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Astride Velho: Alltagsrassismus erfahren

Rezensiert von Prof. Dr. Claus Melter, 29.04.2016

Cover Astride Velho: Alltagsrassismus erfahren ISBN 978-3-631-65188-9

Astride Velho: Alltagsrassismus erfahren. Prozesse der Subjektbildung - Potenziale der Transformation. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. 234 Seiten. ISBN 978-3-631-65188-9. 39,95 EUR.
Interkulturelle Pädagogik und Postkoloniale Theorie. Herausgegeben von Heike Niedrig und Louis Henri Seukwa. Band 5.

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Thema

Im Zentrum des lesenswerten Buches von Astride Velho stehen Beschreibungen, Analysen und Theorien von Alltagsrassismus in individuellen Interaktionen, u.a. in Bildungseinrichtungen. Fundiert auf der Analyse von Interviews mit 5 Personen, die auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Kontexten Rassismus erfahren, wird gefragt, ob und wie diese Erfahrungen und der Umgang mit diesen ihre Selbst- und Weltverhältnisse beeinflussen bzw. wie diese alleine oder mit anderen bearbeitet, gedeutet und transformiert werden. Verbunden werden diese dichten Beschreibungen mit diskriminierungs-/rassismuskritischen sowie subjektivierungsbezogenen Analysen und rassimuskritischen und postkolonialen Theorien, die historische und aktuelle Diskurse, Machtverhältnisse, Widerstandspraxen sowie die Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten von sozialem Umfeld, Bildungseinrichtungen und Selbstorganisationen untersuchen.

Autorin

Astride Velho ist Professorin für Soziale Arbeit mit geflüchteten Personen an der Fachhochschule Frankfurt (Frankfurt University of Applied Sciences) sowie Psychologin, Erziehungswissenschaftlerin und Erzieherin. Lange Zeit war sie tätig im Feld von Migration und Flucht sowie verschiedenen Initiativen.

Aufbau und zentrale Inhalte

In ihrem Vorwort schildert Astride Velho erlebte und beobachtete Rassismuserfahrungen von den 1980er Jahren bis aktuell und zeichnet somit ein Bild rassistischer Diskurs- und Handlungspraxen der Dominanzgesellschaft sowie die damit verbundenen Erfahrungen von Personen, die ethnisierend, nationalisierend oder rassistisch konstruierend als „Andere“ angesehen werden.

In der Einleitung wird die zentrale Fragestellung nach den Wirkungsweisen der „durchdringenden Macht des Rassismus“ auf Subjektbildungsprozesse ausführlich erläutert. Im ersten Kapitel werden qualitative Forschungen im deutschsprachigen Raum mit zentralen Ergebnissen vorgestellt, u.a. die Studien von

  • Paul Mecheril (2003): „Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit“ und von
  • Mark Terkessidis (2004): „Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive“.
  • Zülfukar Çetin (2012): „Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierung am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin“ und
  • Wiebke Scharathow (2014): „Risiken des Widerstands. Jugendliche und ihre Rassismuserfahrungen“

sowie die Studien von Nadine Rose, Encarnación Gutiérrez Rodríguez sowie Claus Melter. Zentrale Ergebnisse und theoretische Fundierungen dieser Studien werden als empirische, theoretische und methodische Grundlage für die eigene Studie nutzbar gemacht.

Im zweiten Kapitel zur „Produktivität von Macht als Perspektive auf Rassismuserfahrungen“ werden insbesondere relevante Ausführungen zur Theorie von Gouvernementalität, Macht und Subjektivierung bei Michel Foucault in Bezug auf Prozesse von Rassifizierung und Differenzierung dargestellt und bearbeitet. Machtbeziehungen beinhalten, dass die/der „Andere“ als handelndes Subjekt anerkannt wird und Macht verstanden wird als wechselseitiges „Ensemble von Handlungen, die sich auf mögliches Handeln richten und operiert in einem Feld von Möglichkeiten für das Verhalten handelnder Subjekte. Sie bietet Anreize, verleitet, verführt, erleichtert oder erschwert, sie erweitert Handlungsmöglichkeiten und schränkt sie ein (…).“ (Foucault 2005: 255). Machtverhältnisse werden dementsprechend definiert als wechselseitig gleiche oder ungleiche Möglichkeiten, Einfluss auf die Verhältnisse und das Handeln anderer Personen und der eigenen Person auszuüben. Systematisch und langfristig ungleiche Möglichkeiten, in denen Einflussnahme und Widerstand minimal bis unmöglich sind, können als Herrschaftsverhältnisse – so Foucault – verstanden werden. Allerdings kommentiert Velho, dass die Trennlinie zwischen Machtverhältnissen und Herrschaftsverhältnissen bei Foucault nicht klar benannt wird (vgl. Velho: 52).

Zentral in einer machtreflexiven sowie differenzreflexiven und rassismuskritischen Analyse ist der vorliegenden Untersuchung, ob und wie in gesellschaftlichen Diskursen, institutionellen und interaktiven Handlungspraxen eine Unterscheidung in „wir“ und „die Anderen“ hergestellt wird und welche Eigenschaften, Möglichkeiten und Rechte den jeweils hergestellten Gruppen zugeschrieben werden bzw. die diese Fragen und Ansprüche ausgehandelt werden.

Anhand der qualitativen Studien sowie rassismuskritischer und postkolonialer Theorien verdeutlicht Astride Velho, dass es zum einen stets widerständige Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der zu „Anderen“ gemachten Subjekte gibt und das es zum anderen systematische Zuschreibungs- und Diskriminierungsverhältnisse gibt, denen sich niemand entziehen kann.

Vor dem Hintergrund des weit verbreiteten medialen und wissenschaftlichen Sprechens und Schreibens „über Andere“ wird im dritten Kapitel zu „Subjektorientierung als Forschungsansatz – Forschungsdesign, Forschungsmethode und Methodologie“ die zentrale Herangehensweise, in welcher die Subjekte aus ihrer Sicht die eigenen Erfahrungen sowie Selbst- und Weltdeutungen berichten und rekonstruieren, differenziert erläutert. Im Sinne der Grounded Theory in der Auslegung von Strauss und Corbin werden die problemzentrierten Interviews reflexiv mittels der Theorie des subjektiven Möglichkeitsraumes (Holzkamp) analysiert. Untersucht wird, „in welcher Weise Erfahrungen machtvoller rassistischer Verhältnisse in Deutschland nicht den Charakter von Handlungsdeterminanten haben, sondern von Handlungsmöglichkeiten – ohne dabei die Repressivität und ihre gravierenden Effekte zu verleugnen.“ (Velho: 69)

Im vierten Kapitel zu „Prozessse der Subjektbildung – zwischen Othering, Internalisierung und Bekenntnis“ werden die Interviewpartner_innen – Lara, Asha, Pratik, Alexander und Sinan -und ihre Erfahrungen und Deutungen ausführlich vorgestellt und analysiert. Die befragten Personen sind alle in Deutschland aufgewachsen, werden im Alltag auf unterschiedliche Weise als „nicht-deutsch“, als „mit Migrationshintergrund“ oder als „nicht weiß“ und somit migrationsgesellschaftlich als „Andere“ kategorisiert/behandelt und sie engagieren sich in migrationsgesellschaftlichen bzw. rassismuskritischen Selbstorganisationen. Sie berichten neben Situationen in der Freizeit und bei gesellschaftlichem Engagement auch über diskriminierende Erfahrungen im Kindergarten, in der Schule oder Hochschule/Universität. Geschildert wird, wie sie seitens der Erziehenden oder Lehrenden aus einem so hergestellten „natio-ethno-kulturell-religiösem“ oder rassistisch konstruierten „Wir“-Kollektiv ausgeschlossen und in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sowie in ihrem Ansehen abgewertet werden. In diesen Situationen der Benachteiligung und potenziellen Verletzung handeln die Befragten zum Teil verunsichert und verwundert oder auch offen und ironisch widersprechend und kritisierend. Als sehr bedeutsam zeigt sich auch, wie sich die situativ Beobachtenden oder später Zuhörenden zu den nationalistischen und rassistischen Diskriminierungserfahrungen positionieren: schweigend ignorierend bis hin zu solidarisierend und intervenierend. Die Erfahrungen und Bearbeitungsweisen der Rassismuserfahrungen werden jeweils ausführlich theoretisch gerahmt und analysiert.

Im Kapitel zu „Potenziale der Transformation – zwischen Schaulust, Involvierung, Exotisierung, Handlungsfähigkeit und Widerständigkeit“ werden unterschiedliche Handlungsweisen und Herausforderungen dargestellt, wie mit den beständigen Zuschreibungen des „Othering“, des zu „Anderen“ Machens umgegangen wird. In Bezugnahme auf Arbeiten von Stuart Hall und Frantz Fanon sowie bell hooks, Urmila Goel, Judith Butler wird dargelegt, wie in den Interviews Transformationsprozesse und Handlungsfähigkeit in diskriminerenden Verhältnissen erkannt, realisiert und gedeutet wurde

Diskussion

Es handelt sich um ein eindrucksvolles Buch, welches unter anderem durch die systematische Reflexivität der verwendeten Theorien und Analysen als auch durch die stets differenzierte Beschreibung von Erfahrungen und Theorien gekennzeichnet ist. Besonders erscheint die stetige Weiterentwicklung von Theorien entlang und mithilfe des analysierten Interviewmaterials. Astride Velho beschreibt das Spannungsverhältnis einerseits von systematischen gesellschaftlichen Zuschreibungen, die entlang formal oder/und sozial hergestellten Unterscheidungen in natio-ethno-kulturell-religiös oder rassistisch konstruierten „Wir-“ und „Die-Anderen“-Gruppen. Diese sind für die Erfahrungen aller Gesellschaftsmitglieder in Form von Privilegierung oder Diskriminierung bedeutsam. Andererseits werden die Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten der zu „Anderen“ gemachten oder auch sich machenden Personen analysiert. Dominierend in den Theorien und Analysen sind die einschränkenden subjektivierenden Wirkungen dieses diskriminierenden Differenzverhältnisses, welches von der Autorin auch in Bezug Geschlechterverhältnisse (gendered racism – vergeschlechtlichtlicher Rassismus – so Philomena Essed) und entsprechende Erfahrungen analysiert wird.

Deutlich wird die Bedeutung des Alltagsrassismus auf interaktiver Ebene, insbesondere auch in Kindergarten, Schule und Hochschule – was durchaus als institutionellen Rassismus verstanden werden kann, da Mitarbeiter_innen von Institutionen eine faire Behandlung und Bewertung sowie unhinterfragte und gleichwertige Zugehörigkeit einschränken oder verweigern.

Fazit

Für Personen, die grundlegende Kenntnisse in den Bereichen Diskriminierung, Rassismus und Sozialwissenschaften haben, ist dieses überaus informative und inspirierende Buch durch die differenzierte Darstellung und die facettenreich vorgetragenen Studien, Theorien und Analysen ein großer Gewinn. Astride Velho hat mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Diskriminierungs- und Rassismusforschung geleistet und bietet konkrete Analyse und Handlungsansätze für Beratung und Selbstorganisation in der Migrationsgesellschaft.

Rezension von
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Es gibt 14 Rezensionen von Claus Melter.

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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 29.04.2016 zu: Astride Velho: Alltagsrassismus erfahren. Prozesse der Subjektbildung - Potenziale der Transformation. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. ISBN 978-3-631-65188-9. Interkulturelle Pädagogik und Postkoloniale Theorie. Herausgegeben von Heike Niedrig und Louis Henri Seukwa. Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19876.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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