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Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt

Rezensiert von Dr. Hubert Kolling, 02.03.2016

Cover Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt ISBN 978-3-86321-283-4

Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt. Krankenschwester, Frauenrechtlerin, Sozialreformerin. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 287 Seiten. ISBN 978-3-86321-283-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Henriette Arendt (1874-1922) war eine schillernde Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammend, arbeitete sie in einer von Männern dominierten Welt viele Jahre lang als Krankenschwester, Polizeiassistentin und Aktivistin gegen den Kinderhandel. Detail- und quellenreich wird in dem vorliegenden Buch ihr Leben und Wirken nachgezeichnet.

Autorin

Dr. Henrike Sappok-Laue, Krankenschwester, Dipl.-Berufspädagogin (FH) sowie MSC Pflegewissenschaft, ist Absolventin des Kölner Fachbereichs Gesundheitswesen der Katholischen Hochschule Nordrheinwestfalen. Nach ihrem Studium in Köln schloss sie den Masterstudiengang Pflegewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) mit der Arbeit „Der katholische Krankenfürsorgeverein (Köln 1906 – 1912): Die Geschichte eines Experiments“ ab, um dort anschließend im Rahmen ihrer von Prof. Dr. Frank Weidner und Dr. Ralf Forsbach betreuten Dissertation das Leben und Werk von Henriette Arndt zu untersuchen.

In der „Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe“ veröffentliche die Autorin jüngst den Beitrag „‚Die Ärzte haben nur ihr eigenes Interesse im Auge‘. Die katholische Ordenspflege im Rheinland um 1900: Kritik und Reaktionen“ (3. Jg., Heft 1, 2014, S. 30-41); eine Kurzbiographie über Henriette Arendt stellte sie in „Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe“ (Nr. 218, November / Dezember 2015, S. 38-39) vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch, das 2014 als Dissertation unter dem Titel „Bin ich selbst dann auch längst vergessen… Henriette Arendt – Krankenschwester, Frauenrechtlerin und Sozialreformerin. Ein Leben zwischen Pflege und Fürsorge“ am Lehrstuhl für Pflegewissenschaft der PTHV angenommen wurde, enthält nach dem Vorwort die folgenden fünf Kapitel, die ihrerseits zahlreiche Unterkapitel aufweisen:

  1. Einführung
  2. Leben, Werk und Wirken Henriette Arendts (1874-1922)
  3. Schlussfazit
  4. Verzeichnisse
  5. Anhang.

Ausgehend von der Erforschung der Entstehungsgeschichte von „Dornenpfade der Barmherzigkeit. Aus Schwester Gerdas Tagebuch“, das 1909 von Henriette Arendt herausgegeben wurde und für Aufsehen sorgte, gibt Henrike Sappok-Laue in der Einführung einen kurzer Überblick zu Henriette Arendts Biographie, um dann „Schwester Gerda“ und Henriette Arendt einander gegenüberzustellen. Ferner zeigt sie die verschiedenen methodischen, theoretischen und strukturellen Merkmale ihrer Untersuchung auf.

Im zweiten Kapitel, das zugleich der Hauptteil des Buches bildet und deshalb ausführlicher vorgestellt sei, beschreibt die Autorin die Lebensgeschichte von Henriette Arendt mit ihren konstituierenden Elementen. Die Darstellung, chronologisch in vier Abschnitte untergliedert, orientiert sich dabei an den beruflichen Wendepunkten Arendts, wobei jeder Abschnitt mit einem zeitlichen Überblick beginnt, der die wichtigsten chronologischen Eckdaten vermittelt.

  • In „Kindheit und Jugend (1874-1896)“ beleuchtet Henrike Sappok-Laue zunächst die familiären und kulturellen Strukturen, die das Leben von Henriette Arendt bis zu ihrem 21. Lebensjahr prägten. Zudem beschreibt sie hier ihre schulische Bildung und ihre beginnende politische Haltung und zeigt erste persönliche und charakterliche Anpassungsschwierigkeiten auf.
  • Eng an „Dornenpfade“ orientiert thematisiert die Autorin im folgenden Abschnitt „Krankenpflege (1896-1903)“ die pflegerische Ausbildung von Henriette Arendt im Jüdischen Krankenhaus in Berlin und Details ihrer Einsätze in der Privat- und Krankenhauspflege (hier beispielhaft in der Pflege Diphtheriekranker). Zur Sprache kommt hierbei auch eine schwere persönliche Krise im Herbst 1897, die unter anderem ein Licht wirft auf eine scheinbar chronische Unterleibserkrankung, unter der Henriette Arendt litt und sie in den Folgejahren zu regelmäßigen Krankenhausaufenthalten zwang.
  • Im Mittelpunkt des Abschnitts „Soziale Arbeit als Polizeiassistentin (1903-1909)“ steht die Anstellung und sechsjährige Tätigkeit von Henriette Arendt als Polizeiassistentin, wobei hier ihr erwachsendes Interesse für die bürgerliche Frauenbewegung und die Belange misshandelter und verwahrloster Kinder maßgeblich sind. In diesem Zusammenhang wird auch ihr Verhältnis zur Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (B.O.K.D.) und deren Gründerin Agnes Karll näher betrachtet. Schließlich werden ihre Konflikte mit den Vorgesetzen und die Gründe für ihr Scheitern als Polizeiassistentin dargelegt.
  • Im letzten Abschnitt „Freiberufliche Fürsorge als Krankenschwester (1909-1922)“ beleuchtet Henrike Sappok-Laue das Leben und Wirken von Henriette Arendt in den Jahren von 1909 bis 1922. Zunächst beschreibt sie den Zenit ihrer Karriere als ehemalige Polizeiassistentin, freiberufliche Fürsorgerin und Aktivistin für das Frauenwahlrecht, bevor dann der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihrem Leben eine weitere, entscheidende Wende gab.

Im dritten Kapitel fasst die Autorin ihre Forschungsergebnisse anhand der starken Brüche und Wendepunkte in Henriette Ardendts Leben zusammen und setzt die Erkenntnisse in einen pflegehistorischen Kontext, wobei sie das Augenmerk auf die Abgrenzung der Krankenpflege in Bezug auf die Entwicklung des Berufs „soziale Arbeit“ lenkt. Mit einer Diskussion der Ergebnisse und der Formulierung der aus der Untersuchung hervorgegangenen Forschungsfragen schließt die Arbeit ab.

Während das vierte Kapitel unterschiedliche Verzeichnisse, unter anderem die Quellen- und Literaturangaben und eine Werkbibliographie Henriette Arendts enthält, dokumentiert das fünfte Kapitel unter anderem zwei Transkriptionen.

Diskussion

Am 18. November 2015 wurde der „Koblenzer Hochschulpreis“ des „Förderkreises Wirtschaft und Wissenschaft in der Hochschulregion Koblenz e.V.“ an acht junge Wissenschaftler_innen im Historischen Rathaussaal der Stadt Koblenz vergeben. Unter ihnen war auch Henrike Sappok-Laue für ihre Arbeit „Henriette Arendt. Krankenschwester, Frauenrechtlerin, Sozialreformerin“.

Gestützt auf archivalische Quellen und zeitgenössischen Veröffentlichungen beschreibt die Autorin im vorliegenden Buch das Leben Henriette Arendts, die als Krankenschwester, Fürsorgerin und Sozialreformerin auch öffentlich in Erscheinung trat. Zugleich leuchtet sie deren Handlungen, Aktionsmöglichkeiten und Motivationen detail- und quellenreich aus. Die Darstellung ihrer Lebensgeschichte zeigt beispielhaft die Möglichkeiten und Grenzen auf, in denen sich eine Frau aus gutbürgerlichem, assimiliert-jüdischem Elternhaus bezogen auf ihre persönliche und berufliche Entwicklung in der Zeit der vorvergangenen Jahrhundertwende bewegte. Darüber hinaus ist es Henrike Sappok-Laue gelungen – wiederum exemplarisch anhand der Berufsgeschichte Henriette Arendts – die Interessen, Forderungen und berufspolitischen Impulse der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Verberuflichung der Krankenpflege und der sozialen Arbeit anschaulich darzulegen.

Wie die mit einigen Schwarzweiß-Abbildungen illustrierte Darstellung zeigt, zeichnete sich Henriette Arendts Lebensgeschichte, die sich weitgehend in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) abspielte, durch ungewöhnliche Vielfalt aus. Nach Ansicht der Autorin lässt sich ihr Lebenslauf dabei mit dem anderer Sozialreformerinnen, wie beispielsweise Alice Salomon (1872-1948) oder Jenny Apolant (1874-1925), vergleichen, die als sogenannte „höhere Töchter“ in den 1870er Jahren geboren wurden und sich mit dem ihnen scheinbar fest vorgegebenen Lebensweg nicht abfinden wollten.

Für Henrike Sappok-Laue besteht jedenfalls kein Zweifel daran, dass Henriette Arendt als Sozialreformerin – die als Krankenschwester, Polizeiassistentin und als Autorin und Aktivistin gegen den internationalen Kinderhandel wirkte – in die lange Liste der Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eingereiht werden kann, indem es ihr wie keiner anderen gelungen sei, die Krankenpflege und soziale Arbeit miteinander zu verbinden und in der Öffentlichkeit zu repräsentieren.

Aufgrund ihrer Untersuchung hält die Autorin zusammenfassend fest: „Henriette Arendt war unzweifelhaft eine außergewöhnliche Frau, die an einem entscheidenden Kulminationspunkt der deutschen Krankenpflegegeschichte die Bereiche Krankenpflege und soziale Arbeit miteinander verband. Sie kann dabei aber weder als typische Krankenpflegerin, noch als typisch soziale Arbeiterin bezeichnet werden – ihre Lebensgeschichte ist in keiner Weise verallgemeinerbar“ (S. 223).

Obwohl sie weniger berufspolitische Ziele verfolgte, etwa durch ein deutliches Engagement für die Verberuflichung der Krankenpflege oder der sozialen Arbeit, kann sie nach Ansicht von Henrike Sappok-Laue trotzdem als eine „Zentralfigur dieser Prozesse“ eingeordnet werden: „Sie war keine Theoretikerin wie Agnes Karll oder Alice Salomon und hatte im Vergleich zu Karll (B.O.K.D.) oder Salomon (Soziale Frauenschule) keine Einrichtung geschaffen, die die Zeit überdauerte. Arendt verknüpfte stattdessen in der Praxis autonom die Anliegen beider Richtungen und verfolgte dabei in erster Linie ihre eigenen Interessen“ (S. 223).

Bleibt lediglich anzumerken, dass man sich im Zusammenhang mit den im Text und der zitierten Literatur erwähnten Personen Marie Baum (1874-1964), Gertrud Bäumer (1873-1954), Charlotte von Cammerer (1875-1962), Marie Cauer (1841-1922), Minna Cauer (1841-1922), Eduard Dietrich (1860-1947), Heinrich Dreesmann (1865-1929), Lavinia Lloyd Dock (1858-1957), Henriette Goldschmidt (1825-1920), Paul Jacobsohn (1868-1931), Agnes Karll (1868-1927), Martin Mendelsohn (1860-1930), Helene Meyer (1866-1945), Florence Nightingale (1820-1910), Mary Adelaide Nutting (1858-1948), Alice Salomon (1872-1948), Amalie Sieveking (1794-1859), Hilde Steppe (1947-1999), Anna Sticker (1902-1995), Elisabeth Storp (1864-1941), Georg Streiter (1884-1945), Kaiserin Augusta Victoria (1858-1921), Rudolf Virchow (1821-1902) und Lillian D. Wald (1867-1940) Hinweise auf die entsprechenden Artikel im – bisher im Umfang von sieben Bänden vorliegenden – von Horst-Peter Wolff (Bände 1-3) und Hubert Kolling (Bände 4-7) herausgegebenen „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte“ (vgl. die Rezensionen unter: www.socialnet.de/rezensionen/19819.php, www.socialnet.de/rezensionen/14183.php und www.socialnet.de/rezensionen/11459.php) gewünscht hätte. Entsprechende Anmerkungen zu den genannten Personen hätten zugleich gezeigt, dass im Hinblick auf den Wunsch der Autorin, „der Geschichte der Pflege Gesichter zu geben und so über individuelle Schicksale weitere Forschungsfelder aufzudecken“ (S. 231), an anderer Stelle bereits sehr viel geleistet wurde.

Gleichwohl werden alle, die sich für die Geschichte der Krankenpflege interessieren, das Buch über Henriette Arendt mit großem Interesse lesen.

Fazit

Über Henriette Arendt gibt es bereits einige Veröffentlichungen. Das Buch von Henrike Sappok-Laue hebt sich von diesen insofern ab, als in ihm erstmals Henriette Arendts gesamte Lebensgeschichte im Zusammenhang mit ihrer individuellen Persönlichkeit ausführlich dargestellt wird.

Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Es gibt 184 Rezensionen von Hubert Kolling.

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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 02.03.2016 zu: Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt. Krankenschwester, Frauenrechtlerin, Sozialreformerin. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-283-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19813.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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