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Sonja Zmerli, Ofer Feldman (Hrsg.): Politische Psychologie

Rezensiert von Dr. Axel Bernd Kunze, 18.08.2016

Cover Sonja Zmerli, Ofer Feldman (Hrsg.): Politische Psychologie ISBN 978-3-8487-0959-5

Sonja Zmerli, Ofer Feldman (Hrsg.): Politische Psychologie. Handbuch für Studium und Wissenschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 378 Seiten. ISBN 978-3-8487-0959-5. 58,00 EUR.
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Thema

Die Politische Psychologie ist für Deutschland immer noch eine sehr junge Disziplin. Ihr Anspruch ist es, politisches Verhalten aus psychologischer und sozialpsychologischer Perspektive zu erfassen. Eine neue Schriftenreihe im Baden-Badener Nomos-Verlag will den wissenschaftlichen Austausch innerhalb der Disziplin im deutschsprachigen Raum weiter vertiefen. Den Auftaktband, den die beiden Reihenherausgeber traditionell selbst verantworten, bildet ein Handbuch, das die gesamte Bandbreite dieser Disziplin sichtbar machen will. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die beiden Herausgeber sich zwar an Studenten und die interessierte Fachöffentlichkeit im deutschsprachigen Raum wenden, selbst aber Professuren zu diesem Fachgebiet in Frankreich und Japan innehaben …

Herausgeber

Sonja Zmerli lehrt als Professorin für Politische Soziologie am Institut d´Études Politiques im französischen Grenoble.

Ofer Feldman ist als Professor für Politische Psychologie und politisches Verhalten an der Doshida University im japanischen Kyoto tätig.

Entstehungshintergrund

Die neubegründete Reihe, in welcher der Band erscheint, steht für Beiträge zur politischen Verhaltens- und Einstellungsforschung in deutscher, englischer und französischer Sprache offen. Damit soll erreicht werden, dass sich die neue Reihe auch als wichtige Referenzadresse im internationalen Diskurs etablieren kann.

Aufbau

Der Band wird durch ein Vorwort und eine Einführung (I.) in den Aufbau des Bandes eröffnet, beides aus der Feder der Herausgeber. Die weiteren neunzehn Beiträge lassen sich thematisch folgendermaßen gliedern:

  • Beitrag II: Einführung in die Disziplin (Was ist Politische Psychologie?)
  • Beitrag III: Deutsche Disziplingeschichte
  • Beiträge IV und V: Allgemeine Themen (Persönlichkeit, politische Sozialisation)
  • Beiträge VI und VII: Organisation des politischen Prozesses (Informationsverarbeitung, Entscheidungsfindung, Wahlverhalten)
  • Beiträge VIII bis X: Fragen der politischen Philosophie (Ideologien, Autoritarismus, Führung)
  • Beitrag XI: Biologische Grundlagen
  • Beiträge XII und XIII: Fragen politischer Kommunikation (Rhetorik, Medien)
  • Beiträge XIV bis XVII: Sozialpsychologische Fragen (Gruppen, Vorurteile und Stereotypen, Kultur, Gewalt)
  • Beiträge XVIII bis XX: Fragen internationaler Zusammenarbeit (internationale Beziehungen, Sicherheitspolitik, Friedenssicherung)

Abgeschlossen wird der Band durch eine Schlussbetrachtung der Mitherausgeberin, Sonja Zmerli, ein Autorenverzeichnis und einen Stichwortindex.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden soll – aufgrund der Themenfülle – aus den genannten Themenbereichen jeweils ein Beitrag näher vorgestellt werden.

Beitrag II: Peter Suedfeld und Rajiv S. Jhangiani verstehen unter Politischer Psychologie Untersuchungen zum politischen „Verhalten der Eliten und der Massen“ (S. 18), wobei die gegenseitigen Interdependenzen zwischen politischem Verhalten, persönlichen Faktoren und politischem Kontext (Umweltfaktoren) von Interesse sind. Die Politische Psychologie tritt damit in die Fußstapfen der Philosophie, die sich seit der Antike mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigt hat.

Beitrag III: Die frühe Politische Psychologie war, wie Franziska Deutsch und Klaus Boehnke ausführen, stark psychoanalytisch geprägt. Im Nationalsozialismus geriet die Disziplin als Führerpsychologie zum Handlager der Verbrechen des Regimes. Die DDR wiederum kannte im engeren Sinne keine Politische Psychologie, verfolgte die DDR-Psychologie vorrangig ein naturwissenschaftliches Forschungsprogramm. Die Institutionalisierung der Disziplin in der Bundesrepublik Deutschland verlief sehr wechselhaft, erste Ansätze in den Westzonen waren nicht unbedingt dauerhaft. Mittlerweile seien verstärkt Tendenzen zu beobachten, die Disziplin zu stärken, insgesamt sei sie aber weiterhin ein randständiger Bereich der Sozialpsychologie.

Beitrag V: Politische Sozialisation verläuft über gezielte Erziehung wie beiläufiges Lernen. Susanne Rippl, Christian Seipel und Angela Kindervater stellen ihre Überlegungen zur Politischen Sozialisation in den Kontext der neueren demokratiepädagogischen Debatte. Diese geht davon aus, dass eine Erziehung zum mündigen Bürger weniger über Wissensvermittlung als vielmehr über praktische Erfahrungen von Demokratie verlaufe.

Beitrag VII: Sascha Huber und Markus Steinbrecher diskutieren in ihrem Beitrag zum Wahlverhalten verschiedene klassische Ansätze der Wahl- und Einstellungsforschung – den mikrosoziologischen Ansatz, den sozialpsychologischen Ansatz sowie den „Rational-Choice“-Ansatz – und konfrontieren diese mit neueren Befunden aus der Politischen Psychologie. Am Ende sprechen sie sich für eine stärkere Integration der verschiedenen Zugänge aus: „Wegen der langjährigen Dominanz von Querschnittsbefragungen als Quelle für die Wahl- und Einstellungsforschung wurden Wahlentscheidung und politische Einstellungen als statische Zustände interpretiert. Viel realistischer erscheint es jedoch, die Entscheidung für einen Kandidaten oder eine Partei als den Schlusspunkt eines langwierigen Entscheidungsprozesses zu sehen, der durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird“ (S. 119).

Beitrag X: Henrik Gast diskutiert in seinem Beitrag zu Politischer Führung verschiedene Fallstudien zum Führungsstil von Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Bill Clinton. Dabei geht er davon aus, dass politische Führung nur in ihrer Kontexthaftigkeit richtig erfasst werden könne. Pauschale Aussagen über förderliche Führungseigenschaften oder Verhaltensweisen seien nicht möglich.

Beitrag XI: Rainer Riemann und Christian Kandler greifen die Ergebnisse der Politischen Neurowissenschaft auf. Dabei gehen sie auf Basis verhaltensgenetischer Studien davon aus, dass bei bestimmten Unterschieden im politischen Verhalten oder in der politischen Einstellung biologisch-genetische Faktoren eine Rolle spielen. Beides könne nicht sozialwissenschaftlich allein erklärt werden. Greife die Politische Psychologie die Erkenntnisse der Neurowissenschaften zum komplexen Zusammenwirken von Genen und Umwelten auf, könne dies zu kumulativen Erkenntnisgewinnen führen.

Beitrag XIII: Die Medien sind in letzter Zeit als „Lügenpresse“ in Verruf geraten. Jürgen Maier diskutiert in seinem Beitrag verschiedene Mechanismen im massenmedial beeinflussten Prozess der öffentlichen Meinungsbildung (Agenda-Setting, Priming, Framing, Schweigespirale). Er plädiert für eine verstärkte Methodenforschung. So sei stärker als bisher über die systematische Verzahnung von verschiedenen Erhebungstechniken nachzudenken; Annahmen zur Rezeption medialer Berichterstattung sollten sich nicht allein auf experimentell gefundene Effekte stützen.

Beitrag XVI: Franziska Deutsch und Katja Hanke zeigen am Beispiel der Beurteilung von Friedensprozessen auf, wie wichtig es ist, dabei kulturvergleichend zu arbeiten. Bisher – so die beiden Autorinnen – fristete der Kulturansatz in der Politischen Psychologie aber eher ein Nischendasein; Nation, Land und Kultur würden oft sogar wenig differenzierend synonym verwendet. Kulturbezogene Forschungsansätze könnten gerade helfen, langfristig wirkende politische Phänomene, Einstellungs- und Verhaltensmuster zu erklären.

Beitrag XVIII: Kaum ein Thema ist gegenwärtig so aktuell wie die Politische Psychologie des Terrorismus, der Jerold M. Prost in seinem Beitrag nachgeht. Dabei unterscheidet er zwischen politischem, kriminellem und pathologischem Terrorismus, wobei aus Perspektive der Politischen Psychologie vorrangig die erste Variante von Interesse sei. Diese lasse sich noch einmal unterschieden in Regierungs- oder Staatsterrorismus, staatlich gestützten Terrorismus und substaatlichen Terrorismus. Letzterer trete uns heute nicht zuletzt als religiöser Extremismus entgegen. Neuere Entwicklungen zeigen sich für Prost im Internetterrorismus („Die virtuelle Gemeinschaft des Hasses“) und in Generationenkonflikten, die sich terroristisch entladen (als Beispiele nennt der Autor den sogenannten „Unterhosenbomber“ und den sogenannten „Times-Square-Bomber“).

Sonja Zmerli weist in ihrer Schlussbetrachtung darauf hin, dass durch die Erkenntnisse der Politischen Psychologie das Leitbild des rational handelnden, sachlich abwägenden Wahlbürgers relativiert werde durch den Einbezug individueller kognitiver und affektiver Prozesse. Genetische wie durch Sozialisation ausgebildete Persönlichkeitseigenschaften gerieten als Determinanten des politischen Prozesses stärker ins Blickfeld.

Diskussion

Der vorliegende Band erfüllt – wie der Titel erwarten lässt – die Funktion eines Handbuchs und bietet einen guten Überblick über den Forschungsstand in den zentralen Themen der Politischen Psychologie. Die einzelnen Beiträge bieten einen Überblick über die gängigen theoretischen Ansätze des betreffenden Themas und markieren weiteren Forschungsbedarf. Für die in Deutschland noch recht wenig ausgebaute Disziplin könnte das Werk kanonbildend wirken.

Die Politische Psychologie kann den Blick auf die Determinanten politischer Prozesse weiten helfen. Wie das Handbuch deutlich werden lässt, können nicht zuletzt gängige Rationalitätsannahmen durch den Einbezug psychologischer, beispielsweise affektiver oder gruppendynamischer, Faktoren relativiert werden. Dies ist zu begrüßen, solange das Pendel nicht ins andere Extrem ausschlägt und politisch-strukturelle Fragen einseitig individualisiert werden. Dies zu vermeiden, wird besonders auf die Schnittstellen zwischen psychologischen und sozialwissenschaftlichen Zugängen bei der Betrachtung politischer Prozesse zu achten sei – ein Desiderat, dem der vorliegende Band nicht ausdrücklich mit einem eigenen, methodisch-hermeneutisch angelegten Beitrag abhilft.

Eine Gefahr wird gleich im zweiten Beitrag des Bandes angesprochen: Politische Psychologie, die sich nicht selbstkritisch und skeptisch gegenüber ihren eigenen Vorannahmen verhält, gerät in die Gefahr, in das Feld einer „politisierten Psychologie“ abzudriften. Für die Beiträge des vorliegenden Bandes gilt dies im Wesentlichen nicht. Allerdings zeigt sich bei genauerem Hinsehen im Detail mitunter doch eine gewisse Voreingenommenheit bei bestimmten Themen. Nur ein Beispiel sei an dieser Stelle genannt: Im Beitrag von Jerrold M. Post zur Politischen Psychologie des Terrorismus und gewalttätigen Extremismus (Beitrag XVII) wird von „rechtsgerichtetem Terrorismus“ und „Sozial-revolutionärem Terrorismus“ gesprochen – so als sei Terrorismus von links durch seinen sozialen Impetus dann doch leichter entschuldbar.

Insgesamt darf man gespannt sein, wie die Reihe fortgesetzt wird. Unsere politische Landschaft verändert sich derzeit an vielen Stellen. Es lohnt, diese Veränderungen unvoreingenommen, nüchtern, analytisch scharf in den Blick zu nehmen. Hier liegt ein wachsendes Aufgabengebiet der Politischen Psychologie. Vielleicht kann die neue Reihe hierzu ihren Beitrag leisten, jenseits gängiger Pauschalisierungen, Verdächtigungen oder vorschnellen Zuschreibungen, die in den Massenmedien leider allzuoft zu finden sind und deren Ruf erheblich ramponiert haben.

Fazit

Das vorliegende Handbuch wird seinem Namen gerecht und ist jedem als Einführungs- und Nachschlagewerk zu empfehlen, der sich einen fundierten Überblick über Theorien und Themen der Politischen Psychologie verschaffen will und vor längeren Artikeln nicht zurückschreckt.

Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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Es gibt 60 Rezensionen von Axel Bernd Kunze.

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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 18.08.2016 zu: Sonja Zmerli, Ofer Feldman (Hrsg.): Politische Psychologie. Handbuch für Studium und Wissenschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-0959-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19778.php, Datum des Zugriffs 25.06.2022.


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