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Gerd Schumann: Kolonialismus und Neokolonialismus

Cover Gerd Schumann: Kolonialismus und Neokolonialismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2015. 120 Seiten. ISBN 978-3-89438-580-4. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 13,90 sFr.
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Thema

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Autor

Gerd Schumann ist Journalist, „gelernter Redakteur“ (Klappentext) und als freier Autor tätig. Er war langjähriger Leiter des Auslandsressorts der Tageszeitung „junge Welt“.

Aufbau und Inhalt

Das Taschenbuch ist in acht Kapitel gegliedert. Davor gesetzt hat der Verf. „zum Geleit“ einen Auszug aus der Rede des Reichskanzlers Bernhard v. Bülow, die dieser im Dezember 1897 im Reichstag gehalten hat und in der er mit Blick auf die Kolonien der imperialistischen Rivalen den bekannten Spruch formuliert hat: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“.

Die Einleitung ist überschrieben „Zur Aktualität des Kolonialismus-Begriffs“. Diese will der Autor mit Verweis auf die Plünderung der Rohstoffe und den Landraub im globalen Süden verdeutlichen. Dabei seien dieselben Mächte im Spiel, die früher das Kolonialsystem geschaffen und genutzt haben.

Im Kapitel I unterscheidet der Verf. „fünf Etappen des Kolonialismus“, orientiert an historischen Gesellschaftsformationen, von den antiken Sklavenhaltergesellschaften bis zum Imperialismus und weiter bis zur neuerlichen Unterwerfung der ehemaligen Kolonialgebiete durch ökonomischen Zwang, womit er dem Leser zugleich eine Vorschau auf das weitere Vorgehen gibt.

Kapitel II erinnert an die Kolonialisierung der Küsten des Mittelmeers durch Phönizier und Griechen und an die Expansion des römischen Reichs.

In Kapitel III werden sehr unterschiedliche Ausgriffe der Europäer auf die Welt außerhalb Europas unter einen „vorimperialistischen Kolonialismus“ subsumiert: die Raubzüge der Wikinger, die mittelalterlichen Expeditionen der Portugiesen, die Plünderungen in Afrika und in der neu entdeckten Welt und der Versuch des preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, sich einen Stützpunkt an der Küste Westafrikas zu verschaffen.

Kapitel IV hat „Die imperialistische Aufteilung der Welt“ in der ersten Phase der Globalisierung zur Zeit der ‚Gründerjahre‘ zum Thema. „Zwischen 1876 und 1915 wurde etwa ein Viertel der Landoberfläche der Erde als Kolonien unter einem halben Dutzend Staaten verteilt oder umverteilt“ (58). Erinnert wird an die Berliner Kongo-Konferenz 1884/85. Behandelt werden die Erweiterung des britischen Empire und die Erwerbungen der verspäteten Kolonialmächte, d.h. Japans, der USA und nicht zuletzt des Deutschen Reichs.

Kapitel V umfasst den langen Zeitraum von 1917 bis 1990, als nach der Oktoberrevolution in Russland sich die ersten Tendenzen der Auflehnung gegen das Kolonialsystem zeigten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Befreiungsbewegungen und schließlich zur Unabhängigkeit führten, die sich aber bei vielen Staaten bald als eine bloß formelle erwies.

In Kapitel VI zeigt der Autor die „Rekolonisierung“ durch politischen Druck und ökonomische Abhängigkeit von den reichen Industriestaaten und mächtigen Konzernen am Beispiel mehrerer afrikanischer Länder. „Gegenkräfte formieren sich“ (93) seiner Ansicht nach im Wirtschaftsbündnis der Schwellenländer (BRICS).

Den internationalen Institutionen IWF und Weltbank, aber auch dem ICC (International Criminal Court) ist das Kapitel VII gewidmet.

Der kämpferische Tenor von Kapitel VIII „Für eine antikolonialistische Internationale“ kontrastiert mit der Analyse der Situation. Der Verf. kann nur an einen Befreiungskämpfer erinnern, der gemeuchelt wurde, Thomas Sankara von Burkina Faso.

Diskussion

Man sollte von einer Buchpublikation nicht mehr erwarten, als von Autor und Verlag beansprucht wird. Das schmale Bändchen ist in der Reihe Basiswissen erschienen. Der damit gesetzte Anspruch wird bedingt eingelöst. Man fragt sich jedoch, was die Kolonien der Phönizier mit dem kapitalistischen Kolonialsystem gemeinsam haben sollen. Die Behandlung des Themas ist insofern unhistorisch, als die völlig unterschiedlichen Systemvoraussetzungen, Ziele, Strategien und Strukturen außer Acht gelassen werden. Das gilt auch da, wo der Autor für die jüngste Etappe seit 1990 wieder einen „Kolonialismus altbekannter Prägung“ (28) ausmachen will, womit verkannt wird, dass sich die Ausbeutungsmechanismen stark, wenn nicht grundlegend geändert haben. Die Rolle von IWF und Weltbank hätte hier – und das heißt in Kapitel VI – ihren Platz in der Darstellung gehabt. Unglücklicherweise behandelt der Autor ihre Funktion in einem eigenen Kapitel, und zwar zusammen mit dem ICC. Mit Erklärungen für historische Veränderungen ist der Verf. sparsam. Warum zum Beispiel die Kolonialherrschaft nach 1945 „abgewirtschaftet“ hatte (29), wird auch an späterer Stelle nicht erklärt. Auch die Differenz zwischen Kolonialismus und Neokolonialismus wird einfach vorausgesetzt.

Fazit

Eine konkretere Vorstellung von den Folgen des alten und neuen Kolonialismus dürfte das Buch Leser*innen vermitteln, die darüber noch wenig wissen. Prädikat: ausreichend, sofern man mit Basiswissen auch einen gewissen analytischen Gehalt verbindet.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 06.03.2017 zu: Gerd Schumann: Kolonialismus und Neokolonialismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2015. ISBN 978-3-89438-580-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19811.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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