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Ingrid Völkel, Marlies Ehmann: Betreuungsassistenz

Cover Ingrid Völkel, Marlies Ehmann: Betreuungsassistenz. Lehrbuch für Demenz- und Alltagsbegleitung. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2016. 364 Seiten. ISBN 978-3-437-25021-7. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema und Zielgruppe

Dieses Lehrbuch begleitet die 160stündigen Qualifizierungsmaßnahmen zur zusätzlichen Betreuungskraft nach § 87b SGB XI und kann darüber hinaus auch für soziale Betreuungskräfte in der ambulanten Pflege, ehrenamtliche HelferInnen und Pflegehilfskräfte als Grundlagenlektüre für die Alltagsbegleitung von Menschen mit Demenz dienen.

Autorinnen

Ingrid Völkel und Marlies Ehmann sind beide erfahrene Lehrerinnen für Pflegeberufe und Dozentinnen in der beruflichen Bildung und Fortbildung. Sie haben bereits zu Pflegediagnosen und spezieller Pflegeplanung in der Altenpflege gemeinsam publiziert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 14 Kapitel:

  1. Begegnung und Orientierung
  2. Lernen und Kompetenz erwerben
  3. Leitbild und Konzepte
  4. Soziale Betreuung, Alltagskompetenz und ihre Einschränkungen
  5. Erkrankungen und Behinderungen im Alter
  6. Wege zum Menschen – Kommunikation
  7. Ernährung im Alter
  8. Beschäftigungsangebote und Freizeitgestaltung
  9. Dokumentation
  10. Gefahren einschätzen und Sicherheit gewährleisten
  11. Erste Hilfe bei Notfällen
  12. Schmerzen erkennen und richtig handeln
  13. Rechtliche Rahmenbedingungen und
  14. Pflegehilfe

Jedes Kapitel ist durch farbige Abbildungen, Tabellen und grau unterlegte Fallbeispiele illustriert. Am Kapitelende stehen jeweils Wissensfragen und Anregungen für das Lernen in der Praxis, wie z.B. Beobachtungsaufgaben oder Anregungen, in der Praxis Fragen zu stellen oder eigene Einstellungen und Reaktionen zu erkunden.

Inhalt

Im einführenden Kapitel geht es zunächst um eine respektvolle Grundhaltung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung. Es folgen Ausführungen zur Berufsorientierung sowie zum eigenen Lernen und Kompetenzerwerb.

Im dritten Kapitel geht es dann um unterschiedliche Pflegemodelle, die jeweils allerdings nur kurz angerissen werden. Spezifisch auf die Aufgaben von Betreuungsassistenten geht das vierte Kapitel ein und thematisiert Aufgaben, Stellenbeschreibungen und die Abgrenzung zu Pflegehilfskräften.

Das fünfte Kapitel ist umfangreicher, beginnt mit der UN-Behindertenrechtskonvention und behandelt – jeweils mit spezifischen Ausführungen zur sozialen Betreuung – die folgenden Krankheitsbilder/ Störungen:

  • Demenz
  • (Weitere) psychische Erkrankungen
  • Geistige Behinderung
  • Diabetes mellitus
  • Schlaganfall
  • Morbus Parkinson
  • Inkontinenz
  • Chronische Erkrankungen der Atemwege
  • Erkrankungen von Herz und Kreislauf und
  • Erkrankungen des Bewegungsapparates

Im Kapitel 6 „Wege zum Menschen – Kommunikation“ stehen neben populären Kommunikationsmodellen (z.B. das Vierohrenmodell von Schulz von Thun) insbesondere Biografieorientierung, Erinnerungsarbeit und die konkrete Bezugnahme auf die (eingeschränkten) Wahrnehmungen der Pflegebedürftigen im Vordergrund. Die Ausführungen zum herausfordernden Verhalten, insbesondere das Bewahren der eigenen Grenzen, sind recht knapp gehalten. Sehr praxisnah und konkret wird im siebten Kapitel die Ernährung im Alter thematisiert.

Das achte Kapitel „Beschäftigungsangebote und Freizeitgestaltung“ nimmt im Buch einen breiten Raum ein: Hierbei geht es darum, wie Angebote geplant, angekündigt, vorbereitet und durchgeführt werden können. Auch Rituale, kulturelle Angebote und Ausführungen zu Festlichkeiten der verschiedenen Weltreligionen werden kurz angeschnitten.

Das neunte Kapitel gibt den angehenden Betreuungsassistenten einen kurzen Einblick in die Pflegedokumentation mit konkreten Anleitungen, wie man Beobachtungen ohne Wertung formulieren kann. Das zehnte Kapitel fokussiert insbesondere die hygienische Anforderungen, die Sturz- und Unfallprophylaxe und sehr knapp den eigenen Gesundheitsschutz.

Eigene Kapitel sind dann der Ersten Hilfe bei Notfällen und der Wahrnehmung und Einschätzung von Schmerzen gewidmet. Das 13. Kapitel geht auf rechtliche Rahmenbedingungen (Schweigepflicht, Haftpflicht, Rechte hilfe-und pflegebedürftiger Menschen und Leistungen der Pflegeversicherung) ein.

Das letzte Kapitel ist farblich etwas anders gestaltet und enthält ergänzende Inhalte, die für Pflegehilfskräfte von Bedeutung sind: besonders ausführlich geht es hierbei um die Dekubitusprophylaxe, die Bewegungsunterstützung bei immobilen Menschen und um Hilfestellungen beim An- und Auskleiden sowie bei der Körperpflege. Sehr knapp gehalten ist die Begleitung und Pflege sterbender Menschen.

Diskussion

Das Buch ist sehr praxisnah und enthält ansprechende Veranschaulichungen und Praxisbeispiele. An einigen Stellen erscheint es mir etwas mit Listenwissen überfrachtet. In videobasierten Beobachtungen von freiwilligen Helferinnen wurde in unseren Forschungsprojekten deutlich, dass Helferinnen unter Umständen die achtsame Abstimmung mit demenzkranken Menschen vernachlässigen, wenn sie zu sehr damit beschäftigt sind, bestimmte Interventionen – wie beispielsweise ein Gedächtnistraining – durchzuführen. So hätte man meiner Meinung nach in den Abschnitten zur Kommunikation noch stärker die Konzentration auf die achtsame Begegnung und die Beantwortung der Initiativen der Pflegebedürftigen in den Vordergrund stellen können. Oftmals ist „Weniger mehr“, es gilt sich selber entschleunigen zu können und auf die Initiativen des anderen warten zu können. Besonders gut hat mir jedoch die konsequente Orientierung an den Rechten von behinderten Menschen, deren subjektiv geprägten Wahrnehmungen und ihren biografischen Erfahrungen gefallen.

Das Buch setzt sich nicht kritisch mit institutionellen Zwängen in Alten-und Pflegeheimen auseinander, thematisiert kaum moderne Formen der Demenz-WGs, hinterfragt auch nicht Neuroleptika-Verordnungen bei demenzkranken Menschen und thematisiert bei der Selbstsorge weder ausführlich den Umgang mit institutionellen Zwängen noch Grenzsetzungen gegenüber übergriffigen Pflegebedürftigen. Es ist natürlich die Frage, wie in der beruflichen Hierarchie sehr weit unten angesiedelte BetreuungsassistentInnen von kritischer Reflexion profitieren, allerdings erfordert die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auch die Reflexion gesellschaftlicher und institutioneller Rahmenbedingungen.

Im Detail ließen sich einige Aspekte fachlich noch etwas verbessern: Hier seien einige Beispiele genannt, wobei gleichzeitig betont werden muss, dass angesichts der Fülle der behandelten Themen die Darstellung Insgesamt fachlich gut fundiert ist: Bei der etwas verwirrenden Abgrenzung zwischen sozialer und kommunikativer Kompetenz stellt sich die Frage, ob diese an zwei Stellen getroffene Abgrenzung für die Zielgruppe sinnvoll ist. Die Grundzüge der Schizophrenie könnte man besser vermitteln, beim Schlaganfall wäre es zum Verständnis hilfreich, die Möglichkeit der Lysebehandlung (Auflösung der Blutgerinnsel mir der Chance auf völlige Genesung) in den ersten Stunden nach dem Ereignis zu thematisieren. Bei der Bedeutung des Lichtes könnte man noch einiges ergänzen: wie das Tageslicht die körpereigener Rhythmik unterstützt und welche negativen Auswirkungen Lichtquellen im blauen Spektrum abends und nachts für den Schlafrhythmus haben. Angesichts der Migrationsthematik wird in zukünftigen Darstellungen möglicherweise die Kultursensibilität einen größeren Raum einnehmen. Auch die Begleitung sterbender Menschen ist sehr knapp gehalten.

Insgesamt zeugen die sehr konkret gehaltenen Ausführungen von einer guten Kenntnis der praktischen Anforderungen von BetreuungsassistentInnen in der stationären Altenpflege. Die beiden Autorinnen sind langjährig erfahrene Ausbilderinnen. An einigen Stellen könnten in einer zukünftigen Auflage meiner Meinung nach kleine Videoclips (auf Begleit-CD) die Verrichtungen noch besser veranschaulichen.

Fazit

Es handelt sich um ein praxisnahes, anschaulich gestaltetes Begleitbuch für die Qualifizierungsmaßnahme zur zusätzlichen Betreuungskraft nach § 87b SGB XI, das ein sehr breites Themenspektrum abdeckt und eine durchgängige Orientierung an den Rechten, biografischen Erfahrungen und Erlebnisweisen pflegebedürftiger Menschen, insbesondere von Menschen mit Demenz, aufweist. Die Institution Pflegeheim wird hierbei jedoch nicht kritisch reflektiert.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 31.03.2016 zu: Ingrid Völkel, Marlies Ehmann: Betreuungsassistenz. Lehrbuch für Demenz- und Alltagsbegleitung. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2016. ISBN 978-3-437-25021-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19869.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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