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Gerhard Jost, Lukas Richter: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens

Cover Gerhard Jost, Lukas Richter: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens. Eine prozessbegleitende und reflexive Perspektive. Facultas Verlag (Wien) 2015. 224 Seiten. ISBN 978-3-7089-1306-3. D: 19,40 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 25,00 sFr.
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Thema

Für die Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit erhalten Interessierte und insbesondere Studierende sowohl einen ersten Einblick in Anforderungen und Konventionen des wissenschaftlichen Arbeitens als auch Hinweise zur eigenständigen Reflexion des Arbeits- und Schreibprozesses sowie der damit erforderlichen Entscheidungen in den einzelnen Teilschritten.

Die Autoren bieten – wie viele Publikationen zu wissenschaftlichem Wissen – konkretes Anleitungswissen. Darüber hinaus bieten sie aber auch Hinweise zu reflexivem Wissen. Damit geben sie über die aktuellen Konventionen hinaus Anregungen, um in Entscheidungssituationen im Arbeitsprozess explizite und implizite Ansprüche analysieren sowie eine eigene Haltung entwickeln zu können (vgl. S. 33f).

Autoren

  • Dr. Gerhard Jost ist Universitätsprofessor am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien.
  • Lukas Richter (MSc) ist Lektor, wissenschaftlicher Projektmitarbeiter und Doktorand an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Entstehungshintergrund

Die beiden Autoren sind seit längerer Zeit verantwortlich für das Modul ‚Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens‘ an der Wirtschaftsuniversität Wien. Als Dozenten haben sie für dieses Modul verschiedene Unterlagen und Arbeitsmaterialien erstellt. Daraus haben sie eine Monografie erarbeitet, die in allen Fachbereichen ihrer Universität eingesetzt werden kann.

Aufbau und Inhalt

Der Publikation sind ein Vorwort sowie Tipps zum Lesen des Buches vorangestellt. Danach folgen

  • sechs Kapitel zur Einbettung einer wissenschaftlichen Arbeit in Forschung und Wissenschaftstheorie (1),
  • zu Typologien und Rahmenbedingungen (2),
  • zum Prozess von der Idee bis zur Fragestellung (3),
  • zum Aufbau und zu formalen Anforderungen (4),
  • zur Literaturrecherche (5)
  • und zum Schreiben als Prozess und Strategie (6).

Die Publikation enthält abschliessend ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Die Kapitel zwei bis sechs enden mit spezifischen Hinweisen aus der Schreibpraxis und mit (Lern-)Fragen zum jeweiligen Kapitel.

Das erste Kapitel (Wissenschaftliches Arbeiten – Einbettung in eine reflexive Perspektive) bietet Anregungen und Überlegungen zur Verortung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit im System der Wissenschaft. Diskutiert werden Wissensformen und deren Entwicklungen. Ausgangspunkt bildet das Höhlengleichnis von Platon. Die weiteren Erörterungen führen über Reflexionen zu Alltagswissen, religiösem Wissen (Offenbarungswissen), Expertenwissen hin zu industrieller Forschung und Beratung in Abgrenzung zu disziplinorientierter Grundlagenforschung. Zentrales Merkmal sowohl des theroetisch-abstrakten Struktur- und Erklärungswissens wie auch der methodologischen und erkenntnistheoretischen Wissensproduktion wird in der Schriftlichkeit gesehen. Anschliessend erfolgt eine Diskussion der unterschiedlichen Ansprüche an wissenschaftliches Wissen zwischen Wahrheit, Wissensgenerierung, Argumentation und Wissenschaftssprache. Darauf aufbauend werden verschiedene wissenschaftstheoretische Denkrichtungen (Rationalismus, Empirismus, Konstruktivismus, Realismus, Kritischer Rationalismus, Kritische Theorie) vorgestellt und anhand von Differenzlinien oder am Beispiel des sogenannten Positivismusstreits einander gegenübergestellt. Anschaulich werden wissenschaftstheoretische Grundlagen qualitativer und quantitativer Sozialforschung sowie gesellschaftliche Dimensionen der Wissenschaft dargestellt. Dies alles dient den Schreibenden dazu, sich grundsätzlich in der wissenschaftlichen Landschaft zu verorten und eine erste Positionierung einzunehmen.

Das zweite Kapitel (Typologien und Rahmenbedingungen von Abschlussarbeiten) thematisiert zunächst die Qualifikations-Funktion wissenschaftlicher Arbeiten: Haus-, Seminar-, Bachelor-, Masterarbeit bis hin zu Dissertation und wissenschaftlichem Artikel. Anschliessend werden die verschiedenen Typologien der Arbeiten gegeneinander abgegrenzt. Insbesondere werden theoretische Arbeiten (Theorie- oder Literaturarbeit), empirische Arbeiten (experimentelle Untersuchungen, hypothesentestende und -generierende Untersuchungen, Feld- und Aktionsforschung etc.) sowie konstruktive Arbeiten (Produkte- und Verfahrensentwicklungen etc.) unterschieden. An diese Diskussion unterschiedlicher Typologien schliessen Überlegungen zu Rahmenbedingungen von Abschlussarbeiten an. Hier kommen insbesondere Fragen der Themenwahl und der Betreuung zur Sprache. Dabei wird ersichtlich, wie die Betreuten selber in ihrem eigenen Interesse Vor-, Erst-, Folge- und Abschlussgespräche vorbereiten und mitgestalten können.

Das dritte Kapitel (Von der Forschungsidee über die Fragestellung zum Exposé) ist der Planung gewidmet. Vor jeder Ausarbeitung eines Schreibvorhabens gilt es Phasen und Meilensteine festzulegen Die Hinweise zu Anleitung und Reflexion der Planung erfolgen entlang von fünf Phasen: Orientierungsphase – Ideenfindung (1), Vorselektionsphase – Eingrenzung (2), Konzeptionsphase – Erstellung Exposé (3), Bearbeitungsphase – Ausarbeitung (4), Phase der Endredaktion – Abgabe (5). Besonders hilfreich scheinen in diesem Abschnitt die Anleitungen für Visualisierungen im Planungsprozess sowie Hinweise für eine gelingende Fortschrittskontrolle. Anschliessend wird der Weg vom Thema über die Problemstellung hin zu einer bearbeitbaren Forschungsfrage aufgezeigt. Zunächst werden am Themenbeispiel ‚Armut‘ exemplarisch drei Kreativitätstechniken zur Ideenfindung vorgestellt: Brainstroming, Mindmapping und Clustering. Die Funktion eines wissenschaftlichen Journals resp. Notizbuches wird ausgeführt und mit konkreten Fragetypen, Leitfragen und Beispielen werden Hilfestellungen für die Themeneingrenzung und die Formulierung einer Fragestellung gegeben.

Das vierte Kapitel (Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit und formale Anforderungen) stellt ‚Baupläne‘ sowie ‚Gerüste‘ für eine wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung und diskutiert Gestaltungs- und Schreibrichtlinien sowie sprachliche Orientierungspunkte. Schreibende werden angehalten, ihr Arbeitsgerüst kontinuierlich zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen. Ebenso wird darauf hingewiesen, dass Gestaltungs- und Schreibrichtlinien disziplin- und sprachraumabhängig sind.

Das fünfte Kapitel (Literaturrecherche, Aufbereitung und Verwertung) zeigt verschiedene Strategien der Literatursuche, -selektion und -aufbereitung. Anschließend erfolgen Hinweise zur Verwertung der Quellen. Dabei wird unterschieden zwischen (a) Literatur im Text und (b) Literatur im Literaturverzeichnis. Für die Verwertung von Literatur im Text (a) wird auf die Ausgestaltung von direkten und indirekten Zitaten hingewiesen sowie auf mögliche Belegformen. Den Schreibenden werden verschiedene Konventionen der Ausgestaltung und Belegformen für Zitate vorgestellt. Dabei werden jeweilige Vor- und Nachteile diskutiert. Für die Abbildung der Literatur im Literaturverzeichnis (b) wird exemplarisch am Beispiel des APA-Styles ein kurzer Überblick gegeben. Hier steht nicht Vollständigkeit im Vordergrund, vielmehr werden grundsätzliche Prinzipien erläutert, welche auch auf andere Styles angewendet werden können. Das Kapitel schliesst mit einem kurzen Exkurs zu fehlerhafter Zitation und zu Plagiaten.

Das sechste Kapitel (Schreiben als Prozess und Strategie) weist zunächst unter dem Titel Versprachlichung als Wissensgenese darauf hin, wie Wissen „weitgehend erst mit der Versprachlichung [entsteht], womit sich fachlich-inhaltliche und sprachlich-textuelle Entwicklungen verschränken“ (S.176). Dabei lassen sich in der Regel drei Phasen identifizieren: Prewriting, Writing, Rewriting respektive Planen/Entwerfen, Ordnen/Verschriftlichen und Editieren/Überarbeiten. Hinweise auf Schreibstrategien und Schreibtypen geben Hilfestellungen zur Phase Prewriting. Zur Phase des Writings werden Überlegungen zur Auswahl und Strukturierung der Inhalte sowie zu Grundelementen des wissenschaftlichen Schreibens (Bsp. Argumentieren) dargeboten. Für die Phase des Rewritings stehen Hinweise zur Überarbeitung, zum Feedback und zur Gesamtreflexion des eigenen Schreibprozesses (z.B. Anforderungen in Erinnerung rufen) zur Verfügung. Unter dem Titel Merkmale einer (guten) wissenschaftlichen Arbeit finden die Lesenden eine Art Checkliste zu zentralen Elementen wissenschaftlicher Arbeiten. Abschliessend erfolgen Anregungen, wie mit Schreibblockaden konstruktiv umzugehen ist.

Diskussion

Der Titel der Publikation zu Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens weist darauf hin, dass hier eine „prozessbegleitende und reflexive Perspektive“ erwartet werden darf. Beiden Ansprüchen werden die Autoren in ausserordentlich elaborierter, vielfältiger und sehr anregender Weise gerecht.

Wie viele Literatur zu Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens ist auch die vorliegende Publikation entlang des Schreibprozesses aufgebaut. Überraschender und besonders hervorzuheben ist jedoch, dass die Überlegungen und Ausführungen nicht erst bei der Themensuche beginnen. Vielmehr wird bereits der grundlegende Prozess der Wissensgenerierung in den Wissenschaften (Wissensformen, wissenschaftstheoretische Denkrichtungen und gesellschaftliche Dimension der Wissenschaft) thematisiert. Die prozessbegleitende Perspektive ist hier breiter und grundlegender angelegt als in üblichen Publikationen zu wissenschaftlichem Arbeiten.

Die Autoren stellen eingangs der Publikation in Aussicht, dass sie „mit universell einsetzbaren Techniken ein Rüstzeug [zur Verfügung stellen], welches Verstehen erzeugen und die eigenen Reflexionskompetenzen stärken soll“ (S.7). Angesichts der umfangreichen Ratgeberliteratur zu wissenschaftlichem Arbeiten fällt auf, dass die Autoren insbesondere dem hohen Anspruch, Reflexionskompetenzen zu stärken, in jeder Hinsicht nachkommen. Modelle, Techniken, Konventionen zum wissenschaftlichen Arbeiten werden nicht nur vorgestellt, sondern auch mit anderen möglichen Vorgehensweisen konstrastiert. Vor- und Nachteile werden aufgezeigt und die Vorgehensweisen werden kontextualisiert (disziplin- und sprachraumbezogen, zeitgeschichtlich oder funktional). Möglicherweise ist der Anspruch „universell einsetzbare Techniken“ anzubieten etwas hoch gegriffen. Natur- und allenfalls auch geisteswissenschaftliche Disziplinen mögen andere Zugänge bevorzugen. Für sozialwissenschaftliches Arbeiten ist der Anspruch der universellen Einsetzbarkeit jedoch angemessen.

Fazit

Entlang des wissenschaftlichen Schreibprozesses bieten die Autoren Hinweise und Anregungen zu formalen (Rahmenbedingungen, Planung und Aufbau einer Arbeit, Konventionen des Schreibens und Zitierens etc.) und inhaltlichen (wissenschaftstheoretische Denkrichtungen, argumentatives Vorgehen etc.) Anforderungen. Der Prozess von der Idee über die Themenfindung zur bearbeitbaren Fragestellung wird ebenso sorgfältig diskutiert und mit Anregungen gestützt wie die Auswahl der Forschungsmethode, die Verarbeitung von Literatur, der Aufbau einer nachvollziehbaren Argumentation, Kurzhinweise zu Methoden und Verfahren empirischer Forschung sowie die Arbeitsschritte des wissenschaftlichen Schreibens (Prewriting, Writing und Rewriting).

Die Autoren gehen davon aus, dass man im Schreibprozess immer wieder Entscheidungen mit bindendem Charakter für den weiteren Verlauf der Arbeit zu treffen hat. Hilfestellungen für diese Entscheidungen werden gemäss den Autoren teilweise in Grundlagenbücher angelesen. Teilweise können sie aber auch erst im Prozess des Schreibens durch kritische Reflexion angeeignet werden. Daher werden die Lesenden in der vorliegenden Publikation nicht nur mit grundlegenden Hinweisen und Ratschlägen zum wissenschaftlichen Schreiben versorgt, sondern auch angeregt, die Anforderungen und Konventionen des wissenschaftlichen Schreibens sowie der Wissensgenerierung generell zu reflektieren und das für ihr Vorhaben geeignete und begründbare Vorgehen auszuwählen. Die Verschränkung von fachlich-inhaltlichen und sprachlich-textuellen Anforderungen und Prozessschritten gelingt den Autoren außerordentlich gut.

Die vorliegende Publikation ist Studierenden, aber auch Dozierenden sozialwissenschaftlicher Studiengänge sehr zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Anna Maria Riedi
Sozialwissenschafterin, BFH Berner Fachhochschule, Departement Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anna Maria Riedi. Rezension vom 09.02.2016 zu: Gerhard Jost, Lukas Richter: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens. Eine prozessbegleitende und reflexive Perspektive. Facultas Verlag (Wien) 2015. ISBN 978-3-7089-1306-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19780.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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