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Franziska Kunz, Hermann-Josef Gertz (Hrsg.): Straffälligkeit älterer Menschen

Cover Franziska Kunz, Hermann-Josef Gertz (Hrsg.): Straffälligkeit älterer Menschen. Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis. Springer (Berlin) 2015. 210 Seiten. ISBN 978-3-662-47046-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Alterskriminalität ist ein bisher eher wenig beachtetes Thema, was angesichts der demographischen Entwicklungen erstaunt. Die Herausgabe eines Sammelbands zu diesem Thema wurde angeregt durch ein Symposium mit dem Titel „Alte Straftäter“, zu dem die beiden Herausgeber bei der Münchner Herbsttagung zur Forensischen Psychiatrie im Jahre 2013 referierten. Der Sammelband versteht sich als erste deutschsprachige interdisziplinäre Darstellung der Thematik.

Die Interdisziplinarität wird schon durch das Herausgeberduo repräsentiert: Hermann-Josef Gertz ist Psychiater und Neurologe und leitet die Gerontopsychiatrie der Universität Leipzig. Franziska Kunz ist Soziologin, wurde mit einer Arbeit zum Thema Alterskriminalität promoviert und ist derzeit am Institut für Soziologie der Uni Dresden als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Insgesamt zeichnen elf Autoren unterschiedlicher Fachdisziplinen für die Beiträge verantwortlich.

Aufbau

Das Buch umfasst die folgenden drei Sektionen:

  1. Soziologisch/kriminologische Aspekte
  2. Juristische, justizielle und kriminalpolitische Aspekte
  3. Forensisch-psychiatrische Aspekte

In Sektion I wird im ersten Kapitel über die registrierte Seniorenkriminalität berichtet, das zweite Kapitel befasst sich mit der selbstberichteten Kriminalität älterer Menschen und das dritte Kapitel geht auf die demographische Entwicklung und die dabei zu erwartende Seniorenkriminalität ein. Zwar liegt die im Hellfeld erfasste Kriminalitätsrate von Senioren unter der von Jugendlichen und Erwachsenen. Ob diese Erkenntnisse aus dem Hellfeld aber eine tatsächlich niedrigere kriminelle Energie von Senioren widerspiegelt oder auf eine geringere Audeckungswahrscheinlichkeit oder eine niedrigere Anzeigewahrscheinlichkeit zurückzuführen ist, muss offenbleiben.

In Sektion II referiert das erste Kapitel einen internationalem Vergleich zwischen Deutschland, Italien und England und Wales in Bezug auf die Strafzumessung gegenüber älteren Straftätern. Dieser internationale Vergleich macht deutlich, dass das jeweilige nationale Recht entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit Alterskriminalität hat. So ist in England und Wales und in Italien das Alter eo ipso bereits ein strafmildernder Faktor, während in Deutschland physische oder seelisch-kognitive Defizite im Einzelfall nachzuweisen sind. Ein weiteres Kapitel in dieser Sektion thematisiert die rechtliche Bewertung von Straftaten, die von Personen begangen werden, die älter als 60 Jahre sind, wobei die Straftat des Ladendiebstahls einer gesonderten Analyse unterzogen wird. Zwei weitere Kapitel in dieser Sektion befassen sich mit der Darstellung der Alterskriminalität in der polizeilichen Kriminalstatistik und dem Bundeszentralregister sowie der Praxis des Strafvollzugs an älteren Menschen.

Sektion III befasst sich mit dem Thema der Sexualdelinquenz im Alter sowie der Schuldfähigkeitsbegutachtung älterer Straftäter. Bezüglich der Sexualdelinquenz wird die interessante Hypothese aufgestellt, dass die Tabuisierung der Sexualität im Alter eine Ursache für verhängnisvolle Verläufe sein könnte und deshalb zukünftig altersspezifische Behandlungskonzepte entwickelt werden sollten.

Fazit

Das von Franziska Kunz und Hermann-Josef Gertz herausgegebene Werk befasst sich mit einem Thema, das in der Forschungslandschaft bisher ein Schattendasein führt. Die Publikation ist deshalb außerordentlich verdienstvoll, da sie auf ein Problem aufmerksam macht, das in Anbetracht der demographischen Entwicklung in den kommenden Jahren unweigerlich aus seinem Schattendasein treten wird.

Gleichzeitig verdeutlicht das Werk, dass das Wissen um diese Thematik bisher ausgesprochen dürftig ist. Epidemiologische Daten zur Frage des Zusammenhangs zwischen psychischen Erkrankungen im Alter und der Häufigkeit von Straftaten sind nur in sehr bescheidenen Umfang bisher publiziert worden. Aktuelle Studien hierzu fehlen, so dass Gertz in seinem Kapitel zu diesem Thema durchweg nur ältere Studien zitieren kann, die zudem nicht ohne weiteres auf die deutschen Verhältnisse übertragen werden können, da die Ergebnisse durch die national jeweils sehr unterschiedlichen Rechtssysteme beeinflusst sind. Die Unterbringung und Versorgung älterer und möglicherweise auch psychisch kranker Rechtsbrecher wird in den kommenden Jahren ein Thema werden, das die Versorgungsforschung beschäftigen wird. Das Buch verdeutlicht, dass es auch hierzu in Deutschland bisher an systematischer Forschung fehlt, obwohl die Probleme sowohl in Gefängnissen, als auch in Heimen und in den Maßregelvollzugskliniken längst angekommen sind.

Die Lektüre dieses durchweg sehr gut lesbaren Buches kann deshalb allen empfohlen werden, die in der Praxis, mit diesen Problemen bereits befasst sind.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Dreßing
Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie - Sozialmedizin / Rehabilitationswesen - Schwerpunkt Forensische Psychiatrie (DGPPN-Zertifikat)
Leiter des Bereichs für Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
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Zitiervorschlag
Harald Dreßing. Rezension vom 27.05.2016 zu: Franziska Kunz, Hermann-Josef Gertz (Hrsg.): Straffälligkeit älterer Menschen. Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis. Springer (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-47046-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19799.php, Datum des Zugriffs 31.05.2020.


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