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Markus Emanuel: Die Qualitäts­entwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe

Cover Markus Emanuel: Die Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe. Eine institutionsökonomische Analyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 729 Seiten. ISBN 978-3-8487-2275-4. D: 149,00 EUR, A: 153,20 EUR, CH: 207,00 sFr.
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Thema

Die ausgesprochen umfangreiche Dissertation (729 Seiten mit 3591 Anmerkungen) hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualitätsentwicklungsvereinbarungen in der Kinder- und Jugendhilfe nach § 78b SGB VIII mit Hilfe zweier volkswirtschaftlicher Theorien – der Transaktionskostentheorie und der Prinzipal-Agent-theorie zu analysieren.

Autor

Markus Emanuel ist seit 2015 Professor für Theorien, Forschung und Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Zuvor war er langjährig als Diplom-Sozialarbeiter in der Bezirkssozialarbeit, als Sozial- und Jugendhilfeplaner sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelischen Hochschule Darmstadt tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie ist die (als Fachhochschulabsolvent berufsbegleitend geschriebene) Dissertation des Autors als an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt/Main. Doktorvater war Prof. Dr. Micha Brumlik.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, trotz des Umfangs und der vielen Fußnoten übersichtlich geblieben. Es wird durch ein Vorwort sowie eine orientierende Einleitung des Autors eröffnet.

Das 1. Kapitel befasst sich mit grundsätzlichen Fragen der Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe. Es beginnt mit dem „Neuen Steuerungsmodell“ und dessen zentralen theoretischen Implikationen, gefolgt von ausgewählten Qualitätsmodellen der Kinder- und Jugendhilfe und endet mit der Darstellung von relevanten Modellen betriebswirtschaftlicher und sozialarbeits-wissenschaftlicher Qualitätssteuerung.

Die Rekonstruktion der Hilfe zur Erziehung als „soziale, personenbezogene Dienstleistung“(S. 20), die sozialstaatlich und sozialrechtlich gewährleistet, sozialpädagogisch als meritorische Leistung vermittelt wird, steht im Fokus des 2. Kapitels. In umfangreichen Unterkapiteln werden Das Konzept der Sozialstaatlichkeit (2.1), die rechtliche Entwicklung vom RJWG zum SGB VIII (2.2) die Hilfen zur Erziehung als Dienstleistung (2.3) und als meritorisches Gut (2.4) sowie deren Erbringungskontext nachgezeichnet.

Das 3. Kapitel verlangt den Leserinnen und Lesern eine Auseinandersetzung mit volkswirtschaftlichen Theorien der neuen Institutionsökonomik als Analysemodell für die Hilfen zur Erziehung ab, ein Vorhaben, dass - so viel sei bereits hier angemerkt – durch eine klare Darstellung überzeugend gelingt, wenngleich der gewählte Abstraktionsgrad an einigen Stellen relativ hoch ist. Der Ansatz hat zum Ziel, „zu analysieren, unter welchen institutionellen Bedingungen die Anreize für alle Beteiligten … am größten sind sowohl effektiv (im Sinne erreichter qualitativer fachlicher Standards und Wirkungen) als auch effizient (im Sinne wirtschaftlichen Mitteleinsatzes) mit zu arbeiten“ (S. 481). Die Grundlagen der Prinzipal-Agent-Theorie und der Transaktionskostentheorie werden ausführlich in ihren Kerngedanken und Terminologien dargestellt und dankenswerterweise unter 3.4.3. zusammengefasst.

Im 4. Kapitel wird der Versuch unternommen, mit Hilfe der Prinzipal-Agent-Theorie und der Transaktionskostentheorie zu analysieren, inwieweit Qualitätsentwicklungsvereinbarungen überhaupt in der Lage sind, „die Qualität einer sozialstaatlich verankerten, sozialpädagogisch vermittelten und personenbezogen erbrachten Dienstleistung zu sichern und zu entwickeln“ (S. 23). Das Kapitel endet mit einem Modell „trilateral-korporatistischer Qualitätssteuerung in partnerschaftlicher Zusammenarbeit“ (S.621).

Im kurz gehaltenen Schlusskapitel – nicht zuletzt im allerletzten Satz wird der Autor hinsichtlich der (zwischenzeitlich ein wenig verloren gegangenen) Gesamtperspektive seiner Dissertation noch einmal präziser: Es ging ihm um erziehungswissenschaftliche Perspektiven, mit denen ökonomisch gegen eine reine Marktorientierung in den Hilfen zur Erziehung argumentierte werden kann. Der zweite Aspekt bestand in einer ökonomischen Analyse der Kontextbedingungen der Hilfen zur Erziehung. Markus Emanuel schließt mit einem Fazit, das seinen Platz auch durchaus im einleitenden Kapitel hätte finden können: „Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag leisten, die Soziale Arbeit in die Lage zu versetzten, selbstständige, ökonomisch sinnvolle Gestaltungsempfehlungen zu formulieren und damit auch zweifelhaften Forderungen neo-klassischer Vertreter_innen etwas entgegen zu setzen.“ (S. 644)

Diskussion

Die vorliegende Dissertation ist ein ungewöhnlicher Versuch, ein zentrales Thema der Kinder- und Jugendhilfe mit Hilfe ökonomischer Theorien und dem Konzept der Meritorik zu analysieren. Das Gesamtwerk ist nicht nur umfangreich, sondern in vielen Unterkapiteln sehr detailliert gehalten – an der ein oder anderen Stelle hätte sich der Rezensent ein wenig mehr Prägnanz oder Fokussierung auf das Kernthema gewünscht: Fraglich erscheinen beispielsweise der lange Exkurs zum Konzept der Sozialstaatlichkeit oder auch der Rückblick auf das RJWG und JWG, Themen, die anderen Ortes bereits in aller Ausführlichkeit beschrieben worden sein dürften (möglicherweise ist eine derart umfängliche Auseinandersetzung aber auch den Gepflogenheiten einer Dissertation geschuldet).

Inhaltlich anspruchsvoll und kenntnisreich ausgearbeitet bietet die Publikation dennoch Anlass zu einigen kritischen Anmerkungen bzw. Nachfragen. Ein erstes Fragezeichen stellt sich bei der Auswahl der vermeintlich relevanten betriebswirtschaftlichen und fachwissenschaftlichen QE- Modelle ein: Ohne Begründung werden hier lediglich die DIN ISO 9000 ff, das EFQM, das TQM und das KGST-Modell angeführt; bei den fachwissenschaftlichen Modellen wird lediglich auf Evaluationsstudien bzw. Selbstevaluationsmodelle verwiesen. Eine Begründung für die Auswahl erfolgt nicht, obschon es in der vom Autor zitierten (teilweise veralteten Literatur zur QE) wie auch in der Praxis der Hilfen zur Erziehung weitere durchaus beachtenswerte QE-Modelle gibt, zu denken wäre hier beispielsweise an das dialogische Modell des Kronberger Kreises. Eine erweiterte Auswahl hätte in der Analyse möglicherweise zu ganz anderen Ergebnissen geführt. Ähnlich verhält es sich mit den eingestreuten professionstheoretischen Aspekten der Qualitätsdebatte: hier verzichtet der Autor fast völlig auf aktuelle Entwicklungen und Befunde aus dem Bereich der Professionsforschung zur Sozialen Arbeit, ein Versäumnis, das für seine weitergehenden analytischen Anstrengungen durchaus gewinnbringend hätte sein können. Insgesamt entsteht der Eindruck eines ökonomisch fundiert geschriebenen, sozialarbeitswissenschaftlich ausbaufähigen Werkes, das in weiten Teilen durch seine Detailfülle überzeugen kann.

Fazit

Die Dissertation von Markus Emanuel ist ein in weiten Teilen gelungener Versuch, Qualitätsentwicklung in den Hilfen zur Erziehung aus ökonomischer Sicht kritisch zu analysieren. Das Werk fordert Leserinnen und Leser sowohl in quantitativer wie qualitativer Hinsicht und wird sicher seinen angemessenen Platz bei spezialisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern finden. Praxisvertreterinnen und Studierende dürften nicht zuletzt angesichts des exorbitanten Preises der Publikation eher skeptisch gegenüber stehen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Harmsen
Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft; M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Familienberater, Qualitätsentwickler
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 09.02.2016 zu: Markus Emanuel: Die Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe. Eine institutionsökonomische Analyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2275-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19861.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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