beteiligten berühren. Es fehlt somit eine Beschreibung der Anschlussfähigkeit der Erkenntnisse in einem multiprofessionellen Versorgungssetting. Die Qualität der unterschiedlichen Beiträge variiert, das ist allerdings auch nicht ungewöhnlich in Sammelwerken.

Fazit

Dieses Buch bietet einige interessante Erkenntnisse und Handlungsoptionen beim Thema Familiensensibles Entlassungsmanagement. Allerdings werden die Erwartungen nicht ganz erfüllt, Entlassungsmanagement im Kontext von G-DRG kritisch in einem multiprofessionellen Zusammenhang zu diskutieren. Einige Beiträge entfernen sich dann doch merklich von der Thematik des Titels. Trotz dieser Bedenken ist es pflegerischen Leitungskräften und Überleitungskräften in den Kliniken als Lektüre zu empfehlen, um vermehrt die unterschiedlichen Bedürfnisse von Patientinnen, Patienten und Angehörigen in der Überleitungsphase zu berücksichtigen und den Fokus mehr auf poststationäre Versorgung zu richten.


Rezension von
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 05.07.2016 zu: Katharina Gröning, Brunhild Sander (Hrsg.): Familiensensibles Entlassungsmanagement. Festschrift zu zehn Jahren Modellprojekt "Familiale Pflege unter den Bedingungen der G-DRG". Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-233-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19723.php, Datum des Zugriffs 24.01.2020.


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