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Susanne Blum-Lehmann, Irène Bush: Körper- und leiborientierte Gerontologie

Cover Susanne Blum-Lehmann, Irène Bush: Körper- und leiborientierte Gerontologie. Altern erfahren, erleben und verstehen ; ein Praxishandbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 269 Seiten. ISBN 978-3-456-85562-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Autorin

Dr. phil Susanne Blum-Lehmann ist Studienleiterin der Seminare für Altersarbeit am Alfred Adler Institut Generationen und Alter in Zürich. Sie ist Diplom-Sozialgerontologin und Diplom-Sozialarbeiterin.

Irène Bush, Doris Herzog-Spinner, Patricia Hofmann und Irène Kummer arbeiteten an ausgewählten Beiträgen mit.

Aufbau

Der Aufbau des Buches „Körper- und leiborientierte Gerontologie“ gliedert sich in die drei Teile A, B und C, die sich in 27 Kapitel unterteilen lassen.

Nachdem im Teil A des Buches zunächst die theoretische Leiblichkeit des Alterns im Vordergrund steht, die unter anderem auf die theoretischen Grundbegriffe Leib/Körper, Identität und Alter, sowie auf die Dimension des Phänomens des leiblichen Alterns eingeht, rücken im Teil B die Grundlagen für das Handeln in den Mittelpunkt. Hierbei wird unter anderem auf das Modell „Reflexive Leiblichkeit“ eingegangen, sowie auf individualpsychologische Konzepte.

Teil C behandelt die Leiblichkeit des Alterns in der Praxis. Diese zeigt sich sowohl in der Betreuung, als auch in der Erwachsenen- und Weiterbildung.

Farblich hervorgehobene Aussagen von Senioren ermöglichen ein Verständnis für ihre Situation, Probleme und Gefühle. Durch zahlreiche Abbildungen wird das Geschriebene visuell übersichtlich verdeutlicht und durch Fotos wird ein Einblick in den Alltag dieser Altersgruppe ermöglicht.

Am Ende des Buches lässt sich zunächst ein Anhang finden, der die zahlreichen Übungen aus verschiedenen Kapiteln des Buches übersichtlich als Arbeitsblätter darstellt. Weiterhin bekommt der Leser einen Überblick über das Literatur-, AutorInnen und Stichwortverzeichnis.

Zu Teil A

Im ersten größeren Kapitel von Teil A wird die Phänomenologie des Leibes beschrieben. Hierdurch wird die theoretische Grundlage für eine ganzheitliche Sichtweise auf den alternden Körper geschaffen. Dies bedeutet, dass der Mensch eine unteilbare Einheit von Leib, Körper und Geist ist. Ein wichtiger Punkt ist in diesem Abschnitt der Wandel vom ganzheitlichen Leib zum heutigen Körperverständnis. In der Antike dominierte das Harmonieprinzip mit einem ganzheitlichen Leib-Körper-Modell. In der Aufklärung kam es zu einer Trennung von Leib, Körper und Geist, was unter anderem zu unserem heutigen, modernen Körperbild geführt hat. Dieses wird vor allem von einem Verständnis des Körpers geprägt, der sich gestalten, reparieren, aber auch manipulieren lässt.

Anschließend wird in einem weiteren Unterkapitel ein Einblick in die Schlüsselfunktionen des Alters und Alterns für die Identität gewährt. Diese bestehen aus der personalen Identität, der sozialen Identität und den Zusammenhang zwischen Alter(n) und Identität.

Der zweite Abschnitt aus Teil A befasst sich mit Dimensionen des Phänomens des leiblichen Alterns. Hierbei wird zunächst auf die Funktionsfähigkeit eingegangen, bevor die Dimensionen Autonomie und Kontrolle, Aussehen, Raum und Zeit und die darauf bezogenen Probleme näher beschrieben werden. In unserer heutigen Kultur nimmt die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Dies hat zur Konsequenz, dass ältere Menschen die Sorge besitzen, dass sie aufgrund ihrer sinkenden Leistungsfähigkeit zu einer Belastung für die Gesellschaft werden könnten. Die sinkende Leistungsfähigkeit wirkt sich wiederum indirekt auf die Autonomie und Kontrolle aus, da die Senioren zunehmend auf Hilfe angewiesen sind, sich aber dennoch Autonomie und Kontrolle in ihrem Leben wahren wollen. Ein altes Aussehen in einer scheinbar jung gebliebenen Gesellschaft wird zudem häufig als psychischen Druck empfunden, vor allem wenn das eigene Selbstbild („jung gebliebene Persönlichkeit“) nicht mit dem Körperbild („Person mit Falten und Runzeln“) übereinstimmt. Das Alter ist ein zeitlicher Prozess und hat Auswirkungen auf den Raum von Senioren, beispielsweise wenn sie aufgrund von Gebrechlichkeit oder Pflegebedürftigkeit aus ihren Haus aus- und in ein betreutes Wohnen oder Seniorenheim einziehen müssen.

Zu Teil B

Teil B bildet den Übergang von der Theorie zur Praxis, indem Grundlagen für das Handeln vorgestellt werden.

Das Persönlichkeitsmodell der reflexiven Leiblichkeit nimmt hier einen zentralen Stellwert ein. Es drückt sich in einer Wechselbeziehung zwischen A, B und C aus, wobei das „Selbst“ im Zentrum dieser drei Positionen steht. A bezeichnet negative Leiberfahrungen, der Leib wird als Last bzw. alter Körper wahrgenommen. Demgegenüber steht B mit den positiven Leiberfahrungen, in welchen der Leib als Daseinslust betrachtet wird. Schließlich steht C für Bewusstsein und Reflexion, da sich mit dem eigenen Selbst auseinandergesetzt wird. Zwischen A und C nimmt die zusätzliche Position, D, die Haltung zum Leib als Vermittler zur Umwelt, „zur-Welt-sein“ ein.

Zudem werden individualpsychologische Konzepte und Kriterien für eine Sorgekultur der Leiblichkeit des Alterns genannt. Die Konzepte setzen sich aus Ermutigung und Gemeinschaftsgefühl und die Kriterien unter anderem aus einem ganzheitlichen Menschenbild, einem dynamischen Entwicklungsprozess oder einer Ethik leiblicher Existenz zusammen.

Zu Teil C

In Teil C geht es zunächst um die konkrete Anwendung der Leiblichkeit des Alterns in den Betreuungsalltag der angewandten Gerontologie. Praktische Beispiele werden in den einzelnen Dimensionen des Phänomens des leiblichen Alterns dargestellt, die in Teil A zunächst theoretisch behandelt wurde. Danach werden Möglichkeiten der Umsetzung in die Erwachsenenbildung vorgestellt. Im Fokus hierbei steht das Konzept der Intergenerativen Ermutigungsgruppe.

Nachdem konzeptionelle Vorüberlegungen dargelegt wurden, die unter anderem aus Zielgruppen, Lernziele, Themen und Inhalte bestehen, werden die Inhalte des Kurses präsentiert. Dieser findet an vier Nachmittagen statt und wird ausführlich durch die Autorin beschrieben. Übungen, die hierfür nützlich sind, werden im Anhang aufgeführt. Methodisch-didaktische Erkenntnisse aus der Praxis bilden den Abschluss dieses Kapitels.

Zudem wird kurz ein weiteres Projekt in der Erwachsenenbildung vorgestellt: Das „Café Bâlance“, dessen primäres Ziel in der Verbindung aus Musik und Bewegung im Alter liegt.

Als letzter Themenbereich im Teil C erfährt der Leser Informationen zur Weiterbildung von Fachkräften. Diese wird anhand von einem Ausbildungskonzept, einer „Kick-off“ Veranstaltung und dem Modul „Kreative Begleitung“ näher erläutert. Das Ausbildungskonzept lässt sich in zwei Modultage – Doppeltage zu je acht Lektionen – und drei Einzeltage unterteilen. Zu jedem Modultag wird ein bestimmtes Thema aus der Gerontologie in den Fokus gerückt, der sich auf gewisse Inhalte und Entwicklungen bezieht. So wird beispielsweise am letzten Tag der Ausbildung das Thema „Begrenzung der Zeit“ ausgesucht. Inhalte sind hierbei das Erfahren der Vergänglichkeit, das gewandelte Zeitverständnis und das Gemeinschaftsgefühl. Als Entwicklung wird die Abschiedlichkeit gewählt. Zu jedem Modultag werden Informationen zu speziellen Methoden, gerontologischen Links und Lernziele geliefert.

Die Kick-off-Veranstaltung für Multiplikatoren aus der Altersarbeit findet an zwei Doppeltagen und an einem Einzeltag statt. Zwischen beiden Modultagen sollte genügend zeitlicher Abstand vorhanden sein. Die zwei Doppeltage befassen sich unter anderem mit der Sensibilisierung für die Bedeutung einer Ethik leiblicher Existenz, die durch die Methode der Selbsterfahrung gestützt wird. Während des Einzeltages sollten die Teilnehmer ein Konzept für ein Projekt im Betrieb vorstellen und vertiefen. Die methodische Komponente ist hierbei die Projektplanung.

Das Modul „Kreative Begleitung“ dauert vier Tage. Anders als bei den soeben genannten Ausbildungen ist hier die Kreativität wichtig. Dies zeigt sich darin, dass als Methoden ein Input zu kreativen Arbeiten oder auch Werkstattunterricht geliefert wird.

Diskussion

Mittlerweile gibt es eine Fülle an Fachbüchern, die sich mit dem Alter und dem Altern auseinander setzen, wobei viele Schwerpunkte hierbei meistens auf Gerontopsychologie oder Demenz liegen. Da die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken mit steigendem Alter zunimmt und die demografische Entwicklung sich in Richtung einer alternden Gesellschaft bewegt, nimmt das Thema Demenz einen immer höher werdenden Stellenwert ein. Dennoch ist es wichtig, dass auch andere Aspekte, die sich mit dem Alter und Altern beschäftigen, behandelt werden.

Durch das Fachbuch „Körper- und leiborientierte Gerontologie“ rückt diese zentrale Thematik in den Fokus. Das Altern wird nun einmal zuerst am eigenen Leib erfahren und wirkt sich dann mehr und mehr auf die Psyche, die Lebensqualität und die Alltagsbewältigung aus. Durch die Veröffentlichung dieses Buch wird ein umfassender praktischer Überblick bezüglich der körper- und leiborientierten Gerontologie geschaffen.

Zielgruppe

Aufgrund der Fülle an Informationen rund um das Thema „Körper- und leiborientierte Gerontologie“ eignet sich das Fachbuch zunächst einmal für Erwerbstätige in sozialen und sozialmedizinischen Bereichen und für Freiwillige im sozialen Sektor, die entweder formelle oder informelle Arbeit leisten. Aber auch diejenigen, die ein psycho-gerontologisches Interesse an ihrer Arbeit mit alten Menschen besitzen oder Personen, die in der Alterspolitik aktiv sind, zählen hier zur angesprochenen Zielgruppe.

Fazit

Durch die Publikation „Körper- und leiborientierte Gerontologie“ wird die steigende Bedeutung einer leiborientierten Altersforschung umfassend dargelegt. Durch die Aufteilung in einen theoretischen und einen praktischen Teil kann sich auch der Leser leichter auf dieses spezielle Thema einlassen, der zunächst noch keine oder geringe Kenntnisse über diesen Forschungsansatz hat. Ein positiver Faktor an diesem Fachbuch besteht in den zahlreichen Übungsblättern, die sich im Anhang finden lassen. Hierdurch wird das eben Erlernte in praktischen Übungen zusammengefasst, die man selbst in seinem Beruf anwenden könnte. Wissenschaftlich fundiert sind alle Beiträge aufgrund von Literaturnachweisen, die sich am Ende des Buches finden lassen.

Der Preis mit rund 40 EUR ist meiner Meinung nach gerechtfertigt. Man eignet sich tiefgehendes Wissen und Kenntnisse im Bereich der körper- und leiborientierten Gerontologie an und durch die verschiedenen Ausbildungskonzepte wird die Möglichkeit gegeben, sogar selbst eine Ausbildung anzubieten. Unterstützt wird das Ganze durch die Übungsblätter, die man an seinen Patienten, aber auch an sich selbst anwenden kann. Für Erwerbstätige in sozialen und sozialmedizinischen Bereich, aber auch für Menschen, die in ihrer Arbeit ein psycho-gerontologisches Interesse besitzen ist es sehr empfehlenswert. Es kann zudem als Unterstützung, z.B. in der Alterspolitik oder als Lehrbuch verwendet werden.


Rezensentin
Alisa Hemberger
Studentin
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Zitiervorschlag
Alisa Hemberger. Rezension vom 24.02.2016 zu: Susanne Blum-Lehmann, Irène Bush: Körper- und leiborientierte Gerontologie. Altern erfahren, erleben und verstehen ; ein Praxishandbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-456-85562-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19840.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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