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Olivia Dibelius, Erika Feldhaus-Plumi u.a. (Hrsg.): Lebenswelten von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz

Cover Olivia Dibelius, Erika Feldhaus-Plumi, Gudrun Piechotta-Henze (Hrsg.): Lebenswelten von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 221 Seiten. ISBN 978-3-456-85546-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die Beiträge des vorliegenden Buches sind Ergebnisse des Forschungsprojekt „ Lebenswelten von demenziell erkrankten Migrantinnen und Migranten türkischer Herkunft und ihren Familien. Eine Untersuchung zu Ressourcen und Belastungen“. Im Mittelpunkt standen die Menschen, die vor mehr als vier Jahrzehnten als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter jung und gesund in die Bundesrepublik Deutschland und nach West-Berlin gekommen sind und jetzt im Rentenalter mit der Dreifachherausforderung von Migration, Alter und Demenz leben.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind Olivia Dibelius, Prof. für Pflegewissenschaften und Pflegemanagement an der Evangelischen Hochschule Berlin, Erika Feldhaus-Plumin, Prof. für Gesundheits- und Sozialwissenschaften an derselben Hochschule und Gudrun Piechotta-Henze, Professorin für Pflegewissenschaften an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Thema

Menschen mit Demenz und Migrationserfahrung sowie ihre pflegenden Angehörigen finden nach Ansicht der Herausgeberinnen bis heute zu wenig Beachtung sowohl auf gesellschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher Ebene als auch im Bereich der Versorgungsforschung oder pflegerischer Praxiseinrichtungen. Deshalb war in es ein Anliegen des vorliegenden Forschungsprojektes mittels unterschiedlicher Methoden ein möglichst differenziertes Bild über die besondere Lebenswelten und Versorgungssettings von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz zu gewinnen. Das Projekt beschränkt sich auf demenziell erkrankte, türkischstämmige Migranten und Migrantinnen und ihre pflegenden Angehörigen der zweiten und dritten Generation.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 10 Kapitel bzw. Aufsätze, die jeweils von verschiedenen Autoren erstellt worden sind.

Im ersten Kapitel „Das Fremde verstehen? – Eine theoretische Rahmung“ stellt Maggi Khan-Zvornicanin den transkulturellen Theorieansatz des Forschungsprojektes vor. Ausgangspunkt der Autorin ist die Frage, wie ist ein verstehenden Zugang zu Menschen möglich, die aufgrund ihrer Herkunft aus der Türkei, ihres Alters und ihrer demenziellen Erkrankungen zunächst mehr Befremden als die Bereitschaft zum Verständnis hervorrufen. Theoretische Grundlagen sind der Autorin der Lebensweltbegriff aus verschiedenen wissenschaftlichen Positionen. Sie skizziert den Lebensweltbegriff von Husserl, Schütz und Luckmann sowie Habermas sowie Konzepte der Transkulturalität, um aus diesen Ansätzen für das Forschungsprojekt einen Theorierahmen für den Zugang zu den Lebenswelten türkischer Migranten mit Demenz zu finden. Ergebnis ihrer Auseinandersetzungen mit den vrschiedenen Therorieansätzen ist die Einsicht, dass im Rahmen des Forschungsprojektes ein methodisches Vorgehen erforderlich ist, dass den Beforschten „in einem Klima der Wertschätzung genügend Raum und Zeit“ einräumt, um ihr eigenes Leben, ihre Sicht- und Erlebensweisen erzählen zu können. Folglich werden in dem Projekt als Methoden der Datenerhebung das Narrative Interview wie auch verschiedene Varianten des qualitativen Interviews sowie die Methode der Dokumentenanalyse angewandt.

Im zweiten Kapitel von Türkan Yilmaz/Deniz Pamuk werden die „Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz in der Türkei“ eruiert. Ausgehend von statistischen Erhebungen zur demografischen Entwicklung in der Türkei, die belegen, dass auch hier ein rapider Anstieg der Älteren zu verzeichnen ist, erkunden die Autoren ob und inwieweit das Thema Demenz auf politischer bzw. gesellschafticher Ebene eine Rolle spielt. Desweiteren werden die Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz beschrieben, da auch in der Türkei erkennbar wird, dass die klassische Großfamilie schwindet, obgleich nachwievor die Altenpflege als alleinige Aufgabe der Familie gesehen wird. Folglich stellen die Autoren fest, dass die institutionelle Versorgung noch in den Anfängen ist, kaum eine soziale Sensibilität gegenüber den besonderen Anforderungen in der Pflege von Demenzerkrankten gegeben ist und bislang nur rudimentäre Sicherungssysteme von politischer Seite entwickelt worden sind.

Im dritten Kapitel „Demenzdiagnostik bei Menschen türkischer Herkunft – TRAKULA“ befassen sich die Autoren Ümran Sema Seven, Inka Valeska Braun, Elke Kalbe und Josef Kessler ausführlich mit der Frage, ob die gängige Demenzdiagnostik demenzielle Veränderungen bei älteren Migranten überhaupt erfassen kann, welche speziellen diagnostischen Verfahren bisher entwickelt wurden und ob das Transkulturelle Assessment (TRAKULA) für türkischstämmige Migrantinnen und Migranten geeignet ist, da vor allem deren besondere bildungsspezifischen und kulturellen Besonderheiten (funktionaler Analphabetismus, Krankheitsverständnis, mangelnde bzw. fehlende Deutschkenntnisse) berücksichtigt werden müssen.

Das vierte Kapitel beeinhaltet einen „Überblick über das Forschungsvorgehen“. Autoren dieses Aufsatzes sind: Olivia Dibelius, Erika Feldhaus-Plumin, Gudrun Piechotta-Heinze und Yve Weidlich. In ihrem einleitenden Abschnitt zum Stand der Forschung kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass bislang weder die Versorgungssituation noch der Versorgungsbedarf von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz systematisch erforscht worden ist. Es gibt lediglich vereinzelt Untersuchungen zur Belastung von Angehörigen demenziell erkrankter Migranten oder auch zu deren Versorgungssituation. Doch kein Forschungsprojekt hat bislang die Lebenswelt demenziell erkankten Menschen mit Migrationserfahrung ausreichend untersucht. Die Autoren beschreiben dann im weiteren welches Forschungsdesign und welches methodische Instrumentarium für das vorliegenden Forschungsprojekt entwickelt worden ist.

Im fünften Kapitel werden von Yve Weidlich und Dilek Yalniz die „Ergebnisse der Dokumentenanalyse nach einer Internet-Recherche“ vorgestellt. Durchgeführt wurde eine deutschsprachige und eine türkischsprachige Dokumentenanalyse, wobei letztere auch die Recherche türkischsprachiger Radio- und Fernsehsender umfasste. Erkundet wurde, welche Informationen zum Thema Demenz, Pflege türkischer Migranten mit Demenz überhaupt und speziell in Berlin zu finden sind und wie aussagekräftig bzw. hilfreich sie für Ratsuchende Angehörige bzw. Betroffene sind.

Im sechsten Kapitel stellt Olivia Dibelius die Ergebnisse einer Befragung von „Expertinnen über die Lebenswelten demenziell erkankter Migrantinnen und Migranten“ vor. Beschrieben werden sowohl die Untersuchungsgruppe, das methodische Vorgehen, der biografische und berufliche Hintergrund der Expertinnen sowie vorhandene Betreuungsformen für Migranten mit Demenz einerseits und andererseits aus der Expertinnensicht die wahrgenommenen bezw. erlebten Lebenswelten der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen einschließlich deren Zugangswege bzw. -barrieren zum deutschen Versorgungssystem sowie den Belastungen und Ressourcen der pflegenden Angehörigen.

Im siebten Kapitel beschreibt Gudrun Piechotta-Henze unter der Überschrift „Kontoauszüge im Kühlschrank“ die besonderen Belastungen und Ressourcen der Angehörigen eines demenzbetroffenen Familienmitglieds. Auch anhand von einzelnen Fallbeispielen werden anschaulich die Ergebnisse mit insgesamt 12 Interviewpartnern dargestellt und analysiert. Themen sind sowohl die Migrationserfahrungen, die Erfahrungen von Familientrennung bzw. -zusammenführung in früheren Jahren und dann die veränderte Familiensituation, wenn ein Mitglied an Demenz erkrankt und wie die Familie diese neue Situation bewältigt.

Im achten Kapitel wird von Gudrun Piechotta-Henze lediglich skizziert, dass die „Häusliche Pflege-Skala“, die auch in türkischer Sprache vorliegt im Rahmen des Forschungsprojektes bei 12 Interviews angewandt wurde. Bemerkenswert dabei ist jedoch, dass alle Interviewpartner die deutsche Version bevorzugt haben, nur zwei haben bei einigen Fragen um die türkische Übersetzung gebeten.

Im neunten Kapitel mit dem Titel „Einzelfallanalysen – vertiefte Auseinandersetzung mit dem Erleben Angehöriger“ wird von Erika Feldhaus-Plumin anhand von zwei Angehörigeninterviews und einem Experteninterview jeweils eine Einzelfallanalyse dargestellt. Dabei handelt es sich um die pflegende Tochter eines erkrankten Vaters, die pflegende Tochter einer erkrankten Mutter und eine Expertin mit Migrationshintergrund, die eine Tagespflege leitet, die vorwiegend türkische Tagesgäste versorgt. Vorgestellt werden in den Einzelfallanalysen der pflegenden Töchter jeweils deren Lebenssituation, die Beziehungen zu dem zu pflegenden Elternteil sowie die Migrationsgeschichten der Familien und die akturelle familiäre Situation einschließlich der Situation des erkrankten Vaters bzw. der Mutter. Erkennbar werden in der Darstellung die migrationsspezifischen Aspekte der Pflege- und Betreuungssituationen, auch werden von der Autorin zum Schluß für die jeweils Pflegenden bzw. deren Familien entsprechende Handlungsempfehlungen formuliert. In der Einzelfallanalyse der Expertin wird deutlich, dass in der Betreuung von Migranten nicht nur deren spezifische Lebensgeschichte einen gewichtigen Stellenwert hat, sondern sowohl die Angehörigenarbeit als auch die Förderung der Mitarbeiter (Mehrsprachigkeit, transkulturelle Kompetenzen) einen hohen Einsatz erfordert. Neben den Einzelfallanalysen werden außerdem die wesentliche Ergebnisse von drei teilnehmenden Beobachtungen vorgestellt, eine davon fand in einer Beratungsstelle statt, die beiden anderen teilnehmenden Beobachtungen erfolgen während eines Beratungsgesprächs von (jahrelang) pflegenden Angehörigen, deren erkrankte Familienmitglieder in eine Wohngemeinschaft eingezogen sind.

Im zehnten Kapitel werden unter dem Titel „Kritische Konklusion“ von Olivia Dibelius, Erika Feldhaus-Plumin und Gudrun Piechotta-Henze die wichtigsten Erfahrungen und Ergebnisse der Untersuchung diskutiert und in mehrere Richtungen, d.h.für die Praxis, wie auch hinsichtlicher weiterer Forschung und auf Politikebene verschiedene Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Situation von Migranteninnen und Migranten mit Demenz und ihrer pflegenden Angehörigen vorgeschlagen.

Diskussion

Die Beiträge des Buches machen zu allererst deutlich, wie sehr das Thema Migration und Demenz vor allem auf auf wissenschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene vernachlässigt, um nicht zu sagen ignoriert worden ist. Das mag seine Gründe darin haben, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ der 60/70er Jahre erst in den letzten Jahren das Alter erreicht haben, in dem Krankheiten und Pflegebedürftigkeit gehäuft auftreten. Erkennbar wird nach der Lektüre jedoch auch, dass die Gründe für diese eklatante Vernachlässigung in den besonderen Lebenswelten der Migranten und ihrer Familien zu suchen sind, die vorrangig aus eigener Kraft und ohne oder allenfalls mit minimaler fremder Hilfe die Leiden und Belastungen des Älter- und Altwerdens bewältigen (müssen). Denn dem immer unübersichtliche Netz institutioneller Hilfen fehlt trotz zunehmender Bemühungen um „interkulturelle Öffnung“ bislang ein grundlegendes transkulturelles Verständnis von Pflegebedürftigkeit und unterstützender Versorgung bei Menschen mit Migrationserfahrung.

Fazit

Die Beiträge des vorliegenden Buches sind ein dringend notwendiger Schritt, um sich mit dem Thema Migration und Demenz zukünftig genauer und systematischer auseinander zu setzen. Sie beschreiben, welche Defizite in der Versorgungsforschung gegeben sind, erkunden die Ressourcen und Bewältigungsformen der Erkrankten und ihrer Angehörige und geben vielfältige Anregungen und Handlungsempfehlungen auf den unterschiedlichen Ebenen der Gesundheitsforschung, der Beratung, der Entwicklung von transkulturellen Therapie-, Beratungs-, Betreuungsangebote, Quartiersmanagements sowie des Ausbau geeigneter Wohnformen und Entlastungsangebote für die Angehörigen.

Kritisch ist lediglich anzumerken, dass unklar bleibt, welche Bedeutung die Beschreibung der Versorgungssituation in der Türkei für die Ergebnisse und Erkenntnisse des vorliegenden Forschungsberichtes haben. Auch erschließt sich mir als Leserin nicht, welchen methodischen Stellenwert die Notizen zur „Häuslichen Pflegeskala“ in dem Forschungsprojekt hatten.


Rezensentin
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
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Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 14.09.2016 zu: Olivia Dibelius, Erika Feldhaus-Plumi, Gudrun Piechotta-Henze (Hrsg.): Lebenswelten von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-456-85546-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19859.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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