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Le Monde Diplomatique / Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr

Rezensiert von Julia Ritirc, 27.01.2016

Cover  Le Monde Diplomatique / Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr ISBN 978-3-937683-57-7

Le Monde Diplomatique / Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2015. 176 Seiten. ISBN 978-3-937683-57-7. 16,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und AutorInnen

Der zuletzt erschienene „Atlas der Globalisierung: Weniger wird mehr“ des Le Monde Diplomatique wurde vom Kolleg für Postwachstums-Gesellschaften der Friedrich-Schiller Universität Jena kuratiert. Die Beiträge stammen vorwiegend von ExpertInnen aus verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft, aber auch FilmemacherInnen wie Cosima Dannoritzer, AutorInnen wie Annette Jensen, JournalistInnen wie Shi Ming und VetreterInnen aus diversen gesellschaftlichen Bewegungen kommen mit ihrer Expertise zu Wort.

Thema

Ausgangspunkt der Publikation ist – wie im Vorwort dargelegt – die von der Postwachstums-Bewegung geteilte Einsicht, dass es „auf einem begrenztem Planeten kein unbegrenztes Wachstum geben [kann]“ (S.10). So plädieren die Beiträge für einen grundlegenden Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, denn „nur wenn es gelingt, Wohlfahrt und sozialen Fortschritt von den Zwängen der Kapitalakkumulation zu entkoppeln, ist ein selbstbestimmter Verzicht auf Wachstum möglich“ (S. 10). In diesem Sinne ist der Atlas der Globalisierung mehr als eine Sammlung von thematisch und inhaltlich zusammenhängenden Beiträgen, er ist vielmehr eine umfassende Kritik und Problemanalyse des aktuellen Wirtschaftssystems mit seinen sozio-ökologischen Krisenphänomenen, und kann deshalb auch als eine Initiative verstanden werden, Alternativen anzudenken. Vor dem Hintergrund wiederkehrender wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Krisen, welche in den letzten Jahren immer weitreichender und intensiver geworden sind, ist die Publikation zeitgemäß und greift ein Thema auf, dessen Diskussionsbedarf unumstritten ist.

Der Atlas der Globalisierung ist kein Kompendium aus einzelnen länderspezifischen Abhandlungen, sondern verkörpert in sich das Verständnis, dass wirtschaftliche, soziale und ökologische Phänomene in globalem Zusammenhang und globalen Abhängigkeiten stehen. Deshalb werden Prozesse und Phänomene in einen globalen Zusammenhang gebracht, die sich weltweit verschieden manifestieren. Neben den in der Globalisierungskritik bekannten und stark besetzen Themen von sozialer Ausbeutung und Verarmung widerspiegelt der Atlas auch die in den letzten Jahren ins Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Diskurs gerückte Frage nach der Ökologie und dem Ressourcenverbrauch.

Aufbau und Inhalte

In der Struktur haben sich die KuratorInnen für eine schematische Vierteilung der Beiträge entschieden.

Unter dem Überbegriff Wachstum beschäftigen sich elf Artikel mit der Permanenz des Wachstums im aktuellen Wirtschaftssystem und stellen zunächst die Frage, wessen Wachstum vorangetrieben wird, und wer davon profitiert.

Im Vergleich dazu ist der zweite Teil, Versuche in Grün, eine kritische Auseinandersetzung mit den auf politischer Ebene gebilligten und aktiv vorangetriebenen Modellen einer grünen Alternative und technologischer Lösungen für den überbordenden Ressourcenverbrauch. Obwohl das Ziel dieser Vorschläge die Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch ist, scheitern sie dennoch an ihrer kapitalistischen Logik.

In Krisen und Konflikte setzen sich vierzehn Artikel mit den Folgen des vom Wachstum getriebenen Systems für Gesellschaften und Umweltsysteme auseinander. Beiträge wie jener von Kiran Pereira zum Abbau der natürlichen Ressource Sand (S. 72-75) frischen jene traditionellen, wenn auch nicht weniger wichtigen Anliegen wie Ausbeutung von Arbeitskräften in Schwellenländern und die Zerstörung lokaler Märkte und Subsistenzwirtschaften in Entwicklungsländern auf.

Schließlich setzt das Kapitel Postwachstum mit seinen siebzehn Abhandlungen an, neue Ideen für eine Gesellschaft „jenseits des Wachstums“ (S. 10) zu entwerfen. Hierbei werden Alternativen für Berechnungsgrundlagen (Hans Diefenbacher und Dorothee Rodenhäuser, S. 112-115), Ressourcennutzung und -Verwertung (Elisabeth von Thadden, S. 134-37; Annette Jensen, S. 156-59) sowie Vorschläge gemeinschaftlicher Modelle (Judith Dellheim, S. 150-51) präsentiert.

Diskussion

Es ist anzumerken, dass die Beiträge in den einzelnen Kapiteln meist thematisch überlappend sind und daher eine Strukturierung mit klaren Grenzen nicht zulassen. Deswegen wirkt die von der Redaktion gewählte Gliederung auf den ersten Blick konfus.

Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich ihre innere Logik, die einer gängigen und logischen Strukturierung von Monographien und Einzelartikeln sehr ähnelt: Einführung in den Status Quo, Problemanalyse und schließlich Conclusio mit Ausblick und der Entwicklung von Perspektiven. Demzufolge ist der Atlas der Globalisierung eine sehr stimmige Publikation. Einzig das Kapitel zu „Versuche in Grün“ hätte „Krisen und Konflikte“ nachgestellt werden können, da es sich ja trotz ihres „kapitalistischen Imperativs“ (Ulrich Brand S. 53) bereits um Versuche und Perspektiven handelt, die sozialen und ökologischen Verhängnissen entgegenwirken sollen. Eine Alternative zur vorliegenden Strukturierung vor allem in Bezug auf den Mittelteil wäre eine Themenbündelung nach sozialen und ökologischen Aspekten.

Die gewählte Struktur des Atlas der Globalisierung hat jedoch keinerlei Einfluss auf das Verhältnis der Einzelbeiträge zueinander und deren inhaltlichen Verständnis. So können alle unabhängig voneinander, je nach Interesse des/der Leser/in gelesen werden. Der überwiegende Teil der Artikel zeichnet sich durch hohe Qualität aus, deren Stärken sich durch entweder durch ihren Informationsgehalt oder solide Analysen auszeichnen. Generell zeigt sich jedoch, wie schwer es ist, sich von vorherrschenden Begrifflichkeiten zu befreien und neue Denkkategorien zu schaffen, als auch die Beiträge kaum vermögen, Alternativen zu Staat, Markt, Gemeinschaft und Individuum zu entwickeln (womöglich, weil es keine gibt?).

Die weiterführenden Literaturvorschläge am Ende jedes Beitrags sollten auch für zukünftige Ausgaben beibehalten werden. Schlussendlich soll die umweltschonende Produktion des Atlas betont werden: Die Publikation wurde auf 100 % Recyclingpapier gedruckt, und auf Anfrage beim Verlag wurde mir mitgeteilt, dass auch die Auflage der Druckversion mit Rückgriff auf vergangene Erfahrung so veranschlagt wurde, dass Restbestände ausgeschlossen werden können. Die Auflage in elektronische Form erfüllt ohnehin die Funktion, auch langfristig und ressourcenschonend das Angebot zu sichern. So hält der Atlas der Globalisierung, was er verspricht, sowohl inhaltlich als auch in seiner Produktionsweise.

Fazit

Der Atlas der Globalisierung spricht ein breites, kritisches Publikum an, insbesondere jenes, das mit der Thematik wenig vertraut ist und ein Überblickswerk sucht, in welchem die wichtigsten Narrative des aktuellen Diskurses skizziert und diskutiert werden. Kurz, eine LeserInnenschaft, die sich über globale Zusammenhänge von Wirtschaften und dessen soziale und ökologische Folgen informieren möchte. Beiträge zu konkreten Lösungen wie jene von Thomas Köhler und Jonas Abraham zu alternativer Stadtpolitik (S. 138-39) und Andrea Vetter zu alternativer Technik (S.142-43) könnten durchaus auch als Anstöße für politische Entscheidungsträger auf der Kommunalebene dienen.

Die Publikation richtet sich weniger an jene Menschen, die auf der Suche nach konkreten individuellen Handlungsideen sind, vielleicht auch deshalb, weil die KuratorInnen mit Mathias Greffrath (S.11) übereinstimmen, dass die Wirkung von individuellen Aktionen begrenzt ist, wenn keine stark organisierten Interessen hinter ihnen stehen. Für einen verbesserten Anknüpfungspunkt für die wissenschaftliche Gemeinschaft wäre darüber hinaus eine ausführlichere Beschreibung der AutorInnen, ihrer Forschungsthemen, Zugänge, Methoden und Kontaktdaten hilfreich.

Rezension von
Julia Ritirc

Es gibt 1 Rezension von Julia Ritirc.

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Zitiervorschlag
Julia Ritirc. Rezension vom 27.01.2016 zu: Le Monde Diplomatique / Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2015. ISBN 978-3-937683-57-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19851.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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