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Fritz B. Simon: Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten

Cover Fritz B. Simon: Gemeinsam sind wir blöd!? Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. 333 Seiten. ISBN 978-3-89670-436-8. 34,90 EUR, CH: 60,00 sFr.
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Thema

In diesem Buch geht es - auf Basis einer Verknüpfung von Systemtheorie und praktischen Beispielen -  um die Intelligenz von Unternehmen, Personen und Märkten. Und darum, wie diese mit den Spielregeln der Kommunikation zusammen hängen. Sowohl Wirtschaftsorganisationen als auch zivilgesellschaftliche oder öffentliche Organisationen tun gut daran, diese Kommunikationsstrukturen zu beachten, um intelligent auf Umweltbedingungen und deren Veränderungen zu reagieren.

Der Autor

Fritz B. Simon ist Geschäftsführender Gesellschafter des Managementzentrums Witten, der Beraterfirma Simon, Weber and Friends, sowie des Carl Auer Verlages. Er arbeitet u.a. als Systemtherapeut und Organisationsberater und hat zahlreiche Bücher und Fachartikel veröffentlicht.

Inhalt - Von Blödheit zur Intelligenz von Organisationen?

Wie der Titel schon ankündigt, geht es um Intelligenz. Diese wird hier allerdings nicht nur individuell verortet, sondern v.a. als Eigenschaft von sozialen Systemen gesehen. Simon argumentiert, es sei angemessen, Begriffe wie Lernen, Intelligenz, Depression nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Organisationen anzuwenden. In Bezug auf Organisationen wird darin ein Überlebensvorteil von Organisationen gesehen, dass sie intellektuell und in ihrem Handeln auch qualitativ die Begrenzungen von Individuen überschreiten können. Unter Intelligenz wird die Fähigkeit verstanden, Probleme zu lösen, sich der Umwelt adäquat anzupassen oder die Umwelt sich anzupassen.

Als zentraler Ansatz dafür bzw. allgemein für die Gestaltung von Strukturen von Organisationen und Märkten - und damit auch für ihre Intelligenz - wird die Lenkung von Aufmerksamkeit gesehen. Es geht also darum, welche Ideen Aufmerksamkeit bekommen, und welche nicht.

 "Ob die Intelligenz eines sozialen Systems größer oder kleiner ist als die seiner Mitglieder, hängt davon ab, wie Kommunikation organisiert ist." (S. 12) Es braucht jedenfalls Formen der Komplexitätsreduktion, die es ermöglichen, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen, Chancen und Gefahren usw. zu unterscheiden.

Die Aufgabe von Führung ist es dann, Formen der Kommunikation zu forcieren, durch welche intelligente Spielregeln innerhalb des Unternehmens entstehen. Sie muss ihre Macht und Verantwortung dafür nützen, dass Kommunikationsprozesse zustande kommen, die zur Abstimmung individueller Landkarten und Ziele und zu Entscheidungen und ihrer Umsetzung führen. Es hängt von den Führungskräften ab, wie sie Selektionskriterien der Kommunikation beeinflussen, ob sie z.B. penetrant nachfragen oder nicht, Selbstbetrug zulassen oder nicht, Widerspruch aushalten oder nicht. Weiters sind sie gefordert, neben finanziellen Aspekten auch Sinn als Währung und Kapital zu sehen, mit denen gewirtschaftet werden muss (hier argumentiert Simon auf Basis von Beobachtungen in Non-Profit-Organisationen, die eine andere Art von Bezahlung zu bieten haben, als Wirtschaftsorganisationen.) Manager sind demnach nie nur in ihren ökonomischen Kompetenzen gefragt, sondern immer auch als ideelle Führer. Dazu gehört u.a. der ingelligente Gebrauch von Metaphern.

Ein wichtiger Ansatzpunkt in der Gestaltung von Strukturen ist die Frage der Kopplung von Akteuren und/oder Aktionen. Die Kopplung von Aktionen  drückt sich z.B. in Prozessmustern, Arbeitsabläufen, Geschäftsprozessen und Ritualen aus: Die Aktionen bestimmen hier, wer Akteur werden kann, wer also mitmachen kann - die  Akteure können hier variieren, die Aktionen bleiben die gleichen. Immer dann, wenn es um Standardisierung und Vorhersehbarkeit geht, ist die feste Kopplung von Aktionen wichtig. Bei der Kopplung von Akteuren geht es dagegen um gut funktionierende Gruppen oder Teams, die im Prinzip unterschiedlichste Aufgaben übernehmen können. Wenn nicht klar ist, wie Ziele zu erreichen sind, wenn Flexibilität oder Kreativität notwendig ist, dann ist es sinnvoll,  Aktionen lose gekoppelt zu halten, d.h. Möglichkeiten (für unterschiedlichste Aufgaben oder Verhaltensweisen) offen zu lassen. Der Prototyp für eine Situation, in der sowohl Aktionen als auch Akteure nur lose gekoppelt sind, sind Märkte, deren Intelligenz darin liegt, die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Addition dyadischer Kommunikationen ohne Ansehen der Person zu reduzieren.

Einen weiterer Ansatzpunkt für die Lernfähigkeit von Unternehmen sieht Simon in der Lenkung von Aufmerksamkeit auf die permanente Frage, ob die internen Prozesse und Abläufe zu den relevanten Märkten (Arbeits- und Kapitalmarkt, Markt der Produkte und Leistungen sowie Markt der Staaten) passen und wie weit es gelingt, die Austauschbarkeit der Organisation für Partner in den jeweiligen Märkten zu senken.

In der Folge befasst sich Simon in - auch relativ unabhängig voneinander zu lesenden Kapiteln - u.a. mit den Themen Führung, Organisation, der Dynamik von Teams, erfolgreichen Mustern der Unternehmensgründung und -veränderung, den Mustern von Organisationskulturen und Möglichkeiten der gezielten Veränderung von Organisationen.

Erfolgreiche Organisationsgründungen z.B. verlaufen häufig nach dem Muster von Familienunternehmen, d.h. enge Kopplung der Akteure mit relativer Offenheit von Aktionen. Anhand einiger Beispiele aus dem Wirtschaftsleben zeigt Simon, dass es häufig darum geht, gemeinsam etwas zu tun, die Akteure sind nicht austauschbar und ein gemeinsames Produkt findet sich dann auch, eher als Beispiel "gelungenen Zeitvertreibs als erfolgreicher Business- und Karriereplanung" (S. 111). Dies birgt hohe Chancen aber auch Gefahren, da Organisationen und private Beziehungen sehr unterschiedlichen Logiken folgen.

In Bezug auf Organisationsveränderungen beschreibt Simon die (ideale) Logik organischer Wachstumsprozesse, die sich an Kompetenzen der Organisation orientiert, sie nutzt und weiterentwickelt, statt als unverbundenes Konglomerat, in dem "alles, was gerade verfügbar war, in den Einkaufskorb gepackt wurde" (S. 140) ohne "roten Faden" einfach eine Organisation zu vergrößern.

Ein Kapitel über Teams erläutert typische Teambildungs- und -entwicklungsprozesse sowie die Voraussetzungen wirklich erfolgreicher Teams, wie etwa die Reflexion der Prämissen des eigenen Handelns, das Zulassen adäquater formaler Strukturen statt der Norm der Gleichheit, die letztlich nur zu Machtkämpfen führt etc. Als ideal wird - als Paradox - die Kombination formaler Ungleichheit mit informeller Gleichheit, d.h. gleicher Wertschätzung auf der sachlichen Ebene charakterisiert. Damit werden dem Autor zufolge Machtkämpfe unwahrscheinlicher, Konflikte auf der Inhaltsebene aber weiterhin möglich.

Ein ebenfalls anregendes Kapitel kritisiert die gegenwärtig aktuelle Konstruktion der individualistischen Orientierung von Mitarbeitern als Antwort auf die von Unternehmen zunehmend geringeren Angebote von Sicherheit und Sinn, wie etwa die "Ich-AG" oder die reine Konzentration auf persönliche employability. Diese verkennen dem Autor zufolge nicht nur die Prozesse der Identitätsbildung, welche nicht nur individuell, sondern in hohem Maß auch sozial erfolgen, sondern auch die der kontextabhängigen Entwicklung sozialer und kommunikativer Kompetenzen. Letztlich führen sie zu für das Gesamtsystem unintelligenten Verhaltensweisen, da Mitarbeiter, die sich als Ich-AG verstehen, und nur am eigenen kurzfristigen Erfolg orientiert sind.

Fazit

Das Buch ist originell und anregend geschrieben und daher nicht nur äußerst vergnüglich zu lesen, sondern es regt auch zum Weiterdenken und zu neuen Sichtweisen auf alte Themen an. Eine Vielzahl an praktischen Beispielen verdeutlicht die theoretisch anspruchsvollen Ausführungen, sodass die vielen Lesern schwer zugängliche Systemtheorie hier sehr plastisch wird. Es kann jedem empfohlen werden, der mit Organisationen zu tun hat und sich oftmals schon über deren Besonderheiten und Eigendynamiken gewundert hat und insbesondere jedem, der Organisationen (mit)gestalten soll.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 05.10.2004 zu: Fritz B. Simon: Gemeinsam sind wir blöd!? Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-89670-436-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1974.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


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