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Katja Irle: Wie Inklusion in der Schule gelingen kann und warum [...]

Cover Katja Irle: Wie Inklusion in der Schule gelingen kann und warum manche Versuche scheitern. Interviews mit führenden Experten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 141 Seiten. ISBN 978-3-407-25724-6. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Autorin

Katja Irle ist Journalistin, Autorin und Moderatorin, derzeit ist sie beim Hessischen Rundfunk in der Nachrichtenredaktion tätig. Früher war sie Bildungsredakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Sie beschäftigt sich schon lange mit der Umsetzung der Inklusion in Deutschland.

Entstehungshintergrund und Thema

Irle machte bei Tagungen, Konferenzen und Podiumsdiskussionen die Erfahrung, dass es viele verschiedene Definitionen und Vorstellungen über die Inklusion gibt, und dass daher sogar Experten immer wieder aneinander vorbeireden. Sie möchte zeigen, dass Inklusion „trotz der zahlreichen Hürden und dem offenbar hohen Frustfaktor der Lehrer“ gelingen kann. Dazu interviewte sie Experten aus verschiedenen Bereichen und mit verschiedenen Haltungen zur Inklusion.

Aufbau und Inhalt

Im Folgenden fasse ich die Essenz der einzelnen Interviews zusammen, die Irle ohne eigene Bewertung wiedergibt.

  • Der Kabarettist Rainer Schmidt berichtet von seinen Erfahrungen in Sonderschule und Gymnasium und fordert die vollständige Auflösung der Kategorien „Kinder mit und ohne Behinderung“.
  • Der Lehrerfortbilder Heinz Klippert benennt den Widerspruch zwischen Inklusionsanspruch und selektivem Schulsystem, warnt vor einem reinen „Nebeneinander“ von Regelschülern und Inklusionskindern und fordert eine „Qualifizierungsoffensive“ für Lehrer.
  • Der Lernforscher Kersten Reich will für jeden Schüler eine „persönliche Exzellenz“ erreichen und dazu die Ziffernoten abschaffen, die Ganztagsbetreuung einführen und Gruppen- und Partnerarbeit in heterogenen Kleingruppen, von denen seiner Ansicht nach alle Schüler profitieren, fest im Schulalltag verankern.
  • Der Erziehungswissenschaftler Bernd Ahrbeck ist der Ansicht, dass zwar die meisten Kinder mit Behinderung inklusiv unterrichtet werden können, allerdings gilt das nicht für alle, einige können seiner Ansicht nach – unter Umständen zeitweise – in speziellen Settings besser gefördert werden.
  • Dagmar Hänsel stellt die Ausbildung der Sonderschullehrer in der NS-Zeit dar und kritisiert die Praxis, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu „etikettieren“ als diesbezügliche Kontinuität. Die Ressourcen, die für die sonderpädagogische Förderung zur Verfügung stehen, sollten „umgetopft“ und für die Förderung dieser Kinder durch allgemeine Lehrkräfte zur Verfügung stehen.
  • Tina Stahlschmidt berichtet von ihrem Sohn, der in der Regelschule im ersten Schuljahr Ängste und Lernblockaden entwickelte und erst in der „Förderschule Lernen“ neues Selbstvertrauen und Motivation zum Lernen entwickelte. Sie setzt sich für echte Wahlfreiheit und den Erhalt der Förderschulen ein.
  • Andreas Hinz (bekannt durch den „Index für Inklusion“), Michael Töpler (Vorsitzender des Bundeselternrats) und Rainer Starke (Vorstandsmitglied des Deutschen Philologenverbands, der die Gymnasiallehrer in Deutschland vertritt) diskutieren über Inklusion am Gymnasium. Hinz benennt den Widerspruch, dass Haupt- und Realschüler nicht im Gymnasium aufgenommen werden, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aber durchaus. Starke plädiert für Schwerpunktschulen für bestimmte Bereiche der Inklusion. Tölper möchte, dass die Gymnasien mittelfristig darüber nachdenken, auch andere Schulabschlüsse anzubieten.
  • Professor Hans Wocken kritisiert die gängige Praxis der Inklusion: Versetzungsgefährdete „Risikoschüler“ würden umetikettiert zu Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und dann inkludiert, auf diesem Weg stiegen die Inklusionsquoten. Im Gegensatz dazu blieben Schüler mit „wirklichen Behinderungen“ meist auf den Sonderschulen und profitierten nicht von der Inklusion.
  • Christina Lang-Winter und ihr Kollegium haben in Bonn eine Grundschule in einem sozialen Brennpunkt umgestaltet, heute wird dort jahrgangsübergreifend gearbeitet. Sie berichtet aus der Praxis dieses Prozesses.
  • Die Sonderpädagogin Michaela Rastede hat in Zusammenarbeit mit der Karg-Stiftung für Hochbegabte ein Konzept zur Förderung von Hochbegabten in einer Bremer Oberschule angestoßen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund Hochbegabung selten erkannt wird.
  • Joachim Schulte ist Lehrer und setzt sich dafür ein, dass auch die Thematisierung und Akzeptanz der sexuellen Vielfalt zur Inklusion gehört. Zwar sei der Umgang damit offener geworden, „schwul“ sei dennoch ein häufiges Schimpfwort bei Jugendlichen.
  • Peter Härtling, der Autor des Buches „Das war der Hirbel“, würde auch heute kein Happy End für den Hirbel beschreiben. Er ist dennoch der Ansicht, dass sich schon manches zum Positiven verändert hat, das Ziel aber längst nicht erreicht ist. Er beschreibt zwei Beispiele in Südtirol, die ihn sehr beeindruckt haben.
  • Die emeritierte Professorin Annemarie Prengel hält eine wertschätzende Beziehung der Lehrer zu allen Schülern für wesentlich, die auch bei Konsequenzen und Grenzziehungen zum Ausdruck kommen soll. Die Anwesenheit von Kindern mit schweren Beeinträchtigungen, die viel Fürsorge brauchen, kann ihrer Ansicht nach die ganze Gruppe zu mehr Fürsorglichkeit untereinander inspirieren.

Diskussion

Die Auswahl der Interviewpartner ist vielseitig, eine Menge Aspekte der Inklusion werden dargestellt. Die Fragen, die die Autorin ihren Gesprächspartnern stellt, zeigen, dass sie sich mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Ich fand das Interview mit Dagmar Hänsel, die die Ausbildung der Sonderpädagogen in der NS-Zeit untersucht hat, und die Kritik von Hans Wocken an der Umsetzung der Inklusion besonders interessant.

Wer sich mit der Thematik bereits intensiv befasst hat, wird sonst wenig Neues finden. Konsens ist bei allen Gesprächspartnern eine grundsätzlich positive Einstellung zur Inklusion, kontrovers diskutiert werden die Umsetzung und die Frage, ob Inklusion für alle Kinder zu jedem Zeitpunkt die optimale Förderung gewährleisten kann.

Im Gegensatz dazu schreibt Irle im Vorwort, dass 41% der Lehrer die Inklusion ganz ablehnen und die Förderschulen erhalten möchten. Hier stellt sich die Frage, warum niemand interviewt wurde, der die Inklusion ganz ablehnt, denn nicht jeder, der für den Erhalt der Förderschulen plädiert, lehnt Inklusion ganz ab.

Ich hätte mir noch eine Auseinandersetzung mit dem Aspekt der außerschulischen Inklusion gewünscht. Einige Förderschulen für den Bereich Lernen hatten sich in ihrer Umgebung gut vernetzt und die Schüler regelmäßig in Praktika untergebracht. Es stellt sich die Frage, ob und wie diese Vernetzungen in der inklusiven Vernetzung übernommen werden. Hierzu wäre eine weitere Expertenmeinung interessant gewesen.

Fazit

„Ein gut lesbarer Überblick zu kontrovers diskutierten Aspekten der Inklusion“, diesem Anspruch wird die Autorin gerecht. Wer sich bereits genauer mit dem Thema befasst hat, wird allerdings nur wenige neue Aspekte finden.


Rezensentin
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 05.01.2016 zu: Katja Irle: Wie Inklusion in der Schule gelingen kann und warum manche Versuche scheitern. Interviews mit führenden Experten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-25724-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19796.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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