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Lilo Schmitz (Hrsg.): Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt

Cover Lilo Schmitz (Hrsg.): Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt. transcript (Bielefeld) 2015. 275 Seiten. ISBN 978-3-8376-3035-0. 24,99 EUR.
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Thema

Artivismus, eine Verbindung von Kunst und sozialer Aktion im öffentlichen Raum, im städtischen Alltag, in seinen verschiedenen Ausprägungen vom Rheinland bis Istanbul ist Thema dieses Sammelbandes herausgegeben von Lilo Schmitz. Der Schwerpunkt des Bandes liegt weniger auf exponierten artivistischen Großprojekten, die Tausende beteiligen, sondern auf aktionistischen und künstlerischen Eingriffen in das konkrete, alltägliche Lebensumfeld im Stadtraum.

Entstehungshintergrund

Lilo Schmitz lehrt am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf. Dieser hat ein ausgeprägtes künstlerisches Profil, dort ist der innovative Masterstudiengang „Kultur, Ästhetik, Medien“ angesiedelt, der kultur-, medien- und sozialwissenschaftlichen Theoriebildung mit der Förderung gestalterischer Handlungskompetenzen aus den Themengebieten Bildende Kunst, Musik, Literatur und Ästhetische Praxis sowie Körper & Performanz verbindet. Viele der Autor_innen wie auch die Herausgeberin des Sammelbandes sind Lehrende in diesem Masterstudiengang. Der vorliegende Sammelband und das ihm zugrunde liegende Forschungsprojekt von Lilo Schmitz „Ethnografische Feldforschung in Verbindung mit künstlerischen Forschungsformen, szenischen Verfahren und Performance“, sind aus diesem anregenden Umfeld hervorgegangen.

Ein weiterer Beweggrund das Thema Artivismus näher in den Blick zu nehmen, war für die Herausgeberin, wie sie in der Einleitung schreibt, die Eröffnungsrede zur Ausstellung im ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 2013 „global aCtIVISm des dortigen Vorstands Peter Weibel". Der Künstler, Medientheoretiker, Kurator und Vorstand des ZKM fand hier den treffenden Begriff des „globalen Artivismus“ für die derzeitigen Verflechtungen von Kunst, Politik, Wirtschaft, Kommunikation und Wissenschaft mit der er die Vorgehensweisen, Taktiken, Strategien einer „performativen Demokratie“ beschreibt, die von politisch motivierten Performances auf öffentlichen Plätzen, über Flashmobs, Clowning, Reenactments, Teach-Ins, Street Art, Blogging und Dokumentieren in sozialen Medien, Media Jacking, Internetaktivismus bis zum Platzieren von Postern, Bannern und dem Verteilen von Flugblättern reichen.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Lilo Schmitz lehrt als Professorin am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften an der Hochschule Düsseldorf. Zu den Lehrgebieten der Kulturanthropologin und Sozialpädagogin gehören Methoden der Sozialen Arbeit wie systemisch-lösungsorientierte Beratung oder soziale Gruppenarbeit unter Einbezug von körperorientierter szenischer Arbeit, von musikalischen und rhythmischen Elementen. Der Stadtraum ist dabei eine wichtige Lernumgebung für die Studierenden.

Lilo Schmitz hat mehrere Jahre in der Türkei gelebt und kooperiert mit der Mimar Sinan Universität in Istanbul. Wegen eines Projektes zufällig in Istanbul, hat die Herausgeberin die ersten Tage der Gezi-Park-Besetzung live miterlebt. Diese Erfahrung spiegelt sich auch in den Beiträgen des Sammelbands wieder, mehrere türkische Artivist_innen kommen hier zu Wort.

Aufbau und Inhalt

Einleitend erläutert die Herausgeberin Lilo Schmitz den Begriff des Artivismus und stellt jeweils mehrere Beiträge in Themencluster gegliedert vor: Grundlegendes, Soziale Aktion und Menschenrecht, Alt und Jung, Bürger nehmen sich ihre Stadt, Kunst überall und Lebenskunst.

Grundlegendes

Der neue Mitmachurbanismus, der die Bewohner_innen von Städten wieder zu Benutzer_innen und nicht mehr nur zu Besucher_innen von Stadt werden lässt, das „Stadt selber machen“ ist das Thema des einführenden Artikels von Alexander Flohe.

Norbert Herriger streicht in „Empowerment. Schatzsuche in urbanen Räumen“ das Potential artivistischer Projekte für das Heben von generationübergreifenden, bürgerschaftlichen Ressourcen im Stadtraum im Sinne des Empowermentgedankens heraus.

Soziale Aktion und Menschenrecht

Im Mittelpunkt dieses Buchteils stehen artivistische Aktionen in Istanbul beziehungsweise solche, die sich auf die Gezi-Park-Proteste 2013 in Istanbul beziehen. Derya Firat erörtert in „Die Straße – ein Erinnerungsort. Zur Produktion von Raum zwischen Militärdiktatur und Gezi-Park“ die Neudefinition von Straße als Aktionsraum in der Türkei durch die Gezi-Park-Proteste. Erdem Gündüz erläutert in „Kunst, Performance, Aktion“ seine Performance „Standing Man“ in der er sich stundenlang stumm und bewegungslos der Polizei im Gezi-Park entgegenstellte.

Banu Beyer „15 Minuten“ stellt anschließend eine künstlerische Solidaritätsaktion in Karlsruhe mit den Gezi-Park-Protesten vor, die sie zur Zeit der Gezi-Park-Besetzung in Anlehnung an die Performance und Aktion von Erdem Gündüz organisierte.

Den Abschluss bildet ein wenig unverbunden der Artikel von Jessica Reisner, die die „Die Initiative aktion./. arbeitsunrecht e.V.“ vorstellt, die sich im Bereich des Union Busting engagiert.

Alt und Jung

Dieses Kapitel könnte den Untertitel tragen: Aneignung von öffentlichen Räumen durch artivistische Methoden und Aktionen. In „Subjektive Schulkarte, Nadelmethode, Autofotografie“ stellt Ulrich Deinet Methoden an konkreten Beispielen vor wie Schüler_innen im Grundschulalter gezielt an der Veränderung und Weiterentwicklung ihres schulischen Umfelds beteiligt werden können. Anne Mommertz beschreibt in dem Beitrag „Tunnelkultur“ sehr eindrücklich wie Bürger_innen unterschiedlichen Alters einen Unraum Tunnel zu einem städtischen Gemeinschaftsraum verwandeln, der mit unterschiedlichen Aktionen bespielt wird.

Die beiden folgenden Beiträge von Lilo Schmitz „Die offenen Arme und geschlossenen Türen einer Stadt. Ein Projekt zur Beheimatung und Retro-Beheimatung“ Und „Biografiearbeit und Stadtspaziergang“ von Nurdagül Özmen loten das Potential der Methode Stadtspazierung für biografisches Arbeit mit Menschen, die emigriert sind, aus. Christian Bleck und Anne van Riessen stellen mit „Zwischen Analyse und Aktion. Methodologische Verortungen und praktische Einsichten sozialräumlicher Handlungsforschung mit Älteren“ das Forschungsprojekt SORAQ vor, das durch Methoden sozialräumlicher motivierender Handlungsforschung die infrastrukturellen und sozialen Bedarfe von älteren Bewohnern von einigen Stadtvierteln in Düsseldorf eruiert.

Arm und Reich

Lebensbedingungen armer Menschen in Deutschland und der Türkei stehen im Fokus dieses Buchkapitels. Gamze Toksoy und Altan Bal stellen Fotografie als forschungsleitendes Unterstützungsinstrument in einem sozialwissenschaftlichen Forschungsprozess am Beispiel des Forschungsprojekts „Junggesellen-Räume in Istanbul“ dar, das die Lebensbedingungen von durchwegs männlichen Papiersammlern in Istanbul dokumentiert und erforscht, die unter

prekären Bedingungen leben und wohnen. Thomas Münch und Kai Hauprich präsentieren mit „Grounded Research“ eine Forschungsintervention, die zum Ziel hat, die Lebensbedingungen von Zuwander_innen aus Rumänien und Bulgarien in Köln zu verbessern, die vielfach auf Wohnungslosenhilfe angewiesen sind.

Bürger nehmen sich ihre Stadt, Kunst überall

In diesem Teil des Sammelbandes werden unterschiedlichste artivistische Aktionen vorwiegend im Düsseldorfer Stadtraum vorgestellt sowie einige Aspekte des Artivismus theoretisch bzw. methodisch beleuchtet. Den Anfang macht Jonny Bauer mit dem Beitrag „Stadt – Aktion – Forschung – Kunst“, in dem er von ihm initiierte Aktionen im Düsseldorfer Stadtraum mit Bürger_innen Düsseldorfs beschreibt wie die längste vegetarische Bratwurst der Welt. Peter Bünder und Volker Schulz sowie Fabian Chyle und Volker Schulz präsentieren zwei Projekte von und mit Studierenden der Fachhochschule Düsseldorf „Soziale Aktivierung. Das Cafeteria-Projekt“ und „Spurensuche. Ein Projekt in Düsseldorf-Derendorf“, in denen soziale Filmarbeit mit aktionistischer Raumaneignung verbunden wird. Ebenfalls mit Studierenden haben Swantje Lichtenstein und Maria Schleiner einen Garten auf dem Gelände der Fachhochschule Düsseldorf angelegt was sie in „Hereinspaziert! Urban Culture und Urban Gardening“ darlegen.

In den Artikeln Harald Michels „Ästhetische Bewegungskunst in urbanen Räumen. Prozesse selbstorganisierten Lernens und ästhetischer Selbstinszenierung im Sport“ und „Stadtmusik“ von Hubert Minkenberg werden theoretische und methodische Aspekte von Bewegung und Musizieren im Stadtraum thematisiert. Ersterer nimmt Aneignungsprozesse von Stadt und körperliche Präsenz im Stadtraum durch Trendsportarten wie Parcour in den Blick und letzterer die Möglichkeiten gemeinsamen Musizierens mit unterschiedlichen Zielgruppen und Methoden in der Stadt.

Abschließend stellt Johanna Schenkel in dem Beitrag “Crossing Reality: Die Kunst des Christian Hasucha. Interventionen zwischen Neckarsulm und Plüschow“ einige künstlerische Aktionen von Christian Hasucha im Stadtraum vor, die temporäre Veränderungen an öffentlichen Plätzen vornehmen.

Lebenskunst

Durch Interviews werden einige Mitwirkende des Sammelbands und Bekannte der Herausgeberin aus unterschiedlichen artivistischen Feldern „porträtiert“: Carsten Johannisbauer alias Jonny Bauer, Hans-Jörg Blondiau und Monika Bremen, Jessica Reisner, Pascal Blondiau und Pero.

Diskussion

In dem Band kommen viele spannende Projekte und Menschen an Schnittstelle von politischem Aktivismus, Sozialer Arbeit und den Künsten zu Wort, die Ausprägungen des Phänomens Artivismus näher und konkret beleuchten. Gerade die Vorstellungen artivistischer Aktionen wie „Tunnelkultur“ oder „Das Cafeteria-Projekt“ entfalten ein hohes Maß an Anregungspotential für Lehrende und Praktiker_innen in sozialen wie künstlerischen Feldern. An einigen Stellen wünscht man sich aber als Leser_in eine klarere Stringenz hinsichtlich des inhaltlichen Aufbaus und der Struktur. Die Interviews im Gliederungspunkt „Lebenskunst“ wirken beispielsweise wie ein Anhängsel, das auch noch seinen Platz finden sollte ohne mit dem Rest des Bandes wirklich verbunden zu sein, auch wenn Personen interviewt werden, die vorher schon einen Beitrag zum Buch geleistet haben.

Hilfreich für Leser_innen wären zudem Überleitungen als verbindende Elemente zwischen den Beiträgen gewesen, denn nicht immer erschließt sich bei allen Beiträgen warum sie nun unter der Perspektive des Phänomens Artivismus besprochen werden. Als Leser_in stellt man sich darüber hinaus die Frage nach welchen Gesichtspunkten die einzelnen Beiträge ausgewählt wurden, warum Projekte aus Istanbul oder Düsseldorf und nicht aus anderen Städten der Welt dargestellt werden. Begründungen dafür lassen sich nur durch Nachforschungen über die Biographie der Herausgeberin herleiten, aber nicht über das Buch selbst.

Fazit

Trotz gewisser struktureller Schwächen hat der Band hohes Anregungspotential für die Entwicklung von Gemeinwesen orientierten artivistischen Projekten in Lehre und Praxis.


Rezensentin
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 05.09.2016 zu: Lilo Schmitz (Hrsg.): Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3035-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19849.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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