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Christian Niemeyer: Mythos Jugendbewegung

Cover Christian Niemeyer: Mythos Jugendbewegung. Ein Aufklärungsversuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-3280-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

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Thema

Lieber Mythos sein als gar nicht sein, diesen Mythos gilt es zu be- und zu hinterfragen. „Lasst doch der Jugend ihren Lauf…“ – in diesem vermutlich aus Franken stammendem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert geht es um nicht mehr und nicht weniger als ums Tanzen, Fröhlichsein und Lieben - notwendig und erstrebenswert (auch) in einer Zeit, in der die herannahende Industrialisierung ganz andere Anforderungen als das Tanzen und Freisein an die Menschen zu stellen scheint. Mitmachen oder Dagegen halten? (siehe dazu auch: Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, www.socialnet.de/rezensionen/18946.php). Die Entscheidung über diese Alternative ist, so sagt man in der Jugendbildungsarbeit, ein Vorrecht der Jugend. Und die Alten, Wissenden und Bestimmenden, was sagen sie dazu? Sie sind schnell mit der scheinbar tröstlichen, aus der Maat der Lebenserfahrung gespeisten, fingerzeigartigen Einschätzung zur Hand: Die Jugend hat das Recht (und die Chance), mit dem Herzen zu denken, die Alten brauchen dazu den Verstand (und die Realität). Schaut man sich darauf einmal die Titel der verschiedenen Liederbücher an, wird allerdings auch deutlich, dass das Educador-Educandus-Verhältnis (Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben, Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php) voll wirksam ist. „Gar fröhlich zu singen“, lautet die Aufforderung in dem von Egon Kraus und Felix Oberborbeck herausgegebenem Liederbüchlein, in dem „Kernlieder für die Schule“ abgedruckt sind (1952). „Die neue Fahrt“ titelt das „Altenberger Singewerk“, das 1959 von der Deutschen Katholischen Jugend herausgegeben wurde. „Aufwärts zu klingenden Weiten“ lautet die Aufforderung im Liederbuch für die Gottesfeier deutscher Jugend (1939). „Wir sind jung, die Welt ist offen“ heißt es in dem kleinen, handlichen Büchlein „Die Mundorgel“ (1968). „Der Kilometerstein“ wird eine Sammlung genannt, in der Lieder aufgeführt sind, „die zu Marsch und Lager notwendig sind wie Affe und Hordenpott“ (1934); und „Morgen marschieren wir“ wird im „Liederbuch der deutschen Soldaten“ (1939) vorausgekündigt. Es sind nicht zuletzt die in der Schulreformbewegung angestoßenen und initiierten Aufforderungen zur Veränderung von bestehenden, institutionalisierten Bildungssystemen, die ein innovatives, pädagogisches Denken und Handeln herausfordern und eine kritische Betrachtung von Reformansätzen erforderlich machen (Edith Kohn: Der ganz andere Ivan Illich. Wie ein Priester zum Verkünder wurde, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13823.php; sowie: Martina Kaller-Dietrich, Ivan Illich (1926 – 2002). Sein Leben, sein Denken, 2007, 253 S.).

Damit wird schon die Janusköpfigkeit deutlich, die sich in der „Jugendbewegung“ zeigt, die in der (deutschen) Romantik mit der Symbolik der „Blauen Blume“ (Novalis) die Sehnsucht insbesondere der Jugend nach einem neuen Bewusstsein, nach Heimatgefühlen, Geschichtskompetenz, Erlebnissen und Erfahrungen aufbrach, sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit der Hinwendung zu Naturerlebnissen zeigte, als Gemeinschaftsempfindungen und -erlebnisse in der „Wandervogelbewegung“ charakterisierte, in der „Bündischen Jugend“ institutionalisierte und in die ideologische Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus mündete. In dieser Gemengelage entstanden Formen wie etwa die Reformpädagogik, Freikörper- und Lebensreformbewegungen. Es entwickelten sich kongruente und konkurrierende Lebens- und Weltanschauungen, und es bildeten sich Gruppierungen, die sich gewissermaßen um selbst gedeutete „Ideale“, wie „Treue“, „Kameradschaft“, „Freundschaft“, „Gottesfürchtigkeit“ und „Führerschaft“, scharten, sich örtlich, regional und national zusammenschlossen und sich regelmäßig an Orten trafen, die im Laufe der Zeit Symbolcharakter einnahmen (wie etwa die „Freideutschen Jugendtage“ auf dem Hohen Meißner). Die Folgen des verlorenen Ersten Weltkriegs (1914-1918) begünstigten und befeuerten die in der Wandervogelbewegung durchaus grundgelegten ethnischen, germanozentrierten und nationalen Gefühle.

Entstehungshintergrund und Autor

Überall da, wo Mythen blühen, im Gestrüpp der verzweigten Erinnerungen prächtig gedeihen, sich zu „Stamm“-Bildungen entwickeln, zu Märchen-Erzählungen werden und gestützt auf den Spalieren „Verharmlosung“ und „Verherrlichung“, ist Geschichts- und Mentalitätsforschung gefordert. Dass dabei ein Riss (oder auch eine Kampfzone) entsteht zwischen dem „Geist der Ewiggestrigen“ einerseits und den kritischen Jugendbewegungshistoriographen andererseits, ist nicht verwunderlich; sind doch Mythen zäh(flüssige), festgefügte und liebgewonnene Standpunkte, deren Infragestellung und kritische Hinterfragung Denk- und Verhaltensgebäude zum Einsturz zu bringen drohen. Mit dem trotzigen „Jetzt erst recht gewandert! Erwandert Euch, was deutsch ist“, wird 1914 in den Ersten Weltkrieg gezogen, und als er 1918 verloren war, erst recht zum Bindemittel für völkisches, national(istisches) Denken wurde (vgl. dazu z. B.: Florian Malzacher u.a., Der Mythos der Jugendbewegung für Anfänger, 2004, 205 S.). Zum einhundertjährigen Gedenken an die Symbolik und die Mythen des „Hohen Meißner“ (1913 – 2013) haben die Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Mainzer Archivs der deutschen Jugendbewegung, Barbara Stambolis, und der Historiker und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums, Jürgen Reulecke einen Quellenband vorgelegt, der die Kontroversen um eine „jugendbewegte Erinnerungspolitik“ nicht beruhigte und zu einen vermochte, sondern vielmehr die Auseinandersetzungen um die Deutungs- und Erklärungshoheit in Sachen Ideengeschichte der Jugendbewegung nur noch mehr anheizte (vgl.: Jürgen Reulecke / Barbara Stambolis, Hrsg., 100 Jahre Hoher Meißner (1913 - 2013). Quellen zur Geschichte der Jugendbewegung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18888.php).

Der Sozialwissenschaftler vom Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der Technischen Universität Dresden, Christian Niemeyer, gilt im Diskurs um die Ambivalenz der Jugendbewegungshistoriographie bei denjenigen, die sich darauf eingerichtet haben, „lieber Mythos zu sein als gar nicht zu sein“, als Störenfried. Sein Anliegen ist, „den Ausgangspunkt im Auge zu behalten – den Punkt also, an dem Mythen aufhören, eine feine Sache zu sein“. Er will aufklären „gegen den Geist der Ewiggestrigen“, indem er die gängigen und bisher eher festgefügten und fraglosen Mythen kritisch betrachtet, etwa

  • der Steglitzer Wandervogel sei, wie die Vorkriegsjugendbewegung insgesamt, eher harmloser Natur gewesen,
  • die „Meißnerformel“ vom Oktober 1913 könne man als das typische Bekenntnis ‚der‘ Jugendbewegung lesen,
  • eine Verbindung von der Jugendbewegung zum Antisemitismus und zum völkischen Denken sei nicht herstellbar,
  • das „Meißnerfest“ von 1913 sei abrupt durch den Beginn des Ersten Weltkriegs auf die Realitäten hin orientiert worden,
  • Nietzsche sei der entscheidende Prophet der Jugendbewegung gewesen,
  • die Jugendbewegung habe nach dem Ersten Weltkrieg einen neuen, sozialen und sozialpädagogischen Anfang genommen,
  • die Machtergreifung der Nazis sei ohne Vorbild und Vorsatz durch die Jugendbewegung möglich gewesen,
  • die 68er Studentenbewegung könne als ‚zweite‘ Jugendbewegung verstanden werden.

Aufbau und Inhalt

Chronologisch und thematisch gliedert Christian Niemeyer seine Analyse in zehn Kapitel.

  1. Im ersten fragt er: „100 Jahre Wandervogel – ein Grund zur Freude?“,
  2. im zweiten „100 Jahre Meißnerformel – ein Grund zur Freude?“,
  3. im dritten setzt er sich mit „Jugendbewegung und Antisemitismus“ auseinander,
  4. im vierten fragt er nach „Nietzsche im Schrifttum der deutschen Jugendbewegung?“,
  5. im fünften thematisiert er den (pädagogischen) Vorwurf: „Nietzsche als Jugendverführer“,
  6. im sechsten mit dem Titel „Plündernde Soldaten“ die pädagogische Nietzsche-Rezeption im Ersten Weltkrieg,
  7. im siebten mit der Parole „Macht Platz, ihr Alten!“ die Ursprünge, Problemstellungen und Aktualität eines jugendbewegten Imperativs unter besonderer Berücksichtigung Nietzsches und des Siegfried-Motivs,
  8. im achten wendet er sich den Zumutungen zu, die „Jugendbewegung als ‚geistige Energie‘ der Sozialen Arbeit?“ zu stilisieren,
  9. im neunten fragt er nach „Mythos Sozialpädagogik?“, indem er Position zu den jugendbewegungsideologischen Hintergründen der Kritik Theodor Wilhelms an Klaus Mollenhauer am Ende des „sozialpädagogischen Jahrzehnts“ (1965 – 1975) bezieht, und
  10. im zehnten Kapitel schließlich geht er kritisch an die „68er im Urteil von Jugendbewegungsveteranen“ heran, indem er deutlich und eindeutig der Interpretation widerspricht, die Studentenbewegung sei als „zweite Jugendbewegung“ zu charakterisieren.

Der Autor nimmt zwei Veranstaltungen zum Datum „100 Jahre Wandervogel“ zum Anlass, um die Frage nach den historischen und (gesellschafts-)politischen Deutungen in den Zeitläuften und heute zu stellen: Da ist zum einen das gut besuchte Fest der Wandervogelbünde im November 2001 in Berlin-Lankwitz, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit viel Gesang, Tanz, Kino und Zuversicht sich versicherten, dass die Jugendbewegung eher a-politisch und unideologisch entstanden sei und gewirkt habe; und zeitgleich das Symposium an der Gedenkstätte Sachsenhausen-Oranienburg, bei dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine „Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle Jugendbewegt-Bündischer in der NS-Zeit“ vornahmen. In seiner Analyse kommt Niemeyer zu dem Ergebnis, „es habe zu allen Zeiten in der Jugendbewegung und auch außerhalb von ihr Tendenzen gegeben, sie für Zwecke Dritter in den Dienst zu nehmen“.

Die Nachschau „Wie und warum sich die deutsche Jugendbewegung wider besseren Wissens (mit der Meißnerformel, JS) einen Mythos schuf“, mündet erst einmal in der möglichen Gegenfrage: „Na und?“. Denn die „Meißnerformel“ klingt durchaus ideologisch unverdächtig und zukunftsweisend: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein“. Doch diese hehren Worte hielten der Wirklichkeit nicht stand, wie dies einer der Historiographen und Analysten der Jugendbewegung, Walter Laqueur (1962) feststellte: „… nur ein Versprechen, das nie gehalten wurde, und eine Formel, die jedem etwas anderes bedeutete und die auf jeden Fall keine spezielle Jugendformel war“. Niemeyer lehnt die Formel in ihrer inhaltlichen Aussage nicht ab; vielmehr stellt er sie in den aktuellen Zusammenhang von Nietzsches Forderung, dass die Jugend sich selbst erziehen und jede An- und Zuweisung seitens Dritter (selbst-)kritisch betrachten müsse.

Hellhörigkeit und kritische, quellenaktive Betrachtung ist auch notwendig, wenn es um die Betrachtung des deutlichen Zusammenhangs von Jugendbewegung, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowohl während der Zeit der Jugendbewegung, als auch heute geht. Der Autor sieht sowohl in den historischen und sozialwissenschaftlichen Forschungsaktivitäten, als auch bei der Aufmerksamkeit für rechtsradikale und neonazistische Entwicklungen die Sozialpädagogik in besonderer Weise gefordert und empfiehlt eine „Konzeption von Jugendarbeit…, die sich weniger dem Streben der Jugend nach – falsch verstandener – ‚Emanzipation‘ fügt als dem des Unterbindens eines falsch verstandenen und durch die Wirkung von Videospielen noch um den Faktor ‚Gewalttätigkeit‘ bereicherten Strebens nach Herrenmenschentum im Rahmen einer durch Gruppenrituale noch verstärkten Gegenwelt“.

Der Autor untersucht drei Jugendbewegungszeitschriften: „Der Wanderer“, die „Wandervogelführerzeitung“ und „Der Weiße Ritter“, um die Frage zu beantworten, welche Bedeutung Nietzsches Schriften im medialen Diskurs in der deutschen Jugendbewegung hatten. Seine Analyse bringt ihn zu der Vermutung, dass „Nietzsche ( ) im Schrifttum der deutschen Jugendbewegung offenbar so gut wie keine Rolle gespielt (hat)“, und die ihm von der Rezeption zugeschriebene Rolle als „Prophet der deutschen Jugendbewegung“ in Frage gestellt werden müsse.

Dieser Herausforderung geht Niemeyer im fünften Kapitel „Nietzsche als Jugendverführer“ dadurch nach, dass er den Interpreten dieser Behauptung auf ihre Schreibe schaut; etwa bei Herman Nohl, Wilhelm Flitner u.a. Der „Übermenschenkonstrukt“ und die Parole „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“, mussten diejenigen auf den Plan rufen, die in Gehorsamkeit, Über-Unterordnungsakzeptanz und Führerfolgschaft die zukünftigen Perspektiven eines „neuen Menschen“ sahen.

Die Argumentationslinie wird weiter geführt mit der Betrachtung der pädagogischen Nietzsche-Rezeption im Ersten Weltkrieg. Da geraten Schulreformer wie etwa Aloys Fischer, Eduard Spranger, Gustav Wyneken, Georg Kerschensteiner, Friedrich Wilhelm Foerster, u.a. in ein merkwürdiges Licht von Kriegsbegeisterung und Volkserziehung. Mit „großer Fahrt“ zogen denn auch viele Wandervögel begeistert in den Ersten Weltkrieg, „kriegstauglich“, mit Nietzsches Schriften und ausgewählt zusammengestellten Passagen aus seinem Werk im Tornister.

Die vom Nationalsozialisten, in den Anfangsjahren zum inneren Kreis der NSDAP gehörenden Gregor Strasser geprägte Parole „Macht Platz, ihr Alten!“ wurde, trotz der Beseitigung Strassers durch die Nazis während des Röhm-Putsches (1934), zur Losung einer „Partei der Jugend“. Mit dem Begriff „Nationale Revolution“ wurde die Veränderung von einer bürgerlich-parlamentarischen in eine autoritär-nationalistische Gesellschaftsform propagiert und mit autoritären und diktatorischen Machtmitteln durchgesetzt. Die ideologische Propagandaparole, dass „der Jugend … als Jugend ein besonderes Recht auf Wendung eines als fatal erlebten Schicksals zu(komme)“, erläutert der Autor anhand von ausgewählten Nietzsche-Zitaten und des Siegfried-Motivs. Für die Rezeption und Obacht-Aufgabe gegen rechtsradikales und nationalistisches Gedankengut ist wichtig zu erkennen, dass nationalrevolutionäre Ideen bei der so genannten „Neuen Rechten“ national und international wieder hoffähig und zielleitend wird.

Mit der Frage, ob die Jugendbewegung „als geistige(s) Zentrum der Jugendwohlfahrtsarbeit“ zu bezeichnen sei, wie dies Herman Nohl als prägend und zielbestimmend für die Profession ausdrückte und zur „Höherbildung der Menschheit“ (Spranger) dienen könne, schaut Niemeyer auf eine Reihe von Biographien, etwa die des Schulreformers und Fürsorge-Erziehers Karl Wilker, und er fragt, ob die Sozialpädagogik diese Herausforderung in der Vergangenheit und auch Heute ernsthaft diskutiere.

Einige Argumente, die eher als negative (und resignative?) Einschätzungen und Praxiserfahrungen daher kommen, formuliert Niemeyer mit der eher kryptischen Frage: „Mythos Sozialpädagogik?“. Hier ist wieder Herman Nohls Rede von der „geistigen Energie“ der Jugendbewegung von Bedeutung; und es sind die „lautstark vorgetragenen Einwände gegen die verharmlosende Lesart der Jugendbewegung als nicht NS-belastet sich besser abwehren lassen, wenn man …das sozialpädagogische Vermächtnis derselben übergroß herausstreicht“, die zu den 50jährigen Erinnerungsfeiern des Meißnerfestes (1963) zu Gehör gebracht wurden. Das Dilemma verdeutlicht der Autor anhand der Kritik Theodor Wilhelms an der sozialpädagogischen Konzeption von Klaus Mollenhauer (vgl. dazu auch dessen Beitrag „Sozialisation und Schulerfolg“, in: Heinrich Roth, Hrsg., Begabung und Lernen, 4. Aufl. 1969, S. 269ff).

Im abschließenden zehnten Kapitel setzt sich Christian Niemeyer mit den heute kontroverser denn je diskutierten Fragen auseinander, ob zwischen RAF-Terror und Studentenbewegung (68er) Verbindungen bestanden hätten und ob diese unter dem gemeinsamen Dach „Jugendbewegung“ zu finden seien. Die Liste der seriösen bis krampfhaften Versuche in der Nachkriegszeit – von Wolfgang Abendroth, über Norbert Elias, bis Adolf Reichwein und Friedrich Wolf – dass es sich bei der Jugendbewegung um eine, wenn schon nicht staatstragende und -förderliche, so doch demokratieerhaltende Aktivität gehandelt habe, widerlegt Niemeyer mit der Erzählung von vier „Todesfällen“ oder untauglichen Initiativen im Theoriediskurs: Zum einen zeigt er an der Kontroverse „Helmut Schelsky vs. Ernst Bloch“ sicherlich provozierend auf, dass die Auseinandersetzung sich wie ein Tiger gestalteten, der als Bettvorleger landete; zum anderen geklagt er, dass die im „Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung“ thematisierten Beiträge eben nicht als Spiegel eines kontroversen, historischen Dialogs gelten könnten, weil „das, worüber die einen dringend reden wollten, das war, was die anderen ebenso dringend vergessen oder zumindest verschweigen wollten“; die dritte „Unfall“-Berichterstattung handelt von den Bemühungen Bernward Vespers, die nationalsozialistische Verwobenheit seines Vaters Will Vesper (und dessen Kompagnon Hans Grimm) zu relativieren und eher deren Jugendbewegungs-Veteranenschaft in das öffentliche Blickfeld zu richten; und die vierte Irritation „Theodor W. Adorno vs. Karl Vötterle“, die als Auseinandersetzung um die faschistischen Merkmale der Jugendmusikbewegung begann und sich zu einer unversöhnlichen bis unsachlichen Kontroverse ausweitete.

Fazit

Die vielfältigen Argumentationsstränge, Quellenverweise und dargestellten Kontroversen, die Christian Niemeyer in seiner Analyse zusammen bringt, ermöglichen die Aussage: „Die Jugendbewegung kann man nicht in eins der Studentenbewegung gegenüberstellen“, und sie auch nur annähernd und stück(-chen)haft als Impulse oder gar Wegweiser für die gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft heranziehen. Wenn, dann doch wohl nur als „Aufklärung über die dunklen Seiten der Jugendbewegung, die…noch immer ihre trügerischen Schatten werfen“. Notwendig ist, im Wissen um die Imponderabilien der historischen (Jugendbildungs-)Entwicklung, mit Hilfe von sozialpädagogischen Konzepten und Visionen, deine neue Jugendbewegung aufzubauen, die, wie der Autor richtig formuliert, eine „Kinderbewegung“ sein sollte!

Christian Niemeyer steuert mit seinem Buch „Mythos Jugendbewegung“ einen Baustein für ein (neues) Forschungsfeld bei, das im wissenschaftlichen und sozialpolitischen Diskurs Aufmerksamkeit verdient.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.11.2015 zu: Christian Niemeyer: Mythos Jugendbewegung. Ein Aufklärungsversuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3280-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19760.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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