socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Leiv Eirik Voigtländer: Armut und Engagement

Cover Leiv Eirik Voigtländer: Armut und Engagement. Zur zivilgesellschaftlichen Partizipation von Menschen in prekären Lebenslagen. transcript (Bielefeld) 2015. 318 Seiten. ISBN 978-3-8376-3135-7. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Armut und die Forschung zu Armut ist ein hoch relevantes sozialpolitisches Thema auch in der Bundesrepublik Deutschland. Das vorgelegte Buch diskutiert und erforscht dabei die Perspektive der sogenannt Betroffenen als Erwerbslose und Sozialhilfeleistungsempfänger*innen weshalb es ihnen nur ansatzweise gelingt, „ sich gemeinsam als Interessengruppe zu organisieren und sofern sie als solche ausnahmsweise in Erscheinung treten, […] sie nur selten Gehör“ (S.15) finden.

Autor

Leiv Eirik Voigtländer hat Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert und ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Flensburg. Das Buch publiziert seine Ende 2013 an der Freien Universität Berlin abgelegte Dissertation.

Entstehungshintergrund

In der Armutsforschung besteht ein deutliches Forschungsinteresse weshalb so wenige von Erwerbslosigkeit und/ oder Armut betroffene Menschen sich selbst an sozialpolitischen Aktivitäten beteiligen. „Das Wissen über die Bedingungen, die sich förderlich oder hemmend auf die soziale und sozialpolitische Praxis der – gegen den Trend – bürgerschaftlich Aktiven unter den Betroffenen auswirken, ist empirisch schwächer fundiert […]“ (S.53), weshalb sich die vorgelegte Forschungspublikation explizit mit dieser Betroffenenperspektive, die sich unter den Bedingungen von Armut und Erwerbsarbeitslosigkeit zugleich sozial oder sozialpolitisch engagieren, aus einer maßgeblich qualitativen Untersuchungsbetrachtung befasst.

Aufbau

Das für eine Dissertationsschrift ausgesprochen zugänglich formulierte und vom Umfang durchweg lesbare Buch gliedert sich in fünf Kapitel.

Nach einer ausführlichen, den Gegenstand klärenden und die Forschungsfrage explizierenden Einleitung folgt das für Dissertationen übliche Methodenkapitel. Das zentrale dritte Kapitel beschreibt die Empirie in Form von Ableitungen aus 16 leitfadengestützten Interviews. Es folgt ein Erkenntnisabgleich mit einer Literaturstudie zu sozialen Bürgerrechten, um in einem abschließenden fünften Kapitel ein die Erkenntnisse bündelndes Fazit darzulegen.

Inhalt

In der Einleitung werden sehr dezidiert die Problemstellung und der dazu bestehende aktuelle Forschungsstand ausgeführt. Im Fokus stehen dabei soziale Verzerrungen des bürgerschaftlichen Engagements sowie die Probleme der Selbstorganisation und Interessenartikulation von Erwerbsarbeitslosen und/oder armen Menschen. Anhand verschiedener Studien werden diverse Erklärungsfaktoren herausgearbeitet und darauf aufbauend die Fragestellung der Forschungsarbeit nach typischen hinderlichen und förderlichen Handlungsbedingungen von aktuell sozial und sozialpolitisch engagierten Erwerbslosen und Armen, ihren eigenen Zielen sowie den Einflussgrößen der durch Arbeitsmarktreformen veränderten sozialen Rechte auf eben diese Handlungsbedingungen für ein Engagement der Betroffenen selbst.

Das Methodenkapitel beschreibt das üblicher- und notwendigerweise für eine wissenschaftliche Studie darzulegende Forschungsvorgehen, wobei hier hervorzuheben ist, dass in dieser qualitativen Studie zwölf Männer und vier Frauen leitfadengestützt interviewt wurden, die während der Erhebung entweder erwerbsarbeitslos, zeitweilig oder dauerhaft erwerbsarbeitsgemindert oder geringfügig beschäftigt waren und gleichzeitig aktiv in einer sozialen oder sozialpolitischen Initiative engagiert waren.

Im Hauptkapitel zur Darlegung der empirischen Erkenntnisse werden zunächst die privaten Alltagserfahrungen zu prekärer Beschäftigung und Erwerbsarbeitslosigkeit, zum Einkommen und dem Lebensstandard, den Interaktionen mit dem sogenannten Jobcenter sowie den vermittelten Maßnahmen darlegt. Es folgen die subjektiven Beschreibungen zum jeweiligen sozialen und sozialpolitischen Engagement. Spannend dabei ist ein Unterkapitel wie in manchen Bezügen aus engagiert Betroffenen durch die Interaktion Akteure werden, die sich von den Adressat*innen ihres Engagements durchaus distanzieren. Sehr eindrücklich und höchst interessant sind zugleich die durchaus unterschiedlichen Perspektiven zu Motiven und der Betrachtung förderlicher sowie hemmender Bedingungen für ein Engagement von Betroffenen.

Als Ergänzung und zur erkenntnisfördernden Vertiefung der eigenständig erhibenen Empirie folgt eine Literaturstudie zu den veränderten sozialen Rechten der Betroffenen und den damit gesetzten Handlungsbedingungen für eine Selbstorganisation und ein bürgerschaftliches Engagement Erwerbsarbeitsloser und armer Menschen. Dabei werden in verschiedenen abgeleiteten Thesen die „Konsequenzen erodierender sozialer Rechte für bürgerschaftliche Teilhabe“ (S.271) expliziert. Eine scharfe Kritik der unter einer rot-grünen Bundesregierung eingeführten Arbeitsmarktreformen wird deutlich resümiert.

Im als Fazit überschriebenen Abschlusskapitel werden die zentralen Erkenntnisse gebündelt dargelegt und diskutiert. Hilfreich hierbei ist eine thesenhafte Formulierung dieser zentralen Erkenntnisse mit einer jeweils dazu folgenden kompakten Darlegung der empirischen und theoretischen Ableitungen.

Diskussion und Fazit

Das Buch gibt einen großartigen Einblick in die subjektiven Perspektiven der sogenannt Betroffenen auf eben die förderlichen und hemmenden Handlungsbedingungen für ein soziales und sozialpolitisches Engagement. Erkenntnisse wie „im sozialen und sozialpolitischen Feld sind die Spielräume einkommensarmer Bürger eng“ (S.285) oder auch „ der Druck auf Erwerbstätigen und Erwerbslosen am Arbeitsmarkt lastet auch auf Haupt- und Ehrenamtlichen im sozialen Engagement“ (S.287) sowie bspw. die Ableitung dass „die Konzentration auf das persönlich Notwendige, die in solcher Situation [von Erwerbslosigkeit und Armut; S.B.] geboten ist, ist eine schlechte Voraussetzung für kollektives Handeln in Freiheit“ (S.292) sind nachvollziehbare und fundiert belegte Schlussfolgerungen, die jedoch wie der Autor am Ende selbst feststellt, keinen wirklichen neuen Mehrwert an Erkenntnis fördert. Wünschenswert in diesem Kontext wäre zumindest ein Ausblick auf Ansatzpunkte für diese Erkenntnisse reflektierende Handlungsweisen der Wohlfahrtsverbände sowie weitere Träger Sozialer Arbeit, zumal einige Spannungsfelder bspw. zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen problematisiert werden oder auch für sozialpolitische Veränderungsimpulse. Für die Lesefreundlichkeit empfiehlt sich zudem eine grafische Darstellung und Bündelung der zentralen Erkenntnisse in den jeweiligen Kapiteln.

Dieses Buch ist bei den gegebenen Hinweisen ausnahmslos empfehlenswert für in sozialprofessionellen und sozialpolitischen Bezügen handelnde Akteure ob noch als Studierende oder als hauptamtlich tätig Professionelle bzw. als Lehrende in Form einer gut zugänglichen und ausgesprochen fundiert dargelegten Wissens-, Erkenntnis- und Reflexionsquelle.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
E-Mail Mailformular


Alle 18 Rezensionen von Stefan Bestmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 08.01.2016 zu: Leiv Eirik Voigtländer: Armut und Engagement. Zur zivilgesellschaftlichen Partizipation von Menschen in prekären Lebenslagen. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3135-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19764.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!