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Jennifer Kikum-Böckmann: Übergangsprobleme auf dem Weg in die ambulante Kinder-und Jugendlichen­psychotherapie

Cover Jennifer Kikum-Böckmann: Übergangsprobleme auf dem Weg in die ambulante Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2015. 148 Seiten. ISBN 978-3-934247-76-5. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das rezensierte Buch ist die Publikation der Masterarbeit der Autorin. Sie hat dies im Rahmen der Studie „Der lange Weg in die ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Ergebnisse einer qualitativen Elternbefragung“ im Rahmen des Masterstudiengangs „Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit“ an der Katholischen Hochschule, Abteilung Aachen, konzipiert und durchgeführt.

Ziel dieser Studie „war zum einen, den Weg in die ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und dabei ggf. auftretende Schwierigkeiten zu untersuchen und zum anderen ein geeignetes Hilfeangebot zu konzipieren“ (Klappentext).

Autorin

Jennifer Kikum-Böckmann ist Sozialarbeiterin / Sozialpädagogin M.A. Sie leistet klinisch-therapeutische Soziale Arbeit, ist Mitarbeiterin beim Deutschen Kinderschutzbund e.V., Sozialtherapeutin in einer Sozialpsychiatrischen Praxis und Lehrbeauftragte der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen.

Aufbau

Entsprechend der oben genannten doppelten Zielsetzung der Studie umfasst das Buch einen empirischen Teil (in dem die oben genannte Studie dargestellt wird) und eine Darstellung des von der Autorin entwickelten Gruppenangebotes.

Abgerundet wird es durch kurzes abschließendes Fazit mit Ausblicken für die Klinische Sozialarbeit.

Im Anhang finden sich Materialien zu der durchgeführten Studie sowie zum Gruppenangebot „Wegweiser“.

Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung folgt das Kapitel Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – Ein Überblick für Deutschland, in dem die Autorin die Versorgungslandschaft in Deutschland kurz skizziert.

Es folgt die Darstellung der Studie, ein allgemeiner Überblick über das Studiendesign und die Studiendurchführung, sowie eine Darstellung der Studienergebnisse. Insgesamt seien 13 Familien rekrutiert worden, von denen alle angegeben hätten, durch die Fachleute über die psychischen und Verhaltensprobleme ihrer Kinder nicht angemessen aufgeklärt worden zu sein. Die professionellen Hilfen auf dem Weg in die ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiatrie, plus Hilfen aus Bildungs- und Sozialwesen und Jugendamt) werden kurz beschrieben und analysiert. Des Weiteren wird beschrieben, wie den Familien der Weg ins Helfersystem gebahnt wurde. Dabei wird u.a. auch auf belastende Faktoren (z.B. Wartezeiten) und Ressourcen (soziale Unterstützung) eingegangen.

Es folgt die Diskussion der Studienergebnisse. Demnach sei deutlich geworden, dass psychische Störungen häufig bereits in früher Kindheit entstehen, ohne dass bereits hier fachliche Hilfe implementiert sei. Daher sollten Erzieherinnen und Lehrkräfte entsprechend ausgebildet werden. Wenn Klienten dann den Weg ins Helfernetz gefunden haben, sei dieser unübersichtlich und wenig koordiniert. Hier werden umfassende Kooperationen und Vernetzungen angeregt.

Anschließend werden Empfehlungen für die klinische Praxis abgeleitet. Die Etablierung so genannter „Early Excellence Centres“ in Deutschland als Anlaufstellen für Kinder und Eltern wird genauso thematisiert, wie im Rahmen von Pilotprojekten bereits etablierte Case-Management Ansätze, mit denen Kindertagesstätten zu Familienzentren ausgeweitet werden. Abschließend fordert die Autorin die Einrichtung eines Arbeitskreises zwischen Mitarbeitern der Kinder- und Jugendpsychiatrie und niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Als beispielhaft für das interdisziplinäre Zusammenarbeiten skizziert sie dann die Arbeit in den sozialpsychiatrischen Praxen der niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Eine flächendeckende Versorgung solle angestrebt werden. Um dies zu gewährleisten, solle geprüft werden, ob – unter definierten Voraussetzungen – Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ebenfalls genehmigt werden solle, eine SPV-Praxis zu eröffnen.

Im zweiten Teil des Buches stellt die Autorin dann das von ihr entwickelte sozialtherapeutische Gruppenangebot „Wegweiser“ für Kinder auf dem Weg in die ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie dar. Ausgangspunkt sei der in der o.g. Studie herausgearbeitete Bedarf eines geeigneten Übergangs- bzw. Überbrückungsangebots im Vorfeld einer ambulanten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Die einzelnen Gruppenstunden des Gruppenangebots werden ausführlich dargestellt. In der Gruppenarbeit wird mit fiktiven kindlichen Identifikationsfiguren und deren Geschichten, die ebenfalls von der Autorin entwickelt wurden, gearbeitet. Schwerpunkte liegen auf der Psychoedukation, dem Kohärenzgefühl der Gruppe, dem Herausarbeiten von Ressourcen und ersten Techniken der Emotionsregulation. Analog skizziert sie ein entsprechendes Angebot für betroffene Eltern.

Diskussion

Das vorliegende Buch stellt die publizierte Masterarbeit der Autorin dar. Entsprechend ist es von seiner Komplexität her einzuordnen. Die Beschreibung des Versorgungszustandes ist realistisch. Auch wenn hier ein regionales Projekt vorgestellt wird (die Arbeit wurde in der Region Aachen durchgeführt) – so kann davon ausgegangen werden, dass auch in anderen Bereichen Deutschlands ähnliche Rückmeldungen eingegangen wären.

Die Fallzahl von lediglich 13 Familien gibt Anlass zur vorsichtigen Interpretation der Ergebnisse. Insbesondere da hier ausschließlich Familien interviewt wurden, die bereits im Helfernetz „angekommen“ waren. Weitere methodische Kritikpunkte beziehen sich auf die Auswahl der Informationsquellen. So wurde hier lediglich mit einem Interview gearbeitet. Ob dieses valide die relevanten Informationen erfasst, bleibt fraglich. So haben sämtliche Familien beispielsweise angegeben, „keine Unterstützung hinsichtlich eines Übergangs vom stationären ins ambulante Therapiesetting erhalten zu haben“ (S. 41). Da dieses eine Standardintervention im Rahmen stationärer Behandlung sein sollte, ist zu bezweifeln, dass dies tatsächlich so war. Es wird jedoch auch nicht kritisch hinterfragt, sondern als gegeben angenommen. Aus meiner Sicht macht dieser Befund eher deutlich, wie zufrieden die Familien sind, bzw. was von den tatsächlich implementierten Hilfen ankommt.

Die Kritik am Schulsystem, in dem die meisten auffälligen Kinder mit der geringsten Fachkompetenz im Umgang mit psychischen Störungen konfrontiert werden, ist sicher berechtigt und würde auch von Lehrkräften so unterschrieben werden. Hier gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf, beginnend von dem Lehramtsstudium bis hin zu adäquaten Beratungs- und Versorgungsstrukturen im schulischen Alltag.

Die konkreten Empfehlungen für die Kooperation – zum Beispiel das Einrichten eines Arbeitskreises zwischen Mitarbeitern der Kinder- und Jugendpsychiatrie und niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten – machen zwar Sinn, allerdings bleibt offen, wer dies organisieren soll und wie dies finanziert wird. Niedergelassene sind im Grunde privatwirtschaftliche Kleinunternehmer, die für derartige Kooperationen kein Geld erhalten, sondern dieses ausschließlich intrinsisch motiviert im Sinne ihrer Klienten tun.

Am interessantesten sind im Wesentlichen zwei Feststellungen, die beinahe im Kleingedruckten der Arbeit untergehen:

  1. Psychoedukation scheint entweder nicht durchgeführt zu werden (unwahrscheinlich) oder bei den Familien nicht anzukommen (realistisch)
  2. Die Versorgung könnte flächendeckend verbessert werden, wenn Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ebenfalls genehmigt würde, eine SPV-Praxis zu eröffnen.

Insbesondere der zweite Punkt bietet einiges an Brisanz, da hier mit erheblichen Widerständen seitens der Fachärzte zu rechnen wäre. Es wäre jedoch durchaus interessant, eine entsprechende Diskussion weiterzuführen. Berufspolitisch wird sie bereits geführt.

Das beschriebene Gruppenprogramm „Wegweiser“ ist beispielhaft. Hier können andere entsprechend Tätige wertvolle Hinweise zum Gestalten ähnlicher Angebote gewinnen. Da dieses Vorgehen selbst nicht wirklich evaluiert wurde, ist es in der vorliegenden Form auch nicht zwingend ein zu eins zu übernehmen. Jedoch stellt sich auch hier die Frage der Finanzierbarkeit. Am ehesten könnte es im Rahmen der genannten SPV-Praxen Anwendung finden.

Fazit

Der vorliegende Text stellt die Publikation einer Masterarbeit dar. Entsprechend ist er inhaltlich einzuordnen. Wissenschaftlichen Standards entspricht das Vorgehen, aufgrund der gewählten Methodik können die Ergebnisse jedoch nicht verallgemeinert werden. Es handelt sich hier um ein ausschließlich deskriptives Vorgehen, bei dem der Ist-Stand der Versorgung jedoch hervorragend auf den Punkt gebracht wird. Für Fachpersonal, das bereits im genannten System arbeitet, bietet sich inhaltlich wenig neues, für Laien ist die Arbeit wahrscheinlich zu speziell. Neben dem beispielhaften Gruppenprogramm „Wegweiser“ liegt der besondere Reiz in der quasi „nebenbei“ geforderten Versorgungserweiterung durch approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Sinne eigener SPV-Praxen. Hierdurch könnte und sollte eine bereits geführte politische Diskussion weiter angestoßen werden.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 02.06.2016 zu: Jennifer Kikum-Böckmann: Übergangsprobleme auf dem Weg in die ambulante Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2015. ISBN 978-3-934247-76-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19725.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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