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Mahzad Hoodgarzadeh: Bildungsaspiration im Migrationsdiskurs

Cover Mahzad Hoodgarzadeh: Bildungsaspiration im Migrationsdiskurs. Eine generationsübergreifende Darstellung am Beispiel einer iranischstämmingen Familie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 120 Seiten. ISBN 978-3-95558-156-5. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Die Suche nach erklärenden und vermittelnden Kategorien von Integration

Die bildungstheoretische und -praktische Debatte darüber, inwieweit Bildung als Transformationsprozess beim Erkennen und Bewältigen von Selbst- und Weltverständnissen wirksam sein können, sind angefüllt mit den vielfältigen Vermutungen, Erklärungen, Konzept- und Theoriebildungen darüber, wie Wissens- und Kompetenzzuwächse entstehen und sich damit „rekonstruierte(n) biographische(n) Wandlungsprozesse der nonkonformen Praxis in einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess einfügen, in dem die nonkonformen Kritikformen an Normierungspraktiken zu einer Ausbildung von spezifischen Praxis- und Feldformen der Flexibilisierung führen“ (Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php). Insbesondere die Frage, wie in den Zeiten der in der Globalisierung sich vollziehenden Veränderungs- und Wandlungsprozesse Wanderungsbewegungen lokal- und globalgesellschaftlich zu erklären und zu bewältigen sind, steht im Mittelpunkt der pädagogischen und gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen: Wie können angesichts der immer interdependenter und entgrenzender sich entwickelnden (Einen?) Welt die Migrationsbewegungen so gesteuert und bewältigt werden, dass die Möglichkeiten und Ressourcen aller Beteiligten berücksichtigt werden und gewissermaßen eine Win-Win-Situation und damit eine gelingende Integration von Minderheiten in Mehrheitsgesellschaften entstehen kann?

Entstehungshintergrund und Autorin

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, wird im gesellschaftlichen Diskurs mittlerweile einerseits akzeptiert und befürwortet, andererseits zeigen die zunehmenden populistischen und rechtsradikalen Parolen die Widerstände und tumben bis strategischen Meinungsbildungen eines Teils der Bevölkerung auf. Umso wichtiger ist es, in der Migrationsforschung nach Wegen zu suchen, wie aus konfrontativen Auffassungen kongruente und konsensuelle Einstellungen entstehen können (Doug Saunders, Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14487.php). Es sind die Aufforderungen zum humanen, rationalen und empathischen Denken und Handeln („Schauen Sie nicht zu, sondern hin!“, 23.10.2015, www.sozial.de/ (Schnurers Beiträge). Im wissenschaftlichen Migrationsdiskurs kommen dabei den biographischen Zugängen eine besondere Bedeutung zu, also den Fragen, wie Ge- und Misslingen von Integration zustande kommen, welche Ursachen dabei bedeutsam sind, und welche Bedingungen sich zeigen. Sind Kinder mit Migrationshintergrund per se im deutschen Bildungssystem benachteiligt und eher zum Scheitern verurteilt als autochthone? Wie ist zu erklären, dass z. B. Schülerinnen und Schüler, deren Eltern aus Vietnam oder aus dem Iran kommen, sich im allgemeinen durch überdurchschnittliche schulische Leistungen auszeichnen und Motivationen und Kompetenzen zeigen, die oft weit vor denen von „eingesessenen“ Kindern liegen? Wie lassen sich solche Phänomene erklären und wo sind die Ursachen dafür zu finden?

Diesen Fragen geht die promovierte Geisteswissenschaftlerin und als Consulterin bei einem Beratungsunternehmen tätige Mahzad Hoodgarzadeh nach. Die Studie gründet auf ihrer Dissertation, die sie 2014 an der Universität Koblenz-Landau zum Thema „Bildungsgeschichten iranischstämmiger Familien in Deutschland“ als geschichts-, länder- und generationsübergreifende Arbeit vorgelegt hat. Ihre These, „dass Bildungsaspiration historisch und innerfamiliär tradiert und sozial vererbt wird, wodurch auch der Bildungserfolg erklärt wird“, klingt erst einmal entgegen der gängigen erziehungswissenschaftlichen Auffassungen, dass Bildung, unter Berücksichtigung der Ausprägungen, Schwerpunktsetzungen und dem Menschenrecht auf Bildung, ein Prozess und ein ethisches Grundprinzip ist, das jedem Menschen eigen und mächtig ist. Wenn also Bildung dazu dienen soll, dem „Ziel höherer Kultur, feinerer menschlicher Umgangsformen, einer würdigeren Lebensführung, eines schöneren, angenehmeren Miteinanders, eines erfüllteren Lebens, einer gesteigerten Fähigkeit, sich und anderen zum Glück zu verhelfen“ nachzukommen, darf dies nicht von äußeren Bedingungen, wie der familiären Herkunft abhängig gemacht werden, sondern muss als Bildungsgerechtigkeit menschengemacht sein (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php). Weil aber die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt, dass Herkunft, die ökonomische Bedingungen und Entwicklungen sehr wohl dazu beitragen, dass Bildung gelingen oder misslingen kann, sind diese habituellen Fragen auch im Migrationsdiskurs angebracht (und zwar auch angesichts der Erwartungshaltungen der Mehrheitsgesellschaft an die Zugewanderten hinsichtlich ihrer Identitätsentwicklung als Anpassung und/oder eigenständigen Inwertstellung und „Brauchbarkeit“ für ökonomische Entwicklung). Immerhin: „Von den unter 6-Jährigen hat gut ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund“, wie dies der Bildungsbericht von 2014 aufweist. Es ist die Nachschau darüber, mit biografischen Beispielen „eine Minderheit der Minderheit innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu beschreiben“, nämlich „Familien aus dem Iran, die nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 aus ihrem Herkunftsland geflüchtet sind und nur zufällig Deutschland erreichten“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre empirische Studie, neben dem Vorwort und der Einführung, in sieben Kapitel.

In der Einführung stellt sie ihren Forschungsansatz „Bildungsaspiration im Migrationskonzept“ vor und ordnet ihn in den wissenschaftlichen Kontext ein.

Im ersten Kapitel setzt sie sich mit der „Herkunftsland- und Einwanderungsanalyse“ zum einen mit der persischen und iranischen Geschichte auseinander; und zum anderen mit den Bedingungen, die die Eingewanderten in Deutschland, etwa mit den Diskussionen und Rechtsstellungen zum Asylrecht (in den 1980er Jahren), den Anerkennungs-, Eingliederungs-, Einbürgerungspraxen und bildungsinstitutionellen Möglichkeiten der Kindergeneration.

Im zweiten Kapitel reflektiert die Autorin auf der Grundlage von Pierre Bourdieus Kapital- und Habitustheorie, von Katharina Brizi?s Sprachkapitalmodells und Karl Mannheims Generationskonzepts die theoretische Einbettung in die Forschungsarbeit. Die sich grafisch, inhaltlich und integrierend als „Mosaikstern der Theorien“ darstellenden Elemente vermitteln: „Der Mensch als soziales Wesen hat eine innere Kraft, die von dem gesamtgesellschaftlichen Umfeld beeinflusst wird“.

Im dritten Kapitel erläutert sie Ziele und Methoden ihrer Forschungsstudie, im vierten gibt sie Auskunft über „Forschungsdesign und -fragen der quantitativen Studie“, im fünften informiert sie über die Formen der Datenerhebung zu den drei Familien-Fallbeispielen, im sechsten unternimmt sie eine Auswertung der Datenergebnisse auf der Grundlage von fünf Forschungsfragen:

  1. … „Inwieweit lässt sich die verbundene Bildungsaspiration der Eltern – trotz eines Bruchs in ihrer bildungsinstitutionellen und beruflichen Laufbahn – auf gesellschaftliche Bedingungen in den 1970er/1980er Jahren im Iran zurückführen?“
  2. … „Was waren die gesamtgesellschaftlichen und persönlichen Gründe, die die Eltern dazu veranlasst habewn, trotz ihres hohen Qualifikationsniveaus und ihrer Aussicht auf ein sicheres ökonomisches Kapital ihr Herkunftsland zu verlassen?“
  3. … „Wie wurde / wird die Bildungsaspiration innerhalb der Familie tradiert?“
  4. … „Welche Rollen spielen die Herkunftssprache der Eltern, Farsi, und die Sprache des Einwanderungslandes, Deutsch, in der Tradierung der elterlichen Bildungsaspiration und im Leben der Kindergeneration? Und worauf ist die sprachliche Rollenverteilung zurückzuführen?“
  5. … Welche Zukunftsvorstellungen hat die Kindergeneration (mit Schwerpunkt auf Bildung und Sprache) im Hinblick auf die Erziehung ihrer eigenen zukünftigen Kinder?

Zur Erforschung und möglicherweise Übertragung der Thematik auf andere Migrationssituationen entwickelt die Autorin ein Dreiebenen-Modell, mit dem deduktive und induktive Verläufe sauf der Makro-, Meso- und Mikroebene von Migrationsprozessen ermittelt werden können.

Fazit

Der Aussagewert der Studie fokussiert darauf, dass die Autorin bei ihren Fallbeispielen den Blick nicht auf die Defizite der Familien richtet, sondern auf die Ermittlung der ökonomischen, intellektuellen, mentalen, weltanschaulichen und kulturellen Ressourcen. Mit dem soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Begriff „Bildungsaspiration“ werden die Vorstellungen und Motivationen der Eltern zum Bildungserfolg ihrer Kinder thematisiert. Die bedeutsame Konstellation, dass Eltern vorhandene oder fehlende eigene kulturelle, ethische und ökonomische Wertsetzungen auf die Erziehungs- und Bildungsentwicklung ihrer Kinder weitergeben, ist ohne Zweifel für eine gelingende Integration der Eltern wie der Kinder wichtig. Zumindest am Beispiel der untersuchten, aus dem Iran stammenden Familien zeigt sich, dass die allgemeinen Einschätzungen, „dass Personen mit einem Migrationshintergrund einen geringeren Bildungsstand als Personen ohne Migrationshintergrund aufweisen“, relativiert werden müssen, und zwar hinsichtlich der Vorstellungen, „dass die spezifischen migrationsbiografischen Konstellationen, wie beispielsweise Migration, Flucht und unsicherer Status, nicht zwangsläufig zu einer eher weniger ausgeprägten elterlichen normativen Bildungsaspiration führen (müssen)“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.06.2016 zu: Mahzad Hoodgarzadeh: Bildungsaspiration im Migrationsdiskurs. Eine generationsübergreifende Darstellung am Beispiel einer iranischstämmingen Familie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-156-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19759.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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