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Lena Heyelmann: Nach dem Pflege-Studium in die Altenpflege?

Cover Lena Heyelmann: Nach dem Pflege-Studium in die Altenpflege? Die Erwartungen der Arbeitgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 191 Seiten. ISBN 978-3-86321-234-6. 24,95 EUR.
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Autorin

Lena Heyelmann hat den Masterstudiengang „Pflegewissenschaft – Innovative Versorgungskonzepte“ am Fachbereich Pflege der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München absolviert. Dort ist sie seit 2014 als Referentin für zwei Pflegestudiengänge zuständig.

Thema

In ihrer Arbeit hat sich die Autorin mit der Personalsituation in der Pflege alter Menschen beschäftigt und Erwartungen der Arbeitgeber in der Altenpflege in Bezug auf Pflege-dual-Absolventen herausgearbeitet. Im Vorwort der Dekanin des Fachbereichs Pflege, Prof. Giese, heißt es: „Die vorliegende Arbeit deckt Widersprüche auf und rekonstruiert ihre Ursachen in der schwierigen Situation der Pflegepersonalverantwortlichen, in dem sie diese selbst zu Wort kommen lässt. Dabei durchziehen auch die Standpunkte, die Heyelmann in den Experteninterviews erheben kann, vielfältige Diskrepanzen, bei übereinstimmender Situationsanalyse: konsensual und durch nahezu alle Befragten konstatiert wird eine Überregulierung der stationären Altenpflege durch Gesetze, Vorschriften und Kontrollbehörden sowie eine eklatante Personalnot. Fast ebenso übereinstimmend werden keine bis geringe (finanzielle) Spielräume als ein Haupthindernis dafür benannt, die Qualifikationen am Arbeitsmarkt zu bekommen und zu halten, die gebraucht werden. Vielleicht ist die offensichtlichste Diskrepanz erst auf den zweiten Blick zu entdecken, die viele Fragen an die Pflege und ihr Selbstbild exemplarisch aufwirft: Es können zum Teil umfängliche Ressourcen für eine aufwändige Personalanwerbung bis nach Fernost aufgebracht werden, Ressourcen für eine adäquate Entlohnung der übersichtlichen Anzahl inländischer Pflegeakademiker werden jedoch überwiegend nicht identifiziert“ (S. 9-10).

Gewinn der Studie ist jedoch nicht allein der Einblick in Widersprüche, Inkonsistenzen und Ambivalenzen im Feld der Altenpflege, weiterführend ist auch Hinweis von Prof. Bossle, der ebenfalls ein Vorwort geschrieben: „Lena Heyelmanns Werk ist ein wichtiger Beitrag zur Darstellung des Umgangs mit Veränderungen in der Pflege“ (S.19). Und zwar deswegen, weil auf den Handlungsspielräumen vor Ort insistiert wird. Es ist eine Mär davon auszugehen, dass die Altenhilfe völlig hilflos den externen Regulierungen und den skandalösen Zuständen insgesamt ausgeliefert sei. Das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind Hausaufgaben, die schlichtweg nicht erledigt werden (oder nur sehr unzureichend). Dazu gehört auch ein innovatives Personalmanagement. Die Autorin zeigt, dass sich die Regulierungstiefe bis zu feststehenden Stellenprofilen (insbesondere für Pflegeakademiker) unterschiedlich in den einzelnen Einrichtungen darstellt.

Aufbau und Inhalt

Im Einzelnen gliedert sich die Arbeit in folgende Kapitel:

Nach der Problemstellung und dem Aufbau folgt eine Skizze des Altenpflegesektors in Deutschland. Der Fokus liegt auf der Finanzierung, Regulierung und Personalsituation. Interessant ist der kurze Abschnitt zu den Zukunftsszenarien, in denen bereits auf den Skill- und Grademix verwiesen wird. Nachdem die (starre) Fachkraftquote zunehmend in Frage gestellt wird ist davon auszugehen, dass differenzierende Personaleinsatzmodelle die Zukunft bestimmen werden.

Verdienstvoll ist das Kapitel über die Pflege(aus)bildungen, die durch eine Recherche der erstausbildenden Pflegestudiengänge an Hochschulen („additiv“ und „dual“) ergänzt wird. Der Tippfehler in der Bezeichnung der Abb. 6 sollte in der zweiten Auflage korrigiert werden (S. 66).

Zentral sind die Ausführungen zum qualitativen Untersuchungsdesign (Kapitel 4), die Darstellung der Ergebnisse (Kapitel 5) und deren Einordnung in den pflege- und berufspolitischen Kontext (Kapitel 6). Gegenüber der zunehmend beobachtbaren Trivialisierung bei der Anwendung qualitativer Methoden hebt sich diese Veröffentlichung positiv ab – sie verspricht nicht mehr als sie leisten kann. Aber das, was an Ergebnissen generiert wurde (auf der Grundlage von sechs Experteninterviews), wird regelgerecht unter Nutzung von Mayrings´ qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet und interpretiert. Im Resümee werden die Befunde auf den Punkt gebracht und im Kern drei Stellenprofile unterschieden:

  • Stabsstellen (Konzeptentwicklung, Überleitungspflege, kollegiale Beratung, Fort- und Weiterbildung). Hier besteht am ehesten eine Kompatibilität zwischen dem, was die Studierenden gelernt haben und ihren Aufgaben im klinischen Feld. Allerdings stellt sich die Frage nach der Dauerfinanzierung dieser Stellen, vor allem in sehr kleinen Einrichtungen. Hier muss über einrichtungsübergreifende Profile nachgedacht werden.
  • Führungspositionen (z.B. Wohnbereichs- oder Stationsleitung), allerdings nicht als Einstiegsposition, sondern erst nach einer gewissen Erfahrung. Diese Skepsis ist sicher berechtigt. Verkannt werden sollte aber nicht, dass einige Studierende bereits zu Studienbeginn Führungsqualifikationen mitbringen.
  • Planungs- und Steuerungsaufgaben (z.B. Case-Management, Primary Nursing, Fort- und Weiterbildung). Begründet werden kann diese Akzentuierung mit dem hohen Nutzen für die Einrichtung – ähnlich wie bei den Stabsstellen.

Fazit

Es handelt sich um eine interessante, methodisch saubere, praxisnahe und für die Weiterentwicklung der Akademisierung in der Pflege wichtige Arbeit. Sie gibt Impulse für den Dialog mit den Trägern im Hinblick auf Stellen- und Aufgabenprofile von Absolventen der Pflegestudiengänge. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wichtig ist, dass sich die Hochschulen gemeinsam mit den Verantwortlichen bei den Trägern auf den Weg machen. Ob und inwieweit akademisch qualifizierte Pflegende der Praxis wirklich zugutekommen (und nicht am Ende „bettflüchtig“ werden) hängt von vielen Faktoren ab. Hier ist ein offenes Feld der Weiterentwicklung gegeben, das beide Seiten – Hochschulen und Arbeitgeber in der Pflege – nutzen sollten.

Beschließen möchte ich diese Rezension mit einem Zitataus der vorliegenden Untersuchung: „Jede Einrichtung wird sich selbstständig überlegen, wo man die Leute einsetzt, da wird es kein Allgemeines geben, wo man sie einsetzt. Das hat einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil, denke ich, ist, dass sich der Absolvent dann aussuchen kann, wo er hingeht, wo seine Interessen sind, und was er selber machen möchte. Nachteil ist, dass man sehr viel Pionierarbeit leisten, dass man sich erst einmal beweisen muss“ (IP_4: 202-207).


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 17.03.2016 zu: Lena Heyelmann: Nach dem Pflege-Studium in die Altenpflege? Die Erwartungen der Arbeitgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-234-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19724.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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