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Ulrich Bröckling, Christian Dries u.a. (Hrsg.): Das Andere der Ordnung

Cover Ulrich Bröckling, Christian Dries, Matthias Leanza, Tobias Schlechtriemen (Hrsg.): Das Andere der Ordnung. Theorien des Exzeptionellen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-95832-061-1. 39,90 EUR.
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Thema

Das „Andere der Ordnung“ geht nicht schlicht in etwa Unordnung, Chaos, Utopischem auf, ist auch nicht bloß Ausnahme vom Regelfall, Abweichung von dem, was als normal gilt, oder wie auch immer geartete Störung. Darin ist ein Vorrang der Ordnung gegenüber ihrem Anderen gesetzt. Demgegenüber wird im vorliegenden Sammelband unter jeweils besonderem Blickwinkel insgesamt ein Perspektivwechsel eröffnet. In interdisziplinärer Orientierung werden theoretische Zugänge zum Exzeptionellen vorgestellt. „Jede Ordnung leckt“, ist das Leitmotiv und es geht den Herausgebern wie VerfasserInnen „um ein korrektives Supplement, um die Problematisierung des Ordnungsüberhangs.“ (S. 52)

Aufbau und Inhalt

„Im Anfang ist das Ordnen“ (S. 9), beginnen die Herausgeber ihren sehr umfänglichen Beitrag. Zunächst schlagen sie den Bogen vom Ordnungsbias zum Anderen der Ordnung, sichten dann wissenschaftlich Problematisierungsweisen eben dieses Anderen der Ordnung, um am Ende ihrer unter Stichworttiteln elaborierten Zusammenschau unter „Unverfügbares, Abwesenheit“ zu einem Hinweis zu kommen, der u.a. die Relevanz ihres Forschungsgegenstandes hervorhebt: „Lücken lassen der Fantasie ihre Spielräume und sind vielleicht das, was das Leben ausmacht, ohne es auszufüllen.“ (S. 49) Dabei problematisieren sie „Grenzen der Theorie“: „Theoretische Reflexion treibt sich selbst immer wieder an ihre Grenzen indem sie das selbstreferentielle, zugleich strenge Spiel ihrer Begriffe der gezielten Irritation durch Empirie aussetzt. So begegnet sie der Gefahr, die eigenen Ordnungsschemata mit der Wirklichkeit zu verwechseln.“ Dann geht es darum, „auf das zu verweisen, was das Ordnungsdenken nicht sieht oder nicht sehen will.“ (ebd.) Insofern geben sie vor, „wenigstens probehalber einmal die Ordnung von ihrem Anderen her zu denken“ (S. 52), was in allen folgenden Beiträgen thematisch wird.

Mit ‚Theoretizismus‘ ist eine im Zusammenhang des amerikanischen Pragmatismus aufgekommene Kritik bezeichnet, die darauf abzielt, „den traditionellen Primat der Theorie zu hinterfragen, sofern sich in ihm eine Geringschätzung der Praxis verbirgt.“ (S. 57) Marc Rölli geht der Problematik um Ordnung und ihr Anderes zunächst über Descartes, Kant und Nietzsche nach, nimmt die Positionen Deweys auf und diskutiert sie mit dem Ziel, „ein wenig in die neuen Regionen vorzustoßen, die sich mit einer praxisbezogenen (pragmatischen) Theoriebildung und Ordnungskonzeptionen eröffnen“ – „eine Theorie, die den Verführungen des Theoretizismus widersteht.“ (S. 56) Abschließend bezieht sich Rölli auf Latour, in dessen Soziologie „eine pragmatische Inspiration wirksam (ist), die auf die Unbestimmtheit der Handlungsquellen spekuliert“, also Handeln nicht als „einer klar bestimmbaren Instanz“ unterliegend begreift, „die seine subjektiven Ziele oder aber seine objektiven Strukturen festlege“. Dagegen gelte es, über „‚Akteur-Netzwerke‘“ mit ihrem „immanenten Handlungszusammenhang“ zu „berichten“, was heiße, „Ordnungen zu konstruieren, die vorher nicht existiert haben“ und über die „Beschreibung von Netzwerken deutlicher zu machen (…), wie Akteure zum Handeln gebracht werden.“ Dieser „‚practice turn‘“ i.S. einer „pluralistischen Position“ bedeute für die „ordnungstheoretische Reflexion“, dass die „großen Erzählungen von der einen Ordnung im Singular (…) damit ebenso hinfällig wie die auf sie bezogenen eines chaotischen Abgrunds“ sind. (S. 70 f.)

Mit Jacques Rancière und der Bedeutung des Sinnlichen in dessen Philosophie setzt sich Susanne Krasmann auseinander. Rancières „Unvernehmen“ markiere das Andere der Ordnung, „das Letztere ausgeschlossen wissen wollte“ (S. 87), „was innerhalb der Ordnung nicht vorstellbar und nicht verhandelbar ist und sein kann“, infolgedessen „nicht lediglich ein Gegendiskurs“ ist und „sich nur als Lärm artikulieren (kann), der zunächst ohne Bedeutung im doppelten Sinne der Sinnhaftigkeit wie der politischen Relevanz auftaucht.“ (S. 75) Als „immer ein Zusätzlicher“ (Rancière) störe das politische Subjekt des Unvernehmens „die Ordnung auf, indem es die gewohnte Zählung und das gewohnte Denken unterbricht“, schon dadurch, dass es „eine Stimme im sinnlichen Sinne“ hat, „zunächst nur Lärm, der bestenfalls vernommen, jedoch nicht gehört, nicht angehört und nicht aufgenommen wird.“ (S. 78 ff.) Mit der Kantschen Vorstellung des „als ob“ macht Frau Krasmann dann deutlich, wie es „eine Existenz, die es noch nicht gibt“, behauptet, indem es sich das „Recht zu sprechen herausnimmt“ und auf (u.a.) „existierendes Recht der Ausschließung (…) rekurrieret.“ (S. 80 f.) Wie dieser zunächst ‚Lärm‘ schließlich ‚Inhalt‘ wird, erläutert Susanne Krasmann über Ästhetik, Kunst und Politik, wo dann im Modus des „als ob“ schlussendlich deutlich wird, dass Partizipation als „Akt der ‚Teilhabe‘“ die „gesellschaftlichen Teilungen“ nicht aufhebt: „Sie macht sie sichtbar.“ Es bedürfe nicht der Aufschlüsselung von „Macht- und Herrschaftsinteressen“ durch „vermeintlich(e) Experten“; durch „Insistenz der Verifikation“ entfalte sich das Unvernehmen „nicht aus dem Immanenzfeld der Macht. Es tritt von einem Außen her ein, indem es – im Versprechen der Gleichheit – zugleich auf etwas rekurriert, das in der Ordnung bereits aufgehoben: enthalten ist.“ (S. 84 f.)

Oliver Marchart setzt zu seiner „Verteidigung der Korruption“ mit einer Kritik von Korruptionsstudien und vor allem einem überhistorischen Verständnis an, Ordnung als „bloße Durchgangsstation in einem unablässigen Auf und Ab“ (S. 93), um mit Blick auf postfundamentalistische Demokratietheorie den Begriff der Korruption zu wenden, sie sei „nichts anderes als ein Begriff für politischen Passivismus“, bloße Verfolgung von Privatinteressen bei politischer Lethargie, weitab davon, „Teilnahmerechte“ immer weiter zu erkämpfen, die, „sollen sie intakt bleiben, immer wieder neu erkämpft werden“ müssen. (S. 105 f.) Zwar könnten von jenen, „die das Unkraut der Korruption mit Stumpf und Stiel auszumerzen versprechen, oft weit größere Gefahren ausgehen als von den Korrumpierten“, wie man aus historischer Erfahrung wisse (S. 104), doch sei – „im Sinne des radikaldemokratischen Anklagetopos“ – nicht nur der politisch-lethargische Bürger korrupt, sondern auch das „politische System“ wäre es, das den Bürgern „die geregelte Möglichkeit zu politischer Partizipation (bis hin zu einem radikal demokratischen Aktivismus) nimmt.“ (S. 106)

Die „Figur des Parasiten in der Systemtheorie“ untersucht Matthias Leanza in kritischer Befragung von Luhmann zum „Problem der Grenzziehung“, wobei er vorab meint: „Vermag eine Theorie nicht anzugeben, wie soziale Ordnung entsteht, kann sie auch nicht an der für die Disziplin prägenden Problemperspektive partizipieren“, auch weil sie „soziologisch undiszipliniert“ bleibe. (S. 107) Auch wenn sich die „systemtheoretische Aneignung der Figur des Parasiten (…) bei genauerer Betrachtung alles andere als unproblematisch“ gestalte (S. 109), der Parasit (mit Serres) „überall zu finden“ sei, „wenn auch immer anders“ (S. 116), verweise „der Parasit auf Relationen und Grenzen“ (vermittels seiner Grundmerkmale „Paradoxalität, Einseitigkeit, Reflexivität, Perspektivität“), „die er sowohl bestätigt als auch zurückweist. Ordnung und Unordnung werden von ihm gleichermaßen gestiftet.“ (S. 118) Unter dem Strich müsse, was der „Begriff des ‚Parasiten‘ leistet“, „Differenz stärker problematisiert werden“, und zwar hinsichtlich des „Denkmotiv(s)“ um rekursiv „geschlossene Operationskreisläufe, die autopoetisch ihre konstitutiven Elemente im Netzwerk ihrer Elemente konstituieren“. (S. 125)

Ansteckung rücke darum in die „Position eines Grundbegriffs“, weil sich in „Auseinandersetzung mit Netzwerk- und Globalisierungsphänomenen (…) ein Trend zu einem epidemiologischen Verständnis des Sozialen diagnostizieren“ ließe, meint Sven Opitz, dessen Referenz Gabriel Tarde ist, bei dem Ansteckung „nicht immer schon auf eine Sozialpathologie“ verweise, sondern ein „Verständnis von Vergesellschaftungsdynamiken“ eröffne, „die durch unterschiedliche Grade der Intensität gekennzeichnet sind.“ (S. 129 ff.) In Interpretation und eng an Tarde ist „Ansteckung (…) gleichermaßen ein Ordnungsfaktor wie ein Unordnungsfaktor – ein Ordnungsfaktor als Unordnungsfaktor und umgekehrt.“ (S. 136) Unter Bezug auf Tardes „Weltgesellschaftstheorie“, in der „Globalisierung als Harmonisierung“ vorgestellt ist (S. 138), und ohne dessen Entwurf des „sozialen Menschen als affektives Relais: als Vermögen affiziert zu werden und andere zu affizieren“ (S. 133) aus dem Blick zu verlieren, kehrt Opitz „Relationalität, Affektivität und Medialität der Ansteckung in Tardes Behandlung der Masse“ heraus, die zu „einer spezifischen Artikulation der sozialen Ordnungsproblematik“ geführt habe (jenseits einer Skandalisierung der Masse als das Andere der Ordnung wie in der Massenpsychologie des 19. Jh.). (S. 134) Verschwiegen wird nicht, dass Tarde „die Einsatzfähigkeit eines derartigen soziologischen Wissens als politisches Ordnungs- und Kontrollwissen“ betont habe, weil es Auskunft gebe über „Zustandsänderungen in verstreuten sozialen Akten“, was „klassische Zensusdaten“ nicht abwürfen. (S. 141) Für die heutige soziologische Forschung sei der Ansteckungsbegriff in Erbschaft Tardes insoweit von Belang, als er „einen Modus der Ordnungsbildung“ bezeichnet – über u.a. wohl Interaktion und Kommunikation, auch medial vermittelter, in sozialen Netzwerken –, „der sich aufgrund seiner nicht-linearen, kaskadenhaften, kontaminierend-transformativen Dynamik an der Grenze zum Chaos vollzieht.“ Bemerkenswert also die der Ansteckung zugrunde liegende „ordnungstheoretische Paradoxie“: „Es ist gerade die intensive Sozialität, welche die soziale Ordnung zu unterminieren droht.“ (S. 145 f.)

Bruno Latour bemühe immer wieder Pandoras Büchse und beziehe diese Metapher auf „seine eigene Vorgehensweise bei der Untersuchung wissenschaftlicher Praktiken“. Diese ‚Büchse‘ besser geschlossen zu lassen, befolge Latour nicht, daher eher ein Epimetheus, sondern mache sich daran, „die abgesicherten Ergebnisse und Verfahren in der Wissenschaft zu hinterfragen“ und er wolle „die komplexen Verknüpfungen (wieder) sichtbar machen“. Daran anschließend will Tobias Schlechtriemen in seinem Beitrag „Akteursgewimmel“ der Frage nachgehen, „wie Ordnung und ihr Anderes bei Latour verhandelt werden, oder sich ihr Verhältnis ausgehend von der Akteur-Netzwerk-Theorie beschreiben lässt“. (S. 149 ff.) Nach ausführlicher Wiedergabe kommt der Verfasser zu der Einschätzung, Latours Ansatz zum Anderen der Ordnung zeichne sich dadurch aus, „dass er bestimmte Ordnungspraktiken nicht vornimmt, sondern sich über die engere Orientierung an den Akteuren möglichst nah an der Erfahrung, den materiellen Praktiken, halten will.“ Wenn (mit) Latour so zu erkennen ist, dass es eine Ordnung „im engeren Sinne nicht mehr geben kann“, was sich über „möglichst unvoreingenommene Beschreibungen vielgestaltiger, sich immer wieder wandelnder Wirklichkeiten“ erweise, und wenn es um „die Praxis des Verknüpfens geht, wäre es angemessener, verbalisierend vom ‚Ordnen‘ zu sprechen.“ Und wenn es „das ‚große Gegenüber‘ der Ordnung nicht mehr gibt“, daher der wissenschaftliche Beobachter „keine Außenperspektive mehr einnehmen kann“, bleibt „allein die Artikulation, das Sichtbarmachen der Existenzweisen und deren Vergleich (ohne Vergleichsmaßstab). Die Asymmetrie, die üblicherweise das Verhältnis von Ordnung und ihrem Anderen charakterisiert, ist dann aufgehoben.“ (S. 165 ff.)

„Adornos Kritik am Gravitationsgesetz des Ganzen“ ist unter dem Obertitel „Ordnung und Integration“ das Thema von Alex Demirović, der mit einer Kritik der Soziologie und der Vorstellung einleitet, dass eine „integrierte Gesellschaft (…) als eine gute Ordnung“ gilt. Wenn, was der Verfasser an aktuellen Beispielen demonstriert, die Zugehörigen zu besonderen „sozialen Klassen oder Straten (…) eher aus dem Gesellschaftszusammenhang heraus(fallen) als andere“ und soziale Exklusion zur Desintegration beiträgt, handele es sich „weitgehend um einen verfügenden und ordnenden Blick von oben“, was heiße, dass der „Blick auf soziale Desintegration (…) einseitig und asymmetrisch“ ist und auf die „Verwaltung von Menschen“ ziele, auf eine „Vielzahl von ‚Randgruppen‘ in den unteren Bereichen der Gesellschaft.“ (S. 169 ff.) Anschaulich und zugleich theoretisch fokussiert macht Demirović gleich eingangs deutlich, wie über „Macht und symbolische Gewalt“ Normalität definiert wird und darin das soziologische „Konzept der Integration die Funktion einer praktischen Ideologie“ hat (S. 171), daher Integration für Adorno ein „herrschaftssoziologischer Begriff (ist), der auf die Bedeutung sehr starker Machtgruppen hinweist“ (S. 176) und die „interne Logik der bürgerlichen Gesellschaft charakterisiert, also ihre Ausdehnung und die damit einhergehende Unterwerfung von Lebensverhältnissen unter das Tauschprinzip.“ (S. 182) Über konzise wie exakte Darstellung von Adornos Analyse der Prozesse und Funktion von Integration und Desintegration in der antagonistischen Gesellschaft und darin einer Problematisierung des Begriffs ‚Gesellschaft‘ und den Nachweis, dass die „bürgerliche Gesellschaft (…) grundsätzlich durch Desintegration gekennzeichnet“ ist (S. 178) und jeder „partikulare Konflikt (…) das Deckbild der antagonistischen Totalität“ sei (S. 181), kommt Demirović zum Anderen der bürgerlichen Ordnung: Der Begriff der Integration verweise „auf den Umschlag, mit dem die Dynamik der Integration in Desintegration“ übergehe; das Augenmerk sei auf „das Ungleichzeitige“ zu richten, das nicht „als solches schon das Andere“ darstelle. „Aber weil es noch nicht aufgeht in der Totalität, kann es ein Residuum der Freiheit darstellen.“ Und: „mit den Reformen (werden) eben die Grenzen des Ganzen selbst erfahrbar“. (S. 183 ff.) Adorno, so Demirović in seiner kritischen Nachbemerkung, habe nicht die „Erscheinungen als gleichgültige“ abgetan, sondern habe „Handlungsfähigkeit aus der Einsicht in die Widersprüchlichkeit des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs gewinnen“ wollen, „also aus der Kritik an Gesellschaft als Ordnung.“ Dem Aspekt jedoch, dass die „Lohnabhängigen“ in „in sich widersprüchlichen“ Lebensverhältnissen lebten, „ihre Alltagspraktiken, ihre Kultur (…) aus Unterwerfung (besteht), aus Formen des Widerstandes und aus der Rationalität selbstbestimmter Arbeitsteilung“, sei „der Begriff der Hegemonie angemessener als der der Integration.“ (S. 187)

Es gehöre „zu den Eigentümlichkeiten der Postmoderne, dass die Erschöpfung utopischer Energien und das Ende der großen Erzählungen von einem Interesse an den Figuren der Andersheit oder des Anderen der Ordnung begleitet wird“, leitet Lars Gertenberg unter dem Titel „Ausgang – Supplement – Schwelle“ seine Auseinandersetzung mit zentral Derrida und Agamben ein, was er hinsichtlich des Anderen der Ordnung und da bezogen auf das Verhältnis von Recht und Gewalt kritisch unter Bezugnahme auf vor allem die späten Schriften Walter Benjamins diskutiert. (S. 189) Mit ihm ließe sich die Frage nach dem Anderen der Ordnung als Suche „nach andern Arten der Gewalt“ ausrichten, „als alle Rechtstheorie ins Auge faßt“. (Benjamin, zit. S. 192) Anders als bei Benjamin verschwinde bei Derrida „das (anarchistische bzw. revolutionäre) Moment der Suspension der Ordnung“, da für ihn „keine Gewalt ohne positiven Rechtsbezug denkbar“ sei und „jede Suspension des Rechts unmittelbar mit der Setzung eines neuen Rechts zusammenfällt“. (S. 198) Agamben hingegen übersehe, „dass reine Gewalt für Benjamin in der Regel die Form mythischer Gewalt annimmt“ und als solche „gerade nicht auf ein Anderes der Ordnung“ verweise, „da sie nicht aus dem Bannkreis der Rechtsgewalten hinausführt.“ (S. 203) Anders als Benjamin bezögen sich die kritisierten Theoretiker „stärker auf das Andere im Sinne eines konstitutiv Verworfenen bzw. einer Andersheit im Innern der Ordnung“, wodurch sich gerade das „Andere der Ordnung (…) zu einem diskutablen theoretischen Konzept“ entwickele, „als es im Anschluss an die Leitmodelle der Unentscheidbarkeit und Supplementarität zu einer Grenz- und Schwellenfigur wird.“ (S. 206)

Gregor Dobler stellt vier ethnologische Versuche vor (Radcliffe-Brown, Leach, Turner, Dürr), „die Ordnung intakt zu halten“, um in einer Zusammenschau zu dem Schluss zu kommen: „Wer aber weiterhin Wissenschaft betreiben will, wird nicht darauf verzichten können, das Ungeordnete einzuordnen und im Sinnlosen Sinn zu suchen.“ (S. 221) Gerade die Ethnologie, die „spezifische Gründe“ habe, „Ordnung zu privilegieren“, die sich „mit dem Sinn gesellschaftlicher Zustände“, fremder, beschäftige, stehe vor dem Problem, „Sinn auch dort herzustellen, wo er nicht zu finden ist“, wobei es ihr schwer fiele, „das Andere der Ordnung gerade nicht in ihre Ordnung zu integrieren“. (S. 209 f.) So könne bspw. „das Anderssein des Anderen (…) zum Beweis dafür“ werden, „dass es nicht wichtig für die Ordnung ist.“ (Radcliffe-Brown) Insoweit verliere „das Andere der Ordnung so die Fähigkeit, wissenschaftliche Ordnung zu stören.“ (Leach) Andererseits können die „Bruchstellen“ von Interesse sein, „an denen gesellschaftliche Ordnung außer Kraft gesetzt wird“ und dabei die „Perspektive des Menschen, der danach in die Ordnung der Gesellschaft zurückkehrt.“ (Turner) Und schließlich sei da noch die Suche „nach einer Ordnung der Wissenschaft, die andere Erkenntnisweisen mit integrieren kann.“ (S. 220) Was als Desiderat bleibt, ist, dass das Andere der Ordnung als „Möglichkeit“ mitgedacht und in die Ordnung integriert werden muss: „das Andere muss bereits Teil des Ordnungsversuches sein.“ (S. 210)

„Der Mensch ist ein ordnendes Wesen.“ Gegen diese anthropologische These erhebt Christian Lavagno mit Bezugnahme auf Édouard Glissant und Homi Bhabha unter dem Titel „Kreolisierung und Hybridität“ Einsprüche, die auf die „Gegenthese hinaus(laufen), dass die Bestimmung des Menschen als homo ordinans einseitig ist und zur Korrektur einer komplementären Perspektive bedarf“. (S. 223) Da das „Andere der Ordnung (…) sich nicht ‚geordnet‘ thematisieren“ ließe (S. 225), stellt er Vertreter der postcolonial studies vor, die „von vornherein jenseits der Ordnung“ dächten und denen es nicht darum ginge, „theoretisch die Insuffizienz von Ordnungsmechanismen aufzuweisen“. Mit Glissant und seiner Hervorhebung des Neuartigen aus dem „Aufeinanderprallen heterogener kultureller Elemente“ eröffne sich dem „archipelischen Denken (…) ein Feld (…), dessen Weite zunächst verunsichern mag, das auf Dauer aber der Kreativität neue Dimensionen erschließt.“ In Bhabhas „Zwischen-Raum“ und dabei unter dem Verständnis von Kultur als „Prozess des Aushandelns konkurrierender Vorstellungen kollektiver Selbstpräsentation“ entglitten die „Dinge der Kontrolle“, würden „hybrid“ und nähmen „unvorhersehbare Formen an, so dass es gerechtfertigt erscheint, ihn als Ort des Anderen der Ordnung zu deuten.“ Beide Autoren zeigten zudem „praktisch Wege zu einem Wandel im Miteinander der Kulturen“ auf und das „Resultat wäre im Idealfall ein kreativer Umgang mit der Vielfalt als Nährboden für die Entstehung neuer kultureller Werte und veränderter Formen des sozialen Umgangs.“ (S. 236 f.)

Geht es darum, „wie das Außen der Ordnung“ gedacht werden kann „beziehungsweise das von ihr nicht Erreichte“, „könnten die Gender- und noch mehr die Queer Studies mit dem penetranten Hinterfragen ihres Gegenstands, nämlich der im Hinblick auf Geschlecht als dichotom und hierarchisch konstituierten Ordnung der Gesellschaft, geradezu als Paradigma für ein Anderes der Ordnung erscheinen.“ (S. 239) Der Konjunktiv deutet gleich eingangs an, dass es Nina Degele als Fazit ihrer immanent kritischen Aufnahme solcher Studien „auf überraschende Problemlösungen im Kontext von Praxis“ ankommt, auf „praktische Prozesse des Verunsicherns“ zu setzen ist. Ihr Argument ist, dass sich die „heteronormative Ordnung“ zwar „entselbstverständlichen, nicht aber wegdenken“ ließe: „Das Ergebnis muss nicht das Andere der Ordnung sein, es kann (und wird wahrscheinlich) eine andere Ordnung sein“, eine Frage, die eben „nicht theoretisch“ zu klären sei. (S. 252 f.) Unter der Prämisse, dass nicht „Unordnung“ schon das Andere der Ordnung sei, wirft Nina Degele die Frage auf, warum Geschlecht ein so grundlegendes „Ordnungsprinzip der Gesellschaft“ ist (S. 241), was einer Komplexitätsreduktion diene und eben „sozialer Ordnungsimperativ“ (S. 247) sei. Eine Lösung könnte im „Begriff des Queering“ gefunden werden, was eine Verunsicherung durch Erhöhung von Komplexität bedeute, aber dank einer Dekonstruktion von Begriffen und Diskursen sei „Nicht-Thematisiertes und Ausgeschlossenes sichtbar zu machen“, seien „Macht- und Herrschaftsverhältnisse bloßzulegen und eine größere Offenheit in Bezug auf die Denkbarkeit von nicht dem mainstream entsprechenden Phänomenen herzustellen“, womit „Queer“ als „Gegenbegriff“ zu begreifen ist und sich zugleich gegen eine Definition „und damit gegen eine Verordnung“ sperrt. (S. 249) Auch angesichts des Dilemmas von Queer und Gender Studies, einerseits bei Ignorieren des Geschlechts Machtverhältnisse zu verschleiern, andererseits bei Bezug auf Geschlecht letztendlich Zweigeschlechtlichkeit festzuschreiben (vgl. ebd. f.), betont die Verfasserin: „Das Andere der Ordnung liegt somit nicht im Gegenstand, sondern bestenfalls im Prozess des Sichtbarmachens.“ (S. 245)

Auf Baudrillard und dessen „Figuren des Zusammenbruchs“ ist der Beitrag „Das andere Ende der Ordnung“ von Florian Hessdörfer konzentriert. Wenn Baudrillard ähnlich wie Virno „einen unentwirrbaren Knoten aus Arbeiten, Denken und politischem Handeln fest(stellt), der sich durch das Vertrauen auf einen seiner Stränge nicht mehr lösen lässt“, setzt Baudrillard demgegenüber nicht auf einen „offensiven Entzug“ (Virno), den „Wille zum Bruch mit dem Gegebenen“, sondern entwirf stattdessen einen „Fluchtplan, der in doppelter Weise paradox erscheint: Das Andere der Ordnung kann nur durch die leere Mitte der Ordnung selbst erreicht werden, durch den konsequenten Bruch mit der Idee dieses Anderen, das erst mit Hilfe der ‚absoluten Waffe des Schweigens‘ sagbar werden, erst im endgültigen ‚Verschwinden‘ erscheinen kann.“ (S. 272) Wie der Autor seinen Beitrag (sehr anschaulich) mit dem Kinderzimmer als „exemplarische(m) Übungsraum der Ordnung“ einführt, nimmt er dieses Beispiel auch im Fazit auf und zeigt unter den drei Stichwörtern Nähe und Differenz kritisch entlang Baudrillard: Die „Gefahr des Verfalls“ von Ordnung ist „drohende Nähe dessen, was im sprichwörtlichen Chaos das angstvolle Gegenbild der Ordnung vorstellt.“ Der Ordnung im „Muster der Alterität“ und da „als Schwelle zu ihrem Anderen“ wohnt die Gefahr der „Utopie“ inne – und ihr „unmittelbarer Griff nach dem Anderen der Ordnung kassiert die Kritik der gegebenen.“ (S. 271 f.) Hessdörfer selbst gibt Einblicke in den „Haushalt tradierter wie aktueller Konzepte der Kritik“ von Ordnung, gegen die sich Baudrillard radikal wendet, um über eine präzise Zusammenschau zentraler Aussagen seines Werkes zu zeigen, was ihn „letztlich“ dazu zwingt, „‚Radikalität‘ selbst in Frage zu stellen.“ (S. 263) Im Zuge seiner kritischen Befragung Baudrillards stellt der Autor jedoch auch selbstkritisch zu wendende Fragen, u.a. ob nicht lieber „eine kritikwürdige Ordnung als eine Un-Ordnung, die sich unseren Werkzeugen der Kritik verweigert“: „So sehr Ordnungen auch mit dem Schreckbild ihres Gegenteils regieren mögen – die eigentlichen Gegner braucht eine etablierte Ordnung vermutlich nicht im absolut ‚Anderen der Ordnung‘ zu fürchten, sondern in den viel näheren Möglichkeiten anderer Ordnungen.“ (S. 267 f.)

Der soziologische „Unruhestifter“ Harold Garfinkel sei der „Frage nach den brüchigen Grundbedingungen zivilisierten Zusammenlebens“ nachgegangen (S. 275), und zwar mit Blick auf Strukturen als „fortlaufende Produkte von Strukturierungen“, die aus „fortlaufenden kooperativen Handlungsvollzügen“ bestünden. Geht man von dieser Prämisse aus, liegt das Andere der Ordnung „im gemeinsamen punktuellen Verschwinden – und anschließenden Wiedererscheinen – der Erkennbarkeit sozialer Strukturen und der Bewerkstelligung konzentrierter Handlungsvollzüge“ (S. 275 f.), leitet Erhard Schüttpelz seinen Beitrag „Gebrochenes Vertrauen, provozierte Rechenschaft“ ein. Nach ausführlicher Aufnahme der Entwicklung von Garfinkels Ethnomethodologie und dessen Aufnahme und Bearbeitung von vor allem Schütz und Parsons, weiter Durkheim und Weber und grundlegender Fragen sowie methodischen Einwänden, leitet der Verfasser zur „Anrufung Kants und Durkheims“ mit dem Hinweis, die „Selbstverständlichkeit des Alltagslebens“ würde „durch eine kooperative Phänomenalisierung aufrechterhalten, und diese Phänomenalisierung besteht aus Szenen moralisch sanktionierbarer Ordnung.“ (S. 293) Und schließlich gibt es „kein unbezweifeltes Vertrauen“ mehr: „Es gibt nur den unaufhörlichen Prozess, in dem die moralischen Sanktionierbarkeiten nicht zum Zuge kommen und solange in der Schwebe gehalten werden, bis sie sich für die jeweils letzte Situation und ihre Bewältigung erledigt haben.“ Dieses situative ‚in der Schwebe halten‘ und die fortlaufende „Verfertigung gemeinsamer Abläufe, Mittel und Ziele“ sei handlungstheoretisch nicht zu erfassen wie ebenso die „Selbstverständlichkeit und die selbstverständliche Temporalisierung (…) der Alltagswelt“ nicht, die, „durch den unmittelbar eintretenden moralischen Anspruch ihrer Reparatur jederzeit nachweisbar, ‚in besonderen Arten der Handelns‘“ bestehen, des „‚Denkens und Fühlens, die außerhalb des Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft deren sie sich ihnen aufdrängen‘ oder unterlaufen werden müssen.“ (S. 296 f.)

Unter dem Titel „Falten und Spandrillen“ führt Günther Ortmann das „Andere der Organisation“ aus. Schlussendlich verweist er darauf, und zwar anleihend bei Stephen Gould, dass Organisationen sich mit Rückgriff auf seine kritische Auseinandersetzung „allenfalls (wenn man den Adaptionismus für einen Augenblick konzediert) als Netz positiver Ausleseeffekte begreifen“ ließen – „mit Löchern namens Spandrillen.“ Ohne „groben Verstoß gegen die Logik“ (S. 316) kehrt er das Bild um und definiert mit den Worten Barnes (zit. ebd.) ‚Netz‘ wie folgt: „eine Ansammlung zusammengeschnürter Löcher.“ Der Autor bereitet seine Argumentation mit dem Verweis ein, es gäbe weder reines Chaos noch reine Ordnung, sondern „Kontaminationen. Chaos sickert auch nach der Scheidung/Faltung in die Ordnung ein (und umgekehrt).“ (S. 299) Aus diesem Blickwinkel erscheine etwa ‚informelle Organisation der Arbeit‘ bzw. ‚informelle Gruppen‘ anders, wofür Ortmann zahlreiche weitere Beispiele anführt. Im Begriff ‚Falten‘, von Deleuze entlehnt, sei die „Gleichursprünglichkeit“ von Opposition sowie Ordnung und Chaos und die sich notwendig ergebende Möglichkeit von Kontamination sowie die „Spandrilleneigenschaft so mancher via Faltung konstituierten Seite“ zu fassen. (S. 306) „Spandrillen der Organisation“ könne man „als ihr Negativ bestimmen“: u.a. „Monotonie als Negativ der Arbeitsteilung“ u.a.m. In ihrer Genese seien all diese Phänomene „besser als Spandrillen denn als Erfolgsfaktoren der Anpassung zu verstehen.“ (S. 314 f.) Unter dem Strich sei hervorzuheben, und zwar für das „Andere der Organisation“, dass „Organisation und Desorganisation (…) gleichursprünglich (sind), und: Es gibt keine Desorganisation ohne Organisation.“ (S. 300)

Diskussion

Wie „Ungefähres“, Titel eines im selben Verlag erschienenen Buches von Giesen et al., scheint auch das Exzeptionelle wenn nicht eine Konjunktur zu haben, so doch zu bekommen, und beide Male gerät dabei Ordnung als Kategorie an sich und zentral gesellschaftliche Ordnung unter eben anderer Perspektive in den – analytischen – Blick. Nicht erst in den Sozial- und Kulturwissenschaften, der Politikwissenschaft und der Ethnologie sowie Philosophie wie in den Medienwissenschaften, welche die Herausgeber prominent für eine „dekonstruktive“ Bearbeitung des Themas einbeziehen (S. 7), ist Ordnung und ihr Anderes ein Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, sondern schon länger in der Kriminologie in ihrer Orientierung an Soziologie und Rechtswissenschaften: Ob und wie das Exzeptionelle welchen „Degradierungszeremonien“ (Garfinkel) unterliegt oder unterworfen wird, ist eben auch eine Frage um Form und Inhalt von Macht und Herrschaft, um „Ordnung und Integration“, wie sie Adorno im Hinblick auf das ‚System‘ und dessen Ausrichtung durch ökonomische Bedingungen, scheint´s immer schon vorausgesetzte, kritisch analysiert hat. Diese Theorieebene und mit ihr die Frage nach der Durchsetzung von Herrschaft und ob und inwieweit ein Exzeptionelles besteht, das als Desintegration und erst noch an der Peripherie des Anderen der Ordnung erscheint, wird thematisch und deutlich im Beitrag von Alex Demirović – und bleibt ansonsten marginal, wohl weil nicht zentrale Fragestellung der Herausgeber und AutorInnen. Wo jedoch Theorie als ‚kritische‘ im Sinne Adornos und nicht ‚dekonstruktivistisch‘ verbleibende aufklärend erhellt, regt sie zum Nachdenken über Initiationsmomente für emanzipatorische Praxis (und eben auch ihre Träger) an, möchte sich eben im Anderen der Ordnung umschauen und auch in einer Theorie des Exzeptionellen ggf. fündig werden – worauf auch insb. die Beiträge von Susanne Krassmann, Nina Degele, Oliver Marchart und Florian Heßdörfer eingehen und was bei den anderen Beiträgen mitzudenken ist.

Worum es bei diesem ‚Nachdenken‘ mit der Orientierung auf und Fragen um Praxis geht, ist der doch recht unordentliche Zustand einer (welt-)gesellschaftlichen Ordnung, die ihr Anderes provozieren mag, das sich nicht zwingend mit ihr konfrontiert. Will man mit Kant in der neuzeitlichen Ökonomie und ihrer jetzigen Entwicklung einen wesentlichen Punkt jener von ihm so genannten „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ erkennen, liegt angesichts von Globalisierungsfolgen (und nicht erst jenen neueren Datums), weltweiter Arbeitsteilung mit auch den Folgen von Krieg und Armut, Hunger und Elend und ihrem sukzessiven Einzug in die Metropolen jenes „moralische Ganze“ (Kant) in weiter Ferne. Nimmt man es als in ‚anderer Ordnung‘ erstrebenswertes wie ebenso das „Ideal der menschlichen Brüderlichkeit“, dass „der Krieg nicht mehr das Gesetz der internationalen Beziehungen wäre“, was doch schon Durkheim als durchaus reale Möglichkeit ins Auge fasste und was man in die Nähe des Kantschen ‚vernünftigen Hoffens‘ rücken mag, so ist es um all das schlecht bestellt. Wenn man darüber hinaus Marx folgen will, der erkannte, dass „die Moralität durch den Klassenantagonismus zerreißt“ und er deshalb „Moralität durch Aufhebung des Klassenverhältnisses verwirklichen“ wollte (Ruschig), dann ist nach wie vor die Frage nach Praxis aufgeworfen. Dabei gilt selbstredend, dass die „Verwirklichung des sich real erzeugenden Subjekts der Geschichte (…) freilich theoretisch nicht antizipiert werden“ kann – „sie ist eine praktische Frage“ (so Rolshausen bereits 1972 und später dt. sozialhistorisch belegend Thompson). – Diese Frage steht immer noch und, wie es scheint, von besonderer Dringlichkeit auf der (politischen) Tagesordnung und es ist zu vermuten, dass eben darin eine ‚wissenschaftliche Konjunktur‘ gestiftet ist, in der (nicht nur) Soziologie als Ordnungswissenschaft erodiert und (bestenfalls) nicht blind wird gegenüber der Möglichkeit, dass ihre Analysen, gelesen als Kritik, für den Zweck der Integration gewendet werden: Zugriff auf perfektionierte Methoden der Verinnerlichung von Herrschaft, um sie über Disziplin und Kontrolle hinaus zu verfestigen. Eine Theorie des Exzeptionellen mag (auch und über Wissenschaftskritik hinaus) Auskunft geben darüber, dass dies – vorerst – nicht abschlusshaft gelingt oder gar gelingen kann. Auch sofern sie das Andere der Ordnung erst einmal ausweist.

Fazit

Bereits die „Perspektivverschiebung“ (S. 9) im Einleitungsbeitrag der Herausgeber, auf theoretisch ‚allgemeinerer‘ Ebene gehalten, konturiert den Problemhorizont überzeugend und daher gut nachvollziehbar und lotet zentrale Überlegungen dazu aus. Wer weitere theoretische Ansätze zum Thema kennenlernen will und hinsichtlich ihrer Erklärungsreichweite befragen, d.h. auch immanent kritisieren möchte, dem ist mit diesem materialreichen Buch bestens gedient, das auch ein Weiterdenken provoziert und zu weiterer Lektüre anregt. Daher ist diesem Sammelband zu wünschen, dass er in geistes- und sozialwissenschaftlichen Seminaren seinen Platz als Diskussionsgrundlage findet, nicht nur um sich auf seiner Grundlage solchen Phänomenen anzunähern, die ersichtlich oder verschwiegen aus dem Gefüge der Ordnung geraten, sondern auch, weil die Beiträge im Einzelnen und die Botschaften des Bandes in toto Anschlussdiskussionen provozieren dürften; das gilt nicht nur für Studierende, sondern allenthalben für Gruppierungen, die sich in Absicht von Aufklärung zunächst theoretisch, letztlich ihres ‚praktischen‘ Tuns vergewissern möchten.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 12.02.2016 zu: Ulrich Bröckling, Christian Dries, Matthias Leanza, Tobias Schlechtriemen (Hrsg.): Das Andere der Ordnung. Theorien des Exzeptionellen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. ISBN 978-3-95832-061-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19853.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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