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Inken Seifert-Karb (Hrsg.): Frühe Kindheit unter Optimierungsdruck

Cover Inken Seifert-Karb (Hrsg.): Frühe Kindheit unter Optimierungsdruck. Entwicklungspsychologische und familientherapeutische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-8379-2355-1. D: 25,90 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Sammelband werden aus soziologischer, psychologischer, medizinischer und pädagogischer Perspektive das zugleich hoch relevante und hoch sensible Thema der frühkindlichen Entwicklung sowie deren Voraussetzungen und mögliche Förderwege diskutiert. Als zentraler Ausgangspunkt der Beiträge fungiert der Befund, dass sich die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte im Umgang mit der Lebensphase der Frühen Kindheit dergestalt niederschlagen, dass verstärkt Normierungs-und Optimierungsansprüche an sie gestellt werden. Die im Band versammelten AutorInnen thematisieren aus wissenschaftlicher und therapeutisch-praktischer Perspektive die vielfach benötigten Unterstützungen für Kinder und Familien einerseits und die diese Hilfen stets begleitenden normativen Setzungen bezogen auf eine gute Kindheit und Entwicklung andererseits.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Inken Seifert-Karb, die zudem einen eigenen Beitrag im Band verantwortet, studierte Diplompädagogik und ist ausgebildete Psychoanalytische Paar- und Familientherapeutin. Sie gründete und leitet eine Beratungsstelle für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern und ist auch in eigener Praxis tätig. Zudem ist sie Dozentin und Supervisorin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Gießen und lehrt seit 2013 auch an der Phillips-Universität Marburg.

Entstehungshintergrund

Bei den Texten handelt sich um die ausgearbeiteten und vertieften Beiträge der TeilnehmerInnen der 18.Jahrestagung der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH), welche 2013 in Oberursel bei Frankfurt a. M. unter dem Titel „Frühe Kindheit unter Optimierungsdruck – nie mehr Zeit für Bullerbü“ stattfand.

Aufbau, Vorwort und Einleitung

Nach einem Vorwort von Mechthild Papoušek und der Einleitung der Herausgeberin gliedert sich der Band in fünf Kapitel, in denen sich jeweils ein bis vier Beiträge versammeln:

  1. „Frühe Kindheit und Gesellschaft“
  2. „Zeit für Beziehung – Raum für Fantasie – Zeit für Entwicklung“
  3. „Frühkindliche Bildung und Gesundheit“
  4. „Diagnostik und medizinische Versorgung – unter Optimierungsdruck?“
  5. „Frühe Hilfen und Kinderschutz“

Im Anhang des Bandes befinden sich die Grußworte zur oben benannten Tagung.

Im Vorwort skizziert Mechthild Papoušek das gegenwärtig wahrnehmbare Spannungsverhältnis zwischen den deutlich verbesserten gesellschaftlichen Unterstützungssystemen für Familien und Kinder (z.B. Elterngeld, Recht auf einen Kindergartenplatz) einerseits und einer zunehmenden Überforderung und eines verstärkten Belastungserlebens von Eltern sowie auffallenden psychischen und Verhaltensproblemen von Kindern anderseits. Auf der Suche nach Antworten für diesen scheinbaren Widerspruch konstatiert sie, dass die „gute“ Beziehungszeit in der familiären und sozialen Interaktion, i.S. eines Einander-Zuhörens und Aufeinander-Eingehens im Schwinden begriffen ist und eine gelingende intuitive Kommunikation zwischen Eltern und dem kleinen Kind als Voraussetzung einer stabilen Entwicklung aufgrund von Zeitnot und Hektik aber auch unter dem gestiegenen Druck, alles richtig machen und besser als andere sein zu wollen bzw. zu müssen, kaum zu realisieren ist.

An die Bedeutung von genügend „guter“ Beziehungszeit gerade in der frühen Kindheit schließt auchInken Seifert-Karb in ihrer Einleitung an: In Berufung auf Ergebnisse aus Psychoanalyse und Bindungstheorie, der empirischen Säuglings- und Kleinkindforschung sowie den Neurowissenschaften sieht sie in emotional sicheren Beziehungen die Grundvoraussetzung sowohl für die seelische Gesundheit als auch die frühkindliche Bildung und das Fundament für die auch aus sozialer Perspektive hochrelevanten Kompetenzen wie Mitgefühl und Kooperationsbereitschaft, konstruktive Konfliktfähigkeit und Solidarität.

Zu 1.

Im ersten Kapitel „Frühe Kindheit und Gesellschaft“ betont Klaus Hurrelmann die Bedeutung des Wechselspiels zwischen den individuellen Voraussetzungen und Ressourcen einerseits und den gesellschaftlichen Um- und Zuständen andererseits für die Erhaltung von Gesundheit und die Entstehung von Krankheiten. Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen und deren Folgen für individuelle Biographien (Stichwort: Ent-Strukturierung von Lebensläufen) konstatiert er vor allem für Kinder und Jugendliche steigende Anforderungen an die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben. Diese können in Abhängigkeit von vorhandenen Ressourcen (z.B. resultierend aus dem sozialen Status) eine Quelle von Belastungen und letztlich Krankheiten darstellen, aber auch Chancen für Neuorientierungen und Kreativität bieten. In der Befähigung von Kindern und Jugendlichen zur Entwicklung eines produktiven Bewältigungsverhaltens in der Auseinandersetzung mit komplexer gewordenen Entwicklungsaufgaben sieht Hurrelmann die Hauptaufgabe von Prävention und Therapie, für die er eine Gesamtstrategie einfordert.

Zu 2.

Das zweite Kapitel „Zeit für Beziehung – Raum für Fantasie – Zeit für Entwicklung“ vereint vier psychoanalytische bzw. familiendynamische Perspektiven, die auf die Bedeutung der elterlichen Primärerfahrungen für den Aufbau einer sicheren Beziehung zum Kind fokussieren.

Ute Auhagen-Stephanos (Die Bindung beginnt vor der Zeugung. Der Mutter-Embryo-Dialog) ergänzt die mittlerweile gesicherten Erkenntnisse um die Bedeutung der Pränatalzeit für die kindliche Entwicklung um die Bedeutung der Zeit vor der Zeugung. An Beispielen aus ihrer Arbeit mit ungewollt kinderlosen Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, zeigt sie, dass eine positive Beziehung zum Kind bereits vor der Schwangerschaft beginnen muss, um eine solche überhaupt erst zu ermöglichen.

Dagmar Brandi („Ausgeträumt“ – der Traum vom Familiennest. Verklärung und Trauma oder Möglichkeit zur Entwicklung?) verdeutlicht anhand eines Falls aus der entwicklungspsychologischen Beratungspraxis „Von Anfang an. Hilfe und Beratung für Eltern mit Kindern von null bis drei Jahren“, bei dem der Traum von einer Familie unversehens zum Alb-Traum wird, wie groß oft der Graben zwischen dem gewünschten Ideal der Kleinfamilie und der gelebten Realität ist und wie er zum Wohle aller Beteiligten verringert werden kann.

Terje Neraal („Wenn der Akku leer läuft – Burn-out der Familie“. Familiendynamische Ursachen und frühkindliches Erleben und Vernachlässigung) zeigt in einer familiendynamischen Perspektive, wie die eigene emotionale Vernachlässigung als Kind sowie die Zurückstellung eigener Bedürfnisse zu vernachlässigenden Familiensituationen beitragen. Hier wird deutlich, dass eine solche Vernachlässigung grundsätzlich in allen sozialen Schichten möglich ist, obgleich materielle Ressourcen zumindest zeitweilig einen kompensatorischen Charakter haben können. Neraal stellt außerdem die Rolle der HelferInnen und deren Gegenübertragungen für ein Gelingen des Beratungsprozesses heraus.

Anhand eines Fallbeispiels aus der Beratungsstelle „Elternberatung Oberursel“ plädiert Inken Seifert-Karb (Verstehen, wie es anfängt. Triadische Interaktion und unbewusste Familiendynamik – Szenen einer psychoanalytisch-familientherapeutischen Eltern-Säuglings-Behandlung) dieses Kapitel abschließend dafür, Störungen in der frühen Kindheit immer in der Säugling-Mutter-Vater-Triade zu verorten. Mittels einer Video-Interaktionsdiagnostik werden die verschiedenen Beziehungsebenen in der Triade erschließbar und tragen zum Verstehen der Anfänge belastender Verhaltensweisen eines kleinen Kindes in seinem familiären Beziehungsgefüge bei.

Zu 3.

In den drei Beiträgen des dritten Kapitels „Frühkindliche Bildung und Gesundheit“ verhandeln die AutorIinnen die Frage, wie Krippenpädagogik jenseits von Ökonomisierungs- und Bildungsdruck gelingen kann und diskutieren psychoanalytisch-pädagogische und bindungstheoretische Konzepte für eine Verbesserung der Beziehungsqualität in Betreuungs- und Bildungsinstitutionen.

Zum Auftakt dieses Kapitels argumentiert Thilo Maria Neumann (Ökonomisierungsdruck? Eine andere Pädagogik ist möglich!) eindrücklich sowohl gegen eine entgrenzte Arbeitswelt, in der Kinder – in entsprechenden Einrichtungen und auch sonst – vorrangig funktionieren sollen als auch gegen eine durch Ökonomisierungsbestrebungen und Förderwahn gekennzeichnete pädagogische Praxis. Eine „andere Pädagogik“ insbesondere im Krippenbereich wäre Neumann zufolge durch a) emotionale Sicherheit, b) feinfühlige Elternkontakte und c) die Konstruktion als affektfreundlicher Übergangsraum gekennzeichnet, was allerdings auch stabile und gesunde Arbeitsbedingungen für die PädagogInnen voraussetze.

Wie eine solche feinfühlige Elternarbeit aussehen könnte illustrieren Regina Studener-Kuras, Marai Fürstaller und Antonia Funder (Elternarbeit im Kindergarten. Psychoanalytisch-pädagogische Perspektiven zur Begleitung von Eltern in der Phase der Eingewöhnung) dann auf der Basis eines Pilotprojektes zur entsprechenden Weiterbildung von ErzieherInnen.

Im Anschluss stellen Jeanette Hollerbach und Karl Heinz Brisch (Sekundäre Prävention von emotionalem Problemverhalten) durch „B.A.S.E.® – Babywatching gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie“) das Programm B.A.S.E.® zur Verbesserung von Feinfühligkeit und Empathiefähigkeit bei 3-16-Jährigen Kindern und Jugendlichen in Kindergärten und Schulen vor.

Zu 4.

Die Beiträge des vierten Kapitels „Diagnostik und medizinische Versorgung – unter Optimierungsdruck?“ befassen sich mit dem Niederschlag gesellschaftlicher Veränderungen in einer familien-psychosomatischen und einer geburtshilflichen Station in zwei deutschen Universitätskliniken sowie der kinderärztlichen Praxis und mit den Herausforderungen, die für das Personal daraus resultieren.

Burkhard Brosig, Robert Wanke, Stefan Rauch, Lena Becker und Klaus-Peter Zimmer („Das macht mir Bauchschmerzen“ Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen im Kontext von Leistungsdruck und existentieller Unsicherheit) zeigen anhand statistischer Daten sowie eines Falles von chronischen Bauschmerzen eines 16-Jährigen, wie die Aufstiegs- und Absicherungswünsche von Eltern der sozialen Mittelschicht, die zugleich beruflich und emotional hochbeansprucht sind, sich beim Kind auf somatischer Ebene ausdrücken.

Christiane Prüßmann, Anne Junghans, Daniela Stindt und Ute Thyen (GuStaF – Guter Start in die Familie. Fortbildungsprogramm für begleitende Familienunterstützung und Vernetzung rund um die Geburt) betonen die Notwendigkeit, medizinisches Fachpersonal zu befähigen, besondere Belastungssituationen bei (werdenden) Eltern rechtzeitig zu erkennen und auch entsprechend zu handeln. Sie diskutieren zudem die mit solchen präventiven Eingriffen verbundene Gefahr, bestimmte so genannte Risikogruppen per se als belastet zu stigmatisieren und schlagen statt dessen ein niederschwelliges Angebot für alle Familien vor.

Dieses Kapitel abschließend zeigt Rhea Seehaus (Normierung des Kinderkörpers – Formierung der Elternsorge?! Ergebnisse einer empirischen Studie) anhand der Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter, wie den Körper und die Fähigkeiten von Kindern betreffende Normen auch das elterliche Verhalten dahingehend normieren und bewerten, inwieweit es als entwicklungsförderlich gelten kann.

Zu 5.

Das fünfte und letzte Kapitel „Frühe Hilfen und Kinderschutz“ befasst sich mit Symptomen frühkindlicher Vernachlässigung und Misshandlung sowie mit Modellen zur Früherkennung und Prävention.

Philomena Wohlfarth (Kindesmisshandlung: Selbstzweifel und Selbsthass, die sich gegen das eigene Kind richten. Die transgenerationale Weitergabe von Gewalterfahrungen in der Kindheit) plädiert für eine stärkere Fokussierung auf die Ursachen der transgenerationalen Weitergabe von Gewalterfahrungen in Prävention und Therapie. Anstatt betroffenen Eltern das Gefühl zu vermitteln, sie kontrollieren zu müssen, was den innerfamiliären Druck meist noch verstärkt, kann ein Bewusstsein für die oft belasteten eigenen Biografien zu besserer Unterstützung, z.B.in Form einer stärkeren Entlastung, führen.

Auch bei ihrer Vorstellung und Diskussion eines psychosozialen Präventionsprogramms zur frühzeitigen Vermeidung von Kindeswohlgefährdung thematisieren Manfred Cierpka und Oliver Evers („Keiner fällt durchs Netz“. Wie eng muss dieses Netz geknüpft werden?) den häufig schwierigen Zugang zu potentiell bedürftigen Familien, da jene solchen Angeboten oft misstrauisch und ablehnend gegenüber stünden.

Die enormen fachlichen, personellen, aber auch finanziellen Herausforderungen einer nachhaltigen Unterstützung von bereits verhaltensauffälligen Kindern und deren Familien im Kontext großstädtischer Brennpunktkieze zeigen Christian Ludwig-Körner, Karsten Krauskopf und Ulla Stegemann (Förderung der Eltern-Kind-Beziehung im Kindergarten. Die mögliche Rolle spezialisierter Fachkräfte vor Ort). Zudem werden mögliche Kontrast-und Konfliktlinien in der interkulturellen Auseinandersetzung darüber, was einer guten kindlichen Entwicklung zuträglich ist, deutlich.

Mit ihrer Perspektive auf den ökonomischen Ertrag Früher Hilfen thematisieren Inga Wagenknecht und Uta Meier-Gräwe (Auf- und Ausbau Früher Hilfen in Zeiten knapper öffentlicher Kassen) abschließend einen oft wenig diskutierten Aspekt sozialer Arbeit. Denn die Kosten Früher Hilfen, die wiederkehrend Gegenstand diverser Kürzungsdebatten sind, sind in der Betrachtung der ansonsten zu erwartenden Folgekosten im Bildungs-, Gesundheits- und Justizsystem deutlich geringer.

Diskussion

Die in diesem Band zusammengeführten Beiträge machen die große Bandbreite der möglichen Zugänge und Schwerpunktsetzungen bezogen auf den Themenbereich „Frühe Kindheit“ deutlich. Die Fokussierung der bereits in Titel und Einleitung formulierten Frage nach der Bedeutung von Optimierungsansprüchen für diese Lebensphase erfolgt höchst unterschiedlich: Während einige Beiträge explizit auf gesellschaftliche Normierungen abheben (z.B. Hurrelmann; Neumann; Seehaus), zu denen sich Kinder, Jugendliche und Eltern verhalten müssen und zu denen sie auch selbst beitragen, stellen andere AutorInnen biografisch inspirierte intrapsychische Prozesse zentral (z.B. Auhagen-Stephanos; Brandi, Neraal; Seifert-Karb), die Belastungssituationen befördern, welche – so viel wird bereits aus den eindrücklichen Fallvorstellungen deutlich – auch nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen (z.B. soziale Ungleichheit) zu verstehen sind. Besonders in den Texten, die sich mit konkreten Angeboten Früher Hilfen für potentiell belastete Familien befassen (z.B. Wohlfahrt; Cierpka & Evers; Ludwig-Körner, Krauskopf & Stegemann) wird zudem deutlich, dass jegliche Unterstützung – so geboten sie uns auch erscheinen mag – weder standpunktfrei noch anormativ erfolgt.

Bereits die Feststellung zunehmender Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern oder abnehmender Erziehungskompetenzen von Eltern geht von bestimmten Normvorstellungen bezüglich kindlichen oder elterlichen Verhaltens aus und läuft Gefahr, sich an den kritisierten Optimierungstendenzen zu beteiligen. Insbesondere die stark psychodynamisch orientierten Beiträge könnten noch stärker in die Diskussion derjenigen gesellschaftlichen Verhältnisse eintreten, in deren Kontext sich psychische Dynamiken ja auch entfalten und z.B. in der Arbeit mit ungewollt kinderlosen Frauen (Auhagen-Stephanos) nach der Bedeutung des gesellschaftlichen Mutter-Ideals für das individuelle Leid fragen oder in der Arbeit mit Migrantenfamilien (Brandi) relevante Ablehnungs- und Diskriminierungserfahrungen mitdenken.

Auf der Basis der stark bindungstheoretisch argumentierenden Beiträge (z.B. Hollerbach & Brisch) wäre es auch denkbar, gerade vor dem Hintergrund kulturell und sozial zunehmend heterogener Gesellschaften die Frage nach der Reichweite bindungstheoretischer Setzungen (z.B. das Konzept der „Feinfühligkeit“) zu diskutieren. Am deutlichsten wird die Ambivalenz zwischen dem eigenen Anspruch zu helfen und den daraus resultierenden Gefahren für die „Betroffenen“ (Stigmatisierung, Erhöhung des Drucks) in denjenigen Texten, die sich mit der Unterstützung so genannter Risikogruppen befassen (z.B. Prüßmann, Junghans, Stindt & Thyen; Cierpka & Evers).

Insgesamt bieten die versammelten Beiträge m.E. eine sehr gute Möglichkeit, um über die verbreitete Illusion einer „Störungsfreien Entwicklung“ zu reflektieren, die an gängige Risikodiskurse anschließt, welche jegliche Verhaltensweisen jenseits einer rigiden westlichen Mittelschichtsnorm als potentielle Gefahr für die kindliche Entwicklung im Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes werten.

Fazit

Der vorliegende Sammelband liefert fundierte Einblicke in aktuelle Wissensbestände über die frühkindliche Entwicklung aus verschiedenen Disziplinen und ermöglicht ein vielschichtiges Verstehen der Bedeutung von gesellschaftlich vermittelten und individuell wirksamen Optimierungsbestrebungen für die Lebensphase der „Frühen Kindheit“. Anhand diverser Fallbeispiele erfolgen Einsichten in psychoanalytische und familiendynamische Modelle und Arbeitsweisen. Die Vorstellung von Programmen zur Förderung von Eltern, Kindern und Familien sind erhellend und regen ihrerseits zur Diskussion über unser aller Vorstellungen von guter Kindheit, guter Erziehung, guten Beziehungen und notwendiger Förderung an. Die unterschiedlichen disziplinären Perspektiven ergänzen sich hierbei wechselseitig und geben durch so unterschiedliche Zugänge wie Falldarstellungen oder die Vorstellung wissenschaftlicher Begleitstudien einen breiten Einblick in die Vielschichtigkeit der Betrachtungsmöglichkeiten der „Frühen Kindheit“. Damit stellt der Band einen guten Ausgangspunkt für Forschende und PraktikerInnen für eine weitere Reflexion der eigenen Positionen im ambivalenten Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit von Unterstützung in hochbelasteten Situationen bzw. bei verstärkter Unsicherheit von Eltern oder der potentiellen Gefährdung von Kindern einerseits und der eigenen Mitwirkung an Normierungs- und Optimierungsprozessen andererseits dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Kleeberg-Niepage
Europa-Universität Flensburg Institut für Erziehungswissenschaften Abteilung Psychologie
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Zitiervorschlag
Andrea Kleeberg-Niepage. Rezension vom 05.08.2016 zu: Inken Seifert-Karb (Hrsg.): Frühe Kindheit unter Optimierungsdruck. Entwicklungspsychologische und familientherapeutische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2355-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19744.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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