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Andrea von Hülsen-Esch (Hrsg.): Alter(n) neu denken

Cover Andrea von Hülsen-Esch (Hrsg.): Alter(n) neu denken. Konzepte für eine neue Alter(n)skultur. transcript (Bielefeld) 2015. 158 Seiten. ISBN 978-3-8376-3215-6. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.
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Thema

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das bedeutet, dass auch im Alter materielle und gesundheitspflegerische Versorgung nicht alles sein können. Alte Menschen leben wie jüngere in einem kulturellen Gebäude. Dadurch wirken auch Selbst- und Fremdbilder vom Alter und vom Altern über das Agieren der alten Menschen selbst wie das ihres Umfeldes in die Alterslage hinein. Hier setzt der bei transcript erschienene, von Andrea von Hülsen-Esch herausgegebene Band „Alter(n) neu denken“ an.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus Vorträgen eines Graduiertenkollegs an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstanden. Neue Einsichten können dadurch entstehen, dass hierbei in der Gerontologie bislang noch wenig genutzte Gebiete wie die Literaturwissenschaft, die Medizingeschichte, die Personalentwicklung und der Kulturvergleich zu Rate gezogen werden.

Autorin

Professorin Dr. phil. Andrea von Hülsen-Esch lehrt mittlere und neuere Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und beschäftigt sich dort u.a. mit transdisziplinären Forschungen von Alter(n)sdarstellungen.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Vorwort auf die folgenden sechs Einzelbeiträge äußert Herausgeberin Andrea von Hülsen-Esch die Hoffnung, dass die multidisziplinären Altersbetrachtungen einen positiven Perspektivenwechsel auf Alter und Altern erbringen möchten.

An der Medizingeschichte zeigt Daniel Schäfer auf, wie unzureichend das akademische Handeln über Alter lange war. Neben defizitären Beschreibungen hat die Medizin aber lange schon diätetische Verhaltensregeln zur Lebensverlängerung aufgestellt. Heute ist daraus ein zum Teil zweifelhafter Anti-Aging-Markt entstanden. Vorzuziehen wäre indes ein qualitatives Altern.

Aus der Literaturbetrachtung folgert Henriette Herwig, dass sich überkommene literarische Darstellungen auf die heutigen Vorstellungen von Altern und Alter auswirken. Anhand literarischer Beispiele von Fontane, Raabe und Christa Wolf zeigt die Autorin, wie Romanfiguren die ihnen aufgestülpten Alterszuschreibungen entkräfteten und überwanden.

Auf die ostasiatischen Altersbilder blickt Michiko Mae kulturvergleichend. Konfuzianisch ist Alter kein defizitärer Abstieg, sondern durch Entsagung und Loslösung ein Mittel zur Vervollkommnung. Die Individualisierungsschübe ergreifen indes wie in Europa so auch in Japan die Alterskohorten. So gewinnen auch dort Partizipation und das Einbringen persönlicher Potentiale an Bedeutsamkeit. Die diskriminierungsfreie Verlängerung der Lebensarbeitszeit eröffnet eine Age-free-Gesellschaft.

Aus der Humanistischen Gerontologie der Vereinigten Staaten leitet Roberta Maierhofer mit der ano-kritischen Methode der kritischen Nachlektüre von Texten aus der Jung-Alt-Dichotomie die Gestaltungs-Chancen des Alters ab. In rück erinnernder Identitätsbildung eröffnen sich Chancen zum Reifen.

Mit systematischer Personalentwicklung wollen es Manfred Becker et al. in den Betrieben vermeiden, dass die akademisch vorgebildeten Experten ihr Wissen für sich selbst behalten. Personalentwicklung soll eine Kultur der Wissensteilung unterstützen.

Aus der Alternspsychologie deckt Hans-Werner Wahl hilfreiche Potentiale wie Erfahrungswissen, Lernfähigkeit, Prävention und Verantwortungsbewusstsein der Alternden auf, die auch der Gesamtgesellschaft nützlich sind. Positives Alterserleben ist ein protektiver Faktor und kann Einschränkungen vermeiden. Die eigene Selbstständigkeit kann bei subjektivem Wohlbefinden lange erhalten werden.

Diskussion

Der Band „Alter(n) neu denken“ geht mit in der Gerontologie zum Teil noch unüblichen Methoden an die Bewerkstelligung der Alters-Integration heran wie mit Literaturwissenschaft, der kritischen Re-Lektüre von Texten, dem Kulturvergleich und der Medizinhistorie. Die Bausteine der Zusammenschau wirken zwar disparat, erweisen sich am Ende aber denn doch als hilfreich. Dies gilt besonders für den kulturvergleichenden Blick auf Japan. Gerade auch deshalb, weil uns dieses Land mit dem Anteil seiner Hochaltrigen voraus gegangen ist.

Angst vor der eigenen Courage mit dem Mobilisieren neuer gerontologischer Betrachtungsfelder kann man mit Feststellungen wie dieser ausmachen: Die Literatur habe keine direkten Handlungskonsequenzen, vielleicht indirekte (auf Seite 45). Der literarisch heraus gearbeitete Anti-Ageism-Ansatz Roberta Maierhofers fußt zu sehr auf der Nähe von negativer Alterswertung und stereotypem Sexismus. Allemal kann da nur eine differenzierte Sicht helfen.

Sehr am Rande der Thematik bewegt sich auch der Beitrag zur Personalentwicklung. Ganz abgesehen davon, dass der Typus der „Experten“ nicht exakt definiert ist (sind es wirklich alle akademisch Vorgebildeten, wie Seite 119 nahe legt?), geht es beim Altern nun wirklich nicht um die Wissens-Geheimhaltung von Experten im Betrieb. Hier hätte man sich die Erörterung von Konzepten zum längeren Verbleib älterer Arbeitskräfte in der Beschäftigung gewünscht, wozu aber der Beitrag zur Expertenmacht leider nichts hergibt.

Fazit

Altern von bislang gerontologischen Randgebieten wie der Literaturwissenschaft oder der Medizingeschichte aus neu zu definieren wie im Band „Alter(n) neu denken“ hat gewiss seinen Reiz. Über die Verhaltensleitung aus den Köpfen mit ihren gespeicherten Altersbildern lässt sich da sicherlich etwas machen. Die Innovation des Bandes ist erkauft mit einigen abseitigen Wegen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 27.11.2015 zu: Andrea von Hülsen-Esch (Hrsg.): Alter(n) neu denken. Konzepte für eine neue Alter(n)skultur. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3215-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19763.php, Datum des Zugriffs 24.10.2019.


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