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Christoph Henning: Theorien der Entfremdung zur Einführung

Cover Christoph Henning: Theorien der Entfremdung zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-88506-704-7. 15,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im Jahr 2005 hat Christoph Henning ein Buch vorgelegt („Philosophie nach Marx, 100 Jahre Marxrezeption und die normative Sozialphilosophie der Gegenwart in der Kritik“), das unter den zahlreicher werdenden Veröffentlichungen zur Marx-Rezeption heraus ragt. Henning wendet sich Marx als Politischem Ökonom, der er war, zu und analysiert von dessen Kritik der Politischen Ökonomie des Kapitalismus ausgehend, die Fehler der überwiegend normativen Antworten der Philosophie nach Marx. Dass er dabei konsequent argumentiert und auch Denker wie Habermas nicht schont, hat ihm viel Kritik eingetragen, mindert aber nicht den Stellenwert dieses Buchs, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist. Nun hat Christoph Henning in der Taschenbuch Reihe des Junius Verlags „Zur Einführung“ das Stichwort Entfremdung übernommen und man durfte gespannt sein, was er daraus macht. In den einleitenden Bemerkungen der Herausgeber heißt es, dass „Zur Einführung von Leuten geschrieben (ist), die nicht nur einen souveränen Überblick geben, sondern ihren eigenen Standpunkt markieren“. Dies hat Christoph Henning, so viel lässt sich vorweg nehmen, auch mit diesem Buch getan.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von einer Einleitung, in der „Reden über Entfremdung“ die Aktualität des Themas verdeutlichen, benennt Christoph Henning Gründe für die Inflation der Entfremdungsdiagnosen, die er in neuen Formen von Arbeit und Erziehung, aber auch in aktuellen Phänomenen wie der weltweiten Finanzkrise verortet. Er wendet sich gegen Positionen, die Entfremdung entweder als Zustand eines „klaren Bewusstseins“ definieren oder dies vom subjektiven Leiden gänzlich entkoppeln. Henning will die Entfremdungstheorie als einen „Deutungsvorschlag“ verstehen, der das Leiden an einer Sache theoretisch erklären und den Widerwillen dagegen praktisch kanalisieren kann.

Christoph Henning beginnt seine Darstellung von Entfremdungstheorien bei Rousseau. Er verortet den Begriff der Entfremdung im Zentrum des Werkes von Rousseau und dort ist sie mit den ökonomischen Ungleichheiten der sich konstituierenden bürgerlichen Gesellschaft verbunden. Das Leitmotiv, das Rousseau im Gesellschaftsvertrag entwickelt, kann als Überschrift über dessen Entfremdungstheorie stehen: „Alle Einrichtungen, die den Menschen mit sich selbst in Widerspruch bringen, taugen nichts“. Dies bezieht Rousseau nicht nur auf den natürlichen Menschen, der sich im Einklang mit seiner Umwelt sieht, sondern auch auf den Bürger als Mitglied einer Nation, als deren Teil er sich begreift. Die „Herstellung eines inneren Gleichgewichts“, exemplarisch vorgeführt an Rousseaus Werk Emile, kann als das Ziel nicht-entfremdeten Daseins sowohl in individueller als auch in kollektiver Hinsicht verstanden werden.

Das dritte Kapitel des Buches beschäftigt sich mit Schiller, Humboldt und Fichte unter der Überschrift „Kunst und Bildung als Gegenentfremdung“. Christoph Henning sieht Schiller in der Nachfolge Rousseaus, der dessen Entfremdungstheorie aber weiter denkt. Schillers Ziel „glückliche und vollkommene Menschen erzeugen“ ist in der Kunst stellvertretend eingelöst. Auch Humboldt steht in der Tradition einer Entfaltung der menschlichen Kräfte durch Bildung. Dabei sieht er – im Unterschied zu Rousseau – Möglichkeiten, der Entfremdung durch die Schaffung einer „allgemeinen Übersicht“ entgegen zu wirken und Wissenschaft als gelebte Praxis zu verwirklichen.

Auch Fichte stellt Henning in die Tradition einer alternativen Auffassung von Entfremdung. Fichtes Einlassung „Das Fremde ist Entfremdetes“ verlagert nach Henning das Problem der Entfremdung von der Lebensführung in die Erkenntnistheorie und – so bemerkt er zutreffend – stellt damit vom Gehalt her einen Verlust gegenüber der Marx`schen Entfremdungstheorie dar. Die Rede von „fremd“ und „eigen“ wird – so Henning – „abstrakt und inflationär und damit unspezifisch“.

Das 4. Kapitel thematisiert unter der Überschrift „Aufhebung und Verstärkung der Entfremdung im System“ die Entfremdungstheorie bei Hegel. Dabei erbt Hegel - so Henning – das schon bei Fichte erkennbare Problem, dass Entfremdung aus einem Subjekt allein heraus nicht zu erklären ist. Bei Hegel gibt es demnach keine echte Entfremdung, sie ist stets nur ein Durchgangsstadium, in dem das Eine sich in seinem Anderen nicht erkennt. Man kann hier auch von einer Täuschung sprechen, da das Fremdartige letztlich wir selbst sind. Für Hegel ist Entfremdung eine Bedingung der theoretischen Bildung, sie fordert kein „Leiden des Herzens“, sondern ist als Herausforderung zu verstehen, sich mit dem „Fremdartigen“ zu beschäftigen. Christoph Henning sieht einen fundamentalen Unterschied der Entfremdungstheorie Hegels zu Rousseau und Schiller: „Während diese die Entfremdungstheorie einbinden in ein politisches Projekt der Befreiung und Umschaffung von Gesellschaft und Politik, betrachtet Hegel die Idee dieser Befreiung selbst als entfremdet, da sie keinen positiven Bezug zur realen Gegenwart mehr herstellen könne“ (S.87).

Auch wenn Hegel an verschiedenen Stellen darauf hinweist, dass die bürgerliche Gesellschaft keineswegs eine Befriedigung der materiellen Interessen Aller darstellt, so meint er dies doch letztlich nicht als Kritik, sondern als notwendigen Durchgang zur Vervollkommnung der „Wirklichkeit der sittlichen Idee“.

Damit ist den Vordenkern einer materialistischen Gesellschaftstheorie der Weg bereitet und Christoph Henning widmet Ludwig Feuerbach und Moses Hess ein eigenes 5. Kapitel. Er stellt Ludwig Feuerbach in die Tradition Hegels, da bei ihm Entfremdung in mangelnder Erkenntnis wurzelt. Er begreift Praxis als Effekt der Theorie und ist damit – idealistisch?

Feuerbach möchte, dass die Welt anders interpretiert wird und das, was Gott zugeschrieben wurde, der menschlichen Gattung attribuieren – eine „Naivität“ (Henning), die Gegenstand der Kritik werden wird. Feuerbach steht aber nicht nur in der Tradition Hegels, er geht auch über ihn hinaus: sein Materialismus bleibt dem Glauben verhaftet, dass das „falsche Denken das falsche Leben hervorgebracht“ hat.

Feuerbachs Religionskritik kann einerseits als Beendigung der Kritik der Religion (Marx) aufgefasst werden, andererseits ist – so wiederum Marx – die Kritik der Religion der Beginn jeder Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier kommt Moses Hess ins Spiel, der die Entfremdungstheorie materialistisch unterfüttert. Das tut er dadurch, dass er die Kritik des Privateigentums und der damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse, also die ökonomische Wirklichkeit in den Blick nimmt. Er tritt damit – wenn man so will – aus der Philosophie heraus. Hess beschäftigt sich aus sozialistischer Perspektive mit Geld, Arbeit, Eigentum und stellt der „Scheinwelt“ der durch Geld vermittelten Sozialbeziehungen die „organische Gemeinschaft“ des Sozialismus gegenüber. Er nähert sich damit – so Henning – wieder der Rousseauschen Entfremdungstheorie mit ihren Verweisen auf die Entfremdung produzierende Gesellschaft.

An diese Entwicklungen knüpft Karl Marx an, dem Henning das 6. Kapitel unter der Überschrift „Entwicklung und radikale Praxis“ widmet.

Christoph Henning – das wurde weiter oben schon gesagt – behandelt Marx nicht wie einen geschichtlich überholten Denker, sondern nimmt seine Aussagen als theoretische Urteile ernst. Deshalb stellt er dessen Entfremdungstheorie völlig zu Recht in den Kontext des Privateigentums und damit über das vom Arbeiter produzierte Produkt. Marx überwindet den philosophischen Materialismus, wie er noch bei Feuerbach und Hess erkennbar war, und fragt nach den Gesetzmäßigkeiten der Politischen Ökonomie, die er einer Kritik unterzieht. Henning verweist auf die Folgen dieser Kritik (beispielsweise in Bezug auf den Begriff der „Autonomie der Arbeit“) und ihre unzureichende Adaption bspw. durch die kritische Arbeitssoziologie. Er nimmt im Folgenden Bezug auf verschiedene Aspekte der Marxschen „Entfremdungstheorie“, die man allerdings auch gegenteilig als Überwindung dieser Entfremdungstheorie durch die im Kapital entwickelte Dechiffrierung der kapitalistischen Ökonomie lesen könnte. Wenn Marx im Warenfetisch in Form einer Analogie darauf verweist, dass sich die Menschen von ihnen selbst produzierten Gesetzmäßigkeiten unterwerfen (wie einem religiösen Symbol), dann ist dies ein Schluss aus der Analyse der Warenform, die er zuvor getätigt hat. Das Kapitel endet mit einem Beispiel aus der Popkultur: Robocop.

Das 7. Kapitel geht über zur Kritik der Entfremdungstheorie, die Henning am Beispiel von Simmel, Plessner und Gehlen darstellt. Sowohl Simmel, der von der normativen Vorstellung der „Totalität des Individuums“ ausgeht, als auch Helmuth Plessners Naturalisierung der Entfremdung können gegenüber Marx als „Rückschritt“ gewertet werden: Simmel beantwortet nicht die Frage, woher das Subjekt seine Souveränität schöpft und Plessner, so Henning, „dreht die Schraube noch ein Stück weiter“, indem er den ökonomischen Zusammenhang aufhebt und anthropologisch umdeutet. Arnold Gehlen wird unter der Überschrift: „Aufgabe der Freiheit: die Politisch totalisierte Entfremdung“ abgehandelt. Ob Gehlens Einlassungen in den Kontext einer Kritik der Entfremdungstheorie gestellt werden können, ist zu hinterfragen. Gehlen unterstellt einen Antagonismus zwischen Subjekt und Institution als Gegenstand der Entfremdungstheorie, den er von seinem Staatsstandpunkt her angreift. Gehlens Institutionalismus predigt eher die Unterwerfung des Subjekts unter die staatlichen Zwecksetzungen, wenn er die Entfremdungskritik mit Institutionenkritik gleichsetzt.

Das 8. Kapitel behandelt soziologische Entfremdungskapitel und im abschließenden 9. Kapitel werden aktuelle Beiträge zur Entfremdungstheorie (Burn-out) abgehandelt. Dabei gelingt Christoph Henning in dem Unterabschnitt „Akademische Befindlichkeiten“ eine profunde Kritik an Rahel Jaeggis „Überwindung“ der Entfremdungstheorie. Er seziert die normative Botschaft ihres Buches und deutet sie als „subjektivierte Rückkehr zu Hegel“: „Es geht…nicht länger um Kritik an Gesellschaft, wie es einst das Kerngeschäft der Entfremdungstheorie war“ (S. 193).

Das abschließende 10. Kapitel enthält einige Überlegungen zur Zukunft der Entfremdungskritik und referiert die ausgewählte Literatur zu Beispielen der Aktualität der Entfremdungstheorie.

Diskussion und Fazit

Wieder ist Christoph Henning ein interessant geschriebener und analytisch durchdachter Beitrag gelungen, der mehr ist als eine Einführung in die Entfremdungstheorie. Henning fragt danach, was eine Theorie an gesellschaftlicher Wirklichkeit erklärt – und gibt sich deshalb nicht mit normativen Postulaten zufrieden, die das Gewünschte in Theorie formen. Er nennt alle relevanten Beiträge zur Entfremdungstheorie und untersucht ihren Stellenwert. Es ist wenig überraschend, dass Karl Marx hier einen herausragenden Stellenwert einnimmt, weil er – aus der Philosophie kommend – aus ihr heraus tritt und ökonomische Wissenschaft betreibt. Christoph Henning nimmt dies wahr und hat damit auch eine Folie gewonnen, vor deren Hintergrund er Kritiken an der Entfremdungstheorie verstehen und – theoretisch kritisieren kann. Dies macht das Buch auch für Leser, die sich bereits mit der Entfremdungstheorie auskennen, interessant und lehrreich.

Warum Henning die mit Gehlen bloß angedeutete und von Marx gar nicht analysierbare Entwicklung hin zu einem Nationalstaat, mit dem sich der „entfremdete“ Arbeiter so weit identifiziert, dass er für ihn sein Leben opfert, nicht thematisiert, kann hier nur als Frage aufgeworfen werden. Es wäre insofern interessant, die Geschichte der Entfremdungstheorie um ein Kapitel zu erweitern, das bis in die Barbareien des Faschismus hinein erklärt, warum der von Marx erklärte Klassengegensatz auch dann noch gilt, wenn ein Volk sich mit seinem Staat ganz identisch fühlt.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 24.11.2015 zu: Christoph Henning: Theorien der Entfremdung zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-88506-704-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19790.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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