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Peter Krope, Johannes Peter Petersen (Hrsg.): Wege aus der Gewalt? (häusliche Gewalt gegen Frauen)

Cover Peter Krope, Johannes Peter Petersen (Hrsg.): Wege aus der Gewalt? Eine Studie im europäischen Rahmen über häusliche Gewalt gegen Frauen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-8309-3341-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Der Themenbereich der häuslichen Gewalt gegen Frauen scheint seit einigen Jahren einer der meist untersuchten Gegenstandsbereiche zu sein. Selten hat ein Problemfeld wie die häusliche Gewalt gegen Frauen in der Betrachtung der vergangenen Zeit so viel Aufmerksamkeit, gesetzliche Innovation durch das in Krafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahre 2002 und wissenschaftliche Untersuchungen hervorgebracht. Die Publikationsliste zu dem Themenfeld kann sich sehen lassen und scheint ein weites Spektrum auch von differenzierten Fragestellungen und Personengruppen, wie die Auseinandersetzung mit behinderten Frauen als Zielgruppe häuslicher Gewalt, zu umfassen. Diese Feststellung trifft jedoch mehrheitlich für die Fragen nach der Genese und den Auswirkungen häuslicher Gewalt zu als für den Bereich, wie und auf welchem Wege häuslicher Gewalt wirksam Einhalt geboten werden kann. Hier wird die Blickrichtung auf die angewandte Unterstützungsebene für Betroffene häuslicher Gewalt gerichtet, und es ist kein Geheimnis, dass viele der professionellen UnterstützerInnen aus den Einrichtungen für von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen durchaus mit frustrierenden Erfahrungen leben müssen, wenn die Frauen in die gewalttätige Beziehung zurückkehren, sich eine neue von Gewalt geprägte Beziehung suchen und eben nicht so leicht von ihrem eigenen Handlungsrepertoire lassen können.

Da erweckt ein weiteres Werk zum Themenfeld „häusliche Gewalt“ insofern Aufmerksamkeit, als der Titel eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Wegen aus der Gewalt verspricht (und auch hält!) und eine Studie im europäischen Rahmen über häusliche Gewalt gegen Frauen zum Gegenstandsbereich erhebt.

Entstehungshintergrund

Der Impulsgeber für das hier vorgestellte Werk ist die im Jahre 2011 ausgearbeitete Istanbul-Konvention mit dem Titel „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“. Das Abkommen hat die Bedeutung eines völkerrechtlichen Vertrages, der am 1. August 2014 für die Mitgliedsländer der Europäischen Union in Kraft trat und damit verbindliche Rechtsnormen geschaffen hat. Inhaltlich beschreibt die Istanbul-Konvention Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen und gegen häusliche Gewalt und fordert die unterzeichnenden Mitgliedsstaaten auf, auch im Bereich der Bildung (siehe Artikel 14 der Istanbul-Konvention) Maßnahmen zu entwickeln, um nicht nur Wege aus der Gewalt zu schaffen, sondern das Entstehen häuslicher Gewalt bereits im Vorfeld zu verhindern.

Dieser Artikel 14 der Istanbul-Konvention war der Aufhänger für die Autoren, sich mit einem Forderungskatalog dezidierter zu befassen und einen Aspekt in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses zu stellen; es ist die Arbeit an einer gewaltfreien Konfliktlösung in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die Autoren des hier vorgestellten Werkes sind ein WissenschaftlerInnen-Team des Zentrums für Konstruktive Erziehungswissenschaft (ZKE) der Universität Kiel. Sie haben mit Vertreterinnen mehrerer europäischer Organisationen das Forschungsprojekt im Rahmen des Programms für lebenslanges Lernen der Europäischen Kommission gefördert bekommen (Grundtvig-Lernpartnerschaften, Zeitraum 2013 – 2015). Interessant ist hierbei, dass es sich bei den Projektpartnerinnen um Frauenorganisationen aus Finnland, Rumänien, Slowenien und Deutschland handelte, die allesamt in die International Federation of University Women und in die University Women Organizations of Europe eingebunden sind, also insgesamt Akademikerinnenverbünde darstellen. Aus diesem Grunde erklärt sich der Titel des Vorhabens „Domestic Violence Met by Educated Women“ (DVMEW). Ebenfalls beteiligt waren die Kyrklunds`Consulting International aus Schweden und als für die Forschung Verantwortlichen eben das Zentrum für Konstruktive Erziehungswissenschaft (ZKE) der Universität Kiel.

Das WissenschaftlerInnen-Team des ZKE beschreibt interessanterweise seine Rolle als Wandler zwischen zwei Welten bzw. sieht seine Aufgabe als Mittler zwischen zwei Welten. Die eine umfasst die Lebenswelt der Akademikerinnen aus fünf europäischen Staaten, die häusliche Gewalt erlebt und erfahren haben. Die zweite Lebenswelt war die der Forschungsgruppe mit der Zielsetzung, mit einem Interventionsprogramm einen Beitrag zur Gewaltverminderung zu liefern und die Wirkung dieses Programms mit einem objektiven, reliablen und validen Fragebogen auf der Grundlage einer expliziten und eindeutigen Definition nachzuweisen.

Aufbau und Einleitung

Das vorliegende Werk umfasst 160 Seiten und ist untergliedert in eine Einleitung, gefolgt von sechs Aufsätzen unter dem Oberbegriff „die Grundlagen der Studie“. Anschließend werden wiederum sechs Aufsätze unter dem zweiten Oberbegriff „die Studie im Diskurs“ vorgestellt, um mit einem Fazit/Conclusions abzuschließen.

Die Einleitung ist kurz und knapp gehalten und vermittelt einen prägnanten und nachvollziehbaren Einblick in die Entstehung der Studie und die zu bearbeitenden Fragestellungen. Mit dem Forschungsvorhaben sollte als erstes geklärt werden, ob es Unterschiede in dem gäbe, was als häusliche Gewalt in den jeweiligen Partnerländern der Forschungsprojektpartner verstanden werde, um dann aus möglichen Differenzen heraus zuverlässige Empfehlungen zu formulieren, wie häusliche Gewalt zu vermeiden, zu vermindern und/oder zu beenden sei.

Zu Bock 1: Die Grundlagen der Studie

Der inhaltliche Block „Die Grundlagen der Studie“ umfassen sechs Beiträge zu zwei zentralen Fragen, nämlich zur Definition von „Gewalt“ und zur Intervention gegen Gewalt.

Dabei geht Peter Krope im ersten Beitrag auf die methodischen Grundlagen der Studie über häusliche Gewalt gegen Frauen ein. Er stellt ausführlich, anschaulich und nachvollziehbar die Basis seiner methodischen Grundlagen und des methodisch-konstruktiven Ansatzes dar. Krope beschreibt die Zielsetzung der Studie als Kombination von Evaluations- und Interventionsvorhaben. So sieht das Konzept nicht nur vor, mit einem Fragebogen häusliche Gewalt gegen Frauen zu beschreiben, sondern auch Maßnahmen zur Gewalteingrenzung vorzuschlagen.

Johannes Peter Petersen setzt sich im zweiten Aufsatz mit Elementen konstruktiver Wissenschaftstheorie im Rahmen menschlicher Kommunikation auseinander und widmet sich der Konstruktion des Terminus „Gewalt“. Petersen geht sehr grundsätzlich an die Bearbeitung des Themas „Gewalt“ heran und greift gerade nicht die üblichen Gewaltdefinitionen (physische, psychische, sexualisierte, ökonomische, soziale Gewalt) der häuslichen Gewalt auf. Petersen legt das Gewicht seiner Ausführungen auf das Diskursverfahren zur Erzeugung von Termini und nicht auf die „Definition“ eines Begriffes, also gerade nicht auf die sprachliche Fixierung eines Sachverhalts. Dieses Vorgehen mag den/die LeserIn auf den ersten Blick verwundern und möglicherweise verunsichern, wird er/sie doch mit einer Irritation scheinbarer Gewissheiten konfrontiert. An diesem Punkt könnte sich die Leserschaft teilen in diejenigen, die sich neugierig auf eine andere Perspektive einlassen und diejenigen, die sich dieser Mühe im Augenblick nicht unterziehen mögen. Petersens Ausführungen zur sprachlichen Konstruktion und sein konstruktiver Ansatz zur Erzeugung des Terminus Gewalt sind sehr anspruchsvoll und hoch spannend. Gewalt kann eben ganz unterschiedlich verstanden und in Bezug zu Handlungen gesetzt werden. Petersens Ausführungen münden in einer Definition von gewalttätigem Handeln, die da lautet: „als gewalttätig wird ein menschliches interaktionales Verhalten dann prädiziert, wenn der sich verhaltende Interaktionspartner sein Interesse durchzusetzen versucht, ohne diese Interesse wohlbegründen zu wollen, obwohl eine Handlungsbegründung auf der Basis eines normativen Systems geboten ist“ (S. 45). Seine vorgeschlagene Definition von Gewalt differenziert weder nach dem Geschlecht der Beteiligten noch nach dem Handlungsort oder Handlungsrahmen.

Im dritten Aufsatz beschreibt Julia Prieß-Buchheit ein Streitschlichterprogramm zur Vorbeugung gegen Gewalt. Es wurde von dem WissenschaftlerInnen-Team entwickelt, um gewalttätiges Verhalten zu verhindern und zu vermeiden und war ursprünglich für den Einsatz unter SchülerInnen konzipiert. In diesem Rahmen wurde das Programm erfolgreich getestet und in verschiedenen Projekten eingesetzt. Die Autorin hat das Konzept mit entsprechender Begründung auf die hier beschriebene Domestic-Violence-Met-by-Educatet-Women-Studie übertragen und ruft nach der anspruchsvollen Kost der Vorgängerartikel die aktuelle Zielsetzung, Gewalt gegen Akademikerinnen zu minimieren und zu verhindern, in Erinnerung. Für die Entwicklung des Streitschlichterprogramms war auch hier der Methodische Konstruktivismus die Grundlage. Ziel ist es, die Teilnehmenden darin zu stärken, mit Situationen umzugehen, in denen Uneinigkeiten, Konflikte und Kämpfe auftreten. Es soll gelernt werden, Auseinandersetzungen, Konflikte und Kämpfe zu identifizieren und über Wünsche und Sehnsüchte zu sprechen. Die Teilnehmenden lernen ihre Grenzen kennen, also den Zeitpunkt, an dem sie Hilfe aufsuchen sollten. Und genau diese Elemente sind die Legitimation für die Übertragung auf die Zielgruppe der Akademikerinnen, da sie lernen sollen, sich selbst wertzuschätzen und gewalttätiges Verhalten von Beginn an zu erkennen. Sie sollen sich vermehrt in Situationen behaupten können, die sowohl plötzlich auftreten als auch schon länger erlitten werden. In dem sie sich mit den Prinzipien der gewaltlosen Kommunikation auseinandersetzen, können sie andererseits gewalttätige Kommunikation erkennen und meiden.

Der vierte Aufsatz von Sophie Arndt et al. setzt sich mit dem Fragebogen und seiner Konzeption auseinander und geht auf die Erhebung und die gewonnenen Ergebnisse ein. Dieses Kapitel ist gerade für Methodiker ausgesprochen anregend, denn die Bemühungen um ein Konzept zur Gewaltmessung mussten abgebrochen werden, nachdem sie in eine Sackgasse geführt hatten. Diese ehrliche Darstellung ist nicht selbstverständlich und schon gar nicht, dass sie in einem Forschungsbericht veröffentlich wird! Dies ist den AutorInnen hoch anzurechnen! Grundlegender Gewaltbegriff für den Fragebogen war die Definition, wie sie Petersen im zweiten Kapitel entwickelt hatte.

Im anschließenden fünften Kapitel bietet Dieter Klemenz dem/der LeserIn eine überaus charmante Hilfe an, den im vierten Kapitel vorgestellten Fragebogen des Instituts und seine Ergebnisse besser verstehen und nachvollziehen zu können. Er bedient sich dazu der Romanfigur der Effi Briest von Theodor Fontane (1895) und entwickelt ihre Antworten auf den Fragebogen des ZKE (2014). Diese Darstellung ist einfach klasse! Es macht Freude, diesen Aufsatz lesen zu dürfen!

Es ist wiederum Dieter Klemenz, diesmal mit Arne Kohrs im sechsten Kapitel, der die Methode des Storytellings anbietet und in Bezug zum Forschungsgegenstand der häuslichen Gewalt setzt. Klemenz und Kohrs stellen die Bedeutung einer gemeinsamen Sprache für die Entstehung und die gewaltfreie Bewältigung von Konflikten heraus. Beide Autoren setzen sich in ihren Ausführungen mit der Frage auseinander, inwieweit es möglich sei, durch Beispiele aus der Hochliteratur mit anderen (Akademikerinnen! die Verf.) über erlebte und erfahrene Gewalt in Kommunikation zu treten und eine gemeinsame Sprache für den Weg in eine gewaltfreie Konfliktlösung anzuregen. Klemenz und Kohrs greifen dabei auf die Figur der Anna Karenina (1878) von Leo Tolstoj zurück. Es ist bei der Lektüre dieses Kapitels sehr beeindruckend, zu erleben, wie die beiden Autoren ihr Anliegen deutlich machen können und dass ein Einlassen auf ihre Absicht durchaus zum Ziel führen wird! Die Methode des Storytellings scheint für die angesprochene Zielgruppe geeignet und erfolgversprechend zu sein.

Zu Block 2: Die Studie im Diskurs

Der inhaltliche Block „Die Studie im Diskurs“ ist der zweite Hauptteil des Berichts über das Forschungsprojekt im europäischen Rahmen zur häuslichen Gewalt gegen Frauen und setzt sich, wie im Block zuvor, ebenfalls aus sechs Aufsätzen zusammen. In diesen sechs Aufsätzen wird die Arbeit und Kooperation im Forschungsverbund der fünf teilnehmenden Länder und Institutionen dargelegt und seitens des Zentrums für Konstruktive Erziehungswissenschaft der Universität Kiel (ZKE) die Erfahrungen, die ein solches Vorhaben im Verbund mit sich bringt, beschrieben. Diese waren von sehr viel Unterschiedlichkeit geprägt und konnten in persönlichen Begegnungen während sechs anberaumter Treffen sowie über sonstigen Austausch per Internet und Skype, mit Shared Documents, etc. gewonnen werden. Als vorrangiges Ziel dieses Austausches sahen die WissenschaftlerInnen des ZKE an, Wissen zu vermitteln über die Gewaltdefinition, über den Gewaltfragebogen und über das Interventionsprogramm sowie Hilfestellung zum Erfahrungsgewinn durch Erprobung und zur Anwendung in der Praxis zu geben.

Die gewonnenen Erfahrungen scheinen für die WissenschaftlerInnen des ZKE sehr ambivalent gewesen zu sein und können quasi als Fazit mit dem Begriff der Lernpartnerschaft belegt werden.

In dem Forschungsprojekt, so die AutorInnen, konnte auf drei Punkte zusammengefasst gelernt werden, dass

  1. die Alltagssprache eine unzuverlässige Grundlage für eine Verständigung in internationalem Rahmen ist,
  2. der Konsens in einer Lerngruppe über gemeinsame Ziele ohne verbindliche Vereinbarungen problematisch ist und
  3. eine gemeinsame Sprache und verbindliche Vereinbarungen nicht vorgefunden werden können, sondern hervorzubringen sind.

Und hier schließt sich der Kreis zum methodischen Konstruktivismus von Lorenz (2009), auf den eingangs schon Bezug genommen wurde. Lorenz macht mit den Begriffen vom Vorgefundenen und vom Hervorgebrachten auf zwei leitende Interessen im Methodischen Konstruktivismus aufmerksam, und zwar auf das Interesse an einer Rekonstruktion und an einer Konstruktion von Wissen. Das zweit genannte, die Konstruktion von Wissen, im Fall der hier vorgestellten Studie die Herstellung von Methodenwissen zur „Lösung“ des Problems der häuslichen Gewalt, sollte durch die Zusammenarbeit und den Austausch mit den Forschungspartnern in den fünf beteiligten Ländern erfolgen. Diesen Austausch stellen die AutorInnen in den dann folgenden sechs Aufsätzen dar.

Der erste Aufsatz von Peter Krope und Wilhelm T. Wolze mit dem Titel „Zur Diskussion über den Fragebogen des ZKE“ befasst sich mit den Einwänden der slowenischen Frauenorganisation zum Fragebogen unter dem Titel „two comments on the questionnaire“. In diesem Kapitel wird die Kritik der slowenischen Partnerinnen vollständig wieder gegeben, ebenso eine ausführliche, sehr lesenswerte Replik der ProjektparterInnen des ZKE.

Im zweiten Aufsatz von Peter Krope mit der Überschrift „Der erste Kuss“ wird sich mit einer Kritik an dem Fragebogen auseinandergesetzt, die da lautet: warum berücksichtigt der ZKE-Frageboten nicht individuelle, emotionale Erfahrungen? Die Antwort seitens des ZKE über das Einzelne und das Allgemeine sind überaus aufschlussreich, geistreich wissenschaftlich fundiert und ein Vergnügen, zu lesen. Selten wurde auf eine so charmante Art eine Frage beantwortet!

Im dritten Aufsatz berichten Arne Kohrs und Peter Krope über erste Erfahrungen mit der Erprobung des ZKE-Fragebogens und berichten aus einer Metaplan-Sitzung, in deren Verlauf kritisiert wurde, dass der ZKE-Fragebogen an der Realität vorbei gehe.

Dieser Einwand wird im vierten Aufsatz von Peter Krope und Wilhelm T. Wolze aufgegriffen und erwidert.

Sarah Irek et al. sind in dem fünften Beitrag mit dem Titel „Intervention gegen Gewalt“ auf „der Suche nach einem Anfang“, wie der Untertitel formuliert ist. In diesem Kapitel haben sich die slowenischen Kooperationspartnerinnen erneut mit einer Kritik am ZKE-Fragebogen zu Wort gemeldet und fordern dazu auf, mehr feministische Positionen zu berücksichtigen. Nachfolgend ist die Replik des Forscherteams vom ZKE aufgeführt.

Der sechste Aufsatz von Peter Krope et al. behandelt die Gewaltdefinitionen des ZKE und die Einwände der Kritikerinnen und lädt zu einem „Dialog über Zwecke“ ein. Konkret wird von einigen Kooperationspartnerinnen wiederholt Kritik am Fragebogen und an der Definition des Gewaltbegriffes, wie es das ForscherInnen-Team vom ZKE vorgenommen hat, geäußert. Die Kritikerinnen favorisieren die Definitionen der WHO, der UN und der Istanbul-Konvention und sehen diese als Ideal an. In ihrer Replik setzen sich die AutorInnen des ZKE mit der Entwicklung von expliziten und eindeutigen Definitionen auseinander und begründen ihr Vorgehen nachvollziehbar.

Zum Fazit

Im letzten Teil des Buches, im Fazit von Peter Kroge, werden die Befunde, Erkenntnisse, Diskussionen und Auseinandersetzungen zusammengefasst. Seine Schlussfolgerung lautet, dass eine Gemeinsamkeit der Sprache und der Regeln notwendige, wenn auch keineswegs hinreichende Bedingungen für eine gewaltfreie Auseinandersetzung darstellen.

Zielgruppen

Das vorliegende Werk des WissenschaftlerInnen-Teams des Zentrums für Konstruktive Erziehungswissenschaft (ZKE) der Universität Kiel ist aufgrund seiner spezifischen Thematik zur häuslichen Gewalt sicher eher für die Zielgruppe der sich theoretisch als auch praktisch damit beschäftigenden Leserschaft mit ihren jeweiligen Erwartungen ein sehr lohnendes Exemplar.

So ist es für MultiplikatorInnen und all´ diejenigen, die in der Arbeit mit von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen tätig sind, ein sehr aufschlussreiches Werk über neue Wege in der Vermeidung, Verminderung und Beendigung der Gewaltereignisse nachzudenken, alternative Programme auszuprobieren sowie eigene Bewertungen und Haltungen zu überdenken.

Das gesamte Buch mit seinen theoretischen Ausführungen und seinem empirischen Teil erweitert die Adressatengruppe auf die in Forschung und Wissenschaft Tätigen und an diesen methodischen Fragen besonders Interessierten. Speziell für Doktoranden bzw. Habilitanden der einschlägigen Wissensrichtung kann die Forschung des WissenschaftlerInnen-Teams des ZKE ein hervorragendes Beispiel guter wissenschaftlicher Arbeit sein. Stichworte wären hier Kontruktivismus, Methoden quantitativer Sozialforschung, häusliche Gewalt.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch des Teams von ZKE ist ein Juwel unter den Werken zum Themenfeld häusliche Gewalt! Es ist keine leicht lesbare Kost, sondern in hohem Maße anspruchsvoll und dem Geiste des Konstruktivismus verwoben, der von Kamlah und Lorenzen 1973 begründet und zu Beginn nach seiner geopraphischen Herkunft als Konstruktivismus der Erlanger Schule bezeichnet wurde. Wer sich also nicht auf diese spezielle und herausfordernde Sichtweise des ZKE der Universität Kiel einlassen möchte, wird das Funkeln dieses Juwels nicht erleben! Es erfordert Bereitschaft, sich auf die spezifische Terminologie einzulassen – so ist die Forschungsfrage, wie sich unter Opponenten erkennen lässt, auf welchem Wege häuslicher Gewalt wirksam Einhalt geboten werden kann? nicht gerade in alltagssprachlicher Form formuliert. Es eröffnet dem/der LeserIn aber die Chance, mit geweitetem Blick und über die bloße „Mann-Frau“-Kategorisierung hinaus, also quasi von einer Meta-Ebene, das Problem von Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen neu zu betrachten und zu denken.

Das Werk beschert aber auch einen seltenen Einblick in die Problematik von Forschungsprojekten und den Herausforderungen, in einem Verbund mit fünf sehr unterschiedlichen Ländern und Sozialisationen an einem Strang ziehen zu wollen. Das klappt ja bezeichnenderweise noch nicht mal durchgängig in Zweier-„Liebes“beziehungen! So ist das Bemühen, in einer wie hier vorliegenden Kooperation Gemeinsamkeiten herstellen zu wollen, hoch einzuschätzen und zu würdigen und untermauert auch die Erkenntnis der ForscherInnen, dass der Faktor Bildung mit weniger Gewalt einhergehen kann (S. 50)! Für zukünftige und aktuelle ForscherInnen ist die Offenlegung des Diskurses über das Forschungsvorgehen lesenswert!

Die Auseinandersetzung mit dem Werk erfordert Bereitschaft, sich auf die akademische und teilweise abstrakte Denkstruktur des WissenschaftlerInnen-Teams einzulassen. Diese Bereitschaft setzt eine Lust auf Wissenszugewinn und Lernen voraus und belohnt den/die LeserIn mit einer neuen Sicht auf diesen speziellen Ausschnitt zur Vermeidung, Verminderung oder Beendigung häuslicher Gewalt im Leben von Frauen mit spezifischen Methoden.

Wenn etwas die Diskussion um Gewalt im Leben von Menschen weiterbringen wird, so sind es solche herausragenden Werke!


Rezension von
Prof. Dr. jur. Ute Ingrid Haas
Professur für Kriminologie und Viktimologie, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Fakultät Soziale Arbeit - Institut für angewandte Rechts- und Sozialforschung
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/fbs/not_in_menu/personenhaas ...
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Zitiervorschlag
Ute Ingrid Haas. Rezension vom 18.04.2016 zu: Peter Krope, Johannes Peter Petersen (Hrsg.): Wege aus der Gewalt? Eine Studie im europäischen Rahmen über häusliche Gewalt gegen Frauen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3341-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19837.php, Datum des Zugriffs 15.01.2021.


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