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Franz Petermann, Gerhard Gründer u.a. (Hrsg.): Dorsch – Lexikon der Psychotherapie und Psychopharmako­therapie

Cover Franz Petermann, Gerhard Gründer, Markus Antonius Wirtz, Janina Strohmer (Hrsg.): Dorsch – Lexikon der Psychotherapie und Psychopharmakotherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. 1050 Seiten. ISBN 978-3-456-85572-1. D: 59,95 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 69,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

„Der Dorsch“ ist tot – es lebe „Der Dorsch“! Im Jahre 2014 erschien in 17. Auflage der alte „Dorsch“, das „Lexikon der Psychologie“. Diesen „Dorsch“ müsste man eigentlich „neu-alt“ nennen, denn der wirklich alte „Dorsch“ erschien zuvor als „Psychologisches Wörterbuch“ und selbst damit sind wir noch nicht bei den Wurzeln, die im Jahre 1921 zu finden sind. Seither hat sich Vieles verändert. Die Verlage wechselten und Disziplin wie Profession der Psychologie wuchsen. Und die Interessensschwerpunkte der Psychologiestudierenden veränderten sich; die heutigen Psychologiestudentinnen (ja, sie überwiegen) interessieren sich v.a. für Klinische Psychologie und wollen mehrheitlich Psychologische Psychotherapeutinnen werden; da ist der „Klinische Dorsch“ wahrlich „nachfragegerecht“.

Herausgeber(innen)

Franz Petermann (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Petermann), Studien der Mathematik und der Psychologie, ist an der Universität Bremen Professor für Klinische Psychologie und Diagnostik sowie Direktor des dortigen Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation.

Gerhard Gründer (www.mind-and-brain-blog.de), Studium der Medizin, ist an der RWTH Aachen Professor für Experimentelle Neuropsychiatrie und an der dortigen Universitätsklinik Stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.

Markus Wirtz (www.ph-freiburg.de/psychologie), Studium der Psychologie, ist Professor für Pädagogische Psychologie – Schwerpunkt Forschungsmethoden an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Herausgeber des „Dorsch – Lexikon der Psychologie“.

Janina Strohmer (www.eh-freiburg.de/hochschule), Studium der Psychologie, hat derzeit eine Vertretungsprofessur für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie / Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg inne.

Gebietsexpert(inn)en

Die im „Klinischen Dorsch“ so genannten Gebietsexpert(inn)en sind Personen, alle im Professor(inn)enrang und in der Regel Psycholog(innen), die gleichsam die „Fachaufsicht“ über die 19 thematischen Teilgebiete des vorliegenden Buches, von Arbeits- und Organisationspsychologie bis Wirtschaftspsychologie, führen. Eigens genannt seien Gerhard Gründer und Franz Petermann als Gebietsexperten für Psychopharmakologie bzw. Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Psychologische Diagnostik; diesen Aufgabe kommen sie seit der 16. Auflage des „Dorsch“ nach.

Autor(inn)en

Die genannten Herausgeber(innen) sind zugleich Autor(innen); nicht nur der vier Gebietsdarstellungen (s. u.), sondern auch von Lexikonbeiträgen. Auch Gebietsexperten sind als Autor(innen) zu finden. Insgesamt gilt: Die mehr als 400 Autor(inn)en sind in der Regel Mediziner(innen) oder Psycholog(inn)en und an Universitäten meist im Professorenrang tätig. Andere Disziplinen sind selten vertreten und (Fach-)Hochschulen randständig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird eingeleitet durch ein Vorwort der Herausgeber(innen) des „Klinischen Dorsch“, in dem Konzeption und Inhalt knapp und prägnant auf dargestellt werden, sowie ein Vorwort des Herausgebers des „Dorsch – Lexikon der Psychologie“, dem Angaben zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches zu entnehmen sind.

Im 1. Teil werden vier, von den Herausgeber(inne)n verfasste Gebietsdarstellungen (mit je gesonderten Literaturverzeichnis)präsentiert:

  1. Klinische Psychologie und Psychotherapie,
  2. Psychopharmakotherapie,
  3. Klinische Diagnostik und klinische Forschung sowie
  4. Bezugsdisziplinen und Bezugsstichwörter im Kontext der Psychotherapie.

Der 2. und bei Weitem größte Buchteil ist der Lexikalische Teil. Hier wird der Versuch unternommen, im Lexikon-Format mit Zügen eines Handbuchs das Wissen für das gesamte Spektrum psychischer Störungen und Therapieverfahren kompakt und aktuell zu präsentieren. In über 4.500 Beiträgen, teilweise mit Nennung von mehr als 400 Personen, die über Expertise im jeweiligen Themengebiet verfügen, wird systematisch und gründlich über Grundlagen, Konzepte, Definitionen und therapeutische Methoden informiert.

Trotz Schwerpunktsetzung im psycho(pharmako)therapeutischen Bereich, bleibt der „Klinische Dorsch“ ein Lexikon der ganzen Psychologie und daran angrenzender Gebiete. Ein Lexikon freilich, das Elemente eines Handbuches aufweist: 20 am wichtigsten erscheinenden Störungsbildern wird besonderer Raum gegeben, die als am meisten bedeutsam eingeschätzten Therapierichtungen (therapeutische „Schulen“) werden ausführlicher als im üblichen Lexikon-Format dargestellt und in Übersichtsform werden die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 vergleichend gegenüber gestellt.

Die Darstellung der Störungsbilder ist nach folgendem Muster aufgebaut:

  • Symptomatik,
  • Psychopathologie,
  • Ätiologie,
  • Klassifikation (orientiert an ICD-10 und DSM-5),
  • Prävalenz und Verlauf,
  • Diagnostik sowie
  • psychotherapeutische und psychopharmakotherapeutische Behandlungsstandards.

Ferner finden sich Informationen zu aktuellen Behandlungsleitlinien, gesetzlichen Grundlagen und berufspolitischen Rahmenbedingungen, umfassende Informationen zu klinischer Diagnostik und klinischer Forschung, Evaluation und Qualitätssicherung sowie eine einprägsame Darstellung des Bereichs Psychopharmakologie: Systematik, Ordnungskriterien, Eigenschaften und (Kontra-)Indikationen.

Ergänzend dargestellt wird relevantes Wissen klinischer Bezugsdisziplinen, u. a. Gesundheitspsychologie, Medizinische Psychologie und Soziologie, Psychosomatik, Psychiatrie, Verhaltensmedizin sowie Versorgungsforschung. Und als Abrundung findet sich eine integrierte Aufbereitung psychologischen Grundlagenwissens, insbesondere aus den Teilgebieten Biologische Psychologie und Neuropsychologie, Entwicklungspsychologie, Emotions- und Motivationspsychologie, Kognitive Psychologie, Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie und Statistik.

Der Lexikalische Teil wird eingeleitet mit zwei Abschnitten, die man vor dem ersten Blick in die Sachthemen gelesen haben sollte. Im ersten gibt es prägnante Darstellungshinweise, die eine sinnvolle Erfassung der nachfolgenden thematischen Teile erst ermöglichen: eine Grundstruktur sowohl der Stichwortdarstellung wie der Darstellung von Tests und sonstige wichtige Angaben zur richtigen Entschlüsselung der Texte. Der zweite Abschnitt bietet ein Verzeichnis von Abkürzungen.

Der 3. Teil Die Autoren listet die Verfasser(innen) namentlich gekennzeichneter Beiträge in knapper Form auf; beispielhaft: „Abel, Stephanie, PD Dr., RWTH Aachen, Neurologische Klinik, Klinische Kognitionsforschung“.

Im vierten Teil wird mit dem Index ein Stichwortverzeichnis für den Lexikalischen Teil geboten. Die Stichwortbeiträge folgen der im ersten Teil entfalteten Logik der Gebietsdarstellungen, sodass wir hier fünf Indizes haben: Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychopharmakotherapie sowie neurologische und psychophysiologische Aspekte, Klinische Diagnostik und klinische Forschung, Verzeichnis diagnostischer Verfahren sowie Bezugsstichwörter.

Mit Bibliographie, dem 5. Teil schließt das Buch; dort finden sich die bibliographischen Angaben zu der im Lexikalischen Teil heran gezogenen Literatur; die in den Gebietsdarstellungen verwendete Literatur wurde schon dort gesondert aufgeführt (s. o.).

Diskussion

Der „Klinische Dorsch“ ist nicht nur eine mit den üblichen Erweiterungen und Verbesserungen versehene Neuauflage des alten „Dorsch“; er ist eine Neuentwicklung – in die natürlich Material und Kenntnis des früheren „Dorsch“ einfloss. Wie der alte „Dorsch“ wird auch der „Klinische Dorsch“ seine Leser(innen) finden. Mehr noch als früher und verstärkt bei an Klinischer Psychologie interessierten. Am hilfreichsten sein dürfte das Buch für Studierende in Klinischer Psychologie, die Psychologische Psychotherapeut(inn)en oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en werden möchten. Aber auch ohne diesen expliziten Berufswunsch ist das Buch für alle Psychologiestudierenden – und zwar ab dem ersten BA-Semester – eine hilfreiche Begleitung; der „Klinische Dorsch“ ist immer noch ein ganz vorzügliches Psychologie Lexikon.

Und wie ist es mit den in psychotherapeutischer Ausbildung Befindlichen und praktizierenden Psychotherapeut(inne)n? Das hängt sehr von deren Interesse ab und der „schulischen“ Orientierung. Es gibt angehende und ausgebildete Psychologische Psychotherapeut(inn)en und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en mit einem Psychologiestudium als Zugangsweg, die das Psychologiestudium als notwendiges Übel hingenommen und erfolgreich überstanden haben, jetzt aber mit all dem, was sie „akademische Psychologie“ nennen, nichts mehr zu tun haben wollen. Denen bringt (auch) das vorliegende Buch wenig bis nichts. Für alle anderen aber sehr viel. Und für Ausbilder(innen) in Psychotherapie gilt das Vorgenannte in vergleichbarem Sinne.

Betrachten wir abschließend Menschen, die von anderen akademischen Ausbildungen her kommend, Psychotherapie als Beruf anstreben oder ihn bereits ausüben; (angehende) Ärztliche Psychotherapeut(inn)en etwa oder (künftige) Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en mit vorgängigem Studium der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit. Für die stellt das vorliegende Buch eine größere Herausforderung dar als für (morgige) Psycholog(inn)en. Diese kann man annehmen oder ablehnen. Oder sich dem Buch eben schrittweise nähern; es gibt viele Lexikon-Beiträge, die für die hier eigens angesprochene Gruppe „näher“ liegen und sich als Einstieg anbieten; wie tief man geht oder wie hoch man hinaus will, kann man ja immer wieder neu entscheiden.

Auch ein vorzügliches Buch hat Punkte, die in den Augen der einen Leserin oder des anderen Lesers als „Schwäche“ erscheinen. Wenn hier vom Rezensenten solche angesprochen werden, möge man sich zum einen vor Augen halten, dass sich solches Ansprechen natürlich seinen Voreinstellungen verdankt; andere Leser(innen) mögen anderes bemängeln oder nachfolgend genannte „Schwächen“ gar nicht als solche wahrnehmen. Zum anderen verbindet sich mit nachstehendem Diskussionsteil die Vorstellung, der Herausgeberkreis möge das eine oder andere bedenken und in der nächsten Auflage berücksichtigen.

Fangen wir mit sog. „Formalia“ an. Zuerst: Die Logik des Index leuchtet nicht ein. Nachvollziehbar ist, dass die Herausgeber(innen) den Index nach der Logik gliedern, die der im 1. Buchteil präsentierten Gebietsgliederung folgt. Nur fragt sich, ob das aus Benutzer(innen)sicht Sinn macht. Wohl wenig. Wer in einem Lexikon nach einem Stichwort sucht, sucht im Lexikonteil selbst nach diesem Stichwort. Das Lexikon ist ja schließlich alphabetisch geordnet, weshalb dann zuerst in einem Index nachsehen? Indizes oder Sachregister machen doch nur dann Sinn, wenn der Text, auf den sie sich beziehen, gerade nicht der alphabetischen Ordnung folgen. Ein Sach- (und Personen-)Register etwa zu einer Freud-Biographie macht sehr viel Sinn. Im vorliegenden Fall ist ein solcher nicht erkennbar.

Zumal der Index sich als ein „Super“-Index präsentiert, indem er die Suchbegriffe verschiedenen Gebieten zuordnet. Das sind „Landkarten“ in den Köpfen der Herausgeber(innen). Aber: „The map is not the territory“(Alfred Korzybski). Mögliche Leser(innen) können ganz andere „Landkarten“ im Kopf haben als die Herausgeber(innen). Und sollten sie tatsächlich das tun, was nicht zu erwarten ist (s.o.), nämlich den Index tatsächlich zu benutzen, dann könnten sie ihr blaues Wunder erleben. Angenommen, ein Masterstudent der Klinischen Psychologie oder eine Masterstudentin der Klinischen Sozialarbeit würden – aus unterschiedlichen Interessenslagen heraus und auf der Basis verschiedener Vorkenntnis im Index nach „Streetwork(er)“ suchen.

Beide würden, falls sie der Logik der Herausgeber(innen) folgten, im Index unter „Bezugsstichwörtern“ suchen. Und dabei nicht fündig werden. Dort findet sich zwar das Bezugsstichwort „Soziale Arbeit“, der „Streetwork(er)“ nach internationalem Begriffs- und Sprachgebrauch fachlich zuzuordnen ist, nicht aber „Streetwork(er)“ selbst. Aber vielleicht lassen sich die solchermaßen Enttäuschten nicht entmutigen und machen das, was Vernünftige ohnehin tun würden und schauen im Lexikon-Teil selbst nach. Und siehe da, dort findet sich (auf S. 820) tatsächlich ein Eintrag zu „Streetworker“ (weshalb nicht zu „Streetwork“ ist eines der vielen Geheimnisse des vorliegenden Buches).

Unter den „Bezugsstichwörtern“ konnte „Streetworker“ nicht gefunden werden, da es unter dem Gebiet „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ eingeordnet wurde. Bei allem Respekt für „Streetworker“, niemand mit einigem Sachverstand würde behaupten, dass gerade dort klinisch-psychologisches / psychotherapeutische Kompetenz in nennenswertem Maße vorhanden sei und nötig wäre. Hier liegt also eine offensichtliche Fehlplazierung vor. Kommen wir zum Grundsätzlichen: Zwei Anfragen sind an die Herausgeber(innen) zu stellen. Zum einen: Macht die Unterteilung des Index in verschiedene „Gebiete“ wirklich Sinn, wenn zum einen nicht voraus gesetzt werden kann, dass Herausgeber(innen) und Leser(innen) nicht dieselbe „Landkarte“ benutzen und zudem die „Landkarte“ der Herausgeber(innen) verwirrende Einträge enthält? Zum andren, weitergehend und grundsätzlich: Macht bei einem Lexikon – auch diesem Lexikon – ein Index überhaupt Sinn? Den Index zu streichen hätte Vorteile: Es würden rund 30 Druckseiten weniger benötigt (in Zeiten, da jedes Printmedium des Waldfrevels verdächtig ist, kein unbedeutendes Argument) und infolgedessen könnte der Kaufpreis geringer ausfallen.

Aus zugleich ökologischem wie ökonomischen Grund darf auch die Frage gestellt werden, weshalb es eines Autor(inn)enverzeichnisses (nur rund 10 Seiten, aber immerhin) bedarf. Wer wirklich wissen will, wer sich hinter einem Autorennamen verbirgt (ich vermute eine verschwindende Minderheit), kann und wird das mit Möglichkeiten der Internetrecherche tun. Und da wird sie bzw. er fündig. Man(n und frau) kann es testen, indem man sich den ersten, den letzten und den mittleren Eintrag (erster Eintrag auf S. 957) „ergoogelt“. Über Stephanie Abel (www.prolog-therapie.de/), Michael Kölch (www.uniklinik-ulm.de) und Peter Zimmermann (www.entwicklungspsychologie.uni-wuppertal.de) erfährt man in kürzester Zeit mehr, als das vorliegende Buch bietet.

Dann Frage zur Textgestaltung betrifft die Kopfzeilen des Lexikalischen Teils. Kopfzeilen stehen gemeinhin losgelöst vom Haupttext am oberen Rand von Textseiten und dienen zur schnellen Orientierung bzw. Navigation innerhalb eines schriftlichen Werkes. Das tun sie auch in vorliegendem Buch in der Regel. Nicht aber, wenn der im engeren Sinne lexikalische Teil durch einen handbuchartigen Eintrag „durchsetzt“ ist. Dann werden etwa die sieben Seiten über „Depression“ unter der Kopfzeile „Dermatozoenwahn“ abgehandelt oder die sechseinhalb Seiten zu „Gesprächspsychotherapie“ und „Gestalttherapie“ laufen unter der Kopfzeile „Gesundheit, Dimensionen der bzw. Laienkonzepte“. Zu schneller Orientierung bzw. Navigation taugt dergleichen nicht. Vielleicht gibt es ja einfache technische Möglichkeiten, hier etwas zu ändern.

Wenig zielführend, wenn nicht gar verwirrend ist auch Inhaltliches. Nehmen wir zur Veranschaulichung den schon oben betrachteten „Streetworker“-Eintrag: „Streetworker [engl.];Straßenarbeiter, Sozialarbeiter oder Sozialpädagoge, der nicht an einem festen Standort von Ratsuchenden aufgesucht werden muss, sondern der aktiv und regelmäßig auf die Straße geht, um Menschen mit Problemen (Wohnungslose etc.) in deren Lebensumgebung vor Ort Hilfestellungen zu geben.“ (S. 820) Dazu ist zunächst zu sagen: Durch das Beispiel „Wohnungslose“ legt diese Definition nahe, die Klientel von Streetwork bestünde teils, überwiegend oder gar zur Gänze aus Erwachsenen (zu „Wohnungslosigkeit“ vgl. Wolf, 2015). Das entspricht nicht dem in Deutschland üblichen Sprachgebrauch. Streetwork ist ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe und ein Eckpunkt Mobiler Jugendarbeit.

Streetworker dürften keinesfalls amüsiert sein darüber, dass man sie als „Straßenarbeiter“ anspricht. Das klingt doch allzu sehr nach der üblichen Kurzbezeichnung für „Straßenbauarbeiter“ (man „ergoogle“ mal „Straßenarbeiter“), während „Streetworker“ gemeinhin mit „Straßensozialarbeiter“ eingedeutscht wird. Sie über das Tätigkeitsmerkmal „auf die Straße gehen“ zu kennzeichnen, ist wenig charakterisierend. „Auf die Straße gehen“ ist auch ein Kennzeichen politischer Demonstranten; und zwar in solchen Maße, dass „politische Demonstration“ nach landläufigem Sprachgebrauch identisch ist mit „auf die Straße gehen“. Andererseits gehen Streetworker nicht nur „auf die Straße“. „Streetwork bedeutet, dass die Mitarbeiter(innen) auf Jugendliche auf öffentlichen Plätzen zugehen, mit ihnen in Parks, auf Schulhöfen, in Einkaufszentren, Kneipen, Diskotheken, Sielhallen oder Bahnhöfen Kontakt finden.“ (Keppeler & Specht, 2015, S. 1051)

Wie wäre es, bezöge man bei der nächsten Auflage des „Klinischen Dorsch“ (klinisch-psychologisch qualifizierte) Vertreter(inne)n der Sozialen Arbeit in größerem Maße ein, als hier geschehen? Die könnten dann nicht nur in Sachen „Streetworker“ für Abhilfe, sondern auch in anderen Punkten für Verbesserungen sorgen. So etwa beim Stichwort „Kinder- und Jugendhilfe“. Die wird von Franz Petermann in seiner Gebietsdarstellung „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ im Abschnitt „Bezugsdisziplinen und interdisziplinäre Aspekte“ zwar benannt (S. 17), im Index aber wird sie nicht erwähnt und in Beiträgen, wo man sie erwarten darf (dazu gleich mehr), taucht sie nicht auf. Das verwundert bei einem Erstherausgeber, der doch Mitverfasser der Jugendhilfe – Effekte – Studie (Schmidt u. a., 2002) ist und in seiner o. g. Gebietsdarstellung formuliert hat: „Als besonders wichtig bei der Darstellung der Störungsbilder war uns der Bezug zu den aktuellen Leitlinien (awmf-online.de).“ (S. 14)

Unter den Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) findet sich auch die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie erstellte Leitlinie zu „Auf den familiären Rahmen beschränkte Störungen des Sozialverhaltens (F91.0; der einzigen Leitlinie zu Störungen des Sozialverhaltens). (Dort werden unter den Interventionen auch solche der Kinder- und Jugendhilfe genannt. Nicht so in Franz Petermanns Lexikon-Beitrag „Störungen des Sozialverhaltens“.

„Warum denn nicht?“ könnte ein(e) Vertreter(in) der Sozialen Arbeit, die die nötige Expertise besitzt und vom Herausgeberkreis ernst genommen wird, hier fragen. Und weitere Fragen anschließen. Etwa die, weshalb die sich in Deutschland seit rund zwei Jahrzehnten entfaltende Klinische Sozialarbeit (vgl. etwa Ansen, 2015) dem vorliegenden Lexikon keine Bemerkung wert ist. Oder jene, warum diejenige Form der Hilfen zur Erziehung, in der klinisch-psychologisches / psychotherapeutisches Wissen stärker vorhanden ist als in jedem anderen Funktionsbereich der Sozialen Arbeit, weshalb also – und das sei nicht als mangelnder Respekt für Petra Warschburger verstanden – die Erziehungsberatung nicht durch eine(n) Vertreter(in) der Sozialen Arbeit dargestellt wird? Ihr klinisch-psychologisches Profil würde dadurch weitaus klarer.

Petra Warschburger hat den beeindruckenden Beitrag „Elterntrainings, präventive“ geliefert. Aber warum nur einen zu präventiven Elterntrainings? Als gäbe es nicht auch Elterntrainings mit dezidiert kurativer Zielsetzung? Und wenn wir hier schon bei einem Beispiel für klinisch-psychologische / psychotherapeutische Arbeit nach dem Mediatoren-Modell (Einflussnahme über „bedeutsame Dritte“) sind: Weshalb kein Beitrag über Angehörigen-Arbeit, die von unterschiedlichen Disziplinen und in verschiedenen Bereichen durchgeführt wird (für die Angehörigen-Arbeit bei Schizophrenie vgl. etwa Heekerens & Ohling, 2006)? Was im vorliegenden Buch unter den Stichworten „Psychoedukation“ und „psychoedukative Intervention“ abgehandelt wird, kann nicht als Aufklärung über Angehörigen-Arbeit gewertet werden.

Auch suchen einigermaßen Informierte vergeblich eine Darstellung der „Aufsuchenden Familientherapie“. Die ist seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland eine eigenständige Hilfe zur Erziehung und im Unterschied zur Sozialpädagogischen Familienhilfe von hoher klinisch-psychologischer Kompetenz geprägt. Weder unter „Familientherapie“ noch unter „Systemische Therapie“ wird sie auch nur erwähnt. Und das obschon die für ihre Wirksamkeit und Effizienz auch hierzulande seit Jahren bekannte und in aufsuchendem / zugehendem Modus arbeitende „Multisystemische Therapie“ (Heekerens, 2011) von der der deutschen Systemischen Therapie als (gewichtiger!) Zeuge für ihre Effektivität ins Feld geführt wird (Sydow u. a., 2007).

Schließlich vermisst man bisweilen Beiträge, um deren willen man frühere Auflagen geschätzt hat. So fand sich in der 17. Auflage des alten „Dorsch“ von 2014 Franz Caspars Eintrag „Wirkfaktoren in der Psychotherapie“, verfasst unter Bezugnahme auf „Psychotherapie im Wandel. Von der? Konfession zur Profession“ (Grawe u. a., 1994). Im „Klinischen Dorsch“ fehlt dieser, ja es findet sich im Index noch nicht einmal das Wort „Wirkfaktor(en)“. Das ist bedauerlich, denn das Konzept der „Wirkfaktoren“ gehört zu den über die „schulischen“ Binnengrenzen der Psychotherapie hinweg und über deren Außengrenze hinaus meist diskutierten Konzepten der jüngeren Psychotherapiegeschichte. Noch nicht einmal mehr die o. g. Referenzliteratur wird im Literaturverzeichnis des „Klinischen Dorsch“ geführt; unverständlich für jene vielen, die in „Von der Konfession zur Profession“ einen Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte der deutsch(sprachig)en Klinischen Psychologie sehen.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch ist die erste Auflage des „Klinischen Dorsch“ erschienen. Der „Klinische Dorsch“ ist nicht einfach eine mit den üblichen Erweiterungen und Verbesserungen versehene Neuauflage des alten „Dorsch“; er ist eine Neuentwicklung – in die (natürlich) Material und Kenntnis des früheren „Dorsch“ einfloss. An dessen Qualitätsstandards schließt er an, Verbesserungspotential ist gegeben. Mit der Neujustierung wird der „Klinische Dorsch“ der Tatsache gerecht, dass immer mehr Psycholog(inn)en und solche die es werden wollen, sich für Klinische Psychologie interessieren bzw. psychotherapeutisch tätig sein wollen. Trotz Schwerpunktsetzung im psycho(pharmako)therapeutischen Bereich, bleibt der „Klinische Dorsch“ ein Lexikon der ganzen Psychologie und daran angrenzender Gebiete.

Ein Lexikon freilich, das Züge eines Handbuches hat. Die gewinnt das Buch v. a. durch folgende Elemente: 20 am wichtigsten erscheinenden Störungsbildern wird besonderer Raum gegeben, die als am meisten bedeutsam eingeschätzten Therapierichtungen (therapeutische „Schulen“) werden ausführlicher als im üblichen Lexikon-Format dargestellt und in Übersichtsform werden die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 vergleichend gegenüber gestellt. Ferner finden sich Informationen zu aktuellen Behandlungsleitlinien, gesetzlichen Grundlagen und berufspolitischen Rahmenbedingungen, umfassende Informationen zu klinischer Diagnostik und klinischer Forschung, Evaluation und Qualitätssicherung sowie eine einprägsame Darstellung des Bereichs Psychopharmakologie.

Ergänzend dargestellt wird relevantes Wissen klinischer Bezugsdisziplinen, u. a. Gesundheitspsychologie, Medizinische Psychologie und Soziologie, Psychosomatik, Psychiatrie, Verhaltensmedizin sowie Versorgungsforschung. Und als Abrundung findet sich eine integrierte Aufbereitung psychologischen Grundlagenwissens, insbesondere aus den Teilgebieten Biologische Psychologie und Neuropsychologie, Entwicklungspsychologie, Emotions- und Motivationspsychologie, Kognitive Psychologie, Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie und Statistik. Zur Horizonteröffnung dienen vier eingangs zu findende Gebietsdarstellungen: Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychopharmakotherapie, Klinische Diagnostik und klinische Forschung sowie Bezugsdisziplinen und Bezugsstichwörter im Kontext der Psychotherapie.

Literatur

  • Grawe, K., Donati, R. & Bernauer, F. (1994). Psychotherapie im Wandel. Von der? Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.
  • Heekerens, H.-P. (2011). Wirksamkeit und Kosteneffektivität aufsuchender familienbezogener Arbeitsweisen bei Problemlagen von Kindern und Jugendlichen. In M. Müller & B. Bräutigam (Hrsg.), Hilfe, sie kommen. Systemische Arbeitsweisen im aufsuchenden Kontext (S. 28-40). Heidelberg: Carl-Auer.
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2006). Familienpsychoedukation als Rückfallprophylaxe bei Schizophrenie: Wirkung und Wirkungsweise. Psychotherapie, 11, 26-36 (online einsehbar: http://cip-medien.com).
  • Keppeler, S. & Specht, W. (2015). Mobile Jugendarbeit. In H.-U. Otto & H. Thiersch (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit (5. Aufl., S. 1049 – 1057). München Reinhardt (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18129.php).
  • Schmidt, M., Schneider, K., Hahn, E., Pickartz, M., Macsenaere, M., Petermann, F., Flosdorf, P., Hölzl, H. & Knab, E. (2002). Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe (Schriftenreihe des BMFSFJ Bd. 219). Stuttgart: Kohlhammer.
  • Sydow, K.v., Beher, S., R. Retzlaff, R. & Schweitzer, J. (2007). Die Wirksamkeit der Systemischen Therapie/Familientherapie. Göttingen: Hogrefe.
  • Wolf, A. (2015). Wohungslosigkeit. In H.-U. Otto & H. Thiersch (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit (5. Aufl., S. 1876 – 1884). München Reinhardt (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18129.php).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 19.11.2015 zu: Franz Petermann, Gerhard Gründer, Markus Antonius Wirtz, Janina Strohmer (Hrsg.): Dorsch – Lexikon der Psychotherapie und Psychopharmakotherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-456-85572-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19794.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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