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Jeannine Wintzer (Hrsg.): Herausforderungen der Qualitativen Sozialforschung

Cover Jeannine Wintzer (Hrsg.): Herausforderungen der Qualitativen Sozialforschung. Forschungsstrategien von Studierenden für Studierende. Springer (Wiesbaden) 2015. 133 Seiten. ISBN 978-3-662-47207-1. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,50 sFr.
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Thema

Die AutorInnen des Buches widmen sich in ihren Beiträgen der Planung und Umsetzung qualitativer Forschungsprozesse. Sie beleuchten aus unterschiedlichen Blickwinkeln und auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen die besonderen Herausforderungen qualitativer Forschung. In diesem Zug werden unterschiedliche forschungspraktische und forschungsethische Verfahrensweisen und Ansätze vorgestellt und hilfreiche Tipps zur erfolgreichen Umsetzung geben.

Herausgeberin

Dr. Jeannine Wintzer ist Dozentin für Qualitative Methoden am Geografischen Institut der Universität Bern.

Entstehungshintergrund

Die Besonderheit der Herausgeberschaft liegt darin, dass alle Beiträge von Bachelor- und Masterstudierenden verfasst wurden, die kurz zuvor ihre Abschlussarbeiten erfolgreich abschließen konnten. Aufgrund der Beobachtung von Jeannine Wintzer, dass es durch die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte von Betreuenden und Studierenden in der Beratung und Betreuung von Abschlussarbeiten oftmals zu Verunsicherungen kommen kann, entstand die Idee zu diesem Buch: Studierende teilen ihre Erfahrungen mit Studierenden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Sektionen mit je fünf bis sieben Beiträgen. Die Sektionen sind untergliedert in:

  1. Planung und Umsetzung von Forschungsprozessen,
  2. Zugang zu sensiblen Feldern und
  3. Umgang mit erhobenen Daten.

Zu Sektion 1: Planung und Umsetzung von Forschungsprozessen

1 Tools vom Start zum Ziel (Simone Beule). Der erste Beitrag von Simone Beule skizziert den kompletten Weg eines Forschungsvorhabens von der Idee bis zur Fertigstellung der Arbeit und unterstützt mit hilfreichen methodischen und elementaren forschungspraktischen Tipps. So werden den Lesenden beispielsweise fünf Fragen zur theoretischen Aufbereitung eines Themenfeldes mit auf den Weg geben, deren Beantwortung eine Hilfestellung sein kann, sich „[…] im Dickicht aus Büchern und Begriffen besser fokussieren zu können“ (Beule 2016, S. 6).

2 Verunsicherung und Irritation als Motoren neuer Ideen (David Rüger). Der zweite Beitrag von David Rüger beschäftigt sich mit der konstruktiven Seite von Verunsicherungen und Irritationen im Forschungsprozess. Sie werden als Frühwarnsystem verstanden, die dazu anregen sollen, den eigenen Arbeitsstand zu überprüfen, zu reflektieren und ggf. zu überarbeiten. Dazu schlägt David Rüger vor, in geeignetem Maß Fachliteratur zu lesen (Lesen), sich mit Mitstudierenden und Hochschullehrenden auszutauschen (Reden) und zu versuchen, den eigenen Blickwinkel zu verändern, indem man aus unterschiedlichen Perspektiven auf die erhobenen Daten, die eigenen Argumente oder Schlüsse blickt. (Improvisieren).

3 Forschen als Reise begreifen (Janine Widmer). Im dritten Beitrag beschreibt Janine Widmer am Beispiel ihrer eigenen Forschungsarbeit zum Thema Agrotourismus den Weg vom Forschungsinteresse hin zu einer konkreten Forschungsfrage und der Eingrenzung der Problem- und Zielstellung. Die Autorin zeigt verschiedene Schwierigkeiten auf, mit denen sie in dieser Phase ihres Forschungsvorhabens konfrontiert war und formuliert retrospektiv Lösungsvorschläge und Tipps für die Lesenden.

4 Der Tod und das Pflegepersonal. Reflexion über eine soziologische Eingrenzung von Sterben und Tod (Chantal Zimmermann). Chantal Zimmermann schildert im vierten Beitrag anhand ihrer Bachelor-Arbeit über die Pflege sterbender PatientInnen im Krankenhaus ihren Zugang zum Themenfeld. Des Weiteren veranschaulicht sie unter Zuhilfenahme von Beispielen den Prozess der Eingrenzung und Verdichtung ihres Themenfeldes und skizziert ebenso anschaulich methodische und ethische (Vor-)Überlegungen.

5 Interviews planen. Den passenden Schlüssel zum Alltagswissen schmieden (Katharina Manz). Der fünfte Beitrag von Katharina Manz fokussiert die Methode des Interviews und stellt wesentliche Überlegungen und Elemente zur Vorbereitung und Durchführung vor. Passend beginnt die Autorin mit dem Sampling und beschäftigt sich anschließend mit ausgewählten Formalitäten eines Interviews (Leitfaden, Einverständniserklärung, Postskriptum). Ein besonderes Augenmerk legt Katharina Manz auf die Reflektion der eigenen Rolle der Forschenden vor und während des Interviews sowie auf das Verhältnis von Forschenden und Befragten.

6 Accept the Unexpected. Ethnografie als Lernprozess (Alice Kern). Alice Kern geht im sechsten Beitrag auf die Herausforderungen ethnografischer Forschung ein. Dazu hinterfragt sie die kritisch Eignung klassischer Gütekriterien für sozialwissenschaftliche Forschung und formuliert im Verlauf ihrer Ausführungen weitere Kriterien, die für ethnografisch orientierte Forschungsvorhaben passend sein können (bspw. Flexibilität, Offenheit). Damit einhergehend erläutert die Autorin ihren praktischen Zugang zu ethnografischen Ansätzen sowie den besonderen Herausforderungen.

7 Eine ethnographische Forschung planen. Auf in ein unbekanntes Land (Georg Winterberger). Im siebenten Beitrag erläutert Georg Winterberger den Lesenden seinen Weg zu seinem Forschungsthema (Krankenhäuser in Kamerun), geht auf das Verhältnis von Theorie und Methode in der Forschung ein und expliziert ethische Aspekte der Forschung in Krankenhäusern.

Zu Sektion 2: Zugang zu sensiblen Feldern

8 Schwierige Zugänge zum Feld. Migrantinnen als Akteurinnen im Sexgewerbe (Melina Rutishauser). Der achte Beitrag von Melina Rutishauser kennzeichnet exemplarisch die Zugangsbarrieren zu einem sensiblen Forschungsfeld. Des Weiteren werden die Vorteile triangulativer methodischer Herangehensweisen und das ethnografische Interview näher erläutert.

9 Themen mit eigener Betroffenheit erforschen. Forschungswege mit Herausforderungen (Eva Rutter). Im neunten Beitrag von Eva Rutter werden die Vor- und Nachteile eigener Betroffenheit in Bezug auf das Forschungsthema aufgegriffen. In diesem Zusammenhang wird auf die Notwendigkeit der beständigen Reflektion der eigenen Perspektive als Forschende sowie anderer Einflussgrößen verwiesen. Des Weiteren wird der Weg zur Wahl der Erhebungs- und Auswertungsmethoden skizziert und Probleme und mögliche Lösungen im Umgang mit den Daten erläutert.

10 Stigma: Positiv. Forschen in einem gesellschaftlich tabuisierten Untersuchungsfeld (Henriette Lier). Im zehnten Beitrag geht Henriette Lier auf ihr Forschungsprojekt zum Umgang von Menschen mit HIV oder Aids mit ihrer Infektion bzw. Erkrankung ein. Sie stellt ihre Samplingstrategie, ihre Erhebungsmethode (biografisch-narrative Interviews) und ihre Auswertungsmethode (biografische Fallrekonstruktion) vor und geht abschließend auf die Ergebnisse ihrer Arbeit ein.

11 „Ich werde Priester“ Entscheidungsprozesse in verschlossenen Felder untersuchen (Sonja Viktoria Deuscher). Im elften Beitrag beschreibt Sonja Viktoria Deuscher ihre Schwierigkeiten bei der Akquise von Priestern als InterviewpartnerInnen. Des Weiteren werden Strategien der Interviewdurchführung und Vorteile sowie Herausforderungen bei der Auswertung der Interviews durch die Qualitative Inhaltsanalyse herausgestellt, gefolgt von einer Reihe von forschungspraktischen Tipps für die Lesenden.

12 Forschen im interkulturellen Kontext. Das Beispiel der tunesischen post-revolutionären Frauenbewegung (Johanna Ullmann). Johanna Ullmann führt im zwölften Beitrag zunächst in ihren Feldzugang ein und erläutert am Beispiel ihrer Arbeit die Herausforderungen beim Eintritt in eine „fremde“ Lebenswelt. Anschließend gibt die Autorin Einblicke in ihre Interviewdurchführung sowie in die Analyse und speziell in den Kategorisierungsprozess mittels Qualitativer Inhaltsanalyse. Abschließend zeigt sie Grenzen und Schwächen der von ihr gewählten Methoden auf.

Zu Sektion 3: Umgang mit erhobenen Daten

13 Die Transkription. Eine notwendige Reduktion sozialer Interaktion (Benedikt Geyer). Im dreizehnten Beitrag beschäftigt sich Benedikt Geyer mit der Transkription von Interviews. Es werden Transkriptionsregeln vorgestellt, Herausforderungen in der Transkripterstellung besprochen und zahlreiche Tipps zu eben dieser Thematik formuliert.

14 Ethische Dilemmata in Forschungsprozessen. Umgang mit sensilben Daten und Personen vulnerabler Forschungsgruppen (Melina Rutishauser, Chantal Zimmermann). Melina Rutishauser und Chantal Zimmermann nehmen im vierzehnten Beitrag Bezug auf ethische Problemstellungen im Umgang mit vulnerablen Personenkreisen. Dabei besprechen sie zum einen den Beziehungs- und Vertrauensaufbau zwischen Forschenden und sogenannten Beforschten und gehen zum anderen auf die psychische und physische Verfasstheit der Forschenden ein.

15 Soziale Wirklichkeit und Lebenswelten erforschen. Ansprüche an eine Partizipative Forschung (Svenja Weitzig). Im fünfzehnten Beitrag von Svenja Weitzig werden die Grundlagen und das Vorgehen in einem partizipativen Forschungsprojekt beschrieben. Speziell wird dabei auf die Photovoicemethode in Verbindung mit leitfadengestützten Interviews eingegangen.

16 Struktur gibt innere Ruhe. Forschungsprozesse mit umfangreichem Datenkorpus (Doreen Herinek). Doreen Herinek erläutert im sechzehnten Beitrag die Arbeitsschritte ihrer Forschungsstudie zur Versorgungssituation von PatientInnen mit Koronarer Herzkrankheit im Landkreis Teltow-Fläming. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Schrittfolge und die Strukturierung des Vorgehens bei einer umfangreichen Datensammlung gelegt.

17 Mittendrin oder nur dabei? Probleme bei der Positionierung am Beispiel der Erforschung von Flucht (Carolin Sprenger). Der siebzehnte Beitrag von Carolin Sprenger beschäftigt sich mit der Fluchtforschung und deren spezifischen ethischen und forschungspraktischen Besonderheiten. An ausgewählten Beispielen erklärt die Autorin ihr methodisches Vorgehen und geht auf den Konflikt der doppelten Verantwortung für die Wissenschaft einerseits und für die ProbandInnen andererseits ein.

18 Wenn die Daten nicht mitspielen. Strategien zur Überwindung von Schwierigkeiten (Miriam Schäfer). Miriam Schäfer expliziert im achtzehnten Beitrag am Forschungsthema Polizeiarbeit die Herausforderung und Umwege, die sich ergeben können, wenn das erhobene Datenmaterial nicht der ursprünglichen Forschungsidee entspricht. Dabei zeigt sie exemplarisch an ihrem Material Lösungsvorschläge auf.

19 Für den tiefen Überblick. Forschen mit technischem Support am Beispiel MAXQDA (Vera A. Danielsmeier). Im neunzehnten und letzten Beitrag erläutert Vera A. Danielsmeier ihr Vorgehen bei der computergestützten Analyse von Interviewtranskripten mit dem Programm MAXQDA.

Diskussion und Fazit

Jeannine Wintzer versammelt in der Herausgeberschaft Beiträge, in denen Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen ihre Erfahrungen im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten darlegen und (selbst-)kritisch beleuchten. Die beschriebenen qualitativ ausgerichteten Forschungsprojekte behandeln inhaltlich ganz unterschiedliche Themengebiete und die Forschenden sind in deren Verlauf mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Jeder Beitrag beginnt mit einer kurzen Einführung in die Wahl des Forschungsthemas und dem Weg zur Forschungsfrage und widmet sich dann einem forschungsspezifischen Problemschwerpunkt. Die gewählten Schwerpunkte werden detailliert ausgeführt, mit Beispielen aus den jeweiligen Forschungsprojekten versehen und es werden forschungspraktische Tipps und Hilfestellungen formuliert, die in den meisten Fällen durch Hervorhebungen (grau unterlegte Kästen) kenntlich gemacht sind.

Durch die Arbeit mit anschaulichen Beispielen gelingt es den einzelnen Beiträgen, einen barrierearmen Zugang zu sozialwissenschaftlicher Methodologie zu schaffen und sie können somit nicht nur für Studierende sondern ebenso für etablierte WissenschaftlerInnen eine Bereicherung bei der Bewältigung von Forschungsherausforderungen sein. Dazu tragen ebenso die vielfältigen Lösungsvorschläge bei, die für unterschiedlichste Schwierigkeiten, die sich im Verlauf einer Forschungsarbeit ergeben können, erarbeitet wurden- sei es die Qual der Wahl einer geeigneten Forschungsfrage oder der schwierige Umgang mit erwartungswiedrigen Ergebnissen.

In der Einleitung argumentiert Jeannine Wintzer für die Idee ihres Buches, indem sie anführt, dass sie die Beratung von forschungsunerfahrenen Studierenden durch erfahrene Forschende durch den unterschiedlichen Kenntnisstand oftmals als erschwert wahrnahm. Um dem zu entgegnen, war es ihr Anliegen, den Umgang mit Herausforderungen in Forschungsarbeiten nach dem Peer-to-Peer Ansatz von Studierenden für Studierende zu formulieren, um das Verständnis und die Adaptation auf die eigene Forschungsvorhaben für die Lesenden zu erleichtern. Nach meiner Beurteilung ist das in diesem Buch sehr gut gelungen. Es erweist sich als äußerst spannend, die Herangehensweisen zu den vorgestellten Forschungsarbeiten nachzuvollziehen und man bekommt ein gutes Bild über die Intentionen, die auftauchenden Fragen und die Problemfelder, die sich auf den verschiedenen Ebene von Forschung ergeben können. Damit wird die Herausgeberschaft zu einem praxisorientierten Handbuch für Herausforderungen in der qualitativen Sozialforschung und gerade für Forschende mit wenig Forschungserfahrung zur Bereicherung.


Rezensentin
Mandy Hauser
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik/ Kompetenzbereich Geistige Entwicklung der Universität Leipzig
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Zitiervorschlag
Mandy Hauser. Rezension vom 08.01.2016 zu: Jeannine Wintzer (Hrsg.): Herausforderungen der Qualitativen Sozialforschung. Forschungsstrategien von Studierenden für Studierende. Springer (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-662-47207-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19781.php, Datum des Zugriffs 22.09.2017.


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