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Albrecht Boeckh: Gestalttherapie. Eine praxisbezogene Einführung

Cover Albrecht Boeckh: Gestalttherapie. Eine praxisbezogene Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-8379-2515-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Gestalttherapie ist einer der klassischen psychotherapeutischen Ansätze aus dem Reigen Humanistischer Psychologie, begründet von Fritz und Laura Perls. Seit vielen Jahrzehnten auf dem Markt, haben sich unterschiedlichste Formen und Ausprägungen entwickelt. In den letzten Jahrzehnten hat die Gestalttherapie auch auf beraterische (Gestaltberatung) und pädagogische Kontexte (Gestaltpädagogik) ausgestrahlt. Im Gesamtkontext der Psychotherapieformen hat sie es trotz Anerkennungsproblemen geschafft, sich über die Jahrzehnte auszudifferenzieren, weiterzuentwickeln – und sowohl präsent als auch lebendig zu bleiben. Das vorliegende Buch gibt eine Einführung in diese Therapieform, mit praxisorientiertem Fokus.

Autor

Albrecht Boeckh, Jahrgang 1950, promovierter Soziologe, ist Gestalttherapeut und Supervisor und selbstständig tätig in einer Praxis. Zugleich ist er Lehrtherapeut für Gestalttherapie und Lehrsupervisor, mit langjährigen Erfahrungen in Psychotherapie und Supervision sowie als Dozent im Rahmen von Fort- und Weiterbildung. Er hat Lehraufträge an der Universität Tübingen sowie der Evangelischen Hochschule Freiburg inne. In der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie e.V. ist er Mitglied des Arbeitskreises „Klinische Theorie der Gestalttherapie“. Zugleich ist er Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Gestalttherapie“.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist erstmals 2006 beim Kreuz-Verlag Stuttgart erschienen. Hier wird eine komplett überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe vorgelegt. Neben der Aufnahme neuer Diskussionsaspekte zur Gestalttherapie werden dabei auch die Bezüge zu anderen Verfahren humanistisch orientierter Psychotherapie erörtert sowie ein gemäß Autor ausführliches Literaturverzeichnis ergänzt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst knapp 200 großzügig gesetzte Seiten. Es ist nicht numerisch gegliedert und beinhaltet, neben Vorwort, Einleitung, Literatur und Tipps für Therapie- und Ausbildungsadressen zwanzig Kapitel mit sehr unterschiedlichem Umfang. Nachdem manche dieser Kapitel nur etwa eine Seite umfassen, werden hier die ausführlicheren Kapitel knapp skizziert:

  • „Die Wurzeln der Gestalttherapie“ zeichnet diese nach, ausgehend von zentralen „Quellen“: Existentialismus, Phänomenologie, Persönlichkeiten wie Salomo Friedländer und Martin Buber, Gestaltpsychologie sowie Psychoanalyse.
  • „Der Gestaltzyklus – Homöostase und Wachstum“ stellt das zentrale Konzept des Zyklus in den Vordergrund – im Hinblick auf seine Ebenen und Phasen, im Hinblick auf Vermeidung und Kontaktstörungen, aber auch verstanden als Kontaktfunktionen – sowie im Hinblick auf offene Gestalten, deren Zustandekommen, Wirkung und den Umgang damit.
  • „Die Gestalt der Therapie“ bietet Grundzüge psychotherapeutischen Arbeitens auf Basis dieses Ansatzes: Arbeitsformen, Ablauf von Sitzungen und Abläufe vollständiger Psychotherapien.
  • In „Gestalttherapie konkret – was geschieht in der Gestalttherapie“ wird das Verständnis therapeutischen Arbeitens vertieft, mit Grundkonzepten wie „don´t push the river, it flows by itself“ oder „the only way out is through“ (Paradox der Veränderung), therapeutischen Methoden und dem klassischen Schichtmodell neurotischer Phänomene und Prozesse.
  • Differenziertere Methodik findet der Leser im nachfolgenden Kapitel „Bearbeitung der Vermeidungsmechanismen – die Methodik der Gestalttherapie“. Hier werden verschiedene methodische Grundkonzepte und Vorgehensweisen skizziert, auch bezogen auf unterschiedliche Kontaktfunktionen wie Introjektion, Projektion oder Deflektion.
  • Im Kapitel „Kontaktstörungen und ihre Bearbeitung“ wählt Boeckh nicht den auch in der Gestaltliteratur zu findenden, offeneren Begriff der „Kontaktfunktionen“ – aber das Buch setzt sich ja auch mit therapeutischen Kontexten auseinander. Hier wird das zentrale Kontaktkonzept des Gestaltansatzes bestimmt und – auf Basis eines Verständnisses von Kontaktstörungen – in verschiedener Hinsicht therapeutisch ausgelotet: hinsichtlich der therapeutischen Beziehung, des dialogischen Betrachtens, Phänomenen der Übertragung und Gegenübertragung und der Methode des leeren Stuhls. In einem späteren, knapperen Kapitel wird, über „Kontaktstörungen“ hinaus, noch einmal gesondert die gestalttherapeutische Bearbeitung psychischer Störungen angesprochen.
  • Ein eigenes Kapitel widmet sich der Bedeutung des Körpers und der Körperlichkeit in der Gestalttherapie. Thematisiert werden körperbezogene Aspekte von Gewahrsein, Emotionalität, offenen Gestalten – sowie dann diagnostische und therapeutische Arbeit. Auch psychosomatische Störungen werden bedacht – gefolgt von einem Kapitel zu ausgewählten Störungsbildern: Psychosen, neurotische Störungen sowie Suchterkrankungen und Burnout.
  • Ein eigenes Kapitel widmet sich der Traumarbeit. Hier wird, unter Bezug auf die wegweisenden Arbeiten von Sigmund Freud, die spezifisch gestalttherapeutische Arbeit mit Träumen dargestellt.
  • Über den Horizont rein therapeutischer Handlungsfelder hinaus reicht ein Kapitel, das den Einfluss und die Konzepte des Gestaltansatzes für andere Bereiche betrachtet: Gestaltpädagogik, Gestalt-Coaching, -Supervision, -Mediation sowie -Organisationsentwicklung. Hier wird nicht nur, aber auch das weite Feld pädagogischer Gestaltarbeit skizziert.
  • Ein wie erwähnt in dieser Ausgabe neues Kapitel widmet sich dem Verhältnis der Gestalttherapie zu anderen Formen von Humanistischen Therapieformen. Hier werden Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten und damit auch noch einmal das Spezifische des Gestaltansatzes herausgearbeitet.
  • Abschließende kurze Kapitel setzen sich sehr knapp zum einen mit der Dimension des Spirituellen, zum anderen mit Fragen der Professionalisierung auseinander.

Diskussion

Albrecht Boeckhs Einführung in die Gestalttherapie ist zunächst eine von verschiedenen. Das Buch zeichnet sich gerade durch seine Knappheit und Übersichtlichkeit aus. Es ist sehr locker geschrieben und stark praxisorientiert. Damit bietet es insbesondere Lesern, die wenig Kenntnis dieses Ansatzes haben, eine sehr gut verständliche erste Orientierung. Es gelingt dem Autoren, gerade diesen in seinem Kern für Einsteiger aufgrund der sehr eigenen Begrifflichkeit, Menschsicht und Konzeption nicht leicht zugänglichen Ansatz nachvollziehbar zu machen und damit Zugänge zu ermöglichen.

Zugleich geht dieser Einführungscharakter in seiner Knappheit und Anschaulichkeit auf Kosten begrifflicher Prägnanz sowie definitorischen, konzeptionellen und theoretischen Tiefganges. Manches bleibt aus einer wissenschaftlichen Perspektive auf Gestalttherapie heraus zu sehr an der Oberfläche, hätte stärker kritisch ausgelotet und analysiert werden können. Manche Kapitel zu wichtigen Aspekten fallen auch allzu knapp aus, bleiben fast stichwortartig oder enden dort, wo sich der Leser etwas mehr Ausführungen wünschte.

Wer dies nicht erwartet, wird von dem Buch auch sicher nicht enttäuscht. Und im Untertitel weist der Verfasser selbst deutlich darauf hin, dass es sich – eben – um eine „praxisbezogene Einführung“ handle – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Am Rande sei zur Literaturliste in dieser Neuausgabe erwähnt, dass sie als ausführlich bezeichnet wird, was möglicherweise für eine knappe Einführung stimmt – aber sie erweist sich denn doch als – eben – knapp, und es fehlen leider manche wichtige Autoren wie etwa Hans-Peter Dreitzel oder Lotte Hartmann-Kottek, aber auch ein wichtiges Grundlagenwerk der Begründer: Gestalttherapie – Praxis (bzw. Wiederbelebung des Selbst) von Perls-Hefferline-Goodman – übrigens gleichfalls eine, anders geartete, empfehlenswerte Einführung für Einsteiger von der Gruppe um Fritz Perls selbst.

Fazit

Diese von einem sehr erfahrenen Psychotherapeuten locker und leicht geschriebene Einführung wird dem Titel gerecht und ist allen zu empfehlen, die sich für einen ersten Blick auf den nicht leicht zugänglichen Ansatz der Gestalttherapie interessieren. Sie zeugt von der langjährigen Praxis des Verfassers und seinem Hintergrundwissen. Sie bietet zugleich, durch Belege im Text sowie das Literaturverzeichnis, Empfehlungen zum Weiterlesen und Vertiefen.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 08.01.2016 zu: Albrecht Boeckh: Gestalttherapie. Eine praxisbezogene Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2515-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19865.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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