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Anke J. Hübel: Vom Salon ins Leben (frühe Avantgarde)

Cover Anke J. Hübel: Vom Salon ins Leben. Jazz, Populärkultur und die Neuerfindung des Künstlers in der frühen Avantgarde. transcript (Bielefeld) 2015. 166 Seiten. ISBN 978-3-8376-3168-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft, Band 76. E-Book: 21,99 EUR.
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Thema

Die Prämisse, um jeden Preis modern sein zu müssen, stand wie ein Leitstern über zahlreichen Avantgarde-Bewegungen der 1910er und 1920er Jahre. Mit ihr verknüpft, tauchte ein neuer Künstlertyp auf: ein Grenzgänger zwischen unterschiedlichen kulturellen Lebenswelten, der sich in legerem Anzug und mit eingeklemmtem Augenzwickel dem proletarischen Boxkampf ebenso widmete wie dem Salon oder dem populären Varieté, der sich aber auch für Jazz interessierte, Schallplatten sammelte, Foxtrott und Charleston tanzte, der die Reklame zum künstlerischen Prinzip erhob und darüber hinaus auch geschickt die PR-Strategien der Unterhaltungsindustrie für seine eigenen Zwecke einzusetzen wusste. Auf den Spuren dieses Künstlertyps folgt die Autorin den Protagonisten der damaligen Avantgarde-Bewegungen und widmet sich dabei insbesondere der vielschichtigen Beziehung, welche die Künstler mit der seinerzeit äußerst populären Jazzmusik eingingen.

Autorin

Anke J. Hübel ist Kulturwissenschaftlerin. Ihre berufliche Tätigkeit in der Kultur- und Medienbranche wird durch wissenschaftliche Lehraufträge (2014 an der Humboldt-Universität zu Berlin) sowie ihre Aktivitäten als Autorin ergänzt. Zu ihren Veröffentlichungen gehören zwei Studien, die sich mit dem Film- und Kinomarketing zwischen 1910 und 1930 befassen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihr Buch in insgesamt zwölf kurze Kapitel, die sich unter Bezug auf zahlreiche Text- und Bildquellen verschiedenen Aspekten der Problematik widmen. Diese Kapitel ordnet sie zwei einander ergänzenden Rubriken zu, die – mit Blick auf die Beschaffenheit des für den fraglichen Zeitraum maßgeblichen Speichermediums Schallplatte – als Seite A und Seite B bezeichnet sind, wodurch sich die diskutierten Phänomen im wahrsten Sinne des Wortes als zwei Seiten einer Sache erweisen.

Seite A befasst sich mit den kulturgeschichtlichen Voraussetzungen der Zusammenhänge zwischen Jazz, Populärkultur und Avantgarde. Dazu gehört zunächst der Siegeszug des für den Jazz so bedeutsamen Saxophons, der von Militärkapellen und Brassbands wie jener des Amerikaners John Philip Sousa ausgeht und über das Zwischenstadium einer Übernahme ausgemusterter Instrumente durch Ragtimekapellen bis hin zur Verwendung von Saxophonen in der europäischen Unterhaltungsmusik führt. Parallel hierzu verläuft die Entdeckung des Klang- oder Geräuschpotenzials, das sich im modernen, städtischen Alltag verbirgt. Dieses spielt in den Schöpfungen des Futurismus – beispielsweise in den Lautdichtungen Filippo Tommaso Marinettis oder in den von Luigi Russolo konstruierten „Intonarumori“ (Geräuscherzeugern) – eine zentrale Rolle, ist aber auch für die künstlerischen Aktivitäten der Dada-Bewegung bedeutsam. Einen für den Jazz wichtigen Fokus findet das Interesse am Geräusch im Schlagzeug und dem „Mann des Schlagwerks“ (S. 31), dessen geradezu theatrales Agieren für zeitgenössische Autoren zum „musikalischen Urfaktor“ (S. 33) des Jazzspektakels wird. Damit ist letzten Endes auch das Interesse an neuen Formen der Bewegung berührt, das sich sowohl in der Faszination von Künstlern am Boxkampf und dessen einzigartiger Choreographie als auch an den Bewegungsformen von Modetänzen abzeichnet und – wie auch der Jazz – bis in die Kunst des Varietés und des Kabaretts und in die Musik zeitgenössischer Komponisten wie Erwin Schulhoff oder Stefan Wolpe hinein Auswirkungen hat.

Die ersten Kapitel fortführend und gleichzeitig vertiefend, setzt sich Seite B mit mediengeschichtlichen Aspekten der behandelten Thematik auseinander, wozu zunächst die Werbe- und Reklamestrategien des „Vertriebsnetz[es] Moderne“ (S. 71) gehören. An zahlreichen Textbeispielen zeigt die Autorin beispielsweise, auf welche Weise sich die Künstler von Dada in der Öffentlichkeit die Sprache des Marketings von Jazz zunutze machen und die dadurch entstehende „Dada-Publicity“ (S. 81) wiederum zurückwirkt auf die Vermarktung von Literatur, Musik und Film. Darüber hinaus unterstreicht Hübel am Beispiel des Bauhauses und der „Original-Bauhaus-Jazz-Band“ die generelle Bedeutung des Werbeträgers Jazz, legt die Verknüpfungen von Jazz und den noch jungen Medien Schallplatte und Film dar und zeigt schließlich, wie sich durch Integration von Unterhaltungsmusik in die frühen Rundfunkprogramme auch eine neue Art des Umgangs im Hören von Musik herauszubilden beginnt.

Diskussion

In ihrer Bemühung, alle denkbaren Phänomene der künstlerischen Avantgarde auf den Jazz zu beziehen und bestimmte Entwicklungen unmittelbar an ihm festzumachen, schießt Anke J. Hübel gelegentlich über ihr Ziel hinaus und übergeht dabei andere, mitunter ebenso bedeutsame kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Insofern kratzt der Band trotz seines Materialreichtums und seiner einfallsreichen Darstellungsart oft nur an der Oberfläche und verweigert sich beim Blick auf die Entfaltung künstlerischer Bewegungen in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg einer umfassenderen Analyse zeitgeschichtlicher Entwicklungen. So hat beispielsweise die Lautpoesie eine weiter zurückreichende und stärker differenzierbare Geschichte, wie auch die Evolution elektronischer Klangerzeuger aus ganz anderen theoretischen und künstlerischen Fragestellungen heraus zu verstehen ist und die Einflüsse des Jazz eher als marginal zu betrachten sind. Die verengten Blickwinkel auf einzelne Erscheinungen fallen mit einer auffällig unspezifischen und von der Autorin nicht näher umrissenen Verwendung bestimmter zentraler Begriffe wie „Avantgarde“ und „Jazz“ zusammen. Zwar geht aus dem Kontext unterschiedlicher Kapitel des Buches hervor, dass der Begriff „Jazz“ in den 1910er und 1920er Jahren eine in höchstem Maße heterogene Musik bezeichnet; doch stellt Hübel nie die Frage, welche Art von Musik einzelne Künstler – und hier wäre der mittlerweile in der Musikwissenschaft sehr gut erforschte Erwin Schulhoff ein ausgezeichnetes Beispiel gewesen – eigentlich unter diese Bezeichnung subsumieren. Auch Hübels Äußerungen über die einander oftmals widersprechenden Strömungen der Dada-Bewegung fehlt es dementsprechend ein wenig an der notwendigen Präzisierung, wodurch die Autorin der Vielfalt der hieraus resultierenden künstlerischen Arbeiten nicht gerecht wird.

Fazit

Anke J. Hübels Buch hat den großen Vorteil, dass es sich nicht nur an Fachleute aus den Bereichen Kulturwissenschaft, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte oder Sozialwissenschaft richtet, sondern durchaus auch für den interessierten Laien – der jedoch ein Minimum an Vorwissen zu den diskutierten Bereichen mitbringen muss – von Interesse ist. Dem entspricht der erfreulich lockere und lebendige Umgang mit der Sprache, der, durch Einbindung zahlreicher Quellentexte und Abbildungen bereichert, dennoch zugleich auch dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht wird. Dies hat zur Folge, dass sich dem Band viele Impulse zur Weiterbeschäftigung entnehmen lassen, auch wenn man sich beim Lesen immer vor Augen halten muss, dass eine umfassende Würdigung der besprochenen Phänomene zahlreiche weitere Einflüsse jenseits des Jazz einbeziehen müsste.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Drees
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Zitiervorschlag
Stefan Drees. Rezension vom 02.02.2016 zu: Anke J. Hübel: Vom Salon ins Leben. Jazz, Populärkultur und die Neuerfindung des Künstlers in der frühen Avantgarde. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3168-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19773.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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