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Ivana Pilić, Anne Wiederhold: Kunstpraxis in der Migrations­gesellschaft

Cover Ivana Pilić, Anne Wiederhold: Kunstpraxis in der Migrationsgesellschaft. Transkulturelle Handlungsstrategien am Beispiel der Brunnenpassage Wien. transcript (Bielefeld) 2015. 127 Seiten. ISBN 978-3-8376-3191-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Mit „Kultur für alle“ soll der Kulturbetrieb für alle Bevölkerungsgruppen geöffnet werden, mit „Kultur von allen“ die Teilhabe über die Rolle des Publikums deutlich hinausgehen: Aus Zielgruppen werden Akteure und Akteurinnen.Wie ist das in der Praxis zu machen?

Autorinnen

Die Kommunikationswissenschaftlerin Ivana Pilic und die Schauspielerin Anne Wiederhold leiten das soziokulturelle Zentrum „Brunnenpassage Wien“. Sie dokumentieren die Konzepte und Praxis der Einrichtung, die von der Caritas Wien getragen wird.

Aufbau

Die Publikation besteht aus zwei Teilen, einer deutschen Version und einer spiegelbildlichen Fassung in englischer Sprache mit jeweils 130 Seiten, bei gleichem Layout und identischen Fotos.

Nach einem Grußwort des österreichischen Kulturministers erklären die Autorinnen ihren Ansatz, nämlich ihre „transkulturelle Handlungsstrategien“. Im Hauptteil mit ca. 80 Seiten präsentieren und reflektieren sie acht ausgewählte Formate ihrer Arbeit.

Inhalt

Die Kulturarbeit der Brunnenpassage geht von dem erweiterten Kulturbegriff aus, also über die sog. Hochkultur hinaus, ohne diese jedoch auszuklammern; auch die herkömmlichen Kultureinrichtungen sollen ja die Teilhabe von breiten Teilen der Bevölkerung ermöglichen. Bekanntlich sind viele Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern im Kulturbereich unterrepräsentiert, insbesondere auch Immigrantinnen und Immigranten, generell bildungsferne und einkommensschwache Gruppen. Teilhabe soll nicht bloß Rezeption sein, sondern zu aktiver Beteiligung einladen. Die Institutionen müssen sich dazu mit ihrer Umgebung auseinandersetzen und vor Ort, in den sog. Außenbezirken präsent werden.

Explizit „transkulturell“ ist der Ansatz der Autorinnen deshalb, weil sie zwar die kulturelle Vielfalt Wiens abbilden wollen, aber keineswegs die Differenzen verfestigen, sondern deren Verbindungen und Durchdringungen ausspielen wollen. Ziel ist die größtmögliche, mehrdimensionale Vielfalt der Nutzer.

Die ehemalige Markthalle am Wiener Brunnenmarkt ist seit 2007 als Kulturzentrum in Betrieb. Sie will Menschen mit geringen Bildungschancen, niedrigem Einkommen oder/und Migrationserfahrungen, auch ältere Mitbürger/innen erreichen. Daher sind die Angebote so gestuft, dass sie von barrierefreien Schnupperkursen oder Straßenaktionen bis zu festen Kursen oder Ensembles reichen.

Zur Praxis gehören verschiedene Formate, zum Beispiel:

  • Ein kleines Publikum (nicht mehr als 12 Personen) begibt sich auf einen Geschichtenspaziergang, zu verschiedenen Orten im Stadtteil, wo Menschen aus ihrem Leben erzählen. Nachbarn werden miteinander bekannt.
  • Junge Frauen können sich mit der Arbeit eines DJ bekannt und bei Interesse eine halbjährige Ausbildung machen, auf mittlere Sicht auch etwas Geld in dieser (sonst maskulin dominierten) Szene verdienen.
  • An die 30 Akteure entwickeln aus Material von Shakespeares „Sturm“ ein eigenes Stück, das mehrsprachig, vor allem mit Gesang und Musik in einem traditionellen Theater der Innenstadt aufgeführt wird.
  • Wöchentlich einmal treffen sich Gesangsinteressierte einfach so, unverbindlich zum Singen; sie finden dabei auch heraus, dass eine bestimmte Melodie auch in anderen Ländern, anderen Sprachen und mit andren Inhalten bekannt und beliebt ist. Ambitioniertere Sängerinnen und Sänger haben feste, verbindliche Übungen, um als „Brunnenchor“(an die 120 Mitglieder) auch öffentlich aufzutreten.

Diskussion

Die vorliegende Dokumentation ist fein gestaltet, mit zahlreichen Fotos und aufgelockerten Textseiten benutzerfreundlich. Wieso die gesamte Publikation mit allen Fotos, aber englischem Text gedoppelt ist, erschließt sich nicht.

Kulturtheoretisch (Transkulturalität), kulturpolitisch („Kultur von allen für alle“) und konzeptionell/praktisch ist die Publikation auf dem neuesten Stand. Die Praxisbeispiele werden gut begründet und veranschaulicht.

Die Autorinnen zeigen auch die Grenzen der Kulturvermittlung auf: Die Einladung zum kulturvollen Gedankenaustausch beim gemeinsamen Frühstück „Piknik“ wird auch von Menschen wahrgenommen, die einfach nur Hunger haben und das Buffet leeren. Das spricht nun keineswegs gegen aktivierende Kultursozialarbeit, ganz im Gegenteil.

Fazit

Konzept und Praxis der Kulturarbeit in der Brunnenpassage, einer ehemaligen Markthalle am Brunnenmarkt in Wien, werden in deutscher und englischer Fassung gefällig und überzeugend begründet und dokumentiert.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 09.11.2015 zu: Ivana Pilić, Anne Wiederhold: Kunstpraxis in der Migrationsgesellschaft. Transkulturelle Handlungsstrategien am Beispiel der Brunnenpassage Wien. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3191-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19749.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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