socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Susanne Giel, Katharina Kockgether u.a. (Hrsg.): Evaluationspraxis

Cover Susanne Giel, Katharina Kockgether, Susanne Mäder (Hrsg.): Evaluationspraxis. Professionalisierung, Ansätze, Methoden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 299 Seiten. ISBN 978-3-8309-3345-8.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Frage nach den Wirkungen von politischen Strategien, Programmen, Projekten oder Maßnahmen öffentlicher Akteure zunehmend selbstverständlich bereits in deren Konzeptualisierung mit aufgenommen. Vielfach ist die Freigabe von Geldern für bestimmte Projekte durch politische Entscheidungsgremien nicht zuletzt davon abhängig, ob eine systematische Überprüfung der Wirksamkeit und des Nutzens der geförderten Aktivitäten vorgesehen ist. Gleiches gilt auch für Vorhaben privater oder freigemeinütziger Organisationen und Verbände, auch bei zahlreichen Stiftungen gehört der Nachweis von Evaluationsmaßnahmen zu den Fördervoraussetzungen für Projektanträge. Damit einher ging eine stark gestiegene Nachfrage nach Evaluation als professioneller Dienstleistung, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren stützt. Der Begriff der Evaluation hat sich breit etabliert, was man auch daran erkennen kann, dass die Situationen, in denen man im öffentlichen Raum auf Entscheidungsträger stößt, die Probleme haben, das Wort ‚Evaluation‘ auszusprechen, immer seltener werden.

Evaluation als wissenschaftliche Dienstleistung zu betreiben, ist ein gleichermaßen anspruchsvolles wie verantwortungsvolles Geschäft. Es setzt fachliche und feldbezogene Kenntnisse über den jeweiligen Gegenstand der Evaluation voraus sowie kommunikative Fähigkeiten und eine Beherrschung der für die Evaluation notwendigen Begriffe und Verfahren. Gefordert sind jedoch auch ethische Standards im Hinblick die Erarbeitung und Verwendung von Ergebnissen, die nicht selten zentrale Interessen beteiligter Personen direkt berühren. In diesem Sinne bedarf Evaluation kontinuierlicher Anstrengungen der Professionalisierung. Erfreulicherweise hat die Deutsche Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) durch ihre zahlreichen Empfehlungen und Standards wichtige Grundlagen dazu erarbeitet, die aber in Anbetracht der immer breiter werdenden Evaluationsaufgaben fortentwickelt werden müssen.

Entstehungshintergrund

Im Zusammenwirken mit der DeGEval, aber auch durch eigenständige Aktivitäten haben einige Fachinstitute ihre Evaluationspraxis systematisch reflektiert und wichtige Beiträge zur einschlägigen Theoriebildung geleistet. Hierzu gehört das von Prof. Dr. Wolfgang Beywl geleitete renommierte Kölner Univation -Institut für Evaluation. Wolfgang Beywl kann als einer der Pioniere der Evaluationsforschung in Deutschland gelten. Er leitet seit einigen Jahren die Professur für Bildungsmanagement sowie für Schul- und Personalentwicklung der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Im Rahmen seiner Arbeit bei Univation, aber auch schon zuvor an der Universität Köln hat er sich um eine systematische Begriffsbildung im Evaluationszusammenhang verdient gemacht. Dem Univations-Institut angeschlossene Evaluationspraktiker/innen haben kürzlich eine lesenswerte Buchpublikation vorgelegt, die sich damit befasst, wie in Evaluationsvorhaben zentrale Standards der Evaluation (Nützlichkeit, Durchführbarkeit,, Fairness, Genauigkeit etc. ) zu wichtigen Entscheidungssituationen führen und wie diese in der Praxis bewältigt werden können. Damit wollen sie zur Professionalisierung im Allgemeinen beitragen, aber im Speziellen auch zur Entwicklung einer Evaluationskultur, die sich am Evaluationsverständnis von Univation orientiert.

Die Herausgeberinnen des Sammelbandes Susanne Giel, Katharina Klockgether, Susanne Mäder sind erfahrene Evaluatorinnen und als feste oder freie wissenschaftliche Mitarbeiterinnen für Univation tätig.

Aufbau

Das Buch umfasst zusammen mit der Einführung insgesamt sechzehn Einzelbeiträge. Die Beiträge sind den drei Überthemen

  1. Professionalisierungsinstrumente,
  2. Evaluationsansätze und
  3. Evaluationsmethoden zugeordnet.

Zu 1. Professionalisierungsinstrumente

Wer Evaluationsvorhaben planen und durchführen will, benötigt dazu eine tragfähige Begrifflichkeit. Im Eingangsartikel (S.19ff.) beschreiben Melanie Niestroj, Wolfgang Beywl und Berthold Schobert ihre Arbeiten zu einem ‚Glossar der Evaluation‘, das sie mit der ‚Wiki-Technologie‘ zu einem beeindruckend differenzierten Online-Angebot entwickelt haben. Darin enthalten sind Übernahmen aus US-amerikanischen Evaluationstheorien, auch eigene Begriffskonstrukte, die aus dem Evaluationsansatz von Univation entstanden sind. Neben der Intention, eine Art Nachschlagewerk zu entwickeln, wird beschrieben, wie der Eval-Wiki auch von der Evaluationscommunity zur gemeinschaftlichen Begriffsbildung genutzt werden kann. Als originärer Beitrag von Univation zur Konzeptentwicklung kann der „Programmbaum“ gelten, dessen Herkunft, und Bedeutung in einem weiteren Artikel (S. 87) differenziert beschrieben wird. Dabei wird vor allem auf die und Verwendungsmöglichkeiten für die Planung und Strukturierung von Evaluationsprojekten eingegangen. Ob bzw. welche Begriffsbildungen aus dem Univationskontext sich künftig breiter durchsetzen, bleibt abzuwarten. Die damit verbundene Begriffsarbeit kann jedoch nur als förderlich bezeichnet werden.

Verdienstvoll sind im ersten Abschnitt des Buches auch die erfahrungsbasierten Ausführungen von Katharina Klockgether zur Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten von Checklisten in Evaluationsprojekten und die Hinweise zur Daten- und Informationssicherheit von Marc Jelitto.

Scharzad Farrokhzad unterstreicht in ihrem Beitrag die grundlegende Bedeutung interkultureller Kompetenz für Evaluationen, um insbesondere in Migrations- und Integrationsprojekten stereotype Deutungen von bestimmten Verhaltensmustern oder Wirkungen zu vermeiden.

Originell ist auch der Beitrag von Wolfgang Beywl zum Einsatz von „Schwarm-Evaluation“ mit Hilfe von Internetkommunikation. Gemeint ist, dass sich möglichst viel Personen als Evaluatoren an einem Projekt beteiligen sollen und sich aber dann die Herausforderung sich stellt, deren Beobachtungen systematisch zu koordinieren.

Zu 2. Evaluationsansätze

Im zweiten Teil des Buches (S.87ff.) werden Ansätze vorgestellt, wie in Evaluationsprozessen bestimmte Wirkungen von Programmen identifiziert werden können.

Susanne Giel beschreibt etwa am Beispiel einer Evaluation von Modellprojekten zur Prävention von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus, wie Programmtheorien hierfür eingesetzt werden können. Bedeutsam ist, dass damit Zwischenschritte transparent und kommunizierbar gemacht werden können (S. 127). Aber auch mit Hilfe von Programmtheorien sind direkte Ursache-Wirkungsmechanismen nur unter sehr begrenzten Annahmen festzustellen.

Konzeptionell weiterführend ist der informative Text von Maria Gutknecht-Gmeiner (S.131ff.) zum Ansatz der Developmental Evaluation des US-amerikanischen Evaluationsexperten Michael Patton. Mit dessen Überlegungen zu einer entwicklungsbezogenen Evaluation wird die Gegenüberstellung von summativer und formativer Evaluation überwunden. Dies kann in produktiver Weise für die Entwicklung von Evaluationsdesigns genutzt werden, die sich auf prozesshafte oder innovative Evaluationsgegenstände beziehen.

Zu 3. Evaluationsmethoden

Zweifellos anregend sind auch die vielfältige Themen berührenden Artikel im dritten Teil des Buches zu Evaluationsmethoden, die meist sehr praxisnah angelegt sind (S.157). Dies gilt für Stefan Schmidts Text zu einer wirkungsorientierten Zielsystematik, für die Ausführungen zu Monitoring-Aufgaben (Katharina Klockgether), für die dokumentierten Erfahrungen der Evaluationsarbeit mit Jugendlichen (Matthias Sperling) und die anderen Texte zum Einsatz von Gruppendiskussionen (Ute B. Schröder), zur Bedeutung der Grounded Theory für Evaluationen, für die Überlegungen zur Bedeutung des Internets für Evaluationsarbeit (Marianne Lück-Filsinger) und für die Einschätzung von Bewertungsverfahren (Susanne Mäder) zum Schluss.

Fazit

Der von Susanne Giel, Katharina Klockgether, Susanne Mäder herausgegebene Band gibt insgesamt den Evaluationsansatz des Univation Fachinstituts für Evaluation in Köln wieder. Mit intensiver Bezugnahme auf US-amerikanische Evaluationstheorien wurde dort ein z.T. originäres Evaluationsverständnis entwickelt und durch die Reflexion zahlreiche Praxisprojekte fundiert. Die Beiträge des Sammelbandes sind durchgängig anregend, einige davon auch theoretisch wirklich weiterführend.

Die Zusammenstellung der Beiträge wirkt allerdings etwas unsystematisch und die inhaltliche Dreiteilung wird nicht ganz durchgehalten. Die Idee, den Umgang mit Entscheidungssituationen sozusagen zum ‚roten Faden‘ des Buches zu machen, wird nur begrenz verwirklicht.

Gleichwohl bietet das Buch für alle, die in Ausbildung und Praxis mit Evaluation befasst sind, wertvolle theoretische Hintergründe, methodische Vorschläge und praxisbezogene Beispiele zu wichtigen Einzelfragen der Evaluation als wissenschaftlicher Dienstleistung.


Rezensent
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
Homepage www.zpe.uni-siegen.de
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.20041


Alle 6 Rezensionen von Johannes Schädler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johannes Schädler. Rezension vom 21.03.2016 zu: Susanne Giel, Katharina Kockgether, Susanne Mäder (Hrsg.): Evaluationspraxis. Professionalisierung, Ansätze, Methoden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3345-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19838.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Köln

Kitaleiter/in, Köln

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!