socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Florian Bödecker: Paarkonflikte bei Demenz

Cover Florian Bödecker: Paarkonflikte bei Demenz. Vom Finden einer neuen Balance zum Finden einer neuen Basis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 594 Seiten. ISBN 978-3-7799-3331-1. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Krankheit Demenz verändert fortlaufend das Leben des erkrankten Menschen und seines Partners. Das bringt Konfliktpotential mit sich. Die Beziehung zueinander ändert sich. In der Partnerschaft gilt es nun neue Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, um das gemeinsame Leben und die Liebe zu bewahren.

Autor

Dr. Florian Bödecker ist Diplom-Pädagoge. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentrum für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) an der Universität Ulm. Das Fachbuch stellt die Promotionsarbeit des Autors dar.

Aufbau

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut:

  1. Die Bedeutung der Paarkonflikte bei Demenz und die Gefahr ihrer Therapeutisierung
  2. Paarbeziehung und Paarkonflikte in der Familienpsychologie
  3. Paarbeziehung und Paarkonflikte im Alter
  4. Paarbeziehung und Paarkonflikte bei Demenz
  5. Methodik
  6. Empirie: Fallstudienanalysen und die Perspektive der Ehefrauen bei fortgeschrittener Demenz
  7. Zusammenfassung: Das Zwei-Phasen-Adaptionsmodell
  8. Fazit: Schlussfolgerungen für die Praxis

Inhalt

Kapitel 1 erläutert die Forschungsfrage. Bödecker sieht eine methodische und inhaltliche Lücke, aufgrunddessen dass es kaum Arbeiten gibt, die sich gesondert mit Paarkonflikten bei Demenz aus dyadischer Perspektive beschäftigen.

In der Arbeit sind für ihn vier Unterfragen leitend:

  1. Welche Bedürfnisse und Interessen geraten bei den Partnern in Konflikt miteinander?
  2. Welcher Umgang mit Konflikten ist hilfreich oder hinderlich?
  3. Welche Rolle spielt dafür die Beziehungsgeschichte vor der Demenz?
  4. Welche Rolle spielen die Lebensbedingungen?

In den Kapitel 2 bis 4 erarbeitet der Autor aus der vorhandenen Forschungsliteratur und den einschlägigen Studien das Vorwissen für seine Fallstudien.

In Kapitel 2 geht Bödecker auf die Bedeutung von Paarbeziehungen und Paarkonflikten allgemein ein. Er zeigt auf, welche Bedeutung eine positive Liebesbeziehung bzw. Ehe für das psychische und physische Wohlbefinden und die Gesundheit hat. Außerdem stellt sie bei Krankheiten wie Demenzen die wichtigste Ressource dar.

Danach geht der Autor auf die Ursachen von Konflikten ein und welche Faktoren positive oder negative Auswirkungen auf die Paarbeziehung haben. Hierbei spielen z.B. das Kommunikations-, das Bindungsverhalten und die Kompetenz zur Problemlösung eine Rolle. Das Konfliktniveau ist weniger wichtig als das Konfliktverhalten und das Verhältnis von positiven zu negativen Interaktionen.

Psychoanalytische und psychodynamische Konzepte und Theorien fehlen, wie der Autor erklärt, bei der Erläuterung von Risikofaktoren und Kompetenzen. Die Ansätze aus der traditionellen Familienpsychologie ergänzt der Autor durch das Kollusionskonzept von Willi als vertiefende Erklärung für eskalierende Paarkonflikte.

Des Weiteren beschreibt er z.B. die Funktionsprinzipien von Paaren nach Wunderer/Schneewind, Methoden zur Erhaltung von Nähe nach Bradbury/Karney, Strategien für Intimität nach Laurenceau/Kleinman und Inhalte einer guten Ehe nach Wallerstein/Blakeslee.

Kapitel 3 behandelt die Situation von Paaren im Alter. Die Partnerschaft wird mit zunehmendem Alter bedeutender. Ältere Paare gehen in der Regel gelassener mit Konflikten um. Sie erleben die Beziehung meist zufriedener als jüngere Paar. Aber zugleich stellen sich neue Aufgaben wie z.B. Krankheit, Gebrechlichkeit, Ruhestand, ungleichzeitiges Altern. Der Autor erläutert gesondert die Themen: Ruhestand, Sexualität/Intimität, chronische Krankheit/Pflegebedürftigkeit. Außerdem behandelt er in einem weiteren Unterkapitel das Konzept der Alterskollusion nach Willi.

Kapitel 4 führt die Besonderheit der Paarbeziehung mit Demenz aus. Demenz bringt einerseits nach Bödecker krisenhafte Veränderungen in die Ehe, andererseits sind aber auch positive Veränderungen durch die Pflege bei Demenz möglich. Die Beziehungsgeschichte spielt eine Rolle. Typische Konfliktquellen sind nach Bödecker z.B.: Defizitleugnung, Rollenveränderungen oder Autonomiebereiche im Alltag.

Der Autor geht außerdem u.a. auf die unterschiedlichen Formen der Pflegebeziehung nach Ablitt/Jones/Muers und Roberto/McCann/Blieszner ein. Des Weiteren zieht er Modelle zur Beziehungsdynamik im Zeitverlauf bei Demenz heran. Ein weiteres Konzept, das der Autor aufzeigt, ist von Keady die vier Arbeitstypen von Paaren in einer Pflegebeziehung. Hierbei ist das „working together“ der beste Fall bei Paaren mit Demenz.

In Kapitel 5 geht der Autor auf die Methodik seines Forschungsvorhabens ein. Dem Autor geht es in seiner Studie darum, die gelebte Erfahrung der Demenz vom Standpunkt beider Partner aus zu untersuchen. Er bezieht sich dabei auf das subjektwissenschaftliche Wissenschaftsverständnis der Kritischen Psychologie. Bödecker diskutiert eingehend die Herausforderungen qualitativer Forschung mit Menschen mit Demenz. Er geht u.a. auf folgende Probleme ein:

  • Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der Daten,
  • Kommunikation mit dem Menschen mit Demenz,
  • informierte Einwilligung,
  • Rekrutierung der Teilnehmer,
  • ethische Dilemata und
  • konstante „moral sensitivity“ in der Situation.

Weiterhin stellt der Autor das Forschungsdesign, die Datenerhebung und die praktische Umsetzung seiner Studie dar. Zur Datenerhebung verwendet er problemzentrierte Einzel- und Paarinterviews. Der Interviewleitfaden ist im Anhang des Buches abgedruckt.

Kapitel 6 umfasst die fünf Fallstudien mit Paaren mit Demenz. Der Autor untersucht dabei das Zustandekommen der Konflikte. Nach den Paarinterviews führt er Einzelinterviews mit den Ehepartnern. Trotz ähnlicher Konflikte, gibt es Unterschiede:

  • Paar A: Widerstand vs. Akzeptanz der Hilfe trotz positiver Beziehung
  • Paar B: Widerstand vs. Akzeptanz der Einschränkungen und der Hilfe
  • Paar F: Kränkungen und Minderwertigkeitsgefühle
  • Paar H: Aggressive Ausbrüche und das Gefühl wechselseitiger Dominanz
  • Paar K: Wachsende Distanz durch blockierte Kommunikation.

Zusätzliche Daten gewinnt der Autor aus sechs Interviews mit Ehefrauen, deren Partner eine fortgeschrittene Demenz haben.

Kapitel 7 gibt eine Zusammenfassung der Studienergebnisse und Darstellung des Zwei-Phasen-Adaptionsmodells für Paare mit Demenz. Der Autor arbeitet hier zwei Entwicklungsaufgaben, je nach Schwere der Demenz, heraus:

  • eine neue Balance finden,
  • eine neue Basis finden.

Besonders Konflikte um die Selbständigkeit und Selbstbestimmung, wie beim Anziehen, sind bei allen Paaren ähnlich. Der Autor zeigt außerdem acht weitere Konfliktthemen auf, sowie die Einwirkungen des gesellschaftlichen Demenzbegriffs, der sozialen Unterstützung und des Pflegesystems. Bödecker stellt daraus eine Übersicht über beziehungsförderliche und -hinderliche Faktoren auf.

In Kapitel 8 gibt der Autor abschließend Empfehlungen für die wissenschaftliche, therapeutische, beraterische oder pflegerische Praxis.

Diskussion

Das Fachbuch von Bödecker zeigt die weitreichenden Folgen für Paare, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt ist. In den Fallstudien und Interviews gibt der Autor einen privaten, wechselseitigen Einblick in das Leben der Paare und ihren Umgang mit Konflikten.

Mit seinem Zwei-Phasen-Modell zeigt er auf, wie eine gute Zusammenarbeit und emotionale Nähe auch mit fortgeschrittener Demenz erhalten werden kann. Interessant ist sein Ansatz, die Perspektive auf die Paarkonflikte zu enttherapeutisieren und diese dagegen in einem biographischen, sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu betrachten. In dieser Hinsicht schließt die Arbeit auch an das DYADEM-Programm, Paartherapieprogramm bei Demenz, an.

Fazit

Der Autor stellt die aktuelle Forschung zu Paarkonflikten, die Besonderheiten im Alter und bei der Erkrankung Demenz vor. Aus Fallstudien und den theoretischen Ansätzen entwickelt er sein Zwei-Phasen-Modell. Paare mit Demenz stehen vor den Entwicklungsaufgaben, eine neue Balance und eine neue Basis zu finden.

Das Fachbuch ist für alle pflegerischen, sozialen und psychologischen Fachkräfte, die mit Paaren mit Demenz arbeiten, ein Muss. Eine herausragende, inspirierende Arbeit, die einerseits weitreichende Hintergrundinformationen und andererseits tiefgehende Einblicke in das Leben und Lieben von Paaren mit Demenz bietet.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
E-Mail Mailformular


Alle 33 Rezensionen von Alexandra Günther anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 08.03.2016 zu: Florian Bödecker: Paarkonflikte bei Demenz. Vom Finden einer neuen Balance zum Finden einer neuen Basis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3331-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19742.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung