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Silke van Dyk: Soziologie des Alters

Cover Silke van Dyk: Soziologie des Alters. transcript (Bielefeld) 2015. 188 Seiten. ISBN 978-3-8376-1632-3. D: 11,50 EUR, A: 11,90 EUR.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit Alter als Gegenstand der Soziologie. Es diskutiert das Potential eines Beitrags der Soziologie zur Altersforschung, indem es weitere Disziplinen bzw. Forschungsfelder (Gerontologie, Psychologie etc.) und deren Perspektiven auf das Alter beleuchtet und zeitdiagnostische Bestandsaufnahmen liefert sowie die bestehenden insbesondere theoretischen Defizite bisheriger soziologischer Altersforschung herausstreicht.

Autorin

Silke van Dyk ist seit April 2016 Professorin für Politische Soziologie des Instituts für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zuvor war sie Professorin für die Soziologie sozialer Disparitäten am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel.

Aufbau

Die von Silke van Dyk vorgelegte Studie zur Soziologie des Alters in der Reihe ‚Themen der Soziologie‘ gliedert sich in fünf Teile.

  1. eine Einleitung
  2. eine Annäherung an Begriff und Phänome des Alter(n)s
  3. relevante theoretische Ansätze im Überblick
  4. Zeitdiagnosen und Kontroversen
  5. gleichsam als theoretisches Kernstück ein weiterführender Vorschlag für die Altersforschung zur Analyse von Lebensalter

Inhalt

Die Autorin verfolgt mit ihrem in die Soziologie des Alters einführenden Buch, „ein wenig Übersichtlichkeit in das ebenso verbreitete wie unscharfe Diktum von der sozialen Hervorbringung des Alter(n)s zu bringen“ (17), dies mit Verweis auf entsprechende Leerstellen und Probleme ebenso wie mögliche theoretische Weiterungen in Bezug auf den aktuellen Forschungsstand (17). Sie tut dies mit besonderer Berücksichtigung der Kritischen Gerontologie, die sich im angelsächsischen Raum in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt hat.

Die Ausgangslage für eine Soziologie des Alters präsentiert sich als mittlerweile weitläufiges Feld, welches sich zwischen den beiden Polen einer Klage über die vergreisende Gesellschaft einerseits und eines Lobes für das Alter andererseits ausbreitet. Der Gegenstand hat dabei einen besonderen Doppelcharakter, der ihm seine Komplexität verleiht: Alter und Altern beziehen sich sowohl auf das Altsein wie auch auf das Älterwerden und damit auf einen lebenslangen Prozess und Zustand zugleich. Während alles Leben als Prozess des Älterwerdens stattfindet, markiert Alter auch Differenzen, indem verschiedene Altersgruppen in einer Gesellschaft ausgewiesen werden. Damit ziehen sich in der Kategorie des Alter(n)s existenzielle Erfahrung, gesellschaftliche Institutionalisierung und kulturelle Repräsentation zusammen.

Auf diese Ausgangslage hat die Soziologie lange kaum reagiert. Sie hat Alter allenfalls mit den Rändern des Lebens in Verbindung gebracht: mit den ganz Jungen und mit den ganz Alten. Das Durchschnittsindividuum der Soziologie war und ist über weite Strecken nach wie vor ein altersloses erwachsenes Subjekt. Das Feld wurde währenddessen von anderen Disziplinen bearbeitet, so von der Biologie, der Medizin, von Psychologie und Erziehungswissenschaft aber auch von Philosophie und Theologie. Soweit sozialwissenschaftliche Zugänge zum Zug kommen, etwa in der Gerontologie, lässt sich seit längerem eine psychologische Engführung erkennen. Im Zeichen einer damit einher gehenden empirisch-quantitativ dominierten Forschung verweist Silke van Dyk denn auch auf die immer wieder kritisch geäusserte Klage eines Theoriedefizits der Altersforschung.

Nach diesen einleitenden Klärungen nähert sich die Autorin einer Antwort auf die Frage, was das Alter(n) ist. Sie tut dies einerseits in begrifflich-konzeptioneller Hinsicht und andererseits in einem kurzen historischen Aufriss zur Genese der Lebensphase Alter, inklusive des ‚dritten‘ und ‚vierten‘ Alters (17ff.).

Zuerst wird noch einmal der Doppelcharakter von Alter(n) als Differenzmarker und lebenslanger Prozess herausgestrichen und sodann auf den biologischen, den chronologischen, den sozialen und den psychologischen Altersbegriff als gängige Unterscheidungen verwiesen. Neu dazu kommt in jüngerer Zeit die Dimension des sichtbaren Alters, welche entlang der Vorstellungen von Fitness und Aktivität auf die Körpersymbolik zielt (14).

Im Feld der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Alter und Altern ist heute weitgehend unbestritten, dass wir es hier mit sozialen Hervorbringungen zu tun haben. Im Unterschied zum Geschlecht in der Geschlechterforschung ist die soziale Konstruktion von Alter im Zusammenwirken mit material-körperlichen Faktoren in der Altersforschung theoretisch jedoch unterbelichtet geblieben. Entsprechend beschäftigt sich Silke van Dyk im folgenden dritten Teil mit verschiedenen theoretischen Ansätzen – dies nicht ohne zuerst die wesentlichen Aufgaben und Herausforderungen für eine Soziologie des Alter(n)s im Rahmen von vier Themenkomplexen zu benennen (27):

  • Alter(n) und Demografie unter besonderer Berücksichtigung aktueller Debatten um gesellschaftliche Alterung und Schrumpfung
  • Alter(n) im sozio-kulturellen und polit-ökonomischen Kontext des flexiblen Kapitalismus unter besonderer Berücksichtigung wohlfahrtsstaatlichen und gesundheitspolitischen Wandels
  • Alter(n) im Lebenslauf unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Institutionalisierung des Lebenslaufs wie der individuellen biografischen Aneignung und Erfahrung
  • Alter(n) in der intersektionalen Verschränkung mit anderen gesellschaftlichen Differenz- und Ungleichheitsmarkern wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse, Sexualität und Behinderung

Der dritte, theoretische Teil geht zuerst auf die spärlichen Beiträge der Soziologie zur Theoriebildung in diesem Bereich ein und identifiziert unter den Klassikern Ferdinand Tönnies und Max Weber, vor allem aber Karl Mannheim (Problem der Generationen) und Talcott Parsons Beiträge (vgl. Disengagement-Theorie). Auch Helmut Schelskys Überlegungen zu den „Paradoxien des Alters in der modernen Gesellschaft“ finden hier Erwähnung. Einflussreicher waren jedoch bei der Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Altern Schriftsteller und Philosophinnen: Simone de Beauvoir, Jean Améry und Robert Butler etwa. Als Gründe dieser soziologischen Leerstelle vermutet die Autorin die Randstellung weiterer, mit dem Alter in Zusammenhang stehenden Themen wie Körper, Tod und Zeit bzw. Zeitlichkeit mit dem bereits erwähnten Resultat von „körper- und zeitlose(n), endlichkeitsgefeite(n) Subjekte(n) als Gegenstand der soziologischen Analyse“ (31). Auch die Geschlechterforschung hat sich gemäß em>van Dyk mit dem Alter(n) kaum befasst. Bemerkenswerterweise findet aber auch die Intersektionalitätsforschung zu keinen entsprechenden Forschungsfragen: „Gerade die an Intersektionen interessierte Forschung hätte jedoch zu fragen, wie sich die Überlagerungen und Verschränkungen von Differenzmarkern wie Geschlecht, Sexualität, Ethnizität oder Klasse im Alternsprozess dynamisieren und verändern.“ (31)

Während eine Soziologie des Alters nach wie vor weitgehend Desiderat bleibt, finden sich sozialwissenschaftliche Zugänge in der in den USA auf den Weg gebrachten Gerontologie, wenn auch sogleich konstatiert werden muss, dass hier eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung jenseits eines vorherrschenden Positivismus fehlt. Dies gilt, wie bereits der Verweis auf die Critical Gerontology (aber auch andere Strömungen) deutlich macht, nicht für den gesamten angelsächsischen Bereich. Die gegenseitige Befruchtung von Sozialgerontologie und einer Soziologie des Alters ist dennoch weitgehend ausgeblieben, insbesondere auch im deutschsprachigen Raum.

Die Autorin zeichnet in der Folge die Anfänge der Sozialgerontologie und deren Entwicklung bis in die Gegenwart ausführlich nach, indem die hier wesentlichen Konzepte wie Disengagement-Theorie, Aktivitätsthese und Stigma-Konzept diskutiert werden (35ff.). Ansätze zu Fragen der Altersstrukturierung, zum Lebens(ver)lauf und zur Biographie (45ff.) bilden einen weiteren eigenen theoretischen Bereich der Diskussion, ebenso wie die Political Economy of Aeging und die Postmodern Aeging Studies (57ff.).

Den grössten Raum im Rahmen dieses Theoriekapitels nimmt die Critical Geronotolgy ein, welche zum Teil auf die Political Economy of Ageing und auf die Postmodern Ageing Studies reagiert. Die unterschiedlichen Strömungen der Kritischen Gerontologie werden in Form der Cultural Gerontology, der Humanistic Gerontology, der Narrative Gerontology und schliesslich der Foulcaudian Gerontology differenziert dargestellt. In einem abschliessenden Kapitel folgt die Darlegung der für die deutschsprachige Alter(n)sforschung auszumachenden ‚Abkoppelung‘ von der englischsprachigen Forschung des gerontologischen Mainstreams als Folge der verstärkten Entwicklung eigener kritischer Ansätze, welche insbesondere gesellschaftstheoretisch inspirierte Anschlüsse bei Norbert Elias, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann finden. Seit ungefähr zehn Jahren ist schliesslich eine verstärkte Rezeption der kritischen Ansätze der englischsprachigen Forschung auch im deutschsprachigen Raum beobachtbar.

Nach einer im vierten Teil überblicksartigen Darstellung von gegenwärtigen Zeitdiagnosen und Kontroversen (rund um Politik mit der Demografie, Alter in der Aktivgesellschaft, subjektive Altersdeutungen und Alterserfahrungen sowie Stereotypisierung und Diskriminierung im Rahmen von ‚Aegism‘) nimmt die Autorin im fünften und letzten Teil den Faden nochmals in theoretisch grundlegender Weise auf und stellt eine Weiterführung der Altersdiskussion unter poststrukturalistisch-praxistheoretischen Perspektiven in Aussicht. Zu Beginn steht hier die im Buch herausgearbeitete Diagnose, dass die wissenschaftliche Analyse bisher nur zwei Perspektiven kennt: „das Alter in Relation zum ‚mittleren‘ Erwachsenenleben entweder als Gleiches oder aber als (positiv affirmiertes) Anderes zu bestimmen“ (133). Für diese beiden Positionen stehen die von der Autorin so genannte „Happy Gerontology“ auf der einen und die Critical Gerontology auf der anderen Seite. Beide, so van Dyk, orientieren sich am mittleren Erwachsenenleben und an den ihm abgewonnen gesellschaftlich gültigen Leistungsnormen.

Während die „Happy Gerontology“ die Differenz zum mittleren Erwachsenenalter einebnet und mit der Vorstellung eines aktiven Alters die Gleichheit dieser Lebensphasen postuliert, betont die Critical Gerontology die Differenz und reklamiert für das ((‚dritte‘) Alter Schutz vor neoliberal-kapitalistischem Leistungsdenken. Das Alter wird so seines eigenen, genuin anderen Stellenwerts beraubt. In beiden Fällen haben wir es letztlich, so van Dyk, mit einer essenzialisierenden, binären Unterscheidung von Alter und Nicht-Alter zu tun. Damit überspringt die Alterforschung die im Bereich der Differenzmarker Geschlecht und Ethnizität seit den 1970er Jahren gesetzte Latte der theoretischen Diskussion nicht, sondern verharrt gleichsam in naturalisierend-homogenisierenden Ausgangslagen – wobei, so liesse sich einwenden, gerade die Critical Gerontology diesem Vorwurf nur bedingt ausgesetzt werden kann, versucht sie doch eine ‚Würdigung des Partikularen‘ zu leisten, indem das Alter unter dem Aspekt eines positiven und eigenständig Anderen gesehen wird. Die Kritik der Autorin wird denn auch insofern zwar zugespitzt, aber auch etwas relativiert, als sie bei beiden Perspektiven eine zwar vorhandene, aber zu geringe theoretische Aufmerksamkeit auf die Konstruktion von Alter(n) im Lebenslauf ausmacht, was letztlich zu einem ‚halbierten Konstruktivismus‘ führe (134). Nur Kindheit und Jugendalter auf der einen und das höhere Alter auf der anderen Seite werden als sozial konstruiert betrachtet. Das mittlere Erwachsenenleben bleibe jedoch im soziologischen Blick alterslos.

Um aus diesen Defiziten herauszufinden, lehnt sich Silke van Dyk am differenztheoretischen Denken und damit an poststrukturalistischen Theorien an. Differenz fasst sie dabei als Relation, nicht als Alterität (wie etwa die Critical Gerontology), und gibt damit die Vorstellung von mit sich identischen Einheiten preis. Mit Bezug auf Derrida wird Identität negativ verstanden als Entität mit Relation zu dem, was es nicht ist und so die Spur des Anderen immer in sich trägt. Was für die mittleren Lebensjahre selbstverständlich ist, gilt auch für das Alter: Es ist nicht homogen. Dies wird heute durchaus so gesehen, „niemals aber durchbricht die Vielfalt den alt/jung-Gegensatz selbst“ (137). Das differenztheoretische Denken will demgegenüber die halbierte Konstruktion überwinden, indem es Alter in seiner Relation zu dem, was es nicht (mehr) ist, in den Blick nimmt (137). Die Konstruktionslogik weitet sich somit auf das mittlere Erwachsenenleben aus.

Entscheidend für die Argumentation von Silke van Dyk ist nun aber, dass die binäre Logik alt/nicht-alt bzw. alt/jung eine Hierarchie der Pole kennt. Das Alter muss sich am Wert des Jungseins ausrichten (kritische Gerontologen würden sich wahrscheinlich dagegen verwehren, diesbezüglich in die Kritik mit eingeschlossen zu werden). Hier setzt der von van Dyk grundsätzlich geführte Angriff auf die Logik des hierarchischen Denkens an, indem die Dekonstruktion zuerst die abgewertete Seite der Binarität ins Spiel bringt und sichtbar macht, um die Binarität sodann zu zerstören und zu überschreiten (138): „Das dekonstruktive Denken öffnet dabei den Blick dafür, dass auch der unmarkierte Pol der hierarchischen Opposition die Spur des Anderen trägt und von diesem affiziert wird. Tatsächlich ist die Idee eines unabhängigen und autonomen Erwachsenenlebens ganz wesentlich auf das Gegenbild eines abweichenden, abhängigen Alters angewiesen.“ (138) ‚Alt‘ und ‚jung‘ sind gesellschaftlich bei weitem nicht so eindeutig zuschreibbar, wie die Binarität suggeriert. So können dreissigjährige Sportler alt sein, wohingegen Achtzigjähre noch rüstig und im Selbstverständnis eigenen Noch-jung-Seins beispielsweise durchs Gebirge wandern.

Die eigentliche Krux heutiger Altersdiskurse und einer damit einhergehenden Reproduktion der Binarität von alt und jung wird durch die Autorin mit dem Verweis auf die körperlich und geistig eingeschränkte Hochaltrigkeit benannt. Auch hier greift van Dyk auf den Poststrukturalismus zurück, indem sie das Konzept der ‚radikalen Verwerfung‘ ins Spiel bringt. Angehörige des ‚vierten‘ Alters fallen aus dem Sozialen – oder, mit Judith Butler, aus dem Menschlichen – ganz heraus. Als bedrohliche Spur, die auf Tod und Endlichkeit vorausweist, bleibt das fragile ‚vierte‘ Alter jedoch dem Sozialen immer auch eingeschrieben. Damit wird eingeschränkte Hochaltrigkeit zum Ausdruck eines ‚verworfenen Lebens‘. Von den alten Männern und Frauen dieser Gruppe geht an die Adresse der ‚eigentlichen‘, dem Leben noch zugehörigen Menschen ein disziplinierender Imperativ einer vorausschauenden Selbstoptimierung aus. In der Logik einer „poststrukturalistischen Argumentation dient das ‚vierte‘ Alter als naturalisiertes Post-Humanes und wirkt so gleichsam wie ein Menetekel aus der Zone von Unheil und Verbannung auf die Menschlich-Lebenden zurück. Die Widersprüchlichkeit liegt auf der Hand: „Das konstitutive Aussen der verworfenen Hochaltrigkeit fungiert hier als Bollwerk zwischen Leben und Tod, befreit das Soziale, das Menschliche von seiner Endlichkeit – und sucht sie nichtsdestotrotz heim.“ (142)

Da gesellschaftliche Verhältnisse von Instabilität gekennzeichnet sind, liegt das Interesse der Soziologie für die Autorin letztlich darin, nach konkreten Realisierungsmöglichkeiten eines kritischen Handelns zu fragen, wobei mit Bezug auf den Prozess des Alterns und auf Endlichkeit hier keine Hilfe des diesen Bereich bisher vernachlässigenden Poststrukturalismus selbst zu erwarten ist. Auch die Frage, inwiefern wir es unter den Voraussetzungen einer prekären Körperlichkeit am Ende des Lebens überhaupt mit einer sozialen Konstruktion zu tun haben, stellt sich hier neu. Silke van Dyk schliesst ihre Studie entsprechend mit Perspektiven für die Alter(n)sforschung ab. So wäre zuerst einmal die vermeintliche Alterslosigkeit der mittleren Jahre empirisch in den Blick zu nehmen. Auch der konkrete Inhalt des Alterslobs, das vielfältig zu hören ist, und die nach wie vor anklingenden Differenzen zwischen den mittleren Jahren und dem ‚dritten‘ Alter, haben bisher nicht ausreichend Aufmerksamkeit erhalten. Inwiefern alte Menschen eine kritische Handlungsmacht darstellen können, wenn es ihnen andererseits an einem eigenen ‚Wir‘-Gefühl mangelt (‚alt sind nur die anderen‘), ist ebenfalls unklar. Und schliesslich bleibt die Frage nach dem ‚queering‘, also der Durchkreuzung von Altersnormen durch die Alten, die sich vielleicht ja doch nicht so einfach dem Hegemonie-Diskures unterordnen. Dies sind alles Fragen, die einer empirischen Klärung harren.

Diskussion

Silke van Dyk gelingt mit ihrem Buch zweierlei: Sie bringt Leserin und Leser das Phänomen des Alters und des Alterns näher und beleuchtet dabei historische Veränderungen ebenso wie gegenwärtige Herausforderungen; und sie erschliesst die wissenschaftliche Ebene durch die Diskussion unterschiedlicher theoretischer Ansätze und durch Verweise auf relevante empirische Studien. In dieser Rekonstruktionsarbeit macht die Autorin immer wieder deutlich, woran es in ihrer Sicht bislang der Altersforschung mangelt: Im Vergleich insbesondere mit den Gender Studies und mit den Postcolonial Studies bleibt die Altersforschung mit ihrem ‚halbierten Konstruktivismus‘ und den zu wenig hinterfragten Kategorien des Alters (als Differenzmarker) und des Alterns (als Prozess) theoretisch unterkomplex. Silke van Dyk versucht hier mit ihrem Vorschlag einer stärkeren Anlehnung an poststrukturalistischem Differenzdenken und mit der Dekonstruktion des Alters mit Blick auf alle Lebensphasen Abhilfe zu schaffen. Vielleicht etwas unvermittelt – aber im Sinn der poststrukturalistischen Logik konsequent – wird hier das ‚vierte‘ Alter als verworfenes Leben ins Spiel gebracht, das die im ‚richtigen‘ Leben Stehenden verfolgt und mit ihrer Endlichkeit konfrontiert. Je zahlreicher die Hochaltrigen in der modernen Gesellschaft sind und je stärker sie auch im medialen Interesse stehen, um so ‚normaler‘ und selbstverständlicher werden aber möglicherweise auch die realen sozialen Beziehungen mit ihnen sein (etwa im Bereich der Pflege) und umso weniger werden sie dann vielleicht die Funktion des ganz Anderen, Verworfenen erfüllen. Inwiefern sich möglicherweise auch das ‚vierte‘ Alter solchen theoretischen Zuschreibungen und entsprechenden gesellschaftlichen Funktionen entzieht, werden letztlich jedoch bisher fehlende empirische Untersuchungen beantworten müssen. Die Differenz zwischen ‚jung‘ und ‚alt‘, die Silke van Dyk in ihrem Buch kritisch beleuchtet, lässt sich zwar mit der am Poststrukturalismus angelehnten Argumentation einholen, aber letztlich nur um den Preis einer neuen Differenzsetzung gegenüber dem ausgeschlossenen ‚vierten‘ Alter. Eine Klärung der Frage, inwieweit diese Sichtweise auch soziologisch plausibel ist und der sozialen Praxis in alternden Gesellschaften entspricht, ist ausstehend.

Fazit

Silke van Dyks Schrift zur Soziologie des Alters vermittelt einen guten, übergreifenden Einblick in die Alterforschung nicht nur im Bereich der Soziologie, sondern auch in den Nachbarwissenschaften, allen voran in der (Sozial-)Gerontologie. Begriffliche Klärungen, historische Verortungen des Phänomens Alter und Befunde zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen vorwiegend in Deutschland, aber auch im angelsächsischen Bereich, stehen neben einer differenzierten Darlegung deutsch- und englischsprachiger theoretischer Ansätze. Der eigene, am Poststrukturalismus orientierte theoretische Beitrag der Autorin, mit dem angesprochene Defizite einer insbesondere auch soziologischen Altersforschung behoben werden sollen, macht dieses Buch über den thematischen Einführungscharakter hinaus für laufende Diskussionen fruchtbar und anregend.


Rezension von
Dr. Christine Matter
Fachhochschule Nordwestschweiz
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Christine Matter. Rezension vom 07.06.2016 zu: Silke van Dyk: Soziologie des Alters. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-1632-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19827.php, Datum des Zugriffs 09.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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