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Dieter Bogai, Günter Thiele u.a. (Hrsg.): Die Gesundheits­wirtschaft als regionaler Beschäftigungsmotor

Cover Dieter Bogai, Günter Thiele, Doris Wiethölter (Hrsg.): Die Gesundheitswirtschaft als regionaler Beschäftigungsmotor. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 461 Seiten. ISBN 978-3-7639-4097-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 54,07 sFr.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: IAB-Bibliothek ; 355.
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Thema

Die Gesundheitswirtschaft zählt in Deutschland zu den volkswirtschaftlichen Bereichen, in welchen wir mittel- und langfristig eine (weiter) steigende Nachfrage erwarten dürfen. Es ist der Trend zu beobachten, dass einzelne Regionen versuchen, sich als Gesundheitscluster zu profilieren, um von den insbesondere demographisch bedingten Bedarfsentwicklungen profitieren zu können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften künftig entsprochen werden kann.

Entstehungshintergrund

Band 355 der IAB-Bibliothek des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung greift die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Gesundheitssektors mit einem besonderen Blick auf die Arbeitsmarktentwicklung auf. Vor allem Beschäftigungstrends sollen in den verschiedenen Teilbereichen der Gesundheitswirtschaft sowie im Hinblick auf länder- und regionalspezifische Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten dargelegt werden.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Dieter Bogai ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im IAB und IAB Berlin-Brandenburg.
  • Günther Thiele ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Alice Salomon Hochschule Berlin.
  • Doris Wiethölter ist Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit und im IAB Berlin-Brandenburg.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält elf Beiträge.

Der einführende Beitrag von Dieter Bogai umreißt zunächst die Besonderheiten des Markts für Gesundheitsdienstleistungen. Die Eigenarten des Gesundheitsmarktes zeichnen sich vor allem durch sehr spezifische Produkt- bzw. Leistungseigenschaften, ein ungewöhnlich großes Informationsgefälle zwischen Anbieter und Nachfrager sowie eine vergleichsweise starke Einflussnahme politischer bzw. politisch-administrativer Institutionen aus. Der Autor skizziert in seinem Beitrag darüber hinaus die Genese der Gesundheitswirtschaft vom Kostenfaktor zum Wachstums- und Beschäftigungsmotor, auch unter dem Aspekt der räumlichen Verteilung gesundheitswirtschaftlicher Aktivitäten.

Doris Wiethölter und Jeanette Carstensen legen im Anschluss daran in einem umfangreichen Beitrag die Ergebnisse empirischer Analysen der Beschäftigungsstatistik dar. Die Ergebnisse werden auch unter dem besonderen Aspekt der Gesundheitswirtschaft als regionaler Beschäftigungsträger betrachtet. Ein Grundstein für die weiteren Beiträge in diesem Band wird dabei über die Differenzierung der Gesundheitswirtschaft in einen Kernbereich (klassisches Gesundheitswesen) und weitere Bereiche wie Handel, medizinische Industrie, Krankenversicherung, Wellness etc. gelegt. Neben einer guten Übersicht zum Wachstum verschiedener Teilbranchen des Gesundheitswesens ist der von den Autorinnen herausgearbeitete Befund hervorzuheben, dass zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede im Beschäftigungsanteil der Gesundheitswirtschaft bestehen. Ebenfalls nicht unwesentliche Unterschiede bestehen – auch im Hinblick auf Geschlechterdifferenzen - im Umfang der einzelnen Gesundheitszweige sowie in der Vergütung einzelner Berufe.

Der erste länderspezifische Bericht wird von Carmen Pilger und Daniel Jahn verfasst, und zwar zur Gesundheitswirtschaft in Baden-Württemberg. Sie kommen dabei zum Schluss, dass die Gesundheitswirtschaft in diesem Bundesland ein Beschäftigungsmotor in den vergangenen Jahren gewesen ist. So stieg die Zahl der Arbeitsplätze zwischen 2002 und 2011 im Kernbereich um 25,2 Prozent. Jeder bzw. jede zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ist dort tätig. Vier von fünf Beschäftigten sind weiblich.

Doris Baumann und Stefan Böhme untersuchen die Gesundheitswirtschaft in Bayern. Auch sie verweisen auf die Beschäftigungseffekte der Gesundheitswirtschaft, hier ergab sich eine Steigerung um 21,7 Prozent von 2000 bis 2010. Regionale Schwerpunkte sind in einzelnen Landkreisen mit einer zum Teil doppelt so hohen Dichte nachzuweisen. Strukturell ist die Gesundheitswirtschaft von einem hohen Anteil an Frauen und Teilzeitaktivitäten gekennzeichnet. Die meisten Beschäftigten sind in Krankenhäusern bzw. Rehaeinrichtungen vorzufinden.

Doris Wiethölter, Janette Carstensen und Dieter Bogai analysieren die Gesundheitswirtschaft in Berlin und Brandenburg. In diesen beiden Ländern ist im Zeitraum von 2000 bis 2011 ein Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Kernbereich der Gesundheitswirtschaft um knapp 20 Prozent zu beobachten. In Brandenburg nahm die Beschäftigtenzahl insbesondere im Sektor der Herstellung von medizinischen und pharmazeutischen Produkten zu. Weitere Analysen in diesem Beitrag beziehen sich unter anderem auf Berufsausbildung und Hochschulabschluss, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse und Pendlerstrukturen.

Peter Schaade betrachtet die Gesundheitswirtschaft in Hessen und kommt zum Schluss, dass dort die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse sich von der Jahrtausendwende bis 2010 um 15,2 Prozent erhöht hat und der Kernbereich der Gesundheitswirtschaft fast zehn Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ausmacht. In regionale Hinsicht ist innerhalb Hessens ein Nord-Süd Gefälle zu verzeichnen. Ein wichtiger Zweig der Gesundheitswirtschaft ist auch in diesem Bundesland der Sektor der Krankenhäuser, Hochschul- sowie Vorsorge- und Rehabilitationskliniken. Auch dieser Beitrag weist ein sehr deutliches Einkommensgefälle zwischen verschiedenen Berufszweigen wie Sprechstundenhilfe und Krankenschwester bzw. Krankenpfleger nach.

Die Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern wurde von Volker Kotte genauer untersucht. Seine Betrachtungen kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass in keinem anderen ostdeutschen Flächenland der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Gesundheitswirtschaft höher ist. Mit rund 14 Prozent ist etwa jeder bzw. jede siebte Beschäftigte dort tätig. Auffallend sei desweiteren der hohe Anteil an teilzeitbeschäftigten Personen sowie der Umstand, dass die Beschäftigten jünger und besser qualifiziert sind als der Durchschnitt. Die Einkommensspanne verschiedener Berufszweige des Gesundheitswesens ist auch in diesem Bundesland beträchtlich.

Die Gesundheitswirtschaft in Nordrhein-Westfalen wird von Georg Sieglen dargestellt. Auch er verweist auf die große beschäftigungspolitische Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in NRW und bestimmte Lokalisationsquotienten im Kernbereich bei kreisfreien Städten und einigen Kreisen mit Rehabilitationseinrichtungen. Ein Gefälle der Versorgungsbeziehung zwischen Zentrum und Umland ist nicht zu übersehen. Eine längerfristige Beschäftigungsentwicklung zeige, so das Fazit der Studie, einen Anstieg vor allem bei Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung. Ebenfalls wird eine besonders problematische Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich diagnostiziert.

Der Gesundheitswirtschaft in Sachsen widmen sich Uwe Sujata und Antje Weyh. Dort arbeiten rund 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Gesundheitswirtschaft, davon etwa 75 Prozent im Kernbereich. Neben dem Umstand, dass die Gesundheitswirtschaft in Sachsen ein wachsender Wirtschaftsfaktor ist, wird darauf hingewiesen, dass in diesem Sektor der Stand der Arbeitslosigkeit vergleichsweise gering ausfällt.

Volker Kotte untersucht die Gesundheitswirtschaft in Schleswig-Holstein und kommt zum Schluss, dass dieses Bundesland zumindest für den Arbeitsmarkt zu Recht den Anspruch erheben kann, das „Gesundheitsland“ der Republik zu sein. Mit fast 17 Prozent ist in Schleswig-Holstein etwa jede bzw. jeder sechste Beschäftigte im Gesundheitswesen tätig. Regionale Beschäftigungsschwerpunkte lassen sich im östlichen Bereich des Landes vorfinden. Interessant sind darüber hinaus die in diesem Beitrag betrachteten Berufsverläufe. So sind von den Sprechstundenhelfern bzw. -helferinnen rund ein Drittel, von den Apothekenhelfern bzw. -helferinnen nahezu die Hälfte nicht mehr in einem Beruf des Gesundheitswesens tätig. Auch dieser Beitrag verweist auf deutliche Einkommensunterschiede in verschiedenen Berufssegmenten des Gesundheitswesens.

Dieter Bogai und Günther Thiele betrachten in ihrem abschließenden Beitrag die Arbeitsbedingungen in der Kranken- und Altenpflege. Die Untersuchung verschiedener Dimensionen der Arbeitsqualität signalisiert Defizite in Bezug auf Einkommen, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und Beanspruchung bzw. Überbeanspruchung. Die zunehmende Verbreitung von Teilzeitarbeit ist bspw. kaum vereinbar mit adäquaten Entwicklungsmöglichkeiten. Der Beitrag kommt zum Schluss, dass – auch vor dem Hintergrund des künftig noch weiter steigenden Bedarfs – die Qualität der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessert werden muss (und kann).

Diskussion

Die fachlich sehr fundierten Länderberichte dieses Bandes belegen prägnant, welche volkswirtschaftliche Bedeutung das Gesundheitswesen in Deutschland aufweist und welche Relevanz dieser Sektor für die Beschäftigung nicht nur in den Neuen Bundesländern auf absehbare Zeit hat und haben wird. Praktisch übereinstimmend kommen die Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Gesundheitswirtschaft ein wesentlicher Beschäftigungsmotor in den vergangenen 15 Jahren gewesen ist und ein weiterhin ansteigender Bedarf an qualifiziertem Personal erwartet werden muss. Sehr differenziert werden in den länderspezifischen Analysen die Strukturmerkmale der Beschäftigung im Gesundheitswesen dargestellt. Unter anderem verweisen die Daten auch auf starke Gehaltsunterschiede innerhalb der Gesundheitswirtschaft – ein Befund, der die Problematik der Personalgewinnung in einzelnen Segmenten dieses Wirtschaftsbereichs deutlich macht.

Fazit

Diese für die Diskussion um das Gesundheitswesen wichtige Publikation enthält eine Fülle an Fakten zur ökonomischen Relevanz der verschiedenen Medizinberufe in Deutschland und überzeugt durch ebenso klare Analysen wie Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Gesundheitswirtschaft als regionaler Beschäftigungsmotor. Die Befunde der Autorinnen und Autoren deuten zumindest implizit auch auf einen politischen Handlungsbedarf hin, wenn die medizinische und pflegerische Versorgung auch künftig in angemessener Qualität sichergestellt werden soll.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 23.03.2016 zu: Dieter Bogai, Günter Thiele, Doris Wiethölter (Hrsg.): Die Gesundheitswirtschaft als regionaler Beschäftigungsmotor. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-7639-4097-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19809.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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