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Tilman Jens: Du sollst sterben dürfen

Cover Tilman Jens: Du sollst sterben dürfen. Warum es mit einer Patientenverfügung nicht getan ist. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. 183 Seiten. ISBN 978-3-579-07096-4. D: 18,99 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Die letzte Freiheit

Vom spanischen Jesuiten, Moralphilosophen und Schriftsteller Baltasar Graciá y Morales (1601-1658) stammt folgende Sentenz: „Freiheit ist kostbarer als jedes Geschenk, das dich dazu verleiten mag, sie aufzugeben.“

Wir alle wollen frei sein, auch in den letzten Dingen. So verwundert es nicht, dass in den letzten Jahren, welche einen ungeheuren Fortschritt in der Medizintechnik, aber im Vergleich dazu lediglich bescheidene Fortschritte bei dem Umgang mit Sterbenden gezeigt hat, immer stärker, fordernder und oft auch verzweifelnder der Ruf nach einem menschenwürdigen Sterben erschallt. Der Gesetzgeber hat diese Rufe durchaus auch erhört. So hat er z.B. durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2009 den § 1901a in das BGB eingefügt, der zum ersten Mal gesetzlich die sog. Patientenverfügung regelt. Sie soll in den Fällen, in denen der Errichtende nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen selbst zum äußern, dem Betreuer bzw. den Bevollmächtigten in den Stand versetzen, dem Willen des Errichtenden zum Ausdruck und zur Geltung zu verschaffen. In der Praxis begegnen jedoch immer noch oft Fälle, bei denen dieser schriftlich niedergelegte Patientenwille nicht realisiert wird.

Dieser Fallkonstellation widmet sich der Autor des hier vorzustellenden Buches, der als Sohn des berühmten Germanisten Walter Jens, der eine Patientenverfügung verfasst hatte, selbst als Betroffener an einer solchen schicksalshaften Begebenheit beteiligt war.

Aufbau

Das schmale aber äußerst gehaltvolle Büchlein, welches zusätzlich durch einen sehr moderaten Preis glänzt, ist in folgende Abschnitte gegliedert:

Vorbemerkung

  1. Das gebrochene Versprechen
  2. Große Koalition: Von Angehörigen, Betreuern, Pflegern und Ärzten
  3. Übergriffigkeiten: Die Politik, die Kirchen und der selbstbestimmte Tod
  4. Exithouse – ein Zwischenruf
  5. Zwei Freunde: Große Gewissheit und ein kleines Vielleicht
  6. Warum es mit einer Patientenverfügung nicht getan ist

Dokumentarischer Anhang

  1. Patientenverfügung Walter Jens
  2. Interview mit Inge Jens vom 21. Juli 2009
  3. Patientenverfügung Christoph Werner
  4. Silvia Bovenschen über Sterbehilfe, für 3sat/Kulturzeit vom 20. Januar 2014
  5. Rede von Valerie Wilms (Bündnis 90/Die Grünen) vor dem Deutschen Bundestag am 13. November 2014
  6. Der letzte öffentliche Auftritt zum Thema Freitod: Walter Jens zu Gast bei „Hart aber fair“ am 26. November 2003
  7. Glossar

Ein Dankeswort sowie ein Literaturverzeichnis beschließen das Buch.

Inhalte und Diskussion

Beklemmend, bedrückend und gleichzeitig auch erhellend und wachrüttelnd ist Jens´ Darstellung des Umgangs von Ärzten mit dem in der Patientenverfügung seines Vaters niedergelegten Willens für den Fall, dass dieser sich nicht mehr selbst zu seinem Schicksal im Rahmen des Sterbeprozesses werde äußern können. Der Abdruck der Patientenverfügung von Walter Jens im Anhang des Buches macht das Lesen dieser Passagen des Buches zu einem noch erschütternderen Erlebnis. In der Patientenverfügung hat Walter Jens formuliert, „dass nichts gegen den Lauf der Natur getan“ werden solle. Und gleichwohl wurde der prominente Germanistikprofessor von den Ärzten nicht erlöst, obgleich dies nach Aussage des Autors der einzig richtige Weg gewesen wäre. Obgleich hier also massive Kritik an der aktuellen Rechtslage geäußert wird, Vorwürfe gegen die Politik und Ärzteschaft erhoben werden und nach Ansicht Jens´ der Wunsch des größten Teils der Bevölkerung nach ärztlicher Hilfe beim Sterben in ausweglosen medizinischen Lagen ignoriert wird, spart Tilman Jens aber auch nicht mit Kritik. So zitiert er den renommierten und auf Medizinrecht spezialisierten Rechtsanwalt Wolfgang Putz, der sich die Patientenverfügung von Walter Jens angeschaut hat, der davon spricht, dass die Patientenverfügung „nicht geradlinig konkret, sondern verquast und überladen mit Selbstverständlichkeiten“ gewesen sei (S. 30). Der Abdruck der Patientenverfügung ist mithin nicht so zu verstehen, dass man sich diese als Vorbild nehmen sollte, sie vielmehr als warnendes Beispiel dafür dienen sollte, wie man es macht.

Tilman Jens kommt am Ende seines Buches – nach aller Kritik an der Legislative und der Ärzteschaft – dann aber zum entscheidenden Punkt, der die ganze Diskussion um ein würdevolles Sterben grundiert und die Basis für einen Wandel darstellt. Er plädiert ganz entschieden dafür, dass in der Familie, zwischen Ehepaaren, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Brüdern und Schwestern, zwischen engen Freunden etc. ganz offen, ohne falsche Scham, ohne Bedenken, ohne Skrupel und vor allem Angst über die Vorstellungen und Wünsche für den unmittelbaren Sterbeprozess gesprochen werden soll. Einzig und allein dann ist es möglich, diesen Wünschen zu entsprechen und Ängsten hinsichtlich des eigenen Todes zu begegnen. Erst wieder eine solche Gesprächskultur Platz gegriffen hat, hat sich ein gesellschaftlicher Wandel Bahn gebrochen, der zweifelsohne auch zu entsprechenden Änderungen bei den bestehenden Gesetzen führen. Tilman Jens plädiert also zu recht für einen Tabubruch – lasst uns über unsere Ängste beim Sterben ganz offen sprechen.

Fazit

Das Buch befasst sich engagiert und pointiert mit einem offen zu Tage liegenden Problem der modernen Gesellschaft. Mag es auch an manchen Stellen durch die persönliche Betroffenheit des Autors nicht immer objektiv und sachlich sein, so gebührt dem Verfasser dennoch das Verdienst eines offenen und ehrlichen Umgangs mit der eines würdevollen Sterbens. Insofern stellt die persönliche Betroffenheit auch eine Stärke des kleines Büchleins, welches einen sehr moderaten Preis hat, dar. Wer sich aus der Sicht eines betroffenen Angehörigen über die Probleme eines selbstbestimmten Sterbens informieren möchte, ist gut beraten, zu diesem Werk zu greifen.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 11.02.2016 zu: Tilman Jens: Du sollst sterben dürfen. Warum es mit einer Patientenverfügung nicht getan ist. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. ISBN 978-3-579-07096-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19752.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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