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Robert Gander, Andreas Rudigier u.a. (Hrsg.): Museum und Gegenwart

Cover Robert Gander, Andreas Rudigier, Bruno Winkler (Hrsg.): Museum und Gegenwart. Verhandlungsorte und Aktionsfelder für soziale Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel. transcript (Bielefeld) 2015. 170 Seiten. ISBN 978-3-8376-3335-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Im Museum werden Objekte aus der Vergangenheit gesammelt, bewahrt, erforscht, ausgestellt. Wie gegenwärtig kann das Museum sein, was kann es zu den Zukunftsfragen der Menschen beisteuern?

Herausgeber und Autorinnen/Autoren

Andreas Rudigier ist Direktor des „vorarlberg museum” in Bregenz, Robert Gander und Bruno Winkler sind Gesellschafter der Firma Rath & Winkler – Projekte für Museum und Bildung in Innsbruck.

Die Beiträge stammen von Museums-und Kulturmachern aus Österreich und seinen Nachbarländern sowie aus England.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Schrift dokumentiert den 25. Österreichischen Museumstag, der unter dem Titel „Die Gegenwart als Chance” im Oktober 2014 in Bregenz stattfand.

Aufbau

Nach kurzen Grußworten und der Einführung durch die Herausgeber folgen 16 Beiträge ganz unterschiedlicher Formate. Neben dem Projektbericht steht die Selbstdarstellung einer Institution, dem Essay folgt ein „Briefwechsel”.

Die meisten Beiträge haben nicht mehr als fünf Seiten, etliche aber auch mal zehn, enthalten farbige oder auch Schwarz-Weißbilder.

Ausgewählte Inhalte

Die Leitfrage ist mit dem Untertitel formuliert: Wie können Museen Verhandlungsorte und Aktionsfelder werden, die soziale Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel mittragen, ja mitgestalten? Einige Beiträge, die eben darauf eingehen, werden im Folgenden kurz skizziert:

  • J. Bradburne berichtet von seinen Anstrengungen, den Palazzo Strozzi in Florenz nicht nur für Touristen attraktiv zu halten, sondern auch für die Einheimischen. Das Publikum wird dazu ermutigt, „länger zu schauen” und Ausstelllungen in Form von Notizen oder Postkarten zu kommentieren: So haben Kinder ihre Gedanken zu Werken von Cezanne niedergeschrieben; die Texte wurden neben den Gemälden angebracht.
  • Hanno Loewy macht darauf aufmerksam, dass das Jüdische Museum in Hohenems Objekte gesammelt hat, die übrig blieben, als sich Anfang des 19.Jahrhunderts die jüdischen Landgemeinden auflösten, weil die Städte attraktiver waren. Das Museum versteht sich als Open Space, will Neugier kultivieren, Besucher/innen irritieren.
  • Katrin Auer informiert über den „Stollen der Erinnerung” in Steyr. Das ist ein Luftschutzbunker, den KZ-Häftlinge gebaut hatten und in dem nun deren Schicksale mit Fotos, Zeitzeugenberichten etc. vor allem Schulkassen vermittelt werden.
  • Fatih Özcelik stellt das sog. Vielfaltenarchiv, eine Dokumentationsstelle zur Migrationsgeschichte Vorarlbergs vor. U.a. sind dort Reisepässe zu sehen, mit denen Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Türkei ab 1964 nach Österreich einreisten. Das Archiv wird von einem Verein getragen, in dem sich Immigrantinnen und Immigranten und ihre Nachfahren selbst organisieren.
  • Mark Taylor wirbt für sein Programm „Museums change lives”: Museen können und sollen den Menschen dabei helfen, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, auch Bürgersinn und das Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln. Im Unterschied zu „Themenparks” verfügen Museen über authentische Objekte, die den Besuchern besser zugänglich gemacht werden müssen. Dabei muss das Museum endlich alle Schichten und Gruppen erreichen, nicht nur die „weiße Mittelschicht ”(Hintergrund des Autors ist der britische Museumsverband). Dies bedeutet auch, dass deren Kultur nicht länger hegemonial bleiben kann.
  • Sibylle Lichtensteiger (Stapferhaus Lenzburg) setzt ganz auf Teilhabe und Mitwirkung der Besucher. Diese konnten z.B. nach dem Besuch der Ausstellung „Geld” den Eintrittspreis selbst bestimmen.
  • Johannes Inama (Küefer-Martis-Huus in Ruggell/Liechtenstein) berichtet, dass eine Ausstellung wie „Aus Liebe Fremd”(2014) nicht nur an die grenzüberschreitenden Hochzeiten erinnert, sondern auch die Benachteiligung der liechtensteinischen Frauen thematisiert, die bis 1974 bei Heirat ins Ausland ihre Staatsbürgerschaft verloren.

Diskussion

Weitere Beiträge heben ganz auf politische Bildung ab; das sog. Kindermuseum ZOOM in Wien etwa vermittelt den Kindern die Notwendigkeit und Möglichkeiten des kritischen Konsums, der Müllvermeidung etc. Wieweit dies (noch?) ein Museum im üblichen Sinne ist, wäre zu diskutieren. Etliche andere Beiträge wiederum sind allzu allgemein gehalten oder kaum mehr als institutionelle, vorwiegend architektonisch bestimmte Selbstdarstellungen (so auch des vorarlberg museum) oder arg spezifisch (Klassifikation alpiner Schmetterlinge durch DNA-Analysen).

Insgesamt bleibt die überaus gefällig gestaltete Publikation hinter dem Anspruch, soziale Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel zu stärken, doch deutlich zurück.

Fazit

Die Veröffentlichung lässt einige interessante Ansätze erkennen, wie sich Museen gegenwärtig gesellschaftspolitisch orientieren. Für den Leserkreis aus der Sozialen Arbeit ergeben sich nicht so viele Anknüpfungspunkte wie erwartet.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 06.11.2015 zu: Robert Gander, Andreas Rudigier, Bruno Winkler (Hrsg.): Museum und Gegenwart. Verhandlungsorte und Aktionsfelder für soziale Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3335-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19748.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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