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Martin Reker: Umgang mit alkoholabhängigen Patienten

Cover Martin Reker: Umgang mit alkoholabhängigen Patienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2015. 159 Seiten. ISBN 978-3-88414-584-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.

Basiswissen 29.
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Autor

Dr. med. Martin Reker, Leiter der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel. Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Community Reinforcement Approach, Anthropologische Psychiatrie und gemeindeorientierte Suchtkrankenbehandlung.

Aufbau und Inhalt

Die subjektive Seite des süchtigen Alkoholkonsums. In diesem Kapitel stellt der Autor zunächst die drei Trinkmotivlagen Belohnungs- Vermeidungs- und Gewohnheitstrinken vor und illustriert diese jeweils mit mehreren Beispielen. Außerdem macht er auf die Bedeutung von detaillierten Konsum- und Verhaltensanalysen im Rahmen der Behandlung aufmerksam. Desweiteren werden tiefenpsychologische Erklärungsansätze vorgestellt. In weiteren Unterkapiteln fasst Reker geschlechts- und mitgrationsbezogene Aspekte des Alkoholkonsums zusammen.

Alkoholismus als Krankheit: Definitionsversuche. Dieses Kapitel befasst sich zunächst mit den Definitionen des Alkoholismus in den verschiedenen medizinischen Diagnosesystemen, um dann die einzelnen Diagnosekriterien, wie z.B. die Toleranzentwicklung, ausführlich zu erläutern.

Alkoholbedingte Veränderungen im Körper und ihre Verhaltensfolgen. Die Folgen des Alkoholkonsums auf körperliche Funktionen und die Bedeutung des Alkoholkonsums als Selbstmedikation für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind die Themen dieses Kapitels. Einen Schwerpunkt legt der Autor hier auf die Wechselbeziehung von Sucht und seelischen Störungen sowie die Wechselwirkung zwischen Alkohol und Medikamenten.

Die biographische Dimension der Sucht im Längsschnitt. In diesem Kapitel wirbt Reker für das Interesse an der Biographie und Sozialisation der Betroffenen und für ein Verständnis über die aktuelle Problemlage hinaus. Vor dem tiefenpsychologischen Hintergrund entwirft er mögliche lebensgeschichtliche Erklärungen für die Entwicklung einer Suchterkrankung. Gleichzeitig stellt der Autor mögliche Fallstricke der Arbeit mit suchterkrankten Menschen in Form von Übertragungsphänomenen dar. In weiteren Unterkapiteln werden verhaltenstherapeutische Ansätze und das Vorgehen im Rahmen einer systemischen Therapie vorgestellt.

Menschen mit Alkoholproblemen unter historischer Dimension. Ebenso wenig, wie die individuelle Alkoholerkrankung isoliert von biographischen Einflüssen der Betroffenen gesehen werden kann, ist die Tatsache, dass die Alkoholabhängigkeit in einer Gesellschaft existiert, losgelöst vom historischen Umgang mit Alkohol nachzuvollziehen. In diesem Kapitel wird zunächst ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung von Alkoholherstellung und -konsum gegeben, um dann den Fokus auf den aufkommenden kritischen Umgang mit Alkoholkonsum und -abhängigkeit zu lenken. Die Entwicklungslinie reicht dabei von der zunächst ausschließlich moralischen Bewertung von übermäßigem Alkoholkonsum hin zum Krankheitskonzept.

Suchtspezifische Handlungsoptionen. In diesem Kapitel erläutert Reker das schrittweise Vorgehen bei der Behandlung von Menschen mit Alkoholabhängigkeit. Dabei legt er Wert darauf, jene Probleme in den Blick zu nehmen, die für die Betroffenen zunächst nicht mit dem übermäßigen Alkoholkonsum zusammenhängen, deren Lösung aber meist eine hohe Bedeutung für die Betroffenen haben (z.B. Partnerschaftsprobleme, Arbeitsplatz). Im Folgenden wird dann ausführlich die Entzugsbehandlung und deren mögliche Komplikationen erläutert. Weitere vorgestellte Handlungsoptionen sind u.a. die Behandlung mit Anti-Craving-Mitteln, mit aversiven Medikamenten (Disulfiram), die stationäre Intervallbehandlung und die Online-Therapie.

Leben gelingen lassen: Ressourcenorientierung als Strategiekonzept. Die Ressourcenorientierung in den Lebensbereichen Arbeit und Wohnen ist Thema dieses Kapitels. Neben einigen statistischen Erkenntnissen zur beruflichen Wiedereingliederung alkoholerkrankter Menschen geht der Autor auf die strukturellen Bedingungen (und die Fallstricke) der beruflichen Rehabilitation ein. Dabei erfahren die LeserInnen auch etwas über die Sicherung des Lebensunterhaltes für Menschen ohne Arbeit. Der zweite Teil des Kapitels befasst sich mit der Frage, wie Betroffene Wohnungslosigkeit abwenden oder überwinden können. Hierzu stellt Reker nicht nur die Unterstützungsmöglichkeiten seitens der Wohnungslosenhilfe vor, sondern geht auch auf die wohnbezogene Eingliederungshilfe ausführlich ein.

Alkohol und persönliche Mobilität. Der Verlust des Führerscheins ist eine häufige Folge der Alkoholerkrankung. Dieses Kapitel führt durch das Dickicht der Anforderungen zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis nach einem alkoholbedingten Führerscheinentzug. Reker geht dabei auch auf die Gefahr der Selbstüberschätzung nach einer langen Abstinenzphase während der Vorbereitung auf die MPU ein.

Alkohol und persönliche Freiheit. Eine drohende Haftstrafe ist für Menschen mit Alkoholerkrankung meist eine hohe Belastung, in der der Alkoholkonsum nicht selten hinterfragt wird. Dieser Umstand bietet für das Hilfesystem die Chance, gemeinsam mit den KlientInnen Verhaltensveränderungen zu bewirken. Mit den Möglichkeiten des Hilfesystems im Rahmen der Justiz befasst sich dieses Kapitel. Neben Hintergrundinformationen zur Bewährungshilfe, erfahren die LeserInnen auch etwas über die Forensik und über die Möglichkeiten, im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung die Chancen für ein mildes Urteil zu verbessern, in dem positive Impulse in Bezug auf die Überwindung alkoholbedingter Problemlagen gesetzt werden.

Alkohol und Sorgerecht. Von einer Alkoholabhängigkeit ist nicht ausschließlich der erkrankte Mensch betroffen, sondern auch die Angehörigen. Dies gilt insbesondere für Kinder, die ein besonderes Schutzbedürfnis haben. In einer kurzen Übersicht bietet das Kapitel Informationen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen bei einer Kindeswohlgefährdung und die Unterstützungsmöglichkeiten, die die Jugendhilfe betroffenen Eltern und ihren Kindern anbieten kann.

An der Grenze der Selbstbestimmung: Betreuung und Unterbringung. Aufgrund der selbstzerstörerischen Kraft, die eine Alkoholabhängigkeit entwickeln kann, stellt sich Angehörigen wie MitarbeiterInnen im Hilfesystem nicht selten die Frage, wie man die Betroffenen, zumindest zeitweise, „vor sich selbst“ schützen kann. Reker erläutert vor diesem Hintergrund die rechtlichen Rahmenbedingungen der Zwangseinweisung nach Unterbringungsgesetz und BGB. Er geht zudem darauf ein, wie eine gesetzliche Betreuung eingerichtet wird und wie dieser Prozess beschleunigt werden kann.

Als Helfer im professionellen Hilfesystem: eine Schlussbetrachtung. Thema dieses Kapitels sind die erforderlichen Eigenschaften die professionelle HelferInnen für die Arbeit mit alkoholabhängigen Menschen mitbringen und vor allem sich auch bewahren sollten. Der Autor wirbt gleichzeitig für dieses, aus seiner Sicht spannende, abwechslungsreiche und immer wieder überraschende Arbeitsfeld, in dem viele MitarbeiterInnen ihre Herzlichkeit und ihren Humor bewahrt haben. Das Kapitel endet mit der Hoffnung gebenden Erkenntnis, dass Suchtverläufe nie vorhersehbar sind und nicht selten Wendungen bei den Betroffenen beobachtet werden können, die niemand von außen zu beeinflussen oder vorherzusagen vermag. Den erkrankten Menschen bis zu solchen Wendungen zu begleiten und zu unterstützen, kann für professionelle HelferInnen sehr befriedigend sein.

Diskussion

Das Basiswissen zum „Umgang mit alkoholabhängigen Patienten“ spannt einen großen thematischen Bogen. Die vielen kurzen Kapitel, in denen die unterschiedlichen Aspekte der Alkoholabhängigkeit angerissen werden, fördern die Lesbarkeit. Gut gefallen haben auch die zahlreichen thematischen Querverweise innerhalb des Textes. Positiv fielen auch die textlich hervorgehobenen Zusammenfassungen mit dem Hinweis „Merke“ sowie „Fallstricke“ auf.

Das Buch spricht sowohl klinische MitarbeiterInnen an, als auch diejenigen, die außerhalb des klinischen Bereichs im (Sucht-)hilfesystem tätig sind. Der Autor hebt besonders die Bedeutung einer guten Vernetzung der einzelnen Hilfesysteme (z.B. Klinik, Suchtberatung, Eingliederungshilfe) hervor. Begrüßenswert sind auch die ausführlichen Betrachtungen zur psychiatrischen Komorbidität, die in der Literatur mitunter etwas stiefmütterlich behandelt wird.

Die einzelnen Kapitel gehen inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, dies entspricht aber auch nicht dem Konzept der Reihe „Basiswissen“. Dagegen haben die LeserInnen nach der Lektüre aber einen breiten Überblick über die vielfältigen Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit auf die Betroffenen und ihr soziales Umfeld sowie die verschiedenen Phasen und Ebenen der Behandlung und Betreuung bekommen. Es werden dabei wichtige Begrifflichkeiten eingeführt. Das umfangreiche Literaturverzeichnis enthält eine Vielzahl von Monographien, die zur weiteren Vertiefung in die jeweiligen Themengebiete einladen. Einziger Kritikpunkt ist der etwas lapidare Hinweis auf die Begrenztheit des Datenschutz im Zusammenhang mit Trunkenheit am Steuer (S. 128). Da hier, je nach beruflicher Konstellation der unterstützenden Person auch eine strafbewährte Verletzung der Schweigepflicht eintreten kann, bedarf dieser Punkt aus Sicht des Rezensenten einer näheren Erläuterung.

Besonders gut gefallen hat mir die Schlussbetrachtung, in der Reker darauf hinweist, dass die Arbeit mit alkoholabhängigen Menschen Spaß machen kann, die Arbeitsatmosphäre häufig herzlich und die Tätigkeit meist sehr abwechslungsreich ist. Gleichzeitig entlastet er die Helfenden indem er empfiehlt, den eigenen Einfluss auf die Betroffenen nicht zu überschätzen. Oft geht es in der Arbeit darum, die Betroffenen zu begleiten, bis sich für sie Möglichkeiten zu einer Veränderungen auftun, die man als unterstützende Person gar nicht vorhersehen kann.

Fazit

Das Basiswissen zum „Umgang mit alkoholabhängigen Patienten“ gibt einen umfassenden und gut lesbaren Überblick über das Hilfesystem für Menschen mit Alkoholabhängigkeit. Viele wichtige Aspekte der Erkrankung wie z.B. Komorbidität, Auswirkungen der Abhängigkeit auf die Betroffenen und ihr soziales Umfeld werden ebenfalls erläutert. LeserInnen ohne Vorerfahrung in der Arbeit mit alkoholabhängigen Menschen sind nach der Lektüre mit den wichtigsten Begriffen vertraut. Reker zeigt die Möglichkeiten und Chancen bei der Behandlung und Betreuung alkoholabhängiger Menschen auf, ohne die Grenzen zu verschweigen.
Das Buch wendet sich sowohl an klinische MitarbeiterInnen als auch an jene, die im außerklinischen Bereich mit den Betroffenen arbeiten. Beide Gruppen profitieren vom „Umgang mit alkoholabhängigen Patienten“, insbesondere weil sie auch einen Einblick in den jeweils anderen Arbeitsbereich bekommen. Im besten Fall fördert die Lektüre die Vernetzung innerhalb des Hilfesystems, so wie es der Autor für eine erfolgreiche Arbeit im Sinne der Betroffenen einfordert.


Rezensent
Ilja Ruhl
Soziologe M.A.

Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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Zitiervorschlag
Ilja Ruhl. Rezension vom 16.12.2015 zu: Martin Reker: Umgang mit alkoholabhängigen Patienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2015. ISBN 978-3-88414-584-5. Basiswissen 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19737.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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